Wenn in der Küche ein Rezept herumliegt, heißt das nicht, dass man sich daran halten müsste. Nein, es fordert mich geradezu zum Ungehorsam heraus. Sei es aus Verzweiflung, aus Vergesslichkeit oder mit Absicht. Ein Rezept, das ich nicht abwandele, ist ein schlechtes Rezept. So wie dieses für Nuss-Zopf.

Ich bin kein Revolutionär, aber doch ein Revoluzzer. Zumindest rede ich mir das ein ums andere Mal ein. Das ist sehr notwendig, weil ich mir andernfalls eingestehen müsste, dass ich alt und konservativ werde. So geht es allen Linken. Otto Schily war früher bei den Grünen, ging dann zu den Sozialdemokraten und vertrat dort eine innenpolitische Linie, die jeden Innenminister der CDU vor Neid erblassen ließ. Oswald Metzger begann zwar bei der SPD, schloss sich dann aber den Grünen an, um schlussendlich bei der CDU zu landen. Oskar Lafontaine ist zwar theoretisch parteipolitisch nach links gerückt, hört sich aber verdächtig nach einem Rechtspopulisten an. Vielleicht hat er nur Husten, mit dem hat er Sarah Wagenknecht angesteckt.

Revoluzzer zu sein heißt, den ein oder anderen alten Zopf wenn nicht ab- so doch einzuschneiden. Nusszopf ist wirklich ein alter Zopf. In den Auslagen von Bäckereien fand man ihn wahrscheinlich schon vor der Erfindung des Backofens. Ich fürchte zudem, dass manche dieser Nusszöpfe auch seit dieser Zeit in den Auslagen mancher Bäckerei liegen. Genießbar sind diese Elemente lediglich, weil sie mit massenweise Zuckerguss getränkt sind.

Das habe ich zum Anlass für mein Revulotiönchen genommen. Revolutionen für Revolutionäre, Revulotiönchen für Zeilenende. Weder zu verwechseln mit Ravioli-Tönnchen (das ist die Familienpackung der bekannten Ravioli-Dosen) noch mit Radi-Tönchen (Das ist nur was für die Älteren), sondern eben eine kleine Revolution. Denn ich wage es, einen Nusszopf zu backen, der zwar nicht sehr lang haltbar ist, aber in dem das Produkt nicht nur Feuchtigkeit aus Zuckerguss bezieht. Und in dem ein Zopf eingeschnitten wird. Wir erinnern uns.

Unser Revulotiönchen beginnt mit einer Füllung. Die sogleich dreifach abgewandelt wird.

  • 100g gemahlene Haselnusskerne
  • 100g Marzipanrohmasse
  • 1 Ei
  • 30g Zucker
  • 1 Päckchen Vanille-Zucker
  • 1 Beutel Rum-Aroma 2cl Jamaica-Rum

Ich liebe Rezepte, in denen Markenprodukte angegeben werden … nicht. Nungut, ich weiß, dass beim Doktor Bielefeld solche Dinge an der Tagesordnung sind. Backpulverin und Speisestärkein lässt sich ja problemlos übersetzen. Doch es stellt sich die Frage, was es mit Rum-Aroma im Beutel auf sich hat. Im Supermarkt gab es das nicht.

Eine kurze Recherche ergab keine Treffer und andere Rezepte im Buch kennen auch das berüchtigte Rum-Aroma in Flaschen. Da Zeilenende nur wenige Backzutaten mehr verabscheut als das Rumaroma in der Flasche, greift er kurzerhand zur Pulle und will seinen Frust ertränken. Er entkorkt die Flasche und stellt fest, dass es nach Rum riecht. Der Tag ist gerettet, wir ersetzen den Beutel Rumaroma durch ein Schnapsglas voll echten Rums. Und wo wir schon einmal dabei sind, streichen wir den Vanille-Zucker. Aus Gründen, die sich gleich aufklären werden.

Alle Zutaten wandern zusammen in eine Schüssel und werden … Nunja, das Rezept sagt: verrührt. Das ist bei Marzipan keine gute Idee. Es sei denn, man hat einen Food Processor (um die Doppeldeutigkeit des Wortes Mixer zu vermeiden). Also verknete man alle Zutaten. Und röste die Haselnüsse vorher an. Wenn man es nicht so macht wie Zeilenende. Der las die Anweisung „Haselnüsse anrösten und abkühlen lassen“ erst, als der Zopf eigentlich schon auf dem Kaffeetisch stehen sollte und dementsprechend keine Zeit für solch einen Schnickschnack mehr hatte.

