Manche Dinge können nicht bleiben, wie sie sind. Nicht für immer. Und so liegen Fröhliches und Trauriges oft dicht beisammen. Fröhliches: Eine Aufwertung meiner Kochbuchsammlung. Trauriges: Das Ende einer Selbstständigkeit.

Unsere Nachbarin H. ist eine Marke für sich. Mitte 80, gelernte Modistin. In der Welt daheim, kein großer Bezug zum Zuhause. Beruflich in Paris und London, Italien und der Sowjetunion unterwegs gewesen, schließlich aus der großen Stadt wieder in die Heimat zurückgekehrt, verbrachte sie ihren Lebensabend hier quietschvergnügt. Morgens ging es mit dem Zug in die benachbarte Kreisstadt zum Bummeln und Kaffeetrinken. Die Kellnerin ihres Stammcafés brachte sogleich die Tasse, wenn sie sich an ihrem Platz niederließ.

Irgendwann waren die täglichen Fahrten zu beschwerlich, doch auch im Dorf gab es Cafés und Leute, die man treffen und beobachten konnte. Sie brachte zunehmend Dinge durcheinander, der Gefrierschrank war manchmal gut gefüllt mit zahllosen Paketen Grünkohl, obwohl sie nicht einmal kochen konnte. Das hatte ihr Mann übernommen, es war ein wichtiges Kriterium ihn zu heiraten, wie sie gern erzählte. Ihr Mittagessen kam immer aus der Metzgerei. Warum auch selbst kochen, wenn jemand anderes es zu einem guten Preis besser konnte?

H.s Kräfte ließen nach, verwechselte mich schon einmal mit meinen Brüdern. Wenn sie wusste, wer ich war, konnte sie sich nicht daran erinnern, dass ich mit dem Studium fertig war. Dass sie meinen Studienort verwechselte konnte man ihr nachsehen. Viele Menschen bekommen den Unterschied zwischen Marburg und Magdeburg nicht auf die Reihe. Und munter war sie dennoch. Einmal begegnete ich ihr, da war sie auf dem Weg von einem Café zum Anderen. Sie erklärte mir: Den ganzen Tag im gleichen Café ist langweilig. Vormittags trinke sie dort Kaffee und Nachmittags komme sie hierher, trinke einen Kakao und beobachte die Menschen beim Einkaufen.

H. führte eine glückliche Existenz. Das Erinnerungsvermögen ließ nach, aber sie war nicht verwirrt. Körperlich ging es immer so einigermaßen. Das Knie … Sie humpelte, scheute aber die Operation. Wer wüsste schon, ob sie aus der Narkose wieder aufwachen würde? Lieber das Leben genießen. Bis zu dem Tag, als es nicht mehr ging, die Schmerzen zu groß wurden und feststand: Das Haus kann sie nicht mehr halten. Zugang nur über Treppen, enge Türen, selbst mit dem Rollator nur im Haus wäre Selbstständigkeit unmöglich.

H. lebt jetzt im Heim, hat mit ihrer offenen, neugierigen Ort sofort Freundschaft geschlossen. Dass sie ihr ganzes Leben lang gereist ist, kommt ihr zugute. Sie fühlt sich wohl, wo sie ist. Sie muss sich noch nicht einmal mehr darum kümmern, dass sie das Essen kaufen muss. Sie hat das Heim ganz spontan als neue Heimat akzeptiert, obwohl ihr nicht ganz klar ist, dass sie im Heim ist. Aber sie fragt nicht, wann sie nach Hause könne. Zu Hause ist jetzt dort. Im Heim.

