Es gibt viele Gründe, Star Trek zu lieben. In meiner fünfteiligen Serie zur Serie habe ich erzählt, wie Star Trek meine Kindheit geprägt hat, meinen Frieden mit den neuen Star Trek Filmen gemacht und mich den Göttern in Star Trek gewidmet. Der dritte Teil hat dabei die Überleitung zu moralischen Fragen eingeleitet. Diese sollen heute und im letzten Teil vertieft werden. Deshalb geht es dieses Mal um die Folge „The Devil in the Dark“.

Es gibt viele ikonische Folgen in Star Trek. Ich vermute, jede einzelne Folge der Originalserie ist für irgendeinen Fan auf Erden die beste. Meine ist wahrscheinlich „The Empath“, weil es die erste Folge ist, an die ich mich erinnern kann, sie gesehen zu haben. Sie hat mich auch nachhaltig mit McCoy verknüpft. Je nachdem, um welches Thema es geht, habe ich aber auch „spezifische“ Lieblingsfolgen. „The Devil in the Dark“ ist meine Lieblingsfolge in Sachen Anthropologie. Sie hat es seinerzeit sogar in meine Examensarbeit geschafft.

 

Horta – Das Lebewesen, das keines ist

In „The Devil in the Dark“ begegnen wir Horta. Die Horta sind eine Spezies, deren Biologie nicht auf Kohlenstoff basiert, sondern auf Silizium. In der Folge wird eine weibliche Horta zum Problem, weil Bergleute ihre Gelege bedrohen oder zerstören und nicht begreifen, dass es sich bei Horta um Lebewesen handelt, sogar um vernunftbegabte Lebewesen.

Der Crew der Enterprise gelingt es, dieses Missverständnis im Laufe der Zeit aufzuklären. Spock trägt daran entscheidenden Anteil, denn ihm gelingt es, telepathischen Kontakt zur weiblichen Horta aufzunehmen und ihren Schmerz zu spüren. In der Folge vermittelt Kirk zwischen Horta und Bergarbeitern, sodass sie einen Modus vivendi finden.

Spannender als dieser Teil der Geschichte ist aber die grundsätzliche Idee hinter der Spezies Horta. Dr. McCoy soll die verletzte Horta behandeln und reagiert darauf mit dem Spruch „I am a doctor not a bricklayer.“, zu deutsch „Ich bin Arzt und kein Maurer.“ Damit wird nicht nur eine ikonische Catchphrase geboren, die noch häufiger zu hören sein wird, sie drückt auch aus, dass wir Menschen dazu neigen, uns für sehr wichtig zu nehmen.

Horta wirft nämlich ein Problem auf, macht eine Frage akut: Was ist ein Mensch? Unser guter Doktor hat sich damit abgefunden, dass nicht nur Menschen Lebewesen sind, sondern auch Tiere. Sie sind nicht nur biologische Automaten, wie sich das als Gedanke bei Descartes findet und bis heute zuweilen in Abwandlungen verwendet wird, um unseren Umgang mit Tieren zu rechtfertigen. Die Sonderstellung des Menschen unter den Lebewesen rechtfertigt sich mittlerweile über dessen Vernunftbegabung.

horta
Quelle

 

Was ist ein Lebewesen?

Star Trek hat damit in eine Hinsicht abgeräumt: Vernunftbegabt sind nicht nur Menschen, auch Vulkanier und selbst Klingonen sind vernunftbegabt. Zwar keine Menschen, aber immerhin. Man akzeptiert sie als Gleichwertige. Implizit wird in dieser scheinbar rein vernunfttheoretischen Anerkennung aber dennoch der Biologismus weitergetragen: Leben muss biologisch gesehen mindestens auf Kohlenstoff basieren, uns ähneln. Denn auch Klingonen atmen Luft und Vulkanier bestehen aus Kohlenstoffverbindungen.

Horta hingegen ist fremdartig. Offenbar irgendwie ein lebendes Ding, aber doch ein Monster. So fremdartig, dass wir seine Lebendigkeit nicht erkennen können, wie Dr. McCoy in seinem Ausspruch deutlich macht. Er kann Horta nicht heilen, weil Horta repariert werden muss. Horta ist auf Grund der Siliziumbasis kein Lebewesen. Selbst wenn es vernunftbegabt sein sollte.

