Ich habe eine etwas neurotische Beziehung zu Haaren. Ich habe viele, aber es werden weniger. Es sind mittlerweile zu wenige, um sie lang zu tragen und dabei nicht wie ein schlechtes Guildo-Horn-Double auszusehen. Dementsprechend häufig muss ich zum Friseur. Das schlägt sich auch in der Küche nieder.

Lese ich in einem Rezept, ich solle Zöpfe machen, bin ich immer hin und her gerissen. Ich erinnere mich an Desaster wie den Mozartzopf, andererseits fordert mein Revoluzzer-Herz, ich solle ein weiteres Back-Revolutiönchen starten. Neulich trieb ich es allerdings zu weit.

Es begann unschuldig mit einer Catering-Anfrage von Nesthäkchen. Dieser beabsichtigte, seinen Geburtstag in festlichem Rahmen zu begehen, d. h. mit viel Alkohol und lauter Musik. Ich schlug die Klassiker für solche festlichen Rahmen vor: Gedeckter Apfelkuchen, Kirschstreusel und Aprikosen-Riemchen, jeweils vom Blech. Wenn Usinger kämen, vielleicht auch Streuselkuchen mit Sahnehering. Es stellte sich allerdings heraus, dass

  1. keine Usinger kämen würden und
  2. die Festivität nicht als Trauerfeier geplant sei und ich die Idee mit den Beerdigungskuchen fallen lassen müsse.

Stattdessen kam der Wunsch nach gegrilltem Fleisch und den üblichen Verdächtigen in Begleitung auf. Ob ich nicht (neben diversen anderen Dingen) Brot backen wolle? Ich wollte. Und wählte ein Rezept: Mohnzöpfchen. Es hätte mich misstrauisch machen müssen. Doch der Reihe nach. Ihr braucht für 12 Stück:

  • 500g Weizenmehl Type 550
  • 1 gehäuften TL Salz
  • 1/2 Würfel Frischhefe
  • 1 EL Öl
  • 125ml lauwarme Milch
  • 250ml lauwarmes Wasser
  • 1 gestrichenen TL Zucker
  • Mohn in beliebiger Menge

 

Mischt Mehl und Salz in einer Schüssel, Öl, Milch und Wasser in einer zweiten. Zucker und Hefe löst ihr in der Flüssigkeit auf und gebt der Hefe 15 Minuten Zeit, munter zu werden. Dann vermischt ihr alles und verarbeitet den Teig anschließend mit den Knethaken des Handmixers. In fünf Minuten sollte dann ein glatter Teig entstehen.

Sollte. Der Teig war, ich fühlte mich schlimm an den Mozartzopf erinnert, klebrig. Und weiteres Kneten schien mir nicht statthaft zu sein. Ich ließ ihn erst einmal eine halbe Stunde gehen. Er ging ganz gut. Er sah auch nicht mehr so klebrig aus. Ich sollte dringend zum Optiker.

Das Rezept sah nun vor, den Teig noch einmal zu kneten, ihn zu einer Rolle zu formen und diese Rolle in 12 Stücke zu schneiden. Unter Einsatz einer größeren Menge weiteren Mehls gelang es mir in der Tat, den Teig in die gewünschte Rollenform zu bringen. Ich konnte ihn auch in die gewünschten 12 Stücke teilen.

Der nächste Arbeitsschritt ließ mich in Tränen ausbrechen. Von jedem Teilstück sollte ein drittel abgenommen werden, das jeweils längere Teilstück zu einer Rolle von 30, das kürzere zu einer Rolle von 15cm geformt werden. Anschließend die lange Rolle wie ein Hufeisen legen, die kurze Rolle in das Hufeisen, um anschließend Zöpfe zu flechten. Wie sollte mir dies gelingen, ich hatte keinen Teilchenbeschleuniger, in dem ich die Teigstücke weiter aufspalten könnte!

Mein Revoluzzerherz meldete sich. Wenn ich schon alte Zöpfe aufschnitt, warum nicht gleich Zöpfe zum Teufel jagen? „Friede den Brötchen, Krieg den Zöpfen“ skandierte ich deshalb und formte Brötchen, die ich in Mohn wälzte. Mein Versuch, sie zu schleifen, damit sie auch schön wurden, scheiterte allerdings. Zu klebrig. War ja klar. Dieser promovierte Reaktionär aus Bielefeld mit seinen Puddingpülverchen hatte seine Hand im Spiel, was fiel mir ein, das Rezept zu modifizieren?! Die Strafe folgte auf dem Fuße. Auf dem Blech lagen nun Backwaren, die sich vorzüglich für ein Dame-Spiel eignen würden.

