Bei der wunderbaren Nicole Inez bin ich über einen vorbildlichen Beitrag zum Thema Vorbilder gestoßen. Sie beteiligt sich damit an einer Blogparade des Personal Coach (oder Personal-Coach?) Jörg Unkrig. Und weil ich das Thema partout nicht den Psycholog*innen und Pädagog*innen überlassen kann, nehme auch ich dran teil. Stellen wir uns dafür zunächst mal ganz dumm und tun so, als würden wir mit dem Begriff nichts anfangen können.

Vorbild, Vor-Bild, VOR-Bild, Vor-BILD

Im Anfang war das Wort. Wort, das ist mehr als Laut, es ist schon Sprache. Und Sprache ordnet Welt. Bevor wir uns also auf die Suche nach Vorbildern in der Welt machen können, müssen wir erst einmal klären, was ein Vorbild sein soll. Nicht, was ein Vorbild auszeichnet, sondern was es ist. Das Vorbild zerfällt in der sprachlichen Betrachtung in die Präposition „vor“ und das Substantiv „Bild“.

GandhiMutter Teresa, und mein persönlicher Held: Green Lantern (verlinkt: Quellen)

Vorbilder sind zumeist Menschen: Mahatma Gandhi, Mutter Teresa, wir können sicher alle eine lange Liste an potentiellen Vorbildern aufstellen. Als Vorbilder haben sie eine Funktion: Sie dienen uns als Beispiele für besonders gelungene Lebensführung oder moralische Standfestigkeit.

Die alltagssprachliche Verwendung des „Vorbild“-Begriffs erlaubt es, „vor“ und Bild in eine Beziehung zueinander zu setzen. Es sind BILDER, die wir uns von Menschen machen:

  • Mahatma Gandhi steht bildlich, als Ikone, für gewaltlosen Widerstand.
  • Mutter Teresa steht bildlich, als Ikone, für Armenfürsorge.

Den Menschen blenden wir damit aus. Wir hängen die Bilder VOR die einzelnen Menschen. Denn bei allem Respekt für Mahatma Gandhi kann man berechtigterweise die Auffassung vertreten, dass er ein religiöser Nationalist war, der den Hindu-Glauben für essentiell indisch hielt und die in Indien lebenden Muslime für seine eigenen Ziele instrumentalisiert und – wo möglich – marginalisiert hat. Im Falle Mutter Teresas gibt es Hinweise darauf, dass in ihren Krankenhäusern den Sterbenden Schmerzmittel verweigert worden.

Nationalismus ist in einem Kolonialgebiet kein Wunder, die katholische Einstellung zum Leiden im Sterben ist keine krude Außenseiterposition, aber für die liberal und säkular geprägten Hedonisten, die wir fast alle sind, kratzen sie am Ideal. Deshalb hängen wir das BILD des gewaltlosen Widerstandskämpfers Mahatma Gandhi VOR das des Nationalisten. Fertig ist das Vorbild.

 

Vorbilder und Moralisches Handeln

Sprachlich treffender wäre es, bei Menschen von vorbildlichem Handeln zu sprechen. Denn wir machen uns immer Bilder von Menschen. Auch das Nationalismus-Bild ist letztlich nur ein Bild, kein Mensch. Selbst die Collage aus beiden Bildern ist wieder ein Bild.

Wenn wir immer nur mit vorläufigen Bildern operieren, ist die Präzisierung auf das vorbildliche Handeln folgerichtig. Wenn wir ein Vorbild benennen und ihm nacheifern, führen wir ja auch nicht das Leben unseres Vorbilds, wir imitieren sein Handeln und adaptieren es für unsere eigene Situation. Es dient als Muster oder Schema unseres eigenen moralischen Handelns.

Nehmen wir Gandhis Gewaltlosigkeit als vorbildlich an und orientieren uns daran, so stellen wir uns in Handlungssituationen die Frage: „What would Gandhi do?“ So kommen wir idealiter zum Schluss, dass es keine Lösung ist, Steine nach den Demonstranten von Pegida zu werfen, wohingegen eine Sitzblockade durchaus eine erwägenswerte Option ist.

