Hinzu kommt, dass ich diesen Monat ein Jahr Stuttgart hinter mich gebracht hat. Und wenn ich auf dieses Jahr zurück blicke, hat sich so viel für mich geändert, dass ich alte und neue Prioritäten einmal gründlich sortieren muss. (Zum Jubiläumsbild „Ein Jahr Stuttgart“)

Mittlerweile sind es 13 Monate, die ich in Stuttgart lebe und einen neuen Job habe. Der erste „richtige“ Job, der mir mit nur einem Arbeitsvertrag ein Auskommen inklusive eigener Wohnung ermöglicht. Der Umzug nach Stuttgart und die Arbeitsstelle hat so einige Umbrüche mit sich gebracht. Ich musste Arbeit, Haushalt, Sport, Freizeit Social Media Aktivitäten in ein neues Gleichgewicht bringen, eine neue Stadt kennen lernen, Freunde finden und noch einiges mehr.

Im Laufe des Jahres habe ich einiges „geschafft“. Ich habe viel gearbeitet, viel gelernt, viel erlebt. Ich habe viele neue Leute kennen gelernt, ich habe meinen Körper geändert (der Weg zum Wunschgewicht ist hier beschrieben, mit Links zu weiteren Artikeln), unglaublich viel fotografiert, gelesen, gesehen und nicht zuletzt den Podcast mit dem Aushilfsjedi in die Welt gerufen … Oder vielmehr: Er hat ihn ins Leben gerufen.

Damit sind wir schon am kritischen Punkt angelangt. Ich habe im Laufe des Jahres gemerkt, dass ich nicht alles tun kann, was ich will, zumindest nicht sofort. Der arme Aushilfsjedi ist das kreative Mastermind hinter unseren Podcast-Ideen und leidet unterbewusst bestimmt darunter, dass ich nicht so engagiert bin, wie ich es gern wäre. Wenn nicht, ich leide ein wenig darunter.

Die letzten Wochen haben das Fass gefühlt zum Überlaufen gebracht. Der Moment kam mir im Zug nach Hause. Ich war zu Besuch bei meinen Eltern, war für zwei Tage mal komplett aus meinem Alltag gerissen und fragte mich: Was zum Geier tu ich eigentlich? Ich hatte mich nämlich dabei ertappt,

  1. zu denken: Ich müsste nachher noch was für den Blog tun,
  2. das Gefühl zu haben: Ich habe da keine Lust drauf und
  3. deshalb ein schlechtes Gewissen zu verspüren.

An dem Punkt war es genug. Irgendwas läuft schief. Ich kriege all das, was ich will, nicht mehr auf die Kette. Zwei Beispiele gefälligst?

Ich vertröste einen Typen seit anderthalb Wochen, dass wir uns mal treffen, weil ich entweder schon etwas vorhabe, schon vorab weiß, abends müde zu sein oder mich auf zwei Stunden freue, in denen ich ganz allein bin und Einzelaktivitäten unternehmen kann.

Unsere Spülmaschine ist seit einer Woche kaputt, ich bekomme es aber nicht auf die Kette, jemanden zu finden, der sie repariert. Zumindest niemanden, der eine – in meinen Augen – angemessene Vorstellung von Anfahrtskosten hat.

Das ist ein wenig viel Gejammer, oder? Darin bin ich gut, denn: Es ist alles so verdammt gut. Ich habe lustige Abende beim Podcasten, wir sitzen in der WG zusammen und spielen Karten oder quatschen, ich bin an Samstagen meistens in der Stadt anzutreffen und tanze zu guter Musik, ich habe sogar das Online Dating wieder für mich entdeckt.

Es ist nur so: Freitag Abend war ich um 10 im Bett, weil ich das Kunststück vollbracht habe, im Gehen einzuschlafen und schon vor meiner Zimmertür ein erstes Nickerchen halten wollte (… 😉 ), gestern Abend lag ich vollgefressen auf dem Sofa (Asia Buffets hat der Teufel erfunden) und war nicht in der Lage, mich zu rühren. Eigentlich wollten wir noch feiern gehen, das habe ich dann kurzfristig absagen müssen.

Prioritäten – ich denke, bis hierher wird es sehr deutlich, bedeutet für mich, dass der Job zuerst kommt. Dann kommt für mich nach wie vor der Sport und dann mein Sozialleben in der WG. Früher stand an dieser Stelle der Blog, selbst das Sozialleben in der WG musste sich dem unterordnen.

Ich will kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meinen sozialen Alkoholismus pflege, ich will nicht mehr mit der Hand abspülen.

Ich will Sonntags mit der Kamera durch Stuttgart laufen ohne vorher ein Pflichtprogramm an Blogbeiträgen durchzuturnen und ich will dem Typen schreiben: Wollen wir uns heute Abend treffen?

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Überhaupt: Ich strebe … Ich strebe dem Himmel entgegen. Nur was mein Himmel ist, das hat sich geändert. Er ist bunter geworden. Früher wäre das Bild wohl schwarz-weiß gewesen.

