Ich habe kein Blogging-Vorbild, ich habe kein stilistisches Vorbild, ich habe kein moralisches Vorbild, aber über Vorbilder habe ich schon geschrieben. Bei einem meiner Lieblings-Autoren bin ich über seinen ganz eigenen Versuch gestolpert, über Vorbilder zu schreiben.

Inhalt lt. Verlags-Homepage

„Lebensbilder -Vorbilder“: So heißt der Teil eines neuen deutschen Lesebuchs, den drei erfahrene Pädagogen – in offiziellem Auftrag zwar, aber in eigener Verantwortung – zusammenstellen und herausgeben sollen. Die drei ungleichen Erzieher treffen sich in ereignisreicher Zeit in Hamburg, ausgerüstet mit Vorschlägen und Bekenntnissen, jeder davon überzeugt, das eigene Beispiel durchbringen zu können. Sichtend, wertend, urteilend, so wie es der Arbeitswelt eines Pädagogen entspricht, machen sie sich, durchaus kämpferisch eingestellt, an eine kaum lösbare Aufgabe. Doch der Griff in die Literatur, mit dem sie es zunächst versuchen, erbringt nur Literatur; der Griff ins Leben selbst dagegen stößt immer wieder auf das Hindernis des Zweifels – und die Last zweifelnder Überzeugung trägt sich schwer, wenn einem das Leben ohnehin schon Lasten aufbürdete. Schon zur Kapitulation bereit, erhalten die drei einen unerwarteten Hinweis von außen: Er gilt keinem überIebensgroßen, halbentrückten Vorbild, sondern einem Menschen „von nebenan“: Einer Wissenschaftlerin , die in einer exemplarischen politischen Situation ein außerordentliches Beispiel demonstrativer Anteilnahme anbot. Welche Zensur, welche Note wird diese zwar amateurhafte und wirkungslose, aber moralisch beispielhafte Aktion erhalten? Und wie umstritten schließlich muß Leben sein, damit es uns noch als menschliches Leben vorkommt?

9783455042399
Quelle

 

Die Suche nach dem Vorbild

Die pädagogische Mission ist klar: Den Schüler*innen ein Vorbild zu präsentieren. Man macht sich optimistisch, aber doch recht naiv ans Werk. Der Philosoph in mir schauderte schon bei dem Gedanken daran, einen Text zu wählen, ohne über „Vorbild sein“ und „sich vorbildlich verhalten“ zu reflektieren. Und den Philosophen in mir freut es, dass genau das zu einem ersten Konflikt führt.

 

Fronten

Rita Süßfeld steht in diesem Trio ein wenig abseits, auch wenn sie sicherlich die interessanteste Figur des Romans ist. Den pädagogischen Streit fechten Pundt und Heller aus. Pundt, ehemaliger Rektor, im Krieg gewesen, erfreut die Runde mit einem Beispiel soldatischer Vorbildlichkeit. Er ist kein alter Nazi, aber die Wahl eines Soldaten als Beispiel überrascht nicht. Er ist Preuße, er begreift das Vorbildliche als „Vorbild sein“. Verantwortung übernehmen in institutionalisierter Form und Tugend zu leben. Es ist nicht die einzelne Tat, die für ihn zählt, sondern der Geist der Tat.

Heller hingegen ist – pardon – ein provokativer Schwätzer, der sich ständig in Küchenmetaphern ergeht und dem solche Ansinnen zu moralinsauer sind. Für ihn zählt der revolutionäre Akt als Vorbild, die Tat. Gleichzeitig muss sie aber alltäglich sein, denn alles, was zu weit weg ist von den Schüler*innen, könne diese nicht berühren.

Überhaupt, Heller hat so seine Probleme mit der Aufgabe. An einer Stelle fordert er, jeder Mensch solle sein eigenes Vorbild sein oder werden. Pundt macht gegen ihn aber den Punkt, das Werte dennoch Vermittlung brauchen und legt damit den Finger in die Wunde der gesamten „progressiven“ Pädagogik, die fordert: Werde, der du bist.