So gesehen ist das eine schöne Geschichte. Ich habe oft erlebt, wie alte Menschen sich nicht damit abfinden konnten, so abgeschoben, aus ihren gewohnten Kontexten herausgerissen und verpflanzt zu werden. H. brachte gute Voraussetzungen mit. Doch das ist eigentlich gar nicht die Geschichte. Denn obwohl H. nicht kochen konnte, hat sie mit Leidenschaft Kochbücher gesammelt. Sie sagte immer: „Ich kann zwar nicht kochen, aber ich kann dir genau sagen, wie es geht. Warte einen Augenblick, ich zeig dir das Rezept.“

Als Sohn und Schwiegertochter mit der Auflösung des Haushalts begannen, wartete dort auch ein Konvolut Kochbücher. Echte Schmuckstücke. Einiges dabei, was man wahrscheinlich nicht mehr brauchen kann, aber auch einige wunderbare Sachen. Ich weiß nicht so recht, ob ich mich über die Neuzugänge freuen soll. Andererseits hat H. ihre Kochbücher geliebt. Ich kann mir gewiss sein, dass sie bei mir in guten Händen sind.

 

Die Standardwerke

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  • Maria Hofmann: Bayerisches Kochbuch. 39. Auflage. München 1969.
  • Paul Bocuse: Die neue Küche. [La Cuisine du Marché]. Deutsche Erstausgabe. Wien/Düsseldorf 1977
  • Gaston Lenôtre: Das große Buch der Patisserie. [Faites votre pâtisserie & Faites votre glaces et votre confiserie].Wien/Düsseldorf 1978.
  • Auguste Escoffier: Kochkunstführer. [Le Guide Culinaire]. Gießen 1964.

 

Die Länder- und Regionalküchen

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  • Elek Magyar: Ungarische Küche aus erster Hand. o. O. 1978.
  • Valesca Hagen: Die russisch-baltische Küche. Berlin 1978.
  • Uschi Schumacher: Das Bergische Kochbuch. Gummersbach 1978.
  • Redaktion „essen & trinken“: Unvergessene Küche. Die schönsten Rezepte aus den deutschen Landschaften. Hamburg 1979.
  • Joseph Wechsberg: Die Küche im Wiener Kaiserreich. Lizenzausgabe. Stuttgart 1983.
  • Helen und George Papashvily: Die Küche in Russland. 6. Auflage. o. O. 1978.

Gerade die beiden letzten sind sehr schön, weil sie sich auch mit der Küche beschäftigen und nicht nur Rezepte liefern.

Was sonst noch so zu finden war

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  • Pamela Dotter: Grundkurs Einmachen. Ravensburg 1981.
  • Ceres-Verlag Rudolf-August Oetker KG Bielefeld (Hrsg.): Plätzchen, Konfekt und Petit fours. Bielefeld 1982.
  • Corrie H. van Donselaar-Dijksterhuis (Hrsg.): Großmutters Kochbuch. Glarus 1979.
  • Ceres-Verlag Rudolf-August Oetker KG Bielefeld (Hrsg.): Backen macht Freude. 21. Auflage. Bielefeld 1963.

Letzteres hätte man auch getrost als Standardwerk listen können. Ich habe es allerdings aus einem anderen Grund mitgenommen: Ich habe eine Ausgabe von Anfang der 90er, aus der ich nach und nach alle Rezepte ausprobiere. Das hier wollte ich zu Vergleichszwecken haben: Welche Rezepte sind neu, welche sind gegangen, welche haben sich verändert?

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17 Kommentare zu „Neue Schätze

  1. KLar kannst du dich freuen. Damit integrierst du einen kleinen Teil des Lebens von H in dein Leben, wirst vermutlich immer einmal Inne halten, wenn du nach einem dieser Kochbücher greifst und dich an sie erinnern, auch, wie sie sich gelassen in ihre letze Lebensphase fügte.
    Und wir dürfen uns auf leckere neue alte Rezepte bei Zeilenendes freuen.

