Im Rahmen meines Projekts, im Jahr 2016 immerhin sechs Bücher zu lesen, läge ich schon über meiner eigenen Vorgabe, wenn ich statt der noch ungelesenen Werke einfach solche nominiert hätte, die ich tatsächlich auch gelesen habe. Aber auch auf meiner Liste kann ich Titel Nummer 5 streichen.

bücherchallenge

Inhalt lt. Buchcover

Die Mondbewohner sind Ausgestoßene und Verbannte und gelten als Bürger zweiter Klasse. Für sie und ihre Nachkommen gibt es keine Rückkehr zur Erde.

Niemand auf Luna ist wirklich frei, denn der Mond ist eine Strafkolonie, deren Insassen utner dem Diktat der UN-Verwaltung, des Gouverneurs und seiner Polizei stehen.

Das System ist verhasst, doch niemand wagt es, sich offen dagegen aufzulehnen. Es wäre auch sinnlos, gegen die Macht der Erde anzukämpfen.

Erst als Mike, der gigantische sublunare Computer, für die Unterdrückten, die Loonies, Partei ergreift, hat die Revolution Aussicht auf Erfolg.

 

60er-Jahre-Stoff

„Revolte auf Luna“ ist ein typisches SF-Werk der 60er Jahre. Es gibt fortschrittliche Technologie, Atomkraft und H-Bomben spielen eine wichtige Rolle, die Computer sind verdammt clever, die Welt ist in mehrere Machtblöcke aufgeteilt, die Geschichte wird ohne Schnörkel sehr geradlinig erzählt, es gibt viel Geheimhaltung und – ein letztes typisches Merkmal – die Frauen werden zwar als ziemlich clever und entscheidungsfreudig angedeutet, ihre Funktionen sind aber vor Allem Mutterschaft und die etwas naive Sexbombe. War ich eine ganze Seite lang darüber überrascht, dass Heinlein tatsächlich eine Revolutionärin einführt (eine echte Revolution), war ich sogleich wieder ernüchtert. Sie ist natürlich der Traum eines jeden pickligen, heterosexuellen Teenagers mit dicker Brille. Ich habe bei solchen Stellen immer Angst, in gebrauchten Büchern Sabberflecken auf den Seiten zu finden. Oder mehr. Doch sobald die Revolutionärin den männlichen Protagonistin trifft, ist sie nur noch Stichwortgeberin und dekoratives Beiwerk, die sich auf den Rat der Männer um sie herum verlässt und zum treu sorgenden Weib mutiert.

 

Motivation

Die Geschichte läuft wie auf Schienen der erfolgreichen Revolution entgegen. Ebenfalls typisch für die 60er Jahre ist die Unterbelichtung von Motiven der Handelnden. Entscheidend in diesem Buch ist die Revolution. Während zwei der vier wichtigen Figuren des Aufstands auf Luna als Berufsrevolutionäre keine tiefergehende Motivation benötigen, wird bei der Hauptfigur vollständig auf eine Motivation verzichtet.

Mannie ist ein Computeringenieur, der zufällig in eine Veranstaltung der Revolutionäre gerät. Er bleibt spontan und gerät durch äußere Umstände immer tiefer in die Revolution hinein. Er bezeichnet sich als unpolitisch und betrachtet die Revolution vornehmlich als technisches Problem. Sein Umfeld erklärt ihm, die Revolution sei notwenig, er betrachtet die dafür notwendigen Schritte und entwickelt einen Plan, wie dies umzusetzen soll. Ohne jedes Dogma, wie man ein technisches Problem angeht. Gleiches gilt natürlich für Mike, der als Maschine zwar Humor hat, aber sich keine Gedanken macht, über ein Bewusstsein und Persönlichkeit verfügt, aber kein Gewissen besitzt.

Erzählt man die Geschichte entlang von Mike und Mannie nach, ist „Revolte auf Luna“ eine Absage an die Heldengeschichten der Vergangenheit, als ein Mann noch einen Unterschied machen und die Welt oder zumindest den Tag retten kann. „Revolte auf Luna“ beendet das Zeitalter der Superhelden in der Literatur. Die Probleme, die es in der Welt zu lösen gilt, sind zu groß geworden. Deshalb gibt die Ideologie das Ziel vor und die politischen Entscheider sind nur noch Techniker der Macht.