 

Vorbilder und Moralische Einstellungen

Als Kantianer halte ich es für bedenklich, Moral an Handlungen zu ermessen. Wahre Moralität zeigt sich darin, dass die Maxime meines Willens allgemeines Gesetz werden könne oder kurz: Was ich will, soll bitte moralisch sein. Das macht Moralität im Kern aus. Damit kommt das Modell „Vorbild“ an seine Grenze. Denn wenn ich mein Handeln an Gandhi orientiere, bleibe ich auf einer Ebene der Fremdbestimmung, meine Maxime lautet:

Ich handle so, wie jemand anderes handelt, statt mir meine eigenen Gedanken zu machen. Verallgemeinere ich das: Jeder soll so handeln, wie ein anderer es ihm vorgibt. Das führt in einen logischen Widerspruch, weil dann niemand mehr da ist, der sich selbst Gedanken macht. Moralität ist so nicht möglich.

Vorbilder haben dennoch einen Nutzen. Sie schärfen unseren Blick für das, was eine moralische Handlung sein kann und was nicht. Indem ich mein Handeln an Vorbildern ausrichte, sammle ich Erfahrung im moralischen Urteilen, weil ich in jeder Situation abwägen muss, wie ich die vorbildliche Handlung integrieren kann. Ich führe einen Reflexionsprozess durch, an dessen Ende ich im besten Fall erkenne, dass der Handlung ein Prinzip zugrundeliegt, beispielsweise die Friedfertigkeit.

„Ich will friedferig handeln“ kann ich problemlos verallgemeinern. Eine Welt, in der niemand dem Anderen Kopfsteinpflaster an den Kopf wirft birgt keinen logischen Widerspruch und kann damit problemlos allgemein gewollt werden. Dadurch lassen wir nicht nur das Vorbild, sondern auch dessen vorbildliches Verhalten aber hinter uns. Wir kommen zu unserer eigenen Erkenntnis. Denn die Einstellung, die Maxime eines Menschen, können wir im Unterschied zur Handlung nicht sehen, sondern nur vermuten.

 

Fazit

Vorbilder im Sinne mustergültiger Menschen gibt es nicht. Es gibt Menschen, die uns mit vorbildlichen Handlungen beeindrucken. Diese vorbildlichen Handlungen können uns als Richtschnur für unser eigenes Handeln dienen. Idealerweise reflektieren wir dabei über diese Handlungen und kommen zu eigenen moralischen Grundsätzen. Das Vorbild lassen wir hinter uns, dankbar dafür, dass es der Steigbügel für unsere Erkenntnis war. Wir behalten es in Ehren, weil es immer wieder aufs Neue eine Instanz sein kann, an der wir uns selbst prüfen können. Im Umkehrschluss gilt aber auch: Wer sich von Vorbildern abhängig macht, ist ein unmündiger Mensch.

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25 Kommentare zu „Was ist ein Vorbild? Stellen wir uns mal ganz dumm.

  1. Interessante Betrachtungsweise. Ich mag es, wie du erst einmal den Begriff an sich versuchst, zu erläutern. Interessant ist es für mich, auf andere Sprachen zu schauen, da das Wort für Vorbild dort meistens etwas mit einem Modell oder Beispiel zu tun hat. role model oder modelo, modèle. Je nachdem, welche Sprache man sich heraus pickt. Das verdeutlicht noch einmal mehr, dass ein Vorbild auf einen Podest erhoben wird und ihm Perfektion zugesprochen wird, die überhaupt nicht existieren kann. Kein Mensch ist perfekt, wie du auch mit der Analyse von Gandhi richtig gezeigt hast. Ich finde nicht, dass eine komplette Person als Vorbild in den Himmel gehoben werden sollte. Das hat etwas unantastbares, unerreichliches, fast schon gewollt-göttliches. Vorbildlich, da bin ich ganz deiner Meinung, können und sollten bestimmte Handlungen sein, denen man nachstreben kann. Deren Bild man sich vorsetzt, um ihnen nach zu eifern. Muss es auf eine Person beschränkt sein? Nein, für politischen, gewaltfreien Widerstand gibt es auch andere Beispiele in der Geschichte. Wenn ich mir eine Handlung zum Vorbild nehme, ist das für mich zielführender, als die gesamte Person auf einen Podest zu erheben. Menschen sollten sich auf Augenhöhe begegnen. Schöner Beitrag!