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  2. Ich finde auch, dass es schön ist. So denkst du immer an die alte Dame, wenn du eins der Kochbücher in die Hände nimmst. Und was sind das für tolle Bücher 🙂 Ich bin ein wenig neidisch, weil es bestimmt unglaublich spannend ist, darin zu schmökern. Gerade im Vergleich zu neuen Ausgaben hat sich das ein oder andere bestimmt grundlegend verändert. Viel Freude damit und ich erwarte eine neue Rubrik 😄 „Zeilenende kocht sich durch Frau H.s Kochbücher“

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    1. Das Schlimme ist ja eigentlich: Beim Kochen halte ich mich im Unterschied zum Backen ja eigentlich gar nicht an Rezepte. Nur so manchmal. Ich improvisiere eigentlich immer frei darüber. Deshalb poste ich normalerweise Kuchen. *g* Aber das Bayerische Kochbuch … Es grinst mich so verdammt an. „Zeilenende kocht Innereien aus Frau H.s Kochbüchern“ wäre bestimmt der Bringer. *gg*

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  3. Ganz normal, dass doch die Bücher noch ein wenig traurig machen weil sie dich an die reizende H denken lassen.
    Ich bin mir aber sicher, dass sie dich aus dem gleichen Grund auch glücklich machen werden. Sie sind eine tolle Erinnerung!
    Und viele der darin enthaltenen Rezepte zeitlos.

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    1. Und selbst wenn manches so nicht mehr zu gebrauchen ist … Ne Alternative habe ich eigentlich immer zur Hand, um das Rezept behutsam „auf Vordermann“ zu bringen. Obwohl das Geschmackssache ist. Aber ehrlich gesagt: Ich habe beim Wühlen darüber nachgedacht, was mal aus meinen Kochbüchern wird.

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  4. Schön die Kurve gekriegt. 🙂
    Kitschig friedefreudeeierkuchig – dass es fast nicht auszuhalten gewesen wäre. Nachbarin H. und die Kochbücher – sie alle haben einen Platz gefunden, an dem sie gut aufgehoben sind. Happy End! Bilderbuch! Hurrahurrahurra! So hätte es erzählt werden können.
    Ich bin dankbar für die Zwischentöne, die hier mitschwingen. Für mich fügen sich diese Zwischentöne letztlich zu einem eigenen Akkord zusammen. Sie haben ihre eigene Botschaft von aufgeschoben/aufgehoben. Was aufgehoben wurde, lässt sich weitergeben. Vielleicht sogar in Würde, im besseren Fall. Im weniger guten Fall wäre es weggeworfen worden – und jemand hätte es wieder aufgehoben. Vielleicht.
    Was aufgeschoben wird dagegen, dafür kann es eines Tages zu spät sein. Ungelebtes Leben lässt sich nicht aufheben und weitergeben. Aufgehobene Kochbücher und die Erinnerungen an gelebtes Leben dagegen schon. 🙂

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    1. Wegen der Zwischentöne habe ich mir auch das Recht herausgenommen, es eierkuchig zu machen. Für mich sind solche Geschichten nämlich immer ganz furchtbar. Und so problemlos läuft es … nie wäre übertrieben … selten ab. Ich habe es noch nicht oft erlebt. Und ja … Irgendwie sind selbst die Kochbücher ein Symbol fürs Leben … Genuss … Ohne selber kochen zu müssen. Deine Pointe gefällt mir, die habe ich selbst zumindest bewusst nicht gesehen.

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      1. Es ist ja auch im besten Fall eine Zäsur. Das lässt sich nicht schönreden. Und manchmal ist es ein gewaltsamer Eingriff – als risse man einen Baum fast ohne Wurzeln aus. Und dann wundert man sich, wenn er am neuen Standort verkümmert. Und selbst wenn es einigermaßen friktionsfrei abläuft – man sieht ja doch nur die Außenseite (oder höchstens mal die Innenseite der Außenseite). Aber wie sieht’s weiter innen in den Menschen aus?

        Ob bewusst oder nicht: Die Pointe war für mein Verständnis jedenfalls irgendwo zwischen den Zeilen eingewebt . 🙂

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    1. Ein bisschen sehr. Ich habe dieses Bild 3x gemacht … Und die … tolle … Smartphonekamera, die angeblich besser ist als meine alte, hat es kein einziges Mal scharf hinbekommen. Das war der Augenblick, wo ich rumpelstilzchenmäßig durchs Zimmer gehüpft bin und dann zu erschöpft war, um es noch einmal zu probieren.

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