 

Moralität

Moralität fällt nicht vom Himmel, sie muss hart erarbeitet werden. Es reicht nicht, ein Beispiel für moralisches Handeln in Extremsituationen zu geben, das ist der Punkt, den Heller gegen Pundt macht. Beide scheitern sie an dem Versuch, ihre Sicht auf Vorbildlichkeit zu vermitteln, denn beide schaffen es nicht, den Widerspruch der Pädagogik insgesamt aufzulösen:

Wenn Schüler*innen unmündig sind, wie kann man sie zur Mündigkeit erziehen? Wenn Schüler*innen die Anlage zur Mündigkeit haben, wofür sie dann potentiell verziehen?

Beide Antagonisten, Pundt wie Heller, kommen nicht über den Punkt hinaus einzusehen, dass sie immer nur Leben deuten, statt selbst zu leben. Sie lösen den Widerspruch der Pädagogik nicht auf und sorgen für Langeweile in ihrer Textauswahl.

 

An die Figuren – ins Leben

Spannend wird es deshalb sinnigerweise, wenn wir uns den Figuren nähern. Denn wir erfahren neben der Arbeit am Lesebuch so einiges über die Leben der Figuren. Pundt, dessen Sohn sich das Leben genommen hat und nicht versteht warum, der zu forschen beginnt und der sich aus Prinzipientreue schließlich aus dem Roman verabschiedet, ist vielleicht die faszinierendste der drei Personen, denn Lenz zeichnet sie leise, aber stark.

Heller fordert die revolutionäre Tat und sehnt sich doch nach Biederkeit. Die er allerdings dem Zeichensetzen geopfert hat, ohne es zu merken. Wo Pundt Werte hat, hat Heller Ideale, was genau so dramatisch endet wie das bisherige Leben Pundts. Pundts Werte haben ihn – das deutet der Roman als Möglichkeit an – seines Sohnes beraubt, Hellers Ideale haben ihn seiner Ehe beraubt, was er schmerzlich vermisst und seine Eitelkeit kränkt.

Bei solchen Voraussetzungen liegt es nahe, eine Person aus dem wahren Leben in den Mittelpunkt zu stellen, eine Wissenschaftlerin, deren Positionen streitbar sind, deren Verhalten man als konsequentes Verfolgen von Idealen oder als das Beharren auf Werten deuten kann, ganz wie man will. Und das Gleiche widerfährt dem Leben von Rita Süßfeld, wie sich nach und nach herausstellt. Sie bürgt auf der realistischen Ebene des Romans für die Ambivalenz des Vorbildbegriffs, wo die schlechte Tat für die gute Absicht genommen und die gute Tat für die schlechte Absicht gehalten wird. Während Pundt und Heller deuten, lebt sie den Versuch der Vorbildhaftigkeit und inspiriert die Leserschaft auf mehreren Ebenen zum Denken.

 

Stil

An keiner Stelle erlaubt es sich Siegfried Lenz, in das Innere seiner Figuren hineinzuschauen. Er ist ein Erzähler. Er erzählt Geschichten von Menschen, die Dinge tun, die Dinge sagen, die manchmal auch denken, aber das nur sehr behutsam. Lenz psychologisiert seine Figuren nicht, er stellt sie vor und stellt sie dar, lässt sie äußerlich bleiben.

Seine Erzähltechnik mag kühl daherkommen, realistisch, zugleich hüpfen seine Sätze aber nur so sprachlich schön dahin. Und wie die Protagonisten Neues erfahren, nimmt der Erzähler Lenz auch den Leser*innen keine Erkenntnisse vorweg. Er lässt Handlungen sprechen, denn auch wenn wir Vorbildlichkeit in einer Haltung suchen, sehen können wir immer nur Taten.

Lenz kümmert sich um das Wesentliche: Seine Literatur erzählt eine Geschichte und wirft damit eine Frage auf, die er seinen Leser*innen ohne viel Wertung selbst aufgibt: Was könnte in der heutigen Zeit ein Vorbild sein? Taugen meine Romanfiguren vielleicht sogar dafür, als – irgendwie – alltägliche Typen?