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    1. Der Blick auf andere Sprachen kann sehr interessante neue Facetten eines Begriffs zutage fördern. Das sehe ich ganz genau so. Bemerkenswert finde ich hier das englische ‚role model’. Denn der Begriff impliziert ja, dass man eben nicht einen Menschen in seiner Gesamtheit zum Vorbild nimmt, sondern nur bezogen auf eine bestimmte Rolle, die wir spielen. Sobald wir uns in einer bestimmten Rolle wiederfinden (z.B. als Eltern, als Chef, als whatever), orientieren wir uns an Personen, die diese Rolle vor uns schon innehatten (wenn auch vielleicht nicht bewusst).
      Wenn die komplette Person gleichsam vergöttlicht wird, geschieht dies vielleicht oft, um sie ‚unschädlich’ zu machen. Man hat dann eine schöne Ausrede: Dieser Mensch ist sooo perfekt – und ich bin nur ein armes, kleines Nullachtfuffzehnwürstchen. Die Vergöttlichung als Vorwand für eigene Drückebergerei…

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      1. Ich musste über den Kommentar lachen: Ich kenne solche Menschen, die andere aufs Podest heben wollen. Ich schreie solche Menschen auch schon einmal an.
        „Role Model“ kommt meinem Verständnis von „Identität“ auch sehr nahe und ist ein schöner Begriff.

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      2. Ich finde es immer wieder spannend, wie verschiedene Sprachen ganz unterschiedliche Facetten eines Begriffs betonen können. Der englische Ausdruck hat sehr positive Implikationen – aber das Risiko, dass man die Bilder VOR den Menschen hängt, würde man bei diesem Ausdruck nicht erkennen. Das erkennt man erst durch den deutschen Begriff.

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    2. Ich musste gerade nachgucken, aber die Ethymologie der anderen Sprachen ist tatsächlich interessant, meint „modulus“ doch Maß: Etwas woran man sich messen kann. Um sich aber an etwas messen zu können, benötigt man eine eigene Größe.
      „Modell“ im Sinne von Form ist auch interessant, denn dabei geht es darum, etwas auszufüllen.
      Ich danke dir für den Input, ich habe mich auf auf die deutsche Sprache beschränkt, damit es nicht so ausufert. Das ergänzt meine Ausführungen ganz wunderbar. 🙂

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    1. Ja, im Mainstream ist sehr häufig von „Vorbildfunktion“ die Rede, da stellen sich mir mittlerweile die Nackenhaare auf, weil „Vorbilder“ dadurch gezwungen werden, in jeder Beziehung vorbildlich zu sein. Und es verhindert Innovation, weil sich niemand mehr traut, was Eigenes zu wagen. Danke sehr. 🙂

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      1. Eben genau das gefällt mir nicht….das Vorbild gerät schnell mal in Überforderung und der wo das Vorbild nötig hat auch….mal davon abgesehen das Vorbilder eben auch nur Menschen sind 😉

        Auch im Sprachgebrauch ist zu beobachten das der Mensch immer mehr in Zitaten spricht denn in Selbstformuliertem…wenn es noch intelligent ist mag es noch angehen….anders sieht es bei den Comedy Idolen aus…

        Mir schpresche uns noch! ( hüstel )

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  2. Eigentlich ist Seamus ja mein großes Vorbild. Vorwitzig und manchmal ein wenig frech. Genau wie ich. Und das sind, finde ich, eben die idealen Vorbilder. Sie verkörpern ausgeprägte eigene Eigenschaften – und geben einem damit ein unmittelbares Erfolgserlebnis. ‚Voll geil’ ist da nur der Vorname. 😉
    Dennoch, liebes Zeilenende. Mein Kompliment zu diesem Beitrag. Vorbildlich gemacht. 🙂 Sehr clevere Herangehensweise. Sich ganz dumm stellen setzt ja auch den Mut zur Ehrlichkeit voraus. Viele Begriffe kommen uns ja mordsmäßig vertraut vor – aber wie viele (oder eben wenige) davon haben wir wirklich bis in alle Ecken ausgelotet?
    Deinen Schlussfolgerungen kann ich mich durchaus anschließen. Vor allem den Hinweis auf die Unmündigkeit finde ich sehr wichtig. Viele Menschen behaupten heute selbstbewusst, dass sie keine Vorbilder hätten. Das ist natürlich Unsinn. Wir haben in den unterschiedlichen Lebensbereichen jede Menge Vorbilder. Werden diese konsequent übersehen, können auch deren Einflüsse nicht erkannt werden und man macht sich zum permanenten Abziehbild.

