Spätestens seit Alles steht Kopf habe ich mich wohl als rationaler Vernunftmensch geoutet, der von solch merkwürdigen Anwandlungen wie „Auf seine Gefühle“ hören gelinde gesagt wenig hält. Und ich stehe zu meiner Behauptung, dass in der Welt sehr viel weniger Blödsinn geschehen würde, wenn die Menschen mehr auf ihren Verstand und weniger auf ihre Gefühle hören würden. Und dennoch gilt es in jedem Einzelfall abzuwägen, worauf man hört.

Ich hatte euch bei aller Freude bereits ein paar Dinge verraten. Als ich mein Vorstellungsgespräch bei meinem neuen Arbeitgeber wahrnahm, hatte ich bereits eine Stellenzusage in der Tasche – vorbehaltlich der Zustimmung des Personalrats.

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Okay, letzten Endes hat der Schlosspark die Entscheidung leicht gemacht 😉

Zu dieser Zusage gibt es eine Geschichte. Ich hatte mich bei einem Jobcenter als Arbeitsvermittler beworben, hatte den Eignungstest überstanden und wurde zu einem Gespräch eingeladen, das ich leider nicht wahrnehmen konnte. Am Alternativtermin war ich geistig offenbar nicht vollständig anwesend und ich hatte den Eindruck, es völlig versiebt zu haben. Da ich nicht eingestellt wurde, war diese Einschätzung realistisch.

Da ich mich von Niederlagen nicht abschrecken lasse, habe ich mich erneut beworben, als beim gleichen Jobcenter eine weitere Stelle ausgeschrieben war, zu ähnlichen Konditionen. Und wurde zum Gespräch geladen. Mein Glück war, wie ich herausfand, dass mittlerweile nicht mehr das Jobcenter selbst die Auswahl trifft, sondern der Interne Service der Bundesagentur für Arbeit an einem weiteren Standort in der Nähe.

Das Gespräch lief erstaunlich gut, denn ich hatte meine Hausaufgaben natürlich gemacht und aus dem katastrophalen Gespräch gelernt. Außerdem war ich mit einigen weiteren Tipps versorgt worden. Ich erhielt einen Anruf und den Glückwunsch, dass man mich einstellen wollte. Mit der Begründung, ich habe aus meinem ersten Gespräch gelernt und man wolle „es mit mir versuchen“. Auch wenn das nur so daher gesagt war, trübte es meine Gedanken.

Weiter trübten mich Überlegungen, nach einem Jahr verlängert zu werden und nach zwei Jahren wieder einmal vor dem Nichts zu stehen, weil die Perspektiven auf Weiterbeschäftigung als Arbeitsvermittler – gelinde gesagt – bescheiden sind. Es gibt einen Stamm fester Mitarbeiter, der bei Bedarf um befristete Stellen ergänzt wird. Neue feste Mitarbeiterstellen werden selten geschaffen, die Konkurrenz um frei werdende Stellen ist hoch. Selbst bei einer befristeten Stelle in der Arbeitsvermittlung, das habe ich durch ein anderes Feedback erfahren, musste ich mich promovierter und jüngerer Konkurrenz geschlagen geben.

Es gibt Vernunftgründe, die gegen das Jobcenter sprechen. Es gab durchaus auch Vernunftgründe, die gegen meinen neuen Arbeitgeber gesprochen hätten, wie ich berichtete. Die Entscheidung fiel aus dem Bauch heraus. Da war das Gefühl, im Jobcenter wohl nicht glücklich zu werden und das Wohlgefühl, das ich nach dem Gespräch bei meinem zukünftigen Arbeitgeber hatte.

Ich habe beschlossen, dass mein Abenteuer (ich mag es nicht Job nennen, das trifft es nicht) auch aus Vernunftgründen die richtige Wahl ist. Aber entschieden hat da wohl doch die gute „Freude“ aus Alles steht Kopf. So relativiert sich alles im Leben, auch bissige Filmkritik.

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34 Kommentare zu „Mit Bauch geht’s auch

  1. Meiner Meinung nach basiert das Bauchgefühl auf der Gesamtheit der Vernunftanalysen und -Ergebnissen. Es bezieht eben auch jene Kognitionen mit ein, die gerade nicht im Vordergrund unseres Bewusstseins ablaufen und ist somit allumfassender, oder so ähnlich.

    Und Wohlbefinden am Arbeitsplatz ist ein sehr wichtiger Faktor für Leistungsstärke und Gesundheit. So ist die Entscheidung unter Einbeziehung dieses Kriteriums verdammt vernünftig.

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  2. Egal wie, aber du wirst immer auf die Füße fallen. Wer geistig so flexibel ist, dem kann ein bisschen Unbill nicht schaden. Und wer weiß, vielleicht zeigst du dich im Verlagsleben so von deiner Schokoladenseite (also: viel Kuchen mitbringen), dass sie dich allein deswegen fest einstellen müssen!

