Das schöne am Radioprogramm von WDR5 ist die bunte Mischung zwischen Wissenschaft, Kultur, Nachrichten, Unterhaltung und Kinderbelustigung. Ich finde immer irgendetwas interessantes und höre vor dem Einschlafen oder vor dem Aufstehen gern eine Weile zu, bevor ich die Zwischenwelt des Bettes komplett in Richtung Schlaf oder Tagewerk verlasse. Und ausgerechnet im Kinderprogramm ging es um das interessanteste Thema seit Langem: Was war vor langer, langer Zeit?

„Was war vor langer, langer Zeit?“ Das war die Frage, die einige Kinder beantworten sollten. Klingt einfach, dachte ich. Doch während zwischen der Ankündigung des Beitrags und den Antworten der Kinder noch ein Lied lief, fiel mir keine Antwort ein. Was war vor langer, langer Zeit? Dabei ist die Antwort so simpel.

Vor langer, langer Zeit tobte in einer weit, weit entfernten Galaxis ein unerbittlicher Kampf zwischen den dunklen Mächten des Imperiums und den Rebellen, die sich für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit einsetzten.

Vor langer, langer Zeit; ich kann mich noch daran erinnern, wie mich die Musik zum Lächeln brachte und ich Gelegenheit hatte, die Menschen zum Tanzen zu bringen.

Vor langer, langer Zeit war ich noch an der Uni und hatte ein ganz anderes Leben als nun, andere Tagesabläufe, anderes Umfeld, andere Verpflichtungen, andere Träume und Ziele, für die ich gekämpft habe.

Vor langer, langer Zeit, da bestimmten noch Kaiser, Könige, einzelne Personen über die Entwicklung der Geschichte. Da herrschten Krieg, Krankheit und Tod. Oder war es vor langer, langer Zeit, als das Universum noch nicht existierte?

Vor langer, langer Zeit, das war für die Kinder im vorletzten Sommer, als sie im Urlaub waren oder damals, als die Dinosaurier lebten. Als sie noch nicht laufen und sprechen konnten oder als sie geboren wurden. Als ihre Eltern sich kennenlernten oder es auf den Burgen noch Ritter gab.

Was ist „Vor langer, langer Zeit?“ Überhaupt: Was ist Zeit? Man könnte Zeit erkenntnistheoretisch angehen, ohne Zeit kein Denken. Unsere Vorstellungswelt mit ihrer Kausalität, ihrem Vorher-Nachher, ist auf die Existenz der Zeit angewiesen. Wir benutzen Zeit, sie ist wie ein Laufband, das uns durch unser Leben trägt, ohne Möglichkeit, zurückzugehen – oder doch?

„Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen.“ Das sagt Soran in Star Trek VII. Und es scheint ganz plausibel. Gehen wir davon aus, dass unser Leben eine fest bemessene Spanne hat, Beginn Geburt, Ende Tod, dann verbrennt uns die Zeit. Mit jedem Tick des Sekundenzeigers rücken wir von der Geburt weg, auf den Tod zu. Wir wissen nicht, wann er uns trifft, aber mit jedem Tick haben wir eine Sekunde Lebenszeit verloren.

Vor langer, langer Zeit … Wenn Zeit ein lineares und so rigides Konzept ist, was ist dann mit der Vergangenheit? Wo beginnt sie? Ist gestern schon Vergangenheit, obwohl die Zwiebeln in meinen Eingeweiden immer noch grimmen? Oder ist „vor zwei Jahren“ Vergangenheit, obwohl ich für meine Bewerbungen ständig mein Examenszeugnis betrachte? „Vor vier Jahren …“ Ist das Vergangenheit, obwohl ich damals einen Pfad eingeschlagen habe, den ich bis heute gehe? Und wie ist das mit „Vor 100 Jahren“? Damit habe ich mich beruflich beschäftigt, obwohl ich noch nicht einmal geboren war. Diese Vergangenheit ist meine Gegenwart. Wo soll da „Vor langer, langer Zeit“ gewesen sein?

Vielleicht ist das die falsche Sichtweise. Sie geht davon aus, dass Zeit verstreicht, verschwindet, geht. Vielleicht ist es genau umgekehrt: Je älter wir werden, desto mehr Zeit bekommen wir. Mit jeder verstrichenen Sekunde sind wir um eine Wahrnehmung, einen Einfall reicher. Wir horten sie wie Briefmarken, sortieren die wertvollen in unser Album ein, die übrigen kommen in eine Kiste. Vielleicht holen wir sie irgendwann wieder hervor, weil sie doch wertvoller sind als gedacht. Werfen andere aus dem Album, weil sie sich als Fälschung erwiesen haben. Die Zeit vergeht nicht, sie kommt.