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    1. Seamus eignet sich übrigens hervorragend als Vorbild. Während ich Menschen für absolut ungeeignet als Vorbilder halte, denke ich doch, dass literarische Figuren als Ganze durchaus Vorbild sein können. Eben weil sie statisch sind und nicht handeln.
      Deinen Hinweis auf den Umkehrschluss finde ich aber genau so wichtig, der Punkt kommt bei mir ja nicht so deutlich raus: Wir sind immer die redensartlichen Zwerge auf den Schultern von Riesen, immer beeinflusst. Wer das leugnet, ist ebenso unmündig wie derjenige, der sich von seinen Vorbildern nicht emanzipieren kann.

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      1. Daran habe ich gar nicht gedacht – aber die Idee von literarischen Figuren als Vorbilder halte ich für durchaus sinnvoll.
        Gute Erfahrungen habe ich übrigens auch damit gemacht, mir eine Scheibe von Menschen abzuschneiden, die ich eigentlich gar nicht sonderlich mag. Wenn ich trotz Antipathie zugeben muss, dass jemand beispielsweise souverän Konflikte löst, dann muss diese Eigenschaft wirklich bemerkenswert und somit vorbildwürdig sein – aber man gerät kaum ins Risiko, die Person als Ganzes auf ein Podest zu stellen.

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      2. Das ist eine gute Strategie. Und umgekehrt kann es nixht schaden, sich bei geliebten Menschen zu fragen, wo sie Makel haben.
        Aber: Ich bin gegen Gewalt, egal ob mit Fäusten oder Tranchiermessern. Auch im Falle von Dummbeuteln. 🙂

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      3. Hehe. Ja, das mit dem ‚eine Scheibe abschneiden’ wirkt brutal. Allerdings finde ich den bildlichen Vergleich treffend. Wie beim Brot. Man schneidet sich eine Scheibe ab und versucht nicht, den ganzen Laib runterzuwürgen. Gerade im Zusammenhang mit Vorbildern finde ich das Bild noch aussagekräftig.

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      4. So rum gedeutet finde ich das sogar super. Manchmal muss man mit Sprache nur ein wenig spielen und schon zaubert man die erstaunlichsten Erkenntnisse hervor. Deshalb fange ich bei solch grundsätzlichen Fragen so gern beim Begriff selbst an.

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      5. Die spielerische Komponente halte ich für sehr wichtig. Denn oft ist unser Blick durch das vermeintliche Bescheidwissen verscheuklappt. Und da kann es sehr hilfreich sein, den Staub der Gewohnheit abzuschütteln und zu schauen, was darunter zum Vorschein kommt.
        Hier passt deine Vor-Bild Definition ja auch wieder. Man hat von einem Begriff ein vorfabriziertes Bild übernommen und versperrt sich damit den Blick auf die tatsächlichen Dimensionen dieses Begriffs.

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  3. Hallo Zeilenende,

    warum bin ich nicht auf die Idee gekommen, das Wort in seine Bestandteile zu zerlegen? (vermutlich weil ich einen anderen Fokus habe) Grandios und sehr treffend abgeleitet! Trainiert außerdem die grauen Zellen 🙂

    Ich finde, du hast eine der wichtigsten Aussagen überhaupt gemacht, die es zum Thema Menschsein gibt: den Menschen nie mit seinem Verhalten bwz. seinen Handlungen zu verwechseln oder zu identifizieren. Es gibt den Menschen, so wie er ist, und dieser handelt – mal so, mal so. Deshalb gibt es auch zu deinen genannten Bei-spielen durchaus kritisches Anzumerken.

    Vielen Dank für diese anregende Lektüre!
    Dunja

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    1. Liebe Dunja,

      Danke für das Lob. Das ist das schöne an solchen Paraden, dass hin und wieder auch andere Perspektiven kennenlernt. Freut mich sehr, dass du mit meiner sprachlichen Annäherung so viel anfangen kannst. 🙂

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