Bis hierher waren wir schon revulotiönchenär. Doch seht erst, was ich mit dem Teig anrichtete, nachdem ich den Ofen eingeschaltet hatte, um ihn auf 170° Ober-/Unterhitze vorzuheizen:

  • 300g Weizenmehl
  • 1 Päckchen Backpulver
  • 150g Magerquark
  • 6 EL Milch
  • 6 EL neutrales Öl (möglichst zum Verzehr geeignet)
  • 75g Zucker
  • 1 Päckchen Vanille-Zucker
  • 1 Fläschchen Butter-Vanille-Aroma
  • Salz

Ich brauche gelegentlich Vanilleschoten zum kochen oder backen. Wenn die ausgekratzte Schote nicht gerade in heißer Milch ausgekocht wird, wandert sie kleingeschnitten in eine Plastikdose, die ich regelmäßig mit Zucker befülle und so meinen eigenen Vanillezucker herstelle. Das hat gleich zwei Vorteile: Der ohnehin stets gut gefüllte Biomüll quillt nicht über (Kompostieren ist meine Sache nicht) und ich kann dieses Rezept abwandeln.

Vanillin-Zucker schmeckt, großzügig eingesetzt, hinten heraus bitter. Das ist nicht nur widerlich, das ist abartig. Da dieser Teig ohnehin mit Vanillearoma versorgt werden soll, ersetzt Zeilenende, der Revoluzzer, einfach den kompletten Zucker durch Vanillezucker. Die Butter-Vanille darf dennoch mit in den Topf. Im Unterschied zu Rumaroma mag Zeilenende das Butter-Vanille-Aroma. Es liefert neben dem Vanille- nämlich auch Butter-Aroma. Und Butterzugabe ist nach Zeilenendes Erfahrung im Falle von Quark-Öl-Teigen keine gute Idee. Dann müssen sie zu lang geknetet werden.

Apropos kneten: Man mische das Mehl mit dem Backpulver, werfe alle weiteren Zutaten in die Schüssel und bearbeite den Teig möglichst rasch. Ich gehe meist kurz mit dem Handmixer durch den Teig und knete kurz per Hand, bis sich eine Kugel bildet. Dann bestäube man seine Arbeitsplatte und rolle eine Teigplatte von ca. 35×40 cm aus. Zeilenende benutzt, das ist der Unterschied zwischen Revoluzzer und Revulotionär ein Maßband als Hilfsmittel. Aber, so viel Anarchie muss sein, er vergisst das Salz im Teig.

Dies geschafft, wird es Zeit, die Füllung auf dem Teig zu verteilen. Da stand im Rezept etwas von „am Rand jeweils 1 cm Platz lassen“. Dummerweise hatte ich mein Maßband wieder eingepackt und die Füllung war zu widerspenstig, als dass sich dieser Wunsch des Rezepts erfüllen ließ. Also ließ ich Anarchie walten und rollte den Teig anschließend auf. Nun kam der magische Moment, das eigentliche Revulotiönchen: Der Teig wurde der Länge nach durchgeschnitten.

So lag er vor mir, leidend. Auch ein Revulotiönchen kommt nicht ohne Opfer aus. Traurig, aber wahr. Doch ich hatte eine Mission: Kuchen für die Kaffeezeit. Da konnte ich keine Rücksicht auf einzelne Befindlichkeiten nehmen. Rasch die Stränge auf einem Backblech ineinander verflochten und für 45 Minuten in den Ofen. Ggf. nach der Hälfte der Backzeit abdecken und sich an diesem beeindruckenden Vorher-Nachher erfreuen.

Wer nun mag, kann den Nuss-Zopf noch mit Zuckerguss überziehen oder, so wie ich, aprikotieren. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt und ich will euch ermutigen, euch gegen meine kleine Anleitung aufzulehnen. Außer gegen die letzte Anweisung: In Stücke schneiden und mit einer großen Tasse Kaffee zusammen genießen.

