Es gibt viele Gründe, Star Trek zu lieben. In meiner fünfteiligen Serie zur Serie habe ich erzählt, wie Star Trek meine Kindheit geprägt hat, meinen Frieden mit den neuen Star Trek Filmen gemacht und mich den Göttern in Star Trek gewidmet. Der dritte Teil hat dabei die Überleitung zu moralischen Fragen eingeleitet, im vierten Teil ging es um das Mensch-Sein. Eine letzte Episode möchte ich noch meiner Faszination für Star Trek widmen. Es hat etwas mit Hybris zu tun, aber auch dem Glauben an die heilsamen Kräfte technologischen Fortschritts. Es ist die Idee hinter Genesis, einen Planeten zu schaffen.

Genesis ist eine Terraforming-Technologie, d. h. der Versuch, aus unbewohnbaren Planeten in der habitablen Sphäre einer Sonne bewohnbare Planeten zu machen. Einfach gesagt: Es geht darum, dem Mars eine atembare Atmosphäre und Wasser zu geben. Und dazu gleich Pflanzen und womöglich Tiere. Für eine Zivilisation, für die Entfernungen im All kein unüberwindbares Problem mehr sind, ist diese Technologie interessant. Man muss nicht, um sich das All weiter zu erschließen, in Raumstationen allein hausen, sondern kann sich die behagliche Umgebung eines Planeten gönnen.

Die Idee hinter dem Terraforming ist alt, die Umsetzung nach heutigen Standards beschwerlich. Kim Stanley Robinson hat es in der Mars-Trilogie für unseren roten Nachbarn ja einmal durchexerziert. In Star Trek wollten Wissenschaftler diesen Prozess beschleunigen und haben das Genesis-Projekt entwickelt.

Genesis ist ein Torpedo, der auf einen Planeten gefeuert wird und diesen in kürzester Zeit bewohnbar macht. Oder wie der gute Pille McCoy sich entsetzt auszudrücken beliebte:

„Dem Mythos nach wurde die Erde in sechs Tagen geschaffen. Hier kommt nun Genesis, wir werden es für sie in sechs Minuten tun.“

Genesis war ein wunderbares Stück Technologie, denn den Autoren von Star Trek II und III, in denen es eine Rolle spielte, gelang es daran, die ganze Macht der Technologie zu schildern und gleichzeitig Selbstkritik zu üben. Star Trek ist eine optimistische Technik-Utopie, Genesis ist auch die Geschichte der Hybris dieser Technikgläubigkeit.

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Die Auswirkung von Genesis: Ein Planet blüht auf (Quelle)

Führen wir uns das vor Augen: Genesis verwandelt die Planetenoberfläche optisch in einen Feuerball, auf dass sich dort Leben bildet. Einzeller werden eingebracht und eine massiv beschleunigte Evolution wird in Gang gesetzt. Der Traum der Menschheit: Leben schaffen. Doktor McCoy hat das, wie das Zitat oben zeigt, empört. Der manchmal etwas moralinsaure Doktor hat aber recht. Denn Genesis hat zwei Probleme:

  1. Die Evolution lässt sich nicht bremsen.
  2. Das Ganze ist eine Waffe.

Genesis sorgt dafür, dass der Planet instabil wird. Es entwickelt sich zwar eine Flora und eine Fauna, aber der Eingriff in das Gefüge des Planeten ist durch die Genesis-Technologie so massiv, dass der Planet instabil wird. Seine Entwicklung wird massiv beschleunigt. Wo nach kurzer Zeit Bäume wachsen, entsteht recht schnell Endzeitstimmung. Genesis ist weniger ein Evolutionsantrieb, als ein großer Zeitbeschleuniger. Der Planet kollabiert am Ende, weil sich seine Entwicklung zu rasch vollzieht. Das ist ein erstaunliches Plädoyer für Star Trek: Technologie kann nicht jedes Problem lösen, das die Menschheit vor sich sieht. Manche Dinge benötigen einfach Zeit. Das ist eine wichtige Lehre, wenn man von einem Moment auf den anderen per Transporter große räumliche Distanzen überwinden kann und mit Überlichtgeschwindigkeit durchs All reist. Die Beschleunigung kennt Grenzen.

Und dann stellen wir uns einmal vor, was passieren würde, wenn man Genesis auf einem bewohnten Planeten einsetzt. Ganze Zivilisationen wären in Momenten ausgelöscht. Genesis wird zum Äquivalent des Todessterns. Und natürlich kommen die Klingonen als Gegenspieler in TOS auf genau diese Idee. Für sie ist Genesis nicht der Versuch, mehr Leben in die Galaxis zu bringen, sondern die ultimative Waffe. Dank ihrer Feinde lernt die Föderation an dieser Stelle erstmals, dass Technologie nichts inhärent Gutes ist. Technologie kennt keine Moral. Es kommt auf ihre Anwender an, sie verantwortungsvoll zu benutzen. Und ggf. bestimmte Dinge auch zwei Mal überdenken, bevor man sie entwickelt.

Die Geschichte um Genesis ist ein Lehrstück darüber, welche großen Möglichkeiten Technologie bietet, aber auch welche falschen Versprechungen sie machen kann und welche Risiken sie birgt. Es ist ein Appell an Wissenschaftler, immer auch die Konsequenzen ihres Handelns zu überdenken. Dabei meidet Star Trek die technikskeptische Falle, denn das Setting in der Zukunft mit all der wunderbaren Technologie zeigt zugleich: Ja, sie kann uns das Leben leichter machen. Damit wird der Fehlschluss verhindert, besser jeden technologischen Fortschritt zu meiden, weil er uns gefährlich werden könnte. Aber diese Differenziertheit im Urteil ist eine große Stärke dieses Universums. Und macht es so, um die kleine Reihe zu meinem Fanboytum mit einem Zitat zu schließen

Faszinierend.

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12 Kommentare zu „Zeilenende der Trekkie: Genesis

  1. Das ist das, was ich an StarTrek immer geliebt habe und immer lieben werde: dass sie solche Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet haben. Und obwohl am Ende natürlich immer die Förderation gewonnen hat, so blieb doch häufig die ursprünglich gestellte Frage offen.

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    1. Ich habe sogar eine Star Trek Folge in meiner Examensarbeit zitiert (ich glaub, das hab ich schonmal erzählt) … Wenn man will, geht alles ja. „Imbiss“ trifft es verdammt gut. Das Bild gefällt mir. 🙂

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      1. Ich finds toll! 🙂
        Aber ich hab mich in meiner ja auch mit Tolkien und co. befasst. 😀
        Es ist immer wieder schön, wenn man auch „zeigen“ kann, dass solche „trivialen“ Dinge und Werke (so sehen es leider doch einige Dozenten) mehr in sich tragen, als man auf den ersten Blick erkennt.

        🙂

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  2. Ich stimme voll und ganz zu, denn hier zeigt sich die Genialität der Drehbücher: Ein vordergründig schon spannender Plot (Filme II-IV gehören ja fest zusammen), der unzählige Fragen aus den Bereichen Wissenschaft, Ethik, Moral und Philosophie stellt, gleichzeitig die Hauptfiguren geschickt vertieft und lebendiger werden lässt. Hammer!

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    1. Ohja … Und auch die Genesis-Idee zieht sich ja nicht nur in Film 3 hinein, letztendlich ist die dahinterstehende Idee von Technologie und Verantwortung auch noch in 4 präsent (der storytechnisch eher so ein Epilog von 2 und 3 ist, wenn auch ein grandioser). Was würd ich nur ohne Star Trek machen?

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