Die Hölle, das war einmal dieser kuschelige Ort, wo man über kleiner Flamme bis zum jüngsten Gericht gegrillt wurde … Und danach auch. Seitdem Lucifer in Klimaschutz macht, sind die Anderen zur Hölle geworden. Genau so qualvoll und perfiderweise schon hier auf Erden. Und heute haben die Anderen ganz neue Methoden, uns das Leben zur Hölle zu machen. Aber vielleicht ist auch gerade das die Botschaft des Romans: Die Hölle kann ein ganz angenehmer Ort sein, verglichen mit unserem irdischen Dasein.

Quelle

Inhalt lt. Verlagshomepage

Gott und das Internet haben eines gemeinsam: Sie vergessen nichts. Das erfährt Simon, als er im Vorzimmer zum Paradies sitzt, um sich für einen Platz im himmlischen Reich zu bewerben. Denn auch der heilige Petrus nutzt die Cloud und weiß daher nur zu genau, dass Simons irdischer Lebenswandel alles andere als tadellos war. Da bleibt wohl nur die Hölle – mit ungeahnten Perspektiven …

 

Vorzimmer und Vorzimmer

Der Roman spielt auf zwei Ebenen. Zum Einen spielt er im Vorzimmer zum Paradies, dem Warte- und Registratur-Ort, der Ort, wo über unsere Asylanträge entschieden wird, unsere Lebensführung geprüft wird. Während die alten Ägypter es da noch relativ einfach hatten und ihr Herz aufgewogen haben, bedeutet für heutige Tote ihr Ableben einen erheblichen bürokratischen Aufwand, denn der Himmel ist reichlich voll.

So blödsinnig und absurd die Geschichte klingt, so banal ist sie erzählt: Duteurtre macht in seinem Roman aus dem Himmel ein klassisches neoliberal geführtes Unternehmen, das auf Verschleiß fährt und allein von seinem Ruf zehrt, wie es scheint. Allerdings hat der Himmel aufgerüstet und nicht nur die Bürokratie, sondern vor Allem das Internet für sich entdeckt. Das Internet vergisst nicht nur nie, das Internet ist auch aufschlussreicher als jeder Beichtstuhl: Intime Geheimnisse finden sich schon auf einer beliebigen Social Media Plattform, noch intimere Geheimnisse auf irgendwelchen Mailservern. Und dementsprechend schlägt die himmlische Bürokratie Kapital daraus. Der Himmel ist damit nicht anders als jedes beliebige Unternehmen, das Daten über uns sammelt und uns immer bewertet: Von maßgeschneiderten Anzeigen bis hin zu Urteilen über die Solvenz.

 

Der Lebenswandel des Simon D.

Der Protagonist Simon gerät in die Fänge der Transparenzmechanismen. Im Himmel wird seine Untadeligkeit in Zweifel gezogen wie auch in seinem Leben auf der Erde. Er ist Opfer eines Shitstorms, weil eine private Äußerung öffentlich wird. Er, der sich für den Schutz der Privatsphäre in Zeiten zunehmender Transparenz kämpft, der nichts Schlimmes an einer altmodischen kleinen Affaire oder an Pornoseiten findet, der gern mal einen Witz über „Zigeuner“ reißt, der also ein ganz normales Leben führt, findet sich am medialen Pranger wieder.

Der Autor nimmt seinen Protagonisten in Schutz: Seine Verteidigungslinie: Das mache ich alles nur für mich, privat eben. Das geht niemanden etwas an. Doch solch ein Leben, das kleine Schutznischen bietet, ist unmöglich, wenn selbst in der ländlichsten Idylle die alte Bäuerin irgendwelche Newsportale übers Netz abrufen kann und auf dem Laufenden ist.