Das ist kein Abschiedslied. Ich habe noch ein paar Beiträge auf Halde. Ich habe ein paar ausgelesene Bücher, die auf Rezension warten, ich habe Bilder für Rezeptbeiträge. Aber die müssen warten. Darauf warten, dass sie geschrieben werden wollen. Gern auch drei hintereinander, um sie vorzuplanen. Denn ohne zu schreiben kann ich auch nicht. Ich bin ehrlich: Das Schreiben hat mir nicht gefehlt, aber ihr fehlt mir schon. Ich muss euch nur wohldosierter konsumieren.

Ich bin zurück, aber zurückhaltender. Nach zwei Jahren mit einer festen Veröffentlichungs-Struktur freier, sporadischer, hoffentlich weiterhin relevant für euch. Weil es hier um mein Leben geht, vielleicht eher mit dem Freitags-Füller als der Montagsfrage … Oder mit Beidem – schauen wir mal. Ich weiß es nicht. Und das ist gut so, denn es gibt so viele Dinge, die ich tun will und ich will sie spontan entscheiden können. Das ist meine Priorität: Weniger Druck durch Verpflichtung, mehr Emphase für das, was der Augenblick hergibt.

Deshalb schreib ich dem Typen jetzt nicht, dass er heute Abend ein Date hat (ich hasse Dates und würde es nie so nennen), aber ich plane jetzt ein paar Beiträge von meiner Halde und die Elite bekommt jetzt ein Impressum, das hab ich dem Aushilfsjedi versprochen. Danach antworte ich auf eine Sprachnachricht, die vorhin gekommen ist und auf die ich mich schon unheimlich freue. Und wenn dann die Sache mit der Spülmaschine geklärt ist, gehe ich raus … Die Sonne bricht nämlich durch. Mein Foto-Apparat ruft. Und bestimmt lese ich heute Abend rein, was ihr heute so geschrieben habt, um wieder rein zu kommen.

Bis später.

P.S.: Am 14.11. komme ich wahrscheinlich noch einmal unters Messer. Nur, dass ihr es schonmal wisst.

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44 Kommentare zu „Über Prioritäten

    1. Du hast mich gerade echt zum Lachen gebracht … Ich bin nämlich lange Jahre ein entschiedener Verfechter des VL gewesen. Aber so explizit hab ich den Wandel gar nicht gesehen (weil ich viel auch noch übers VL abwickle) … Aber verdammt, hast du Recht. Das ist es. Danke. 🙂

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  1. Ich kann dir in so vielen Dingen zustimmen. Auch mir geht es gerade so, dass ich auf das Freizeitschreiben wenig Lust habe und die Beitragsfrequenz im Blog daher herunterfahren werde. In den nächsten Wochen werde ich sogar eine komplette Blogpause machen. Insofern freue ich mich, dass du so viel Spaß am Leben hast, dass der Blog einfach nicht mehr so viel Zeit einnehmen kann. Ich verstehe das nur zu gut. Viel Spaß bei deiner Fototour! 🙂

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      1. Dankeschön für das Kompliment und die Wünsche. Ich werde es krachen lassen im realen Leben. Zumindest insoweit mein fortgeschrittenes Alter das noch zulässt. 😀 Dir auch einen schönen Restseptember und damit, das Gleichgewicht zwischen Leben und Bloggen herzustellen. 🙂

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  2. Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt offiziell erwachsen *zynisch*
    Kinder glauben, dass Erwachsene alles tun dürfen, was sie möchten. Können wir auch. Aber wir haben keine Zeit dafür…

    Tatsache ist, dass diesen Punkt jeder Blogger irgendwann erreicht (hat mich letztens jemand mit vorwurfsvollem Unterton gefragt, wann meine nächste Geschichte kommt??). Tatsache ist: Es ist ein Hobby. Wir bekommen kein Geld dafür. Unsere Blogs zu lesen, ist für andere Menschen Unterhaltung. Aber wir sind ihnen nichts schuldig.
    Ich bin mir ziemlich sicher, die Leute werden bei dir auch mitlesen, wenn du nicht mehr Tag für Tag was veröffentlichst, sondern wöchentlich, monatlich, oder wann auch immer dir danach ist.

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    1. Jetzt bin ich deprimiert. Ich bin doch eher so Nessaja: Ich wollte nie erwachsen sein. 😉
      Ja klar … Erwachsen werden. Darum ging es im vergangenen Jahr auch ein wenig. Und ich mache mir auch keine Sorgen, dass niemand mehr liest, wenn ich nicht so hochfrequent schreibe. Ich beute nur halt mein Leben aus, wenn ich schreibe, deshalb musste ich auch einen Text schreiben, warum ich weniger schreiben kann zwischen Job, Haushalt, Party, Menschen kennen lernen und den diversen Hobbys, die man so pflegt.
      Es gibt ja mindestens einen Menschen, der damit hadert, nämlich das Zeilenende, bevor es Konsequenzen gezogen hat. Und den beruhigt es zu lesen, wenn es auch anderen Menschen so geht. ☺

