Was ist mit all den schurkischen Schurken der Disney-Geschichten geschehen, wenn man sie – wie Disney – nicht sterben lässt? Berechtigte Frage, wie ich finde. Darauf weiß Disney eine Antwort, macht ein Musical draus und schafft nebenbei ein „Disney Fairy Tale Universe“. Okay, das mag es schon vorher gegeben haben, ich kannte es aber noch nicht.

Inhalt lt. amazon.de

Von Geburt an gefangen auf der Insel der Verlorenen, der Heimat der berüchtigtsten Bösewichte aller Zeiten, haben die Kinder von Maleficent, der Bösen Königin, Dschafar und Cruella DeVil noch nie die Insel verlassen … bis jetzt. Als Mal, Evie, Jay und Carlos ins idyllische Auradon geschickt werden, um mit den Kindern der beliebten Disney-Helden zur Schule zu gehen, haben sie nur ein Ziel: die Weltherrschaft zu erlangen, wie es schon ihre Eltern geplant hatten. Wird es Maleficents Tochter Mal und den anderen rebellischen Teenagern gelingen, in die Fußstapfen ihrer niederträchtigen Eltern zu treten?

 

Rotten to the core core

Halten wir zunächst fest, dass Disney sich weiterhin weigert, die Realität anzuerkennen. Die böse Königin ist am Ende von Schneewittchen tot, darüber gibt es keine Diskussion. In „Descendants“ ist streng genommen also nur der Geist der bösen Königin anwesend. Wie dieser Geist ein Kind bekommen hat, weiß ich nicht zu erklären, aber hey: Das hier ist ein Märchen.

Die übrigen Schurken, nunja: Cruella und Jaffar sind wie die böse Königin reichlich träge geworden. Einzig und allein Maleficent hat noch Ambitionen zu herrschen. Aber sie hat bei Disney ja auch eine besondere Stellung als zutiefst missverstandene gute Fee. Während die alten Schurken also im Klischee versinken (Jaffar ist ein windiger Basarhändler – meine Vorurteilsglocke klingelte den halben Film lang), ist die neue Generation auch nicht viel besser. Sie leben im Dreck, sind weinerlich und naiv-böse. Die Söhne von Jaffar und Cruella sind zudem einmal zu oft von der Wickelkommode gefallen und schwer von Begriff. Descendants knüpft wie Merida an die neue Linie Disneys starker Frauenfiguren an: Lediglich die Tochter von Maleficent hat es so richtig drauf und klaut sogar Babys den Lolly. Klassische Parallelführung der Geschichte also. Und so sind es auch Maleficent und ihre Tochter, die über den bösen Plan sinnieren, die Bösen aus der Verbannung zu lösen.

 

Die Seite des Guten

Auradon, das vereinigte Königreich des Guten ist nicht minder klischeebehaftet als das Böse. Während die Verbannungs-Insel so wirkt wie eine heruntergekommene Industriebrache, ist Auradon piekfein, sauber, alle lächeln strahlend und sind voller aufgesetzter Freundlichkeit. Die Vergangenheit, der Schmerz, das Leid existieren nur noch als Museum, in dem sich diverse Kronen, das Spinnrad und eine Schurkengalerie sammeln. Die diversen Könige sind gewöhnliche Landadelige, die sich vornehmlich ums Repräsentieren kümmern, Die Bippedi-Bappedi-Buh-Fee leitet eine Schule und die Bewohner von Auradon haben sogar Humor: Das Biest ist König, darf aber nicht auf die Couch, weil „er haart“. Außerdem taucht die Tochter von Mulan auf, aber niemand kennt Mulan.

Dennoch hat das Gute Anziehungskraft. Der Thronfolger wird als erste Maßnahme das Böse wieder integrieren und den Nachkommen einen Platz an der Schule bieten. Er ist so durch und durch gut, dass er keinen Widerspruch duldet. Der Plan wird von allen anderen Guten mit großer Skepsis gesehen, aber sie sind alle so gut, dass sie nicht zu widersprechen wagen. Ihrem guten Bald-König wagt es keiner offen zu widersprechen.

