Manchmal ist man froh und dankbar dafür, dass man lebendig in seinem Bett ankommt und nicht eines morgens aufwacht und feststellt, sein Bett niemals wieder zu sehen. Welchen Anteil die Deutsche Bahn – und welchen Anteil mein eigenes Unvermögen – an diesen Befürchtungen hatte, biete ich zu eurer Unterhaltung dar.

Es begab sich, dass das Zeilenende zwecks WG-Besichtigungen den Weg in ein schwäbisches Dorf größeren und hügeligen Umfanges unternahm. Erschöpft aber beseelt blickte es bei der letzten Visitation auf die Uhr und verkündete, dass Ende des Kennenlernens, das sich abzeichnete, ihm famos in den Kram passe. Es könne den Zug noch erwischen. Die Chronik des Kennenlernens muss noch geschrieben werden, das Zeilenende bittet euch dahingehend um Geduld.

Das Zeilenende lief also los, erwischte eine U-Bahn, zitterte, rannte im Hauptbahnhof mehrere Reisegruppen um und stöhnte. Wie konnte man einen Bahnhof nur so verbauen? Hatte man den Weg vom U-Bahnsteig durch die Haupthalle genommen, erwartete einen eine riesige Rampe über ein Loch, die es ebenfalls zu überqueren galt. Das Zeilenende rang einmal nach Luft, zog das Tempo an, trampelte einige weitere Reisegruppen nieder und erreichte sein Gleis … Eine Minute zu spät. Das Zeilenende fragte sich bei dieser Gelegenheit, wieso man den Bahnhof rund um ein Loch gebaut hatte, statt den Bahnhof einfach in das Loch zu bauen.

Das Zeilenende war tief betroffen. Es hatte sich extra erkundigt, ob man im Zug noch ein Ticket nachlösen könne und hatte in Ermangelung einer Kreditkarte im schwäbischen Dorf größeren und hügeligen Umfangs extra eine Bankfiliale seines Vertrauens aufgesucht. Nun stand es da, traurig, einsam, verlassen … Und hungrig. Es war immerhin nun elf Stunden her seit Vertilgung der ersten und einzigen Mahlzeit des Tages. Doch bevor der gestillt werden konnte, musste das Zeilenende Ticketpreise und Verbindungen konsultieren.

Eine Art Nachtzug könnte ihn in die Rhein-Metropole bringen. Dort müsste es dann etwas mehr als zwei Stunden seiner kostbaren Zeit auf einem Bahnsteig zubringen, dann könnte es die Fahrt heim in die Pampa antreten. Dafür wäre es lediglich notwendig, eine kleine Pause am Flugfeld einer hessischen Bankfiliale zu machen. Das Zeilenende beschloss, diese Option zu wählen. Die frühen Farten des folgenden Tages waren signifkant weniger günstig und wie sollte es sich eine Herberge zu suchen? Es war nicht einmal schwanger und hatte deshalb Bedenken, selbst einen Stall zu finden. Stattdessen löste es also ein Ticket, erwarb etwas zu essen und verließ bald das schwäbische Dorf großen und hügeligen Umfangs.

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In der hessischen Bankfiliale angekommen, erfreute das Zeilenende sich an der atemberaubend ansprechenden Architektur des dortigen Fernbahnhofes. Es war so beeindruckt, dass es zunächst gar nicht bemerkte, wie ein Zug am Gleis gegenüber seines eigenen Abfahrtsgleises hielt. Dieser Zug hatte ebenfalls die Rhein-Metropole zum Ziel. Hinzu kam, dass dieser Zug Halt in einem Nest im Westerwald machen würde. Bevor das Zeilenende auf diese Erkenntnis hin „HEUREKA!“ schreien und den Zeigefinger heben konnte, fuhr dieser Zug allerdings weiter.

Das Zeilenende, darauf aus, seine Erkenntnis dennoch zu überprüfen, watschelte zum Fahrplan und stellte fest, dass dieser Zug tatsächlich in einem weiteren Provinznest halten würde, dem an der Sieg, von dem aus er … Tatsächlich, der Zug käme um 00:18 an, vor Abfahrt der letzten Verbindung des Provinznestes an der Sieg in die Pampa der Heimat. Es wäre nachts heimgekommen. Das Zeilenende verfluchte die Automaten der Deutschen Bahn dafür, dass sie 6 Minuten Umsteigezeit bei gleichem Bahnsteig für unrealistisch hielten.