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      1. Na, immerhin da kann ich dich beruhigen: ich sorge seit fast 15 Jahren für mich selbst und habe immer noch nicht das Gefühl, „total erwachsen“ zu sein. Ich habe davon meiner Nachbarin berichtet. Sie schaute an die Zimmerdecke, schlabberte an einem Löffel mit Vanille-Eierlikör-Eis und murmelte: „Dieses Gefühl hat mich auch noch nicht erreicht.“ Randnotiz: Die Dame ist 75 😉

        Man hadert auch mit sich, wenn irgendwas nicht so klappt, wie man das will. Die Kunst liegt darin, von allem so viel zu machen, dass man sich gut fühlt, und so wenig, dass es reicht 🙂

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  3. Guter Plan, so bin ich ja zu Beginn meines Blog-Lebens auch verfahren. Selten, aber dann wirklich aus dem inneren Bedürfnis heraus. Mit dem Schulbeginn morgen wird sich bei mir sicher auch einiges ergeben, was tägliches Bloggen effektiv verhindert – dafür gibt’s dann zwischendurch Beiträge, die wirklich aus dem inneren Drang heraus geschrieben wurden (und nicht, weil man sich ‚‚verpflichtet“ hat, ein Jahr lang jeden Tag einen Song zu präsentieren – auch wenn das bis auch vielleicht zehn oder zwölf Tage wirklich angenehm war). Ich freue mich schon auf die neuen Beiträge.

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  4. Wenn die Luft raus ist, ist sie raus. Gut ist immer, zu schauen, woran es liegt. Und das hast du uns ja ausführlich beschrieben. Danke dafür. Ich denke, weniger ist oft mehr. Du hast im letzten Jahr beinahe täglich einen Beitrag veröffentlicht. Vielleicht ein bisschen viel, für dich baute sich Druck auf, dem täglichen Veröffentlichen treu bleiben zu können. Dass es nun etwas weniger wird, ist doch völlig okay. Du entscheidest, was gut für dich ist. Denn der Spaß am Bloggen soll ja schließlich erhalten bleiben. Mach so, wie es für dich gut ist. Wir freuen uns über jeden Beitrag, auch mit Abstand. LG

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  5. Meine Beitragsfrequenz ist auch stark gesunken. Sogar aus ähnlichem Grund. Das Real Life nimmt momentan mehr Platz ein, als zuvor, aber eben auf eine positive Weise. Das mag zwar schlecht für den Blog sein, aber insgesamt ist es ja doch eher etwas gutes. Und solange du dich hier ab und zu blicken lässt, fällt es auch deinen Lesern leichter. Mir sowieso, ich kam in letzter Zeit dank Real Life sowieso nicht mehr dazu, alle Beiträge zu lesen. Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich nicht so viel verpasse 🙂

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  6. Meine regelmäige Dosis Zeilenende-Lesen würd eich sehr vermissen. Aber täglich muss es natürlich nicht sein. Da könntest Dich natürlich auch einfach auf die Katgeorien beschränken, die ich lese *ggg*.
    Nein im Ernst, ich merke schon seit längerem, dass ich nur Blogideen habe, wenn das Hirn ausreichend kreativen Leerlauf hat. Das ist momentan nur ganz selten der Fall. Und der Kern eines Blogs, den man zum Spaß hat, ist doch eben, dass man nicht bloggen muss sondern darf. Dein schlechtes Gewissen ist also ein Paradoxon.

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  7. Ist ja auch nur richtig so, dass man sein „reales“ Leben nicht für das digitale hinten anstellt. Die Portionierung ist das Geheimnis und dahinter musste ich vor einer Weile auch kommen. Inzwischen schreibe ich alle meine Artikel vor. Und an Aktionen, die mich davon abhalten über die Dinge zu schreiben, die mir durch den Kopf gehen, fliegen raus. Das war damals in erster Linie der Media Monday. Ich vermisse die Interaktion ja auch 😉 aber sobald die anderen Dinge, die einem wichtig sind darunter leiden, muss man schauen was man verkraften kann etwas einzudampfen. Und wer jeden Tag bloggt 😉 war schon bisher fleißiger als die meisten

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    1. Ich gebe zu, Portionierung fällt mir momentan ein wenig schwer. Gerade weil Blog bislang so wichtig war, steht es momentan massiv hinten an. Das ärgert mich auch nach der Entscheidung ein wenig. Früher war immerhin ein Flow da, der fehlt jetzt völlig.
      Und dass „mobiles Bloggen“ mit WordPress nach wie vor so grässlich unfunktional ist.

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  8. Ich würde einfach sagen, Glückwunsch dass du das wahre Leben für dich entdeckt hast und zum neuen Job. Mag ein Denker noch so groß und genial sein, irgendwann braucht jeder mal eine Pause und die sei dir gegönnt. Ich habe noch genug nachzuholen auf deinem Blog und einmal die Woche ist doch fein. In den Podcast werde ich beispielsweise gerne reinhören, und ja Buffets vor allem All-you-can-eat sind wahre Teufelswerke.

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