„Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst.“ Das ist das Versprechen hinter dem dem amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. Umgekehrt ist jeder für seinen Misserfolg allein verantwortlich. Aber was, wenn die Erfolgsgeschichten der Tellerwäscher zum Millionär gar nicht so selbst gemacht sind wie wir glauben? Malcolm Gladwell forscht einigen Erfolgsgeschichten nach.

Das Buch habe ich für meinen Beitrag zum Thema Vorbilder bekommen. Darauf hatte ich hier hingewiesen. Und weil der Wortman sich eine Besprechung gewünscht hat, habe ich das Buch möglichst rasch gelesen. Danke nochmal für das Buch, Jörg. An einigen Stellen gehe ich mit der Weltsicht der Autors zwar nicht d’accord, aber es war ein ergiebiges und erhellendes Lesevergnügen. Eine weitere Besprechung hat auch Cathrin Rubin verfasst, die ihr hier findet.

überflieger
Quelle

Inhalt lt. amazon.de

Malcolm Gladwell, Bestsellerautor und Star des amerikanischen Buchmarkts, hat die wahren Ursachen des Erfolgs untersucht und darüber ein lehrreiches, faszinierendes Buch geschrieben. Es steckt voller Geschichten und Beispiele, die zeigen, dass auch außergewöhnlicher Erfolg selten etwas mit individuellen Eigenschaften zu tun hat, sondern mit Gegebenheiten, die es dem einen leicht und dem anderen unmöglich machen, erfolgreich zu sein. Die Frage ist nicht, wie jemand ist, sondern woher er kommt: Welche Bedingungen haben diesen Menschen hervorgebracht? Auf seiner anregenden intellektuellen Erkundung der Welt der Überflieger erklärt Gladwell unter anderem das Geheimnis der Softwaremilliardäre, wie man ein herausragender Fußballer wird, warum Asiaten so gut in Mathe sind und was die Beatles zur größten Band aller Zeiten machte.

 

Allgemeinplatz und Klischeekiste

Malcolm Gladwells Einstieg könnte er sich bei mir abgeschaut haben. Seine Einleitung hat auch nach der Lektüre seines Buches nichts mit dem Buch selbst zu tun. Er erläutert darin den Zusammenhang von funktionierender Gemeinschaft und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nun ist Gesundheit nur im weiteren Sinne Erfolg. Und Gladwell interessiert sich auch nicht für den alltäglichen Erfolg. Ihm geht es um zwei andere Fragen, die dennoch brisant sind: Wie komme ich an die Spitze und wie kann die Gesellschaft Ungleichheit vermeiden?

Dafür bemüht Gladwell die wahrscheinlich wohlbekannte Theorie, dass es für Expertentum viel Übung braucht. Eine gute Band wie die Beatles hat immens davon profitiert, dass sie stundenlang gemeinsam in Clubs gespielt haben, Bill Gates davon, dass er seit früher Jugend an einen Gutteil seiner Freizeit ins Programmieren investiert hat. Die wichtigste Botschaft für Erfolg ist also wenig überraschend: Übung, Übung, Übung.

Für seine zugegebenen markanten Beispiele greift er gelegentlich allzu tief in die Klischeekiste, sodass uns der Mitte des Buches martinischlürfende Altherrenclubs mit piekfeinen Schuhen begegnen, die den neuesten Trend der anwaltlichen Beschäftigung verschlafen. Er mag die entsprechende Gesellschaftsgruppe damit durchaus treffend beschreiben, Habitus drückt sich auch in solchen Statements aus, aber was von ihm als ironische Karikatur gemeint ist, gerät ihm stilistisch allzu häufig zum Kramen in lieb gewonnenen Klischeekisten. Seine erfolgreichen Überflieger in diesem Kapitel sind die Kinder hart arbeitender Eltern. Botschaft: Wer ein anständiges Elternhaus hat, kommt hoch hinaus. Dass er damit dem Anliegen seines Buches widerspricht und die Bedeutung von glücklichen Zeitpunkten herunterspielt, ignoriert er.

 

Kairos

Überhaupt, die glücklichen Zeitpunkte. Die gibt es in zweifacher Ausfertigung bei Gladwell. Da wäre zum einen das Geburtsjahr. Er identifiziert geburtenschwache Jahrgänge ebenso als Erfolgsfaktor wie Jahrgänge, die zu Zeiten bedeutender technologischer Fortschritte jung waren. Während ersteres durchaus plausibel ist (geburtenschwache Jahrgänge bedeuten mehr Aufmerksamkeit durch Pädagogen und weniger Energieverschwendung in Kämpfen, um an die Spitze zu kommen) ruht die zweite Beobachtung auf tönernen Füßen. Zentraler Beleg dafür sind wieder drei Beobachtung: Übermäßig erfolgreiche Anwälte (die allerdings in die Kategorie der „geburtenschwachen Jahrgänge“ gehören), die Erfolgreichen der digitalen Revolution (Gates, Jobs, …) und die Liste der 75 reichsten Personen aller Zeiten (jeweils so berechnet, dass ihr Vermögen vergleichbar ist). Da betreibt er statistische Taschenspielerei. Auf dieser Liste sind 14 US-Amerikaner (knapp 20%) mit einem Geburtsjahr in den 1830ern notiert. Davon abgesehen, dass Gladwell für den Erfolg dieser Herren nicht auch die Seilschaft (Gleich [alt] und gleich [alt] gesellt sich gern) in Betracht zieht, ist seine Datenbasis willkürlich: Unter den Top 25 sind aber nur 2 Vertreter dieser Gruppe, das sind nur 8%. Schon viel weniger eindrucksvoll, oder? Es stellt sich die Frage, wie die Liste wohl aussähe, wenn wir sie auf die 100 Reichsten aller Zeiten ausdehnten. Seine Behauptung, es gäbe bestimmte Schwellenjahre, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden, ist damit nicht entkräftet, aber weniger triftig.