 

Der Leak

Der eigentliche Skandal in diesem Buch ist nicht der Lebenswandel des Simon D. Unter Missachtung sämtlicher Persönlichkeitsrechte finden sich im Netz plötzlich haufenweise Mails scheinbar unbescholtener Menschen, die einen Einblick in ihre perversen Gedanken, ihre politisch unkorrekten Witze und ihre Liebeleien bietet. Beziehungen enden, Karrieren scheitern, der Mob tobt. Das Internet mit seinem Freiheitsversprechen wird zur Sackgasse, weil es ein Eigenleben entwickelt und alles ausplaudert, was man dem Datenstrom jemals anvertraut hat, der Illusion erlegen: Wenn ich eine Mail lösche, ist sie irgendwann weg. Das ist die große Schwäche des Romans: Zu behaupten, das Internet vergisst nie. Das ist potentiell zwar richtig, aber zu kurz gegriffen. Im Internet verschwindet täglich sehr viel mehr im Nirvana als aus irgendeiner Ecke wieder hochgespült wird. Das Paradoxe an der modernen Informationstechnologie ist ja gerade dies: Der Zugriff wird immer einfacher, die Konservierung immer schwieriger. Doch das übersieht Duteurtre in seiner Konstruktion. Vielleicht wäre sein Simon dann nicht mehr traurig genug.

 

Belangloses Nebeneinander

„Vorzimmer zum Paradies“ bietet eine spannende Ausgangslage, um über das Recht auf Privatheit im Netz-Zeitalter zu diskutieren, über die disziplinierende Funktion der Algorithmen und der politisch korrekten Sprache. Statt diesen Konflikt zu suchen, lässt Duteurtre seinen Protagonisten resignieren. Er will sich zwar nicht für seine verbalen Entgleisungen entschuldigen, seine Welt ist trotzdem am Ende. Ihm bleibt nur, traurig zu sein. Und die bittere Enttäuschung zu schmecken, dass auch der Himmel nicht mehr das ist, was er einmal war. Statt Argumenten wartet der Roman mit Nostalgie auf. Er bietet nicht einmal eine konsistente Erzählung an: Die Himmels- und Erdenepisoden stehen merkwürdig unverbunden nebeneinander, dazu gesellen sich Einschübe über zwei junge Männer, die dem weiblichen feministischen Diskurs männliche Positionen entgegensetzt und damit verdeutlicht, dass nicht der Feminismus der Höhepunkt der menschlichen Gesellschaft sein kann, sondern ein Egalitarismus, der Unterschiede anerkennt und den Diskurs über diese Werte einfordert, statt einfach nur „Sexismus“ zu rufen.

So reißt der Roman zahllose Themen an, wie auch dieser Text bisher deutlich macht: Datenschutz, Privatheit, die Frage danach, welches Verhalten moralisch zu billigen und welches zu verdammen ist, Gleichberechtigung, … Aber letztlich interessiert der Roman sich für keines dieser Themen. Er ist ein Sittengemälde einer Zeit des Umschwungs: Neues steht vor der Tür, alte Gewohnheiten geraten auf den Prüfstand und lösen nicht nur nostalgische Gefühle aus, sondern auch Zukunftsängste. Wenn Protagonist Simon nicht gut situiert wäre, er wäre ein gutes Opfer für den Front National.

Man sollte sich von diesem Roman nicht zu viel versprechen. Er ist nicht sonderlich lustig, er ist aber auch nicht direkt angsteinflößend. Er spricht alle derzeit relevanten gesellschaftlichen Fragen an und damit eigentlich keine. Simon ist ein Mann der Vergangenheit, aber zugleich Teil der Gesellschaft. Wer sich allerdings fragt, wie man die Menschen „mitnehmen“ soll, um ihnen die Angst vor dem gesellschaftlichen Wandel zu nehmen, der muss verstehen, wie sie denken. Wer das nicht selbst tun kann, der findet in diesem Buch den ein oder anderen Einblick, mehr aber auch nicht.

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2 Kommentare zu „Besprechung: Benoît Duteurtre – Vorzimmer zum Paradies

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