Vor langer, langer Zeit, das ist keine Seite im Album: Da ist vielleicht die Briefmarke von der ersten Postkarte eines Schulfreundes aus dem Sommerurlaub, die unsere Sammelleidenschaft geweckt hat, die erste gesammelte Briefmarke. Da sind aber auch Marken, die älter sind als wir selbst. Die Marken der alten Liebesbriefe von Opa an Oma, als sie im Krankenhaus lag und er sie nicht besuchen durfte haben ebenso ihren Weg ins Album gefunden wie die ersten Marken des Deutschen Kaiserreiches als Zufallskauf auf dem Flohmarkt. Das alles ist Gegenwart und präsent, vielleicht sogar Zukunft.

Vor langer, langer Zeit, das ist vielleicht all das, was nicht in dem Album ist: Nicht zu greifen, aktuell bedeutungslos. Aber immer mit dem Potential, bedeutsam und wieder ein Teil der Gegenwart zu werden. Vielleicht ist Zeit gar nicht so linear, wie wir uns das denken. Und „vor langer, langer Zeit“ existiert gar nicht.

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15 Sekunden Zeit in der Neujahrsnacht, für alle Ewigkeit gefangen genommen.

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19 Kommentare zu „Vor langer, langer Zeit

  1. Zeit ist sowieso viel mehr eine Frage der individuellen Wahrnehmung. Man sieht es doch schon daran, wie unterschiedlich ihre „Geschwindigkeit“ bewertet werden kann. War mir besonders langweilig, kann mir bereits eine Stunde als „lange Zeit“ vorkommen, während mir 2 Wochen Urlaub kürzer erscheinen, als manch Arbeitstag. Sie gibt durchaus an, wie weit Ereignisse zurückliegen, aber sie behauptet dadurch nicht zwangsläufig, dass diese komplett vergangen/abgeschlossen oder bedeutungslos sind. Und ob X /Tage/Jahre/Jahrhunderte viel oder wenig sind, hängt vom individuellen Gefühl ab und wird natürlich noch sehr von der Art des Ereignisses beeinflusst und davon, wie sehr es sich noch auf die Gegenwart auswirkt. Für meine Uroma war der der zweite Weltkrieg selbst 50 Jahre nach seinem Ende alles andere, als „vor langer, langer Zeit“, obwohl 50 Jahre für mich als Kind eine enorm lange Zeit waren. Meine Ausbildung liegt mittlerweile 8 Jahre zurück, ein Zeitraum, den ich manchmal als lang, manchmal als kurz empfinde. Aber selbst wenn 8 Jahre „lang her“ wären, ändert es nichts daran, dass diese „längst vergangene“ Zeit sich noch auf die Gegenwart auswirkt und dadurch ja tatsächlich eigentlich nicht wirklich „vergangen“ ist.

    Und wenn Zeit eine Frage der individuellen Wahrnehmung ist, existiert „vor langer, langer Zeit“ vielleicht wirklich nicht, da diese außerhalb meiner Wahrnehmung liegt und es so gesehen gar keinen Unterschied macht, ob von „vor 30 Jahren“, vor „100 Jahren“ oder „vor 25.000 Jahren“ die Rede ist.

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    1. Zeit ist zunächst einmal nur eine Maßgröße für das Phänomen, dass es Vorhers und Nachhers gibt (die aber durchaus mit Notwendigkeit). Aber ja: Was lang her ist, hängt vom eigenen Standpunkt ab, es kommt darauf an, wie prägend die zurückliegenden Ereignisse waren, aber auch, wie prägend die Ereignisse waren, die zwischen einem sehr prägenden Ereignis und der Gegenwart liegen. Zeit heilt dem Sprichwort nach ja alle Wunden – wenn die Zeit zwischen Ereignis und Gegenwart entsprechend produktiv genutzt wurde (und das Ereignis nicht so tiefgreifend war, wie der WW2 dies zweifelsfrei war).Ich staune ja bis heute so wie du als Kind: Das Ende ist erst 61 Jahre her? Das ist noch nicht einmal ein heutiges durchschnittliches Menschenleben. Diese Gleichzeitigkeit von subjektiven „vor langer langer Zeit“en ist auch immens spannend. Vor 10 Jahren habe ich mein Studium begonnen. Das ist für mich mittlerweile dauerhaft „vor langer langer Zeit“

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  2. Vor langer, langer Zeit… habe ich ein oder zwei schlechte Entscheidungen getroffen, die Jahre später dazu führten, dass ich an diesem überaus trüben Montagmorgen meinen überaus trüben Bürojob ausführen darf. An Tagen wie heute ist Zeit für mich das was ich rückblickend zu großen Teilen anders hätte nutzen sollen.