Doch was half das Jammern? Das Zeilenende bestieg seinen Zug, der durch die Nacht in die Rheinmetropole und weiter bis zu einem bedeutenden Fischmarkt fahren sollte. Ein alter Zug mit Abteilwagen. Das Zeilenende stellte sich einen Wecker und legte sich quer über drei Sitze nieder, ein T-Shirt im Gesicht, nachdem es seine Fahrkarte vorgezeigt hatte. Tatsächlich schlief es ein, obwohl es in Verkehrsmitteln sonst kaum in den Schlaf fand. Kurz erwachte es in der Stadt, der man das Bundes-Haupt geraubt hatte, schlief aber sogleich wieder ein, auf seinen Wecker vertrauend, nur um von einem Lautsprechergeräusch geweckt zu werden, das verkündete: „Nächster Halt: Das Modellflugfeld eines unbedeutenden DORFes am Rhein.“ Das Zeilenende benötigte einen Augenblick, dann wurde ihm klar, dass es die Rheinmetropole verschlafen hatte. Und auch das unbedeutende DORF am Rhein. Hastig packte es sein T-Shirt in den Rucksack, schlüpfte in die Schuhe, vergaß in aller Eile seine letzten Wasservorräte und sprang im letzten Augenblick durchs Fenster, während der Zug bereits abfuhr.*

*Anmerkung des Chronisten: Zu Spannungszwecken habe ich hier und da die Wahrheit etwas gebogen. Außer natürlich an dieser Stelle.*

*Anmerkung des Chronisten zur Anmerkung des Chronisten: Ich merke, die Känguru-Trilogie hat mich irgendwie beeinflusst.

Das Zeilenende erinnerte sich düster daran, dass das Modellbau-Flugfeld eines unbedeutenden DORFes am Rhein ihm durch diverse Conventions bekannt war. Es gab dort gastronomische Einrichtungen, zumindest aber ein paar Plätze, die zum Verweilen einladen würden, falls diese Einrichten geschlossen hätten. Doch das Zeilenende stellte zu seiner Enttäuschung fest, dass der Bahnhof des Modellbau-Flugfelds eines unbedeutenden DORFes am Rhein gar nicht in der Nähe des Modellbau-Flugfeldes lag, sondern nur per Transportmittel zu erreichen sei. Das Zeilenende seufzte und stellte zu allem Überfluss weiterhin fest, dass

  1. alle freien Sitzmöglichkeiten von Reisenden oder Menschen belegt waren, die ebenso wie er eine neue dauerhafte Unterkunft gut gebrauchen könnten,
  2. es keine Toiletten gab,
  3. in der Nacht keine Züge in Richtung Rheinmetropole fuhren, nicht einmal zum Haupthaltepunkt des unbedeutenden DORFes am Rhein. Genau genommen fuhren dort des Nachts gar keine Züge.

Immerhin:

Zu allem Überfluss stellte sich heraus, dass es nun den ersten Zug aus der Rhein-Metropole in die Pampa der Heimat verpassen würde und erst die zweite Verbindung erreichen würde.

Das Zeilenende hätte es wissen müssen, denn die Reise begann schon übel. War es doch in das schwäbische Dorf größeren und hügeligen Umfangs entlang des Rheins gefahren, statt die schnelle Verbindung zu wählen und hatte keinen Fensterplatz auf der Rheinseite ergattern können. Stattdessen wandte er sich kryptischer Literatur zu. Den Autor hatte das Zeilenende im Studium schon nicht gemocht, weil es ihn nicht verstand – und das, was das Zeilenende verstand, doof fand.