Seine zweite Beobachtung ist, dass Stichtage massive Auswirkungen auf sportlichen und schulischen Erfolg haben: Wer kurz nach dem Stichtag geboren wurde, hat einen kleinen, aber entscheidenden Entwicklungsvorteil, der durch intensives Training zu hoher Leistung führt. Wer ein erfolgreicher Eishockey-Spieler werden will, sollte tunlichst im Januar geboren werden. Damit macht Gladwell durchaus einen Punkt. Sein Vorschlag, Klassen zu staffeln, z. B. 4x im Jahr einzuschulen, lässt allerdings eine wissenschaftliche Grundlage missen. Gladwell will die Bedeutung des Stichtags schmälern und mehr Potential freisetzen. Aber er kann nicht garantieren, dass sich diese neuen Klassen nicht erneut differenzieren. Hier ist er nicht mutig genug zu fragen, ob wir nicht flächendeckend eine stärkere individuelle Förderung alternativ zum bestehenden System bräuchten, statt die bisherige Praxis einfach zu differenzieren.

 

Kultur-Arroganz

Definitiv zu bunt treibt es Gladwell, wenn er kulturelle Unterschiede verantwortlich macht für Misserfolge oder gar Katastrophen. Hier blickt der westliche Leistungsdenker mit Arroganz auf eine in seinen Augen autoritäre östliche Gesellschaft, die zwar unbarmherzig drillt und deshalb mathematische Erfolge zeitigt (Mathematik ist eine Sache der Sorgfalt, deshalb sind reisanbauende Länder im Vorteil. Der erfordert hohe Sorgfalt und Konzentration.) deren Obrigkeitsglaube allerdings verhindert, dass die einzelnen Individuen auf Fehler hinweisen. Das Kollektiv ist dran schuld, dass die Flugzeuge von Korean Air abstürzen. Erst ein Amerikaner konnte die Fluglinie retten.

Es mag so sein, dass der asiatische Kollektiv- und Obrigkeitsglaube problematisch sein kann. Ebenso problematisch ist der westliche Individualismus, der schnell in Egoismus ausarten kann. Gladwell hätte an dieser Stelle Gelegenheit gehabt, seinen eigenen Erfolgsbegriff zu klären, der sich vornehmlich in ökonomischem Kapital ausdrückt und vielleicht auch noch in Selbstverwirklichung. Er hätte ihm ein anderes Modell entgegenstellen können, das auf den Erfolg der Gemeinschaft gerichtet ist und in dem sich die Akteure nicht als einzelne „Überflieger“ sondern alle als Zahnräder einer komplexen Maschine begreifen. Das tut Gladwell nicht. Es wäre auch die Frage erlaubt, wie sicher Fluglinien insgesamt sind, in den entsprechenden Rankings der sichersten Gesellschaften finden sich auch chinesische und japanische Fluggesellschaften.

Gladwell sitzt hier dem Fehler auf, sein Alltags-Verständnis von Erfolg als allgemeingültig, kulturübergreifend und überzeitlich zu verstehen. Etwas mehr Differenzierung hätte dem Ganzen gut getan, so wirkt sein Blick auf andere Kulturen stellenweise ein wenig hochmütig.

 

Chancen

Die Kritik klingt hart. Sie ist auch so gemeint. Sie trifft auf das Buch in Gänze aber nur bedingt zu. Ja, Malcolm Gladwell vertritt einen Fortschritts-Optimismus, den man naiv nennen könnte und seine Werte sind die klassischen amerikanischen, dass Erfolg sich über harte Arbeit und ökonomischen Wohlstand ausdrückt. Das kann man einem Autor, der sich genau für dieses Thema interessiert, also nur als falsche Standpunktbestimmung vorwerfen. Darüber hinaus ist das Buch nicht nur leicht verständlich geschrieben, es ist stellenweise sogar amüsant, es ist in jedem Fall nie langweilig und damit lesenswert. Durch den biographischen Ansatz gelingt es Gladwell, seine zentrale Aussage immer wieder an konkrete Belege in Form von Lebenswegen zu koppeln:

Erfolg ist harte Arbeit, aber Erfolg ist auch gemacht.