 

Fazit

„Das Vorbild“ wirft die Frage auf, was vorbildliches Verhalten sein mag. Gleichzeitig verweigert der Roman eine Antwort. Er gibt nur kleine Hinweise. Wie Heller sagt, braucht es keine moralinsaure Literatur. Entgegen Hellers Ansicht braucht es außerdem Literatur, die etwas bedeutet – und damit Deutung benötigt. Lenz selbst nimmt diesen Anspruch ernst und verweigert seinen Leser*innen die Deutung. Am Ende des Romans sitzt man da, inmitten der Trümmer klassischer Vorstellungen von vorbildlichem Verhalten und vorbildlicher Haltung und muss sich selbst befragen: Gibt es Vorbilder? Kann es Vorbilder geben? Wozu? Und was muss ich in meinem Urteil berücksichtigen?

Über weite Strecken hinweg ist die Entzauberung vorbildlicher Illusionen spannend, die Verwobenheit mit den Figuren selbst anregend. In diesem Roman darf bestätigend genickt und ungläubig der Kopf geschüttelt werden, die eigenen Vorstellungen werden auf die Probe gestellt. Und am Ende bleibt vielleicht nur die Einsicht, dass man Vorbilder immer literarisch konstruieren muss, damit sie etwas taugen.

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14 Kommentare zu „Ein Vorbild

  1. „Werde, der du bist“ – mein täglicher Albtraum morgens vor dem Spiegel 😉
    Ein sehr interessantes Thema, besonders die Unterscheidungen Tat vs. Theorie, Ideal (selbst gesucht?) vs. vermittelte Werte, vorgelebte oder vorgebetete Orientierungspunkte für das eigene Denken und Handeln.
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    1. Wie es in meinen Besitz gekommen ist oder wie ich es bewerte? Ich bin bei Lenz ja voreingenommen. Einzig die Deutschstunde fand ich recht zäh.
      „Das Vorbild“ ist nicht unbedingt mein liebster Text von ihm. Die Figuren reden mir zu wenig und diese permanente Außensicht ist auf Dauer unbefriedigend. Dennoch habe ich es, weil Lenz ein großartiger Stilist ist und ordentlich Stoff zum Nachdenken bietet, sehr genossen.

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      1. Ja, immer diese zweideutigen Fragen. Mir ist erst nach dem Abschicken meines Kommentars aufgefallen, dass man „finden“ auch als „gefallen“ lesen könnte 😉
        Ich habe erst jetzt gesehen, dass das Buch ja sozusagen ein Klassiker ist. Ich dachte irgendwie, das wäre erst kürzlich erschienen – ups! – und habe deshalb gefragt. Von Lenz habe ich noch gar nichts gelesen. Das muss ich endlich nachholen.

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  2. Ich finde Vorbilder spannend. Nenn‘ mir Deine Vorbilder, und ich sage Dir… – Als Mädchen, das in den 60er Jahren geboren ist – gar nicht so einfach. Manchmal überlege ich, ob ich anders geworden wäre, hätte ich mehr weibliche Vorbilder gekannt. Doch, ja. Klingt ja altmodisch. Oder sogar obrigkeitshörig, aber ich glaube an Vorbilder. Danke für den Lesetipp. Lenz habe ich bislang nicht gelesen, vielleicht, weil ich an der „Deutschstunde“ vor vielen Jahren gescheitert bin. Probiere ich unbedingt noch einmal.

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    1. Gern geschehen. Die Deutschstunde ist für mein Empfinden auch das anstrengendste Werk von Lenz.
      Was Vorbilder angeht, hat man, wenn man ehrlich zu sich selbst ist, mehr als nur eins. Und viele auch unbewusst. Ich denke, ein gutes Vorbild muss sich am Ende selbst abschaffen. Das ist das Vorbildlichste. ☺

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