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45 Kommentare zu „Back-Revulotiönchen: Nusszopf abschneiden

      1. Ich nehme mir vor, meine Revolution zu revolutionieren und es umzusetzen. Ob ich mich anschließend zu meinem potentiell kläglich gescheiterten Revolutionsversuch bekenne oder ganz revolutionär den Mantel des Schweigens darüber ausbreite, weiß ich allerdings noch nicht 😀

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  1. Großartig! Ich unterschreibe alles, was du sagst. Meine Rezepte sollen ja auch immer nur als Anregung gelten und nicht stur genauso als Vorlage genommen werden. Heißt aprikotieren einfach nur mit warmer Aprikosenmarmelade bepinseln? Habe keine Lust auf google 😉 Vanille hab ich immer ein Päckchen gemahlene Vanille hier. Das ist auch fein und hält ewig.

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    1. Genau, aprikotieren ist das Überziehen mit heißer Marmelade. Dafür kann man Aprikosenmarmelade nehmen, weil die süß ist, aber nicht viel eigenen Geschmack hat. Ich nehme auch gern Apfelgelee, wenn ich es da habe. Wenn es zu den übrigen Aromen passt, kann man aber auch gut Johannisbeergelee nehmen.

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    1. Diese zigmillönchen Öle und Essige kann man trotzdem im Schrank haben. Hier stehen nach aktueller Zählung acht verschiedene Öle (aber das sind vor Allem selbst angesetzte Kräuteröle) und immerhin drei Essige (da bin ich wählerisch) herum. 🙂

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      1. Das ist ja recht wenig in Vergleich zu dem was oft in den verschiedenen Rezepten verlangt wird. Ich habe noch von früher, wo ich mich strikt an alles gehalten habe noch so Leichen rumstehen, die ich nicht wirklich oft zu verwenden weiß… Lg

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      1. Weißbier ist vor Allem in Bayern und Österreich verbreitet … Bei den Bayern gab es mal eine sehr kurze Phase der Räterepublik, ansonsten tut sich da revultionär doch sonst gar nichts. Da kommt doch eher die Reaktion her. ^^

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  2. Was Vanille betrifft schwöre ich ja auf die reine Bourbon Vanille aus dem Bioladen. Zum backen, zum kochen, in Heissgetränke, in Sahne, auf Desserts…. Das Pulver an sich ist ja schon toll – aber die kleine Minimühle, in der es sie mittlerweile gibt, ist einfach genial! Frisch gemahlene Vanille…..mmmmmmmmhhhhhhhhh……

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    1. Ja, so eine Vanillemühle ist praktisch. Hab ich auch drüber nachgedacht. Aber wenn ich Vanille brauche, dann meistens in großer Menge und oder ohnehin in Verbindung mit Zucker. Und bei Vanille in herzhaften Speisen … Ich bin nach wie vor skeptisch. *g*

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      1. Dann machst Du halt ein paar Umdrehungen mehr mit Deiner Vanillemühle (^________^)

        Mal abgesehen davon, das man davon weniger braucht als die Unmengen, die mit qualitativ nicht so guter ( oder wer weiss was das heutzutage ist bzw. damit gemacht wurde….z.B. werden synthetische Kristalle aufgesprüht, die für eine gute Quali sprechen sollen….hm….. ) Vanille benötigt werden.

        Und zu herzhaften Speisen gibt man sie in der Regel nur wenn sie orientalisch angehaucht sind 🙂

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  3. Radi-Tönchen? Das ist wirklich nur was für die ganz Alten. Der Gesichtsausdruck, die ausgeklügelte Performance, was für ein Kulturschock zum zweiten Frühstück!
    Wie du deine Rezepte präsentierst, finde ich allerdings extrem unterhaltsam, Danke dafür!
    Falls ich mich irgenwann aus meiner Koch- und Back-Lethargie befreien kann, werde ich es einmal mit nem Revoluzzer-Zopf versuchen… 😉

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      1. Ich wollte kurz vor dem Rezept zu lesen aufhören, entschied mich dann aber eines besseren weil ich wissen wollte, ob das Rezept genauso lustig ist wie der Anfang. Isses! 🙂

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  4. Oh nein, jetzt hab ich Huuuunger – nein gelogen – Appetit trifft s eher! Und ich sehe: KEINE Hefe, das könnte ich mal versuchen. Allerdings würde ich vermutlich eher Schnecken draus machen. Die Rezepte an die ich mich nicht halte werden meist unglaublich lecker – nur stehe ich beim 2. Versuch es nochmal so lecker zu bekommen vor dem Problem, dass ich mich nicht erinnern kann, was ich anders gemacht habe.