Experten fallen nicht vom Himmel, sie sind das Produkt von Demographie, gelebten Werten im Elternhaus, viel Übung und Unterstützung. Ob sie mit solchen Anlagen erfolgreich werden oder nicht, steht auf einem anderen Blatt, aber sie haben zumindest die Chance, erfolgreich zu werden. Und an dieser Stelle wird Malcolm Gladwell, sonst eher ein Liberaler, beinahe sozialistisch. Beinahe, weil er das Leistungsdenken selbst nicht einmal probehalber in Frage stellt. Dennoch hat er einen wichtigen Punkt:

Wenn all diejenigen, die wir für ihren Erfolg bewundern, es nicht allein geschafft haben, sondern auch „Opfer ihrer Umstände“ waren, warum lassen wir dann zu, dass so viele Menschen noch nicht einmal die Chance haben, Opfer solcher Umstände zu werden. Warum lassen wir im Gegenteil zu, dass sie Opfer ihrer schlechten Umstände werden?

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12 Kommentare zu „Genies machen – Besprechung: Malcolm Gladwell – Überflieger

  1. Für mich stellt sich sofort die Frage, wie „Erfolg“ hier überhaupt definiert wird? Anerkennung, Status und Geld? Für mich zu einseitig, weil der soziale Aspekt völlig fehlt. Bin ich erfolgreich, wenn ich einen gesellschaftlichen Mehrwert stifte, aber die monetäre Anerkennung verschwindend gering ist? Was ist mir wichtiger? Gesundheit hast du schon angesprochen, wie sieht es mit einem sozialen Netzwerk aus? Wenn das Buch die Frage nach dem Wesen des Erfolges nicht beantwortet, entsteht bei mir der Eindruck, dass es mehr in die Richtung „Wie komme ich unter 25 zu meiner ersten Million“ geht. Die habe ich schon, und außerdem bin ich über 25 – deswegen muss ich das Buch gar nicht erst in die Hand nehmen 😉

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    1. Das trifft das Buch nur so halb. Erfolg ist nicht Profit. Profit ist nur das, was aus Erfolg folgt. Es geht mehr drum, wie man unschlagbar gut wird in dem, was man tut. Wobei Geld für Gladwell durchaus ein Gradmesser ist. Aber er behauptet, zumindest meiner Meinung nach, nicht, dass beides ursächlich zusammenhängt.

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  2. Das ist so ein Buch, das mich mega interessieren würde. Aber nur, wenn es mir zufällig in die Hände fällt und ich es z.B. ausleihen könnte. Selbst kaufen würde ich mir sowas nie! 😉 Aber es ist schon interessant, was manche Menschen so für Theorien aufstellen, auch wenn sie teils an den Haaren herbei gezogen sind.

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      1. Das es plausibel klingt, würde ich auch erwarten. Aber jeder hat ja dann doch so seine eigene Wahrheit und ob es da zwischen mir und dem Autor Überschneidungspunkte gibt, bin ich mir nicht sicher!
        Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich da jetzt nicht unabsichtlich aufgedrängt habe… Das war nämlich wirklich nicht meine Absicht! Aber wenn du das Angebot ernst meinst, dann wäre ich ja jetzt dumm „Nein“ zu sagen 🙂 Hast du vielleicht eine Emailadresse bei der ich dir weiteres schreiben kann? Ich verspreche auch in meinem Blog über meine Erkenntnisse zu dem Buch zu berichten!

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        1. Achwas, aufdrängen. Dann hätte ich Jörgs Vorschlag nicht aufgegriffen, ist außerdem doch spannend, noch eine Meinung dazu zu hören. Ich bin in Sachen Buchverleih eigentlich recht schmerzbefreit (und ausgerechnet das Buch hat sich beim Rucksackpacken eh einen Knick im Backcover abgeholt). Schreib mir einfach unter Lavilein@gmx.de und es geht auf die Reise. 🙂

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  3. Vielen Dank für diese ganz andere, sehr ausführliche Buchbesprechung, die mal wieder nicht einfach den Mainstream aufgreift. Besonders gefällt mir, dass du offensichtlich das Buch gelesen hast und eben nicht einfach etwas nachplabberst. Vieles davon kann ich unterschreiben und doch habe ich an einige Buchstellen andere Schlüsse für mich persönlich gezogen und fand es kurzweilig und an einigen Stellen tatsächlich inspirierend.

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    1. Inspirierend fand ich ihn auch, gerade am Ende, als er die Geschichte seiner Familie erzählt, ist er authentisch und überzeugend. Wenn ich ein wenig Zeit habe, lese ich das Buch mit diesem zusätzlichen Wissen auch noch einmal. Er ist ja auch deshalb interessant, weil er den American Dream verteidigt, obwohl er das selfmade als Ideologie entlarvt.
      Ich nehme aber an, du liest Bücher eher aus dem Blickwinkel, was sie für das einzelne Leben bedeuten können, oder? Ich lege den Fokus eher auf die gesellschaftlichen Fragen. Ich bin deshalb neugierig: Welche Einsichten hast du aus der Lektüre mitgenommen?

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