 

Verbohrtheiten

Die Geschichte ist eigentlich ganz gut gemacht. Es wird mit zahlreichen Klischees gespielt. Es gibt Intrigen, es gibt einen Liebeszauber, der interessant gedreht wird. Wenig überraschend ist, dass die Nachkommen unter ihren bösen Alten mehr leiden als es zu genießen, böse zu sein. Andererseits weicht Disney damit das Märchenklischee auf: Dort sind die Bösen böse und müssen böse bleiben, weil es in ihre DNA einprogrammiert ist. Wenn sich die Nachkommen zum Guten wandeln können, bedeutet das im Umkehrschluss aber auch, dass Maleficent und co. Opfer ihrer Umstände sind (auch damit liegt der Film auf der Linie von Maleficent) und gar nicht so böse sein können, wie ihnen manchmal unterstellt wird.

Genau genommen ist Disney in den Descendants recht sozialkritisch. Die eigentlichen Schurken in diesem Stück sind die verbohrten Erwachsenen von Auradon. Während die Kinder nach und nach lernen, einander zu verstehen, weigern sich die Erwachsenen zu sehen, dass die Kinder anders sind als ihre Eltern. Sie nehmen die „Kleinen“ in Sippenhaft, sind ungerecht und das „aufglimmende Lichtlein des Guten“ droht durch diese Borniertheit zu ersticken. Das wird zwar explizit gezeigt, aber nicht mit dem Holzhammer inszeniert und in den Mittelpunkt gestellt, weil es nicht story-entscheidend ist. Dennoch hat mich diese Wendung in der Geschichte erstaunt. Ebenso wie der Umgang mit der Liebeszauber-Geschichte.

 

Musik, Musik, Musik

Descendants ist „nur“ ein Fernsehfilm, ein Disney Channel Original Movie. Man sollte von diesem Film keine allzu großen Wunder, aufwändige Effekte, etc. erwarten. Schauspielerisch wissen alle Darsteller zu überzeugen und arbeiten solide, die Kulissen und Effekte sind nicht so hochglanzpoliert wie in einer Kinoproduktion, aber wirken auch nicht billig. Was mich allerdings wirklich überrascht hat, ist die Qualität als Musicalfilm.

Zugegeben, ich kenne High School Musical und Konsorten nicht, sondern habe nur (schlechtes) darüber gehört. Wenn die Disney-Musikfilme immer so sind wie Descendants, dann muss ich mir die übrigen doch einmal anschauen, vielleicht ist Descendants auch nur eine Ausnahme, das überlasse ich dem kundigen Publikum. Wir haben hier einen Film, der sich an diverse Musicals anlehnt, die Musiknummern und Choreographien erinnerten mich unter Anderem an West Side Story und Cabaret. Lediglich die letzte Nummer ist poppig, aber auch hier besteht Anlehnung: Das letzte Lied könnte inklusive Choreographie auch bei Grease, Dirty Dancing oder Flashdance geklaut worden sein.

 

Fazit

Spaßige Unterhaltung mit einigen überraschenden Entwicklungen. Es ist ein Disneyfilm, es ist ein Fernsehfilm und von daher sollte man nicht überrascht sein, dass man als Zuschauer bereits nach 10 Minuten weiß, wie der Film ausgeht. Dennoch wird man auf dem Weg dorthin zwei bis drei Mal überrascht. Sehenswert ist er aber vor Allem natürlich wegen der Gesangsnummern – und meiner ganz persönlichen Meinung nach wegen der harmlosen kleinen und dennoch irre lustigen Nebengeschichte um den Sohn von Cruella DeVil. Ich bin verdorben bis ins Mark, Mark genug, um den Film zu mögen.

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5 Kommentare zu „Besprechung: Descendants – Die Nachkommen

    1. *hust* Mir fiel er ehrlich gesagt bei der Arbeit in die Finger. Ich fand die Idee super, mag Disneyfilme, war dann erst etwas enttäuscht und dann hat der Film mich doch positiv überrascht.

      Und eigentlich bin ich eine Glitzerprinzessin. Aber pssst. 😉

      Gefällt 3 Personen

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