 

Revolution

Die Geschichte läuft nicht nur wie auf Schienen, sie läuft auch erstaunlich glatt. Wochenlang verschwören sich immer mehr Menschen auf Luna, vorzüglich im Untergrund organisiert, ohne dass der Gouverneur etwas merkt. Dann, ganz plötzlich, ist der Zeitpunkt gekommen zu handeln. Unsere Revolutionäre waren dafür aber noch nicht einmal bereit. Dennoch läuft alles reibungslos, die Aktion läuft, es bedarf keiner großen Planungen, denn die Leute wissen, was sie tun müssen. Alles läuft viel zu glatt. Wie die gesamte Geschichte.

Man muss dieser Tatsache einen ganzen Absatz widmen, weil Heinlein wirklich auf jede Art retardierendes Moment verzichtet. Er macht damit deutlich, dass es ihm mit „Revolte auf Luna“ gar nicht um die Geschehnisse der Revolution geht, sondern für ihn die gesellschaftliche Konstruktion im Mittelpunkt der Geschichte steht. Da ist zum Einen Mannie als Techniker der Macht, da ist vor allem aber auch „Prof“, der altehrwürdige Ober-Revolutionär. Prof ist die Personifikation der Ideologie, die Mike anleitet. Und Prof. ist ein autoritäres Element. Immer wenn es eine Entscheidung zu treffen gilt, trifft Prof sie. Und wenn nötig, lügt und schweigt Prof.

Prof ist damit eine typische Heinleinfigur. Profs Botschaft an die Welt: Auch wenn ihr die Loonies und ihren Kampf für Freiheit sympathisch findet (Wozu die Geschichte keinen Anlass bietet. Freiheit als Wert muss der Leser selbst mitbringen.), dieses Ziel lässt sich nur im Kampf durchsetzen. Damit dieser Kampf erfolgreich ist, benötigt es eine Autorität. Nur der Einzelne ist entschlossen genug und bringt die nötige Durchsetzungskraft mit. Nur der Einzelne kann mit aller Härte und Brutalität handeln. Dafür darf er gegebenenfalls auch lügen und betrügen.

 

Fazit

Heinlein schafft den Helden ab, um den einsamen Entscheider zu feiern. Auch Prof ist kein Held, dazu ist er allein körperlich nicht in der Lage. Prof ist zwar gelehrt, aber seine Motivation ist allein die, Berufsrevolutionär zu sein. Prof ist personifizierte Ideologie. Durch ihn vermittelt Heinlein: Wer keine Freiheit hat aber Freiheit will, muss zugleich die Unfreiheit in Kauf nehmen. Die Revolution ist erfolgreich, so viel darf hier verraten werden, denn auf die Revolution kommt es nicht an. Es kommt auf das dialektische Moment an, das Heinlein bewundert umkreist: Freiheit ist für ihn nur durch eine Phase der Unfreiheit möglich. Um Regeln abzuschaffen, muss man die Regeln zunächst verschärfen.

Heinlein, der große Konservative mit autoritären Zügen in der amerikanischen SF-Literatur, ist damit verdammt nah an Karl Marxens Diktatur des Proletariats dran. Ich hoffe, diese Pointe war ihm selbst beim Verfassen nicht bewusst und lässt ihn ein Weilchen im Grab rotieren.

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8 Kommentare zu „Revolution! Besprechung: Robert A. Heinlein – Revolte auf Luna

  1. Schick, eventuell lese ich das Buch auch einmal. Selbst wenn es zu glatt ist, hört es sich nach schöner Retro-SciFi an, und davon kann man nie genug bekommen.

    Du bist ja vorbildlich mit deinen ‚‚Sechs Büchern für 2016“. Ich stecke gerade im zweiten und dritten (wie immer gleichzeitig), habe aber nebenher schon fünf oder sechs andere Bücher gelesen, die halt in dem Moment spannender waren. Und gerade habe ich noch ein paar entdeckt, die mir wohl noch dazwischen kommen werden… Hach, Literatur ist und bleibt Segen und Fluch in einem!

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    1. Zu glatt ist es auch nicht. Es ist halt sehr glatt, aber das ist bei der Retro-SF ja immer der Fall. Es ist dafür nicht platt und deshalb lohnenswert. Ich habe übrigens alle sechs schon gelesen, der Jules Verne ist in der Pipeline und bekommt sein Besprechung nächste oder übernächste Woche. 😉
      Ich bin in diesem Jahr aber auch sehr viel Bahn gefahren (und Langstrecke), hatte dementsprechend Zeit für sowas. ^^

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      1. Ich habe vorhin gestöbert und gesehen, dass er auch „Starship Troopers“ geschrieben hat. Vielleicht lese ich mich ja mal quer durch sein Werk. ABER: Noch liegen da so viele andere hervorragende und verlockende Bücher auf meinem virtuellen SuB… Das muss jetzt einfach noch warten.

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