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  3. Ohne Bauch geht es genauso wenig wie ohne Verstand. Der Film war nett, irgendwie doof und an manchen Stellen doch treffend. Eine Arbeitsstelle aber, da bin ich überzeugt, kann der Verstand alleine nicht entscheiden. Da muss mehr stimmen, als nur die harten Fakten. Du hast das schon richtig gemacht. 😊

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  4. Am Arbeitsplatz verbringen wir so einen großen Teil unserer Zeit, dass da das Bauchgefühl unbedingt stimmen muss. Ich habe es bisher nicht bereut, dem Bauch gefolgt zu sein, der meine frühere Arbeitgeberwahl nicht mehr gut hieß.

    Das Kopf-Bauch-Thema scheint doch nicht so exotisch zu sein, wie ich gestern dachte, als ich einen schon vor längerer Zeit geschriebenen Beitrag dazu veröffentlichte. Thementelepathie oder kosmische Einflüsse?

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    1. Es liegt momentan in der Luft. Frau Margarete und Kieler Krimskrams haben auch Dinge in die Richtung geschrieben. Deinen Beitrag habe ich bisher nur überflogen.
      Es ist momentan aber auch die Zeit der Aufbrüche. Zumindest in meiner Filterblase, enden viele alte Abschnitte derzeit. Das steckt die Gedanken an.

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      1. Ich genieße es sehr, dass in meiner Blase der große Rahmen gerne noch für eine Weile so bleiben darf. Die Zeit der Umbrüche ist jetzt wieder vorbei, es hat sich ein neuer Rhythmus eingependelt. Weil ich gerade keine großen Entscheidungen treffen muss, ist im Hirn auch manchmal Platz für solche Gedankengänge.

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  5. Wir sind nicht so vernünftig wie wir manchmal gerne wären. Und das ist gut so 😉 Ich sehe in der Vernunft auch manches Mal mehr Heil als in irrationalen ‚Bauchentscheidungen‘, aber wie schon erwähnt wurde: Ohne Gefühl geht es nicht. Wäre auch schlimm, wenn doch. Während wir nach logischer Perfektion streben vergessen wir nur zu gern, dass a) der Mensch nicht perfekt sein kann und b) dass wir uns nichts Gutes tun, wenn wir einen so entscheidenden Bereich unseres Wesens unterdrücken.

    Also Glückwunsch zur Bauchgefühlentscheidung. Sie wird ganz sicher ihre Berechtigung gehabt haben 🙂

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    1. a) bezweifle ich ja … Ich lass mir meinen Utopismus nicht nehmen, dass das am Ende gut wird. 😉
      Aber ja … Widerstrebend muss ich anerkennen, dass diese biestigen Emotionen doch irgendwas mit der conditio humana zu tun haben.
      Dennoch wäre ich zumindest manchmal gern zumindest ein wenig vernünftig. 😇

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      1. Tatsächlich? Das finde ich interessant ^.^ Perfektion widerspricht der Natur des Menschen meiner Ansicht nach. Man kann sich anstrengend, sicher. Aber wirkliche Perfektion, also das Ideal dieses umfassenden Zustandes, … du denkst ein Mensch könnte bspw. einhundertprozentig rational sein und das als ‚gut/Gut‘ empfinden? Halte ich für grundlegend ausgeschlossen 😀

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      2. Ich tue mich mit dem Begriff „Natur des Menschen“ schwer. Ich verstehe „den Menschen“ als normativen Begriff. Menschsein ist für mich Verhandlungssache, ich gehe da sogar so weit, vom Körper abzusehen. Von daher ist es eine Option, sein Menschsein so zu modifizieren, wie du es vorschlägst und dass er das als gut empfindet. Ob das gut ist, ist noch einmal eine andere Debatte.
        Dazu: Ich denke, es würde einige Probleme lösen. Ob das langfristig eine gute Strategie ist, weiß ich nicht. Was ich aber glaube, ist: Der Mensch strebt nach Perfektion. Und es wird immer wieder Momente geben, an denen er sie erreicht. Um sich dann ein neues Ziel zu setzen, das er aus seiner neu gewonnenen Unzufriedenheit heraus zu erreichen sucht.

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      3. „Und es wird immer wieder Momente geben, an denen er sie erreicht.“ Würde es der Definition von Perfektion nicht widersprechen, wenn man sie nur ‚einen Moment‘ erreichen würde? Müsste das nicht ein andauernder Zustand sein?

        Bezüglich des Strebens stimme ich zu; wir streben danach, weil wir das Ideal als Vorlage brauchen. Meiner Ansicht nach erreichen wir das Ideal aber nie. Der ‚Inbegriff etwas Vollkommenen‘ ist nicht von unserer Welt, somit erreicht der Mensch ihn auch nicht als Zustand. Es bleibt Idee, Antrieb, Erklärungszusammenhang, etc.

        Aber hier näher wir uns zu sehr den Details 😉 Dass der Mensch oder ein Mensch Perfektion erreicht, egal wie kurz, ist meiner Ansicht nach nicht möglich. Gerade das neue Ziel setzen und so nah wie möglich daran reichen bevor man sich Neuem zuwendet ist ein Ausdruck von der Nicht-Perfektionierung des Vorherigen.