So bleibt festzuhalten, dass sich Luhmann-Lektüre auch nicht leichter gestaltet, wenn man halb noch schlafend, halb bereits wieder wach des Nachts an Bahnhöfen herumlungert. Aber dennoch musste das Zeilenende etwas vom Gelesenen begriffen haben, denn

32 Kommentare zu „Reise durch die Nacht

        1. Zu spät. 😉

          Achja: Und ich weiß jetzt auch, dass man aus einem Fläschchen Bittermandelaroma, einer Prise Mehl, einem Kilo Zucker und einem Pfund Butter bei „Backwerk“ etwas herstellen kann, das man „Mandelrolle“ nennt.
          Wenn es dir wie mir geht, dass du bei Übermüdung zucker- und fettsüchtig wirst: Das ist deine Droge der Wahl. ^^

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  1. Was lernen wir daraus…..baue Dir ein umfangreiches Bento, bevor Du in schwäbische Dörfer größeren und hügeligen Umfangs fährst….MIN JOTTE NÄI….DE JUNG MUSS DOCH WAS ZU ESSEN HABEN….armes Zeilenende….

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    1. Ach … Ich bin ein Kamel. Ich habe Fetthöcker. Ich hätte entsprechend durchaus auch noch durchgehalten, bis ich hätte umsteigen müssen. Was zu essen findet man ja an den meisten Bahnhöfen. Selbst was zu essen, was besser ist als … Currywurst oder Vollkornschnitten. Aber wenn ich mich ärgere, brauche ich was zu essen. ^^

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      1. ….jetzt sag bloß noch das Du dann zur Diva wirst 😉 aber was noch viel wichtiger ist: in welche WG wirst Du ziehen, damit sich die ganze Odyssee gelohnt hat? 🙂

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      1. Mist und ich hatte so auf einen Spoiler gehofft 😉 Aber bei der Tour hoffe ich, dass es etwas gebracht hat und nicht nur erfahrung 🙂 Und dass du dann vor allem deinen Schlaf ordentlich nachholen konntest! – Sü

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          1. Also ich weiß wozu ich nach nur 5 Stunden Schlaf zu gebrauchen bin – zu gar nichts xD Mein Kompliment, wenndas ebi dir anders ist 🙂 – Sü

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    1. Ich habe immer noch so einen fiesen Ausschlag, dabei war ich ja nur an der Peripherie. Okay, und am Hauptbahnhof … Und dank der S-Bahn in jedem noch so unbekannten Vorort zwischen dem unbedeutenden DORF am Rhein und dem Kopfschmerztabletten-Vorort der Rhein-Metropole. Aber er klingt ab. *gg*

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      1. Jeden Tag muss ich ins DORF um meine Brötchen zu verdienen und ich bin SEHR froh, dass ich mich auch da nur im Randbereich befinde…schon schlimm genug, als freiwilliger Wahlruhrpottler mit den Dörflern zu kooperieren 😉

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  2. Ohje, erst Schwabenmetropole und dann rheinisches Dorf… Zumindest haben wir alle was davon dank Zeilenendes amüsanten Reiseberichtes. Aus diesem Grund kann ich übrigens nie in Zügen schlafen, weil ich panische Angst habe, meinen Bahnhof zu verpassen.

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    1. Das ist noch nichtmal der Grund. Normalerweise macht mich das Geschaukel irre. Und die unbequemen Sitze. Das perfide hier war, dass ich mich tatsächlich komplett auf eine Sitzbank legen konnte. Ich dachte, nutz es aus, hast ja den Wecker gestellt. Und normalerweise bin ich kurz vor meinem Wecker wach.
      Ich hab mich im unbedeutenden DORF am Rhein gefragt, was ich gemacht hätte, wenn ich erst am Endbahnhof aufgewacht wäre. Die hatten mich ja schon kontrolliert, ich nehme nicht an, dass die nen Personalwechsel auf der Nachtstrecke machen und die werden sich vom Begleitpersonal auch nicht merken, wer wo raus wollte. Hätte also passieren können. *gg*

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  3. Auweiah, und ich find meine Exkursionen in die Stadt mit dem Löcherbahnhof nervig und lang, aber du schlägst meine Reisen um Längen! 😮
    Ich werd meinen Freunden, die mit mir hinfahren, nächstes Mal – also, nach dem Umzug – unbedingt was zu Essen spendieren! 😮

    Ich vermute, die WG war es wert, so lange unterwegs gewesen zu sein? 😀

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