Die Besprechung der ersten Staffel Homeland endete mit der Gretchenfrage aller Dan-Brown-Schüler*innen. Für die zweite Staffel gilt: Nicht in die Dan-Brown-Falle gelaufen, sehr gut gemacht.

Inhalt lt. amazon.de

Der Marine-Sergeant und vermeintliche Kriegsheld Nicholas Brody ist inzwischen Kongressabgeordneter. Ex-CIA-Agentin Carrie Mathison, die Brody verdächtigt ein Schläfer von al-Qaida zu sein lebt nun bei ihrer Familie und versucht, mit ihrer Krankheit klarzukommen. Die Gefahr eines neuen und potenziell verheerenden Terroranschlags bringt Brody und Carrie jedoch wieder zusammen und erneut geraten die beiden in ein heikles Spiel von Täuschung, Verdacht und Verlangen.

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Quelle

 

Sympathie für Figuren? Braucht man nicht

Homeland baut sukzessive alle Sympathien für einzelne Charaktere ab, am Ende kann man unter Schrecken zu der Erkenntnis kommen, dass Brody, der gewesene Terrorist, der gottverdammte Bösewicht, wahrscheinlich die sympathischste Figur ist.

Die Chefetage der CIA ist ohnehin ein Hort für moralischen Abschaum (nennen wir es doch beim Namen) und Carrie nervte schon in der ersten Staffel durch ihre Alleingänge, die in der zweiten Staffel unerträglich werden. Wir lernen in der zweiten Staffel auch einen jungen Mann kennen, hinter dessen unschuldigem Milchgesicht sich vielleicht ein verletztes Kind verbirgt, aber in jedem Fall ein ausgewachsener Psychopath mit keinerlei Verständnis für richtig und falsch. Ein Hinweis, dass die Nähe zur Macht etwas ist, das man lernen muss.

Besonders enttäuschend für den Zuschauer auf der Suche nach Identifikationsfiguren ist wohl Saul. An ihn konnte man sich klammern. Saul war der liebe, nette, einzig anständige Onkel in der CIA, der sich mit seinen Chefs angelegt und Carrie beschützt hat. Aber wenn man es recht bedenkt, weiß man nie so genau, welche Funktion er bei der CIA hat und was er da genau macht. Und das ist die Denkfalle, in die die Macher der Serie den Zuschauer sehr gekonnt laufen lassen. Weil man nicht sieht, was er tut, denkt man, er sei so wie er wirkt. Aber dann dämmert die Erkenntnis, dass er keinen Deut besser ist als alle anderen und die Schlüsse über Saul einzig darauf basieren, dass man eben nicht so genau weiß, was er tut. Saul ist für die Zuschauer das, was die CIA insgesamt für alle – Politik wie Öffentlichkeit ist: eine Sphinx.

 

Terrorismus oder die wahre Gefahr für den Westen

Die zweite Staffel von Homeland bedeutet den Abschied von einem Charakter, den man potentiell hätte lieb gewinnen können und das Unbehagen der ersten Staffel wird im Verlaufe der zweiten Staffel zu einem ganz miesen Gefühl. Dazu trägt viel bei:

Seien es die naive Vertrauensseligkeit der politischen Eliten, die sich von Patriotismus blenden lassen, sei es die CIA, die Gott spielt und sich der gleichen Mittel bedient wie die vermeintlichen Terroristen. Sie wähnen sich auf der guten Seite, weil sie ihre Motive für lauter halten, doch das gleiche tun die Terroristen auch. Terroristen, zumindest die islamistisch motivierten, erheben aber nicht den Anspruch, Menschenrechte zu verteidigen. Es deprimiert, mitanzusehen, wie die Werte, die es zu verteidigen gilt, von eben diesen Verteidigern mit Füßen getreten werden.

Die CIA, ja. Die CIA lässt sich auf schmutzige Deals ein. Zugegeben, die Öffentlichkeit muss von solchen Deals nicht immer unterrichtet werden, aber die Öffentlichkeit entsendet zu diesem Zweck Abgeordnete, dass sie ihre Interessen wahrnehmen. Die Entscheidungen, die der Geheimdienst trifft, hat in politischen Fällen nicht der Geheimdienst zu fällen, dies müsste Aufgabe der Politiker sein.

Der Staat im Staat, so könnte man es nennen. Und das Unbehagen über die CIA wächst von Folge zu Folge. Jeder Schlag gegen die CIA vermittelt dem Zuschauer ein gutes Gefühl. Was tückisch ist, denn die Schläge gegen die CIA sind zugleich ein Schlag gegen die Ordnung, die die CIA eigentlich schützen sollte. So wird der Zuschauer von Dilemma zu Dilemma getrieben, denn wie reagiert unser liebster Geheimdienst? Er zeigt, dass er sich live in jedes öffentliche und auch private Überwachungssystem einschalten kann. Er ist potentiell allgegenwärtig, immer auch potentiell den Menschen auf der Spur, die er eigentlich beschützen soll.

Im Finale scheitern die Entscheidungsträger bei der CIA mit ihrem besonders perfiden Plan. Es tut gut zu sehen, dass sie damit nicht durchkommen. Die Tatsache, dass sie dies ernsthaft geplant hatten, bleibt dennoch ein Schlag in die Magengrube des Zuschauers. Es wird deutlich, was passiert, wenn man den Begriff der Schuld nicht auf Taten beschränkt, sondern wir dem Staat und seinen Institutionen inquisitorische Macht geben, eben nicht nur Taten zu bestrafen (auch die Lüge ist eine Tat, deshalb ist die Leugnung der Shoa zurecht ein Straftatbestand) sondern auch Einstellungen oder Pläne – selbst wenn von diesen Plänen abgesehen wird. Ein Mensch, der aus unserer Sicht falsche Absichten und Pläne hatte, diese aber nicht umgesetzt hat, macht sich vielleicht moralisch schuldig, aber zur moralischen Schuld gehört auch die Chance auf Besserung. Wer das vergisst, das zeigt die zweite Staffel von Homeland sehr deutlich, macht sich nicht besser als islamistische Attentäter.

 

Fazit

Wer sich einmal so richtig in seiner Abscheu der Welt gegenüber suhlen will, wer sowohl Terrorismus als auch die Bekämpfung desselben so richtig blöd findet, der sollte zugreifen. Homeland bietet nicht nur das Potential, das eigene Wertegerüst gründlich zu erschüttern, die zweite Staffel tut es … Und endet natürlich mit einem Cliffhanger, damit man sich auch die dritte Staffel anschaut.

 

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6 Kommentare zu „Besprechung: Homeland – Staffel 2

  1. Es gibt diese gefährliche Redensart vom Zweck, der angeblich die Mittel heiligen soll. Der Glaube daran, im Verbund mit der Überzeugung, dass es ganz schachfigürlich schwarzweiß gesehen „die Guten“ und „die Bösen“ gebe, ist immer eine gefährliche Mischung.

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