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  6. Alles zusammenfassend fiel mir das Buch von Bas Kast „Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition“ ein….er ist viel in Bezug auf Hirnforschung unterwegs und hat Biologie und Psychologie studiert. Sein wohl bekanntester Artikel wird Dir als ZEIT Leser vielleicht noch in Erinnerung sein http://www.zeit.de/2007/30/Intuition alles in allem sehr beeindruckend…und ich habe grossen Respekt vor dem Gehirn wovon, laut der Hirnforschung, ALLES ausgeht wie ich die Welt um mich herum wahrnehme….

    Da wo ich viele kleine Einflüsse habe, aus denen heraus eine Entscheidung zu treffen ist, handele ich aus dem Bauch heraus….da wo es um konkrete Dinge geht und zwischen DIESES oder JENES zu entscheiden ist nehme ich die Ratio zur Hilfe….und bin bisher gut damit gefahren 🙂 denn beides hat seine Berechtigung und hat, wenn man es zulässt, eine gesunde Dynamik in Abwägungsprozessen….

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  7. Das lässt sich ja meist auch nicht wirklich trennen. Wenn Menschen „auf den Verstand hören“ ist es gar nicht selten so, dass sie emotional längst eine Entscheidung getroffen haben (das muss durchaus nicht bewusst geschehen) und der Verstand nach Argumenten sucht, um diese Entscheidung „sachlich“ zu untermauern. Nach meiner Erfahrung kommt man weiter, wenn man quasi die Karten auf den Tisch legt und sich zunächst fragt: Was möchte ich eigentlich? Ganz spontan. Unabhängig von den Pros und Kontras des Verstandes. Dann kann man sich den rationalen Argumenten zuwenden – denn wenn man emotional reinen Tisch gemacht hat, erscheinen die Argumente in einem anderen Licht. Man gesteht sich seine weitgehende Unsachlichkeit ein und kann die Argumente vor diesem Hintergrund beurteilen. Das führt weiter als „sachlich spielen“.
    Arbeitsverhältnisse sind Beziehungen – Beziehungen sind hochgradig von der Chemie abhängig – und die Chemie kann manchmal regelrecht „mind-blowing“ sein. Da kann man sich dann so oder so alle „sachlichen Argumente“ in die Haare schmieren. 🙂

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  8. Ich habe da mal einen sehr interessanten Artikel über Intuition gelesen (ich hoffe, das hat nicht schon einer vorher gepostet, ich kam nicht dazu, alle Kommentare zu lesen): Menschen ordnen sehr schnell in Schubladen. Wir tun das evolutionär betrachtet, weil es uns überleben lässt, Beispiel: Busch – keine Gefahr, gut. Säbelzahntiger – upala, schnell weg.
    Die Intuition ist ein Teil davon: Wir entscheiden sehr fix und ordnen zu. Wir tun das aufgrund von Erfahrung und Gespür. Laut Artikel ist es meist sogar richtig. Laut Artikel sind Entscheidungen, die nur auf Faktenbasis getroffen werden (in deinem Fall: Geld, Sicherheit, etc.) nicht unbedingt langfristig glücklich-machend.
    Am besten solle man beides verwenden: Intuition und Faktenlage prüfen und dann entscheiden 🙂

    Ich hab meinen ersten Job übrigens bekommen, weil ich auf einen Tisch gesprungen bin. Hab ich die Geschichte mal erzählt?

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      1. Eigentlich harmlos 😉
        Ich hatte mich in einer Firma auf einen „Männerberuf“ beworben und die Firma hatte noch nie zuvor Frauen eingestellt – sie waren dementsprechend skeptisch.
        Wir Bewerber sollten in Teamarbeit etwas bearbeiten und präsentieren und dieses dafür an eine Tafel schreiben. Vor der Tafel stand ein großer Tisch, der uns daran hinderte, an die Tafel ranzukommen. Die beiden Herren zu meiner Linken und Rechten, die die 1,85m beide weit überschritten, kamen trotzdem lässig an die Tafel. Ich mit meinen 1,66m beugte mich über den Tisch, kam dann aber nur ans Ende der Tafel. Ich versuchte es mehrfach, auf Zehenspitzen, extrem gebeugt, etc. Es reichte mir dann, ich prüfte die Standfestigkeit des Tisches, sprang drauf und schrieb lässig auf dem Tisch weiter. Gefolgt vom Gelächter der Personaler-Meute hinter mir.
        Die Betriebsrätin verriet mir später, dass man nie Frauen eingestellt hätte, weil man Angst gehabt hatte, dass sie sich gegen die Männer nicht durchsetzen. Nachdem ich aber auf den Tisch gesprungen wäre, hätte man mir eine gewisse Zielstrebigkeit nachgesagt und dass ich mich von Hindernissen nicht aufhalten lasse. Ich hatte den Job nur deswegen 😀

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  9. Sehr verständlich und nachvollziehbar. Ich denke, an deiner Stelle hätte ich genauso entschieden. Ich denke, bei Kosmos wirst du dich sehr viel wohler fühlen.
    Und ganz ehrlich: Die Praxis, bei der Arbeitsvermittlung auf befristtete Jobs zu setzen, finde ich pervers.

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