Vielleicht … Vielleicht würde es noch besser werden, wenn sie erst einmal gegangen waren. Denn während der Ofen auf 200° Ober-/Unterhitze vorheizte, sollten die Gebäckstücke noch einmal gehen, bis sie sich sichtbar vergrößert hätten. Voller Argwohn beäugte ich diese Gebäck-gewordenen Mario-Barth-Pointen, ob aus ihnen noch ein Kabarett-Stückchen, Verzeihung, Kabinett-Stückchen werden würden. Tatsächlich wuchsen sie an. Ich schob sie frohen Mutes in den Ofen und härtete sie 25-30 Minuten lang im Feuer ab.

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Doch o weh! Das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Was mir dort entgegen kam, hätte sich kein Verschwörungsautor besser ausdenken können. War an diesem Mythos der Reichsflugscheiben, mit denen sich die Nazis an den Südpol abgesetzt hatten, um mit den Pinguinen zu paktieren, doch etwas dran? Hatte ich den Beweis gefunden, dass Hermann Göring die Frackträger bei ihrem Plan, sich zum Nordpol durchzubuddeln und die Eisbären auszurotten, unterstützen würde? Was da in meinem Ofen lag, hatte verdächtig viel Ähnlichkeit mit Beschreibungen dieser Flugkörper. Ich biss hinein, voller Angst, dass kleine braune Männchen in meinen verhinderten Mohnzöpfen säßen. Aber da war nur Mohn drin. Zum Glück.

 

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28 Kommentare zu „Promovierte Reichsflugscheiben oder: Keine Zöpfe

  1. ups. Haben die Ufoteller denn wenigstens geschmeckt? Ich hatte neulich eine Donauwelle gemacht und die Buttercreme verlangte ebenfalls Bielefelder Tütchen. Irgendwas haben die an der Rezeptur geändert. Ging voll in die Hose und konnte nur durch stärkste Modifikation meinerseits gerettet werden. Ich vertraue maximal noch dem Bielefelder Backpulver, alles andere kloppe ich in die Tonne.

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    1. Sie waren in der Tat ziemlich gut, ein grobporiger, fluffiger Teig tendentiell. Weil sie so flach geworden sind, ein wenig arg rösch, aber das ist in Ordnung. Und dabei kam in diesem Rezept gar kein Bielefelder Tütchenzeug zum Einsatz. Ich glaube mittlerweile, denen fehlt bloß die Brotbackexpertise.

      Gefällt 1 Person

  2. Sooooo schlecht sehen die Brötchen doch nicht aus 😉 Meine ersten Versuche waren lecker aber auch ein wenig platt. Seit dem lege ich die Teiglinge so dicht, dass sie zwar noch ein wenig Platz haben, aber fast nur noch nach oben wachsen können – hauptsache lecker 😀

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    1. So behelfe ich mir auch, wenn ich Brötchen backe. Obwohl ich sehr selten Brötchen backe und das hier Mohnzöpfe werden sollten. Ich war wohl am Ende ein wenig zu verzweifelt. Wir haben hier aber noch einen Bäcker, der das mit den Brötchen ganz gut kann. Dem gönne ich also den wöchentlichen Verdienst an meinem Brötchen.

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  3. Sind das solche Klöße wie im Skiurlaub? Die sehen einfach köstlich aus!
    Wenn du Lust und Zeit hast bei mir vorbei zu schauen würde ich mich riesig freuen! 🙂
    Liebe Grüße Carla! 🙂

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    1. Nein, das wären Germknödel (oder Hefeklöße, wie der Hochdeutsche zu sagen beliebt). Die werden im Wasserdampf gegart (und fallen gelegentlich zusammen, weshalb ich lieber Dampfnudeln mache). Das hier sind am Ehesten noch Baby-Ekmek, wie ich heute gelernt habe. Dennoch danke für das Lob. 🙂

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  4. Zeilenende, wir müssen reden!
    Mich beschleicht das Gefühl, dass hier immer Freitags inflationär gebacken wird. Gerade Freitags aber habe ich organisatorisch kaum Zeit zum essen, weswegen derartige Beiträge mit absoluter Gewissheit gegen die Menschenrechte verstoßen!
    Ich will solche Beiträge zukünftig Samstag-Vormittag 😀

    Lass es dir schmecken 😉

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    1. Es ist immer Freitag, ja. Und das, weil du organisatorisch kaum Zeit zum essen hast und ich mal wieder so richtig hemmungslos gegen die Menschenrechte verstoßen kann. Aber wenn du mir einen anderen Tag nennst, auf den gleiches zutrifft, könnte ich gern auch mal zwei Rezepte pro Woche … 🙂

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  5. Boahhh, essbare Flugscheiben und dann noch promovierte. Da muss frau sicher nur aufpassen, dass sie während des Fluges nicht allzu oft abbeißt, sonst wird es am Ende eine Bruchlandung – trotz oder sogar wegen äußerst guter Verpflegung. Aber wie ich lese, sind sie alle verputzt. Da sieht man mal wieder, dass Aussehen eben doch nicht das Wichtigste ist. Die inneren Werte machen’s 😉

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