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    1. Womit die lange lange Zeit heute gegenwärtig ist. Was immer auch ein Anstoß sein kann, mit der Vergangenheit abzuschließen und sie wirklich in die lange lange Zeit zu verbannen. Aber die Zeit anders nutzen? Gibt es im Rückblick keine Zeit, die du nicht auch gut benutzt hast?

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      1. Doch, durchaus, deswegen schrieb ich, ich hätte sie „zu großen Teilen“ anders nutzen sollen. 😉 Eigentlich bin ich auch kein Mensch, der lange mit Dingen aus der Vergangenheit hadert – das hilft ja ohnehin nix. In dem Fall haben aber konkrete Entscheidungen dazu geführt, dass ich gegenwärtig eher mit der Gegenwart hadere – weil Montag, und so. 😉 Da fällt das mit der Vergangenheit abschließen schon deutlich schwerer…

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  3. Selbst bei der messbaren Zeit gilt nicht immer der gleiche Maßstab. Wir können zwar Sekundenbruchteile messen. Aber wenn es beispielsweise um die geologische Zeitskala geht, werden selbst ein paar Jahrtausende irrelevant.
    Eines der interessantesten Zeit-Phänomene ist für mich der Sternenhimmel. Was wir JETZT wahrnehmen ist Vergangenheit in vieltausendfachen Variationen.

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    1. Und damit Gegenwart und damit unsere eigene Zukunft. Ich bekomme beim Gedanken an die Auswirkung der Relativitätstheorie auf die Zeit ja immer Kopfweh. Und dann kann ich die ZEIT nicht mehr lesen. Was die messbare Zeit (von der Zeitkrümmung mal abgesehen) angeht, bleibt die messbare Zeit immer gleich. Die kümmert das nicht, dass wir sie unterschiedlich bewerten. Für die Zeit … Spielt für Zeit Zeit eigentlich eine Rolle? 😉

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      1. Die messbare Zeit bleibt immer gleich. Dennoch franst ihre Messbarkeit, wenn es um große Zeitabstände geht, irgendwie aus. 😉
        Huh! Die letzte Frage hat es in sich. Ist die Zeit ihrem Wesen nach überhaupt ein Wesen?
        Auch ein faszinierendes Zeit-Geschehen ist übrigens Musik. Und zwar gleich in verschiedener Hinsicht. Einerseits spielt die messbare Zeit eine Rolle. Es braucht sehr große Präzision im Timing, weil es sonst furchtbar klingt. Dennoch darf diese Präzision nicht maschinenhaft sein, weil das auch nicht wirklich gut klingt. Und während den einen ein Konzert nur wie ein großzügig bemessener Augenblick erscheint, dauert es für andere eine Dreiviertelewigkeit. Und zu guter Letzt kann langsamer manchmal schneller klingen. 🙂

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  4. Einst – Damals -Früher….ich halte es da eher mit dem Buddhismus….die Vergangenheit sollten wir so annehmen, wie wir sie gelebt haben, denn ändern können wir eh nichts…..das JETZT ist das, worauf wir unsere liebende Aufmerksamkeit wenden sollten, denn das können wir aktiv gestalten…..von der Zukunft wissen wir nicht was genau sie uns bringt, sie können wir zwar planen, aber sie ist noch nicht fassbar….Also lebe JETZT und alles was dir begegnet ist dein Leben!

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    1. Ich behaupte mal ganz frech, dass wir durchaus auch unsere Vergangenheit gestalten können, indem wir sie anders deuten. Ich mag dafür das Bild gern, dass wir alle unsere eigene Geschichte schreiben. Und als Autoren haben wir immer die Möglichkeit, zurückzugehen und nachträglich etwas zu ändern. Deshalb ist „Vergangenheit annehmen“ auch ein wenig zu schwach als Begriff. Wenn mir in meiner Vergangenheit was nicht passt, kann ich es durchaus auch ablehnen und wegsperren … Oder mich immer wieder neu daran reiben und so Motivation für das Heute ziehen. Ob das noch annehmen ist, weiß ich nicht.

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      1. Für mich umfasst „annehmen“ all das Geschehene und Menschen auch aus der Gegenwart heraus positiv zu bewerten….selbst das was augenscheinlich negativ war….oder auch einfach mal so stehen gelassen….auch Menschen und deren Verhalten, oder mein eigenes Verhalten können in liebevoller Rückschau „angenommen“ werden, denn sie gehören zu meinem Lebensweg und es ist wie es ist. Und eigentlich sollte es so sein, das man sein Leben wie in einem Kinofilm betrachtet….mit Abstand und somit frei von Bewertungen….

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