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    1. Quark-Öl-Teig ist die nette Alternative zur Hefe … Allerdings sollte er dann auch wirklich frisch gegessen werden. Hefegebäck geht, wenn es gehaltvoll genug ist, ja ein paar Tage zu verwahren, der hier nicht. Aber es ist simpel und lässt sich genau so verwenden. Von daher: Wandel ab, wie du magst, für die Füllung kann man auch was mit Mohn oder Zimt-Zucker machen. Und was das Erinnern angeht … Ich hab grad mal einen Schnappschuss von diesem Rezept gemacht. 😉

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  5. Danke für diesen schönen, ausführlichen Text über so etwas feines wie Nusszopf.
    Übrigens bin ich ganz bei dir – Alkohol bitte nicht in diesen Aromafläschchen sondern aus der großen Pulle. Zitronen Aroma ist ähnlich überflüssig.
    Mit großer Lust auf Nusszopf grüßt dich Mitzi.

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    1. Ich finde, der Nusszopf hat einfach mehr Aufmerksamkeit verdient, wie alle Zöpfe. Wenn ich könnte, würde ich auch Zopf tragen, um mich mit ihm zu solidarisieren. *g*
      Was die Pullen angeht, bin ich immer etwas zwiegespalten. Buttervanille geht, Bittermandel finde ich sogar super (vor Allem im Joghurt *gg*) … Aber tendentiell ist die große Pulle besser. Das Problem habe ich aber immer beim Arrak: Gibt es hier nicht … Nur das Aromafläschchen. Provinz. *seufz* ^^

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  6. In aller Bescheidenheit gesagt: Ich bin total revolutionär! Indem ich nämlich genau solche Rezepte lese – und dann fresse ich Industrie-Nussrollen. *würrrrg* Tja, alles Menschliche ist unewig – selbst die Revolution geht in Verwesung über…
    Übrigens ist das ja wirklich ein super Markt, der sein Sortiment nicht mit Schweinkram wie Rum-Aroma im Beutel versaut. 🙂
    Und die Idee mit dem selbst gezüchteten Vanillezucker finde ich klasse.

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    1. Ist eine Frage vom Kosten und Nutzen. Wenn ich es gern esse, aber mit dem Backen nichts anfangen kann, warum sollte ich es tun? Ich bin leidenschaftlicher Fan von Barbecue-Sauce, aber ich brauch die immer nur in kleiner Dosis und die eigenständige Herstellung, bei der ich einen Großteil dann wegwerfe, ist mir zu aufwändig. Da nehme ich die Zusatzstoffe in Kauf. Von daher bist du kein Revolutionär sondern ein typischer Spießbürger, so wie ich auch. *gg*
      Was das Rum-Aroma im Beutel betrifft, liegt das Problem m. E. aber bloß dran, dass das nicht mehr hergestellt wird. Sonst könnte man das hier in riesigen Vorratspackungen kaufen und man nähme den richtigen Rum aus dem Sortiment. 😉

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      1. Wenn er nicht völlig vernunftresistent ist, wird möglicherweise jeder Revolutionär auf die eine oder andere Weise zum Spießbürger. 😉
        Wahrscheinlich stellt man das gebeutelte Rum-Aroma nicht mehr her, weil man es ganz einfach selber nachbauen kann (wahrscheinlich mit Nagellackentferner, Wundbenzin und Läusesekret).

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  7. Rezepte sind doch nur Ideen anderer, die auf Veränderung warten. Ich weiß gar nicht, ob ich schon jemals etwas ganz stur nach einer Rezeptvorgabe gemacht habe – außer vielleicht irgendwelche Pilleneinnahmen 😉
    Das Zöpfchen sieht wieder überaus lecker aus – echt revolutionär.

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    1. Kommt drauf an. Beim Biskuit bin ich pingelig, weil da 20g Mehl mehr oder weniger durchaus Auswirkungen aufs Backergebnis haben können. Aber Biskuit ist auch die Zicke unter den Teigen. Der Quark-Öl-Teig sollte umgekehrt nicht zu wenig Mehl/zu viel Quark kriegen. Sonst klebt er gar furchtbar. Zu viel Mehl macht ihn aber auch trocken. Ohne Waage läuft deshalb doch wenig bei mir. Aber danke für das Lob. Ich bin auch ein wenig stolz.

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