Nun sieht Dr. McCoy es doch ein, weil er ein gutes Herz hat und es als seine Aufgabe betrachtet, Schmerz zu lindern und Kranke zu heilen. Für uns Zuschauer*innen wird damit ein spannendes Feld der Überlegungen geöffnet: Wir können uns in Horta nicht hineinversetzen, weil die Lebensweise dieser Spezies uns noch fremder ist als die von Vulkaniern oder Fledermäusen. Auch eine direkte Kommunikation ist nur unter Schwierigkeiten möglich. Dennoch müssen wir anerkennen, dass Horta vernunftbegabte Individuen sind.

 

Körper-sein und Person-Sein

Daraus ergeben sich zwei Pointen:

  1. In unserem Zaudern müssen wir erkennen, dass Menschsein für uns offenbar doch etwas mit unserer Biologie zu tun hat, dass es nicht nur auf die Vernunft ankommt, sondern wir uns auch über unseren Körper und unsere Körperlichkeit begreifen.
  2. Lebendigkeit ist offenbar keine Eigenschaft, die sich auf biologische Prozesse als kohlenstoffbasierte Prozesse beschränkt. Es ist damit zweifelhaft, ob die Biologie geeignete Kriterien zur Bestimmung von Lebendigkeit hergibt.

Der erste Punkt ist eine spannende Erkenntnis, wenn wir uns transhumanistischen Visionen zuwenden. Kann der Mensch, auf seinen Körper verzichten? Ist es eine sinnvolle Sache, unser Bewusstsein vom Körper zu trennen, wie das in Transcendence angedacht wird? Dort habe ich auch vertieft, was Körper-Sein fürs Mensch-Sein bedeutet.

Der zweite Punkt ist nicht minder spannend. Hier stellt sich die Frage, wie wir etwas beschreiben können, was uns ähnlich und doch krass unähnlich ist. Denn zweifelsfrei lässt sich im Falle von Horta von einer Person sprechen, so wie wir von uns als Person sprechen, neben unserem Körper das zweite Merkmal unserer Menschlichkeit. Gibt es nicht-menschliche Personen überhaupt? Star Trek sagt: Es ist möglich. Auch wenn sie ganz anders funktionieren als wir. Und plädiert damit dafür, in der leidigen KI-Debatte KIs als potentielle Personen ernst zu nehmen.

Die Verlinkungen zeigen es: Star Trek ist für mich großartig, weil es so viel Stoff zum Nachdenken bietet. Nicht nur potentiell, sondern auch konkret. Mit den Themen, die Star Trek anspricht, habe ich mich selbst beschäftigt. Meist ist es so, dass mir ein Thema kommt und ich irgendwann auf der Suche nach Beispielen bei Star Trek lande. Was aber nur funktioniert, weil die Serie mich seit früher Zeit prägt. Und mich empfänglich für solche Fragen macht. Wenn man so will, verdanke ich Gene Roddenberry damit, dass ich manchmal ganz schön verquer bin.

Dafür verehre ich ihn.

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12 Kommentare zu „Zeilenende der Trekkie (4) – Horta und das Mensch-Sein

  1. Ach ja, Spock und dieses Ding! Eine arge Szene, peinlich (wegen des Pathos) und doch berührend, weil es – wie du schreibst – unsere Vermessenheit zeigt, anderen Wesen Leidensfähigkeit abzusprechen, sie nur als Ding zu betrachten. Aber wehe uns, wenn andere Siliziumverbindungen auch noch zu leben anfangen! Handies wissen ja schon mehr über uns als wir selbst 😉

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  2. Klingt gut und sehr weit im Denken. Immerhin kichere ich immer, wenn wir uns Aliens wie kleine grüne Männchen vorstellen – die aber immer noch Arme, Beine und Augen haben, uns damit also sehr ähnlich sind. Daran glaube ich nicht 😉

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    1. Bei dir sind sie blau? *gg* Horta ist in der filmischen SF sicher die Ausnahme, da bestand sehr lange einfach das Problem, dass sich andere Aliens nicht anständig darstellen lassen. Aber ja, gerade alles, was Space Opera ist und so in die Richtung Star Wars geht ist sogar noch schlimmer. Da sind Aliens dekoratives Beiwerk und alle Außerirdischen sehen genau so aus wie Menschen. Star Trek hat sich zumindest die Mühe gegeben, denen Flecken, Fühler oder Sonstiges (und jeweils eine eigene Kultur) mitzugeben.

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      1. Ne, nich blau. Aber sie könnten wie Bakterien aussehen. Oder riesengroß sein. Oder…
        Ich mochte den Film „Contact“ und die Tatsache, dass sie die Aliens gar nicht dargestellt haben, sondern das Problem umgangen haben 🙂

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