Unabhängigkeit geht durch den Magen

Heute gibt es was Schönes, dessen Schönheit sich dem Achtlosen nicht erschließen mag. Dennoch findet der Innehaltende den Gegenstand womöglich schön. Zeilenende hat gerade seine Ästhetik-Kenntnisse aufgefrischt und würde das heutige Ding deshalb ein Symbol für das Gefühl der Achtung nennen.


Da ich aber keine eigene Kategorie für „Achtung“ habe, kommt es trotzdem in die Kategorie „Schönes“. Und ja, es ist eine simple Plastikschüssel. Für mich ist es aber eine besondere Plastikschüssel. Eine Plastikschüssel, die mit vielen Erinnerungen verbunden, dementsprechend ein Gegenstand der Nostalgie ist. Das hier ist also die Geschichte einer Plastikschüssel.

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Diese Plastikschüssel wird in diesen Tagen neun Jahre alt. Sie ist mein Baby und sie hat sich gut gehalten, wie ich finde. Ich weiß so genau, wie alt diese Plastikschüssel ist, weil sie zu meiner Erstausstattung eines eigenen Hausrats gehört, gekauft von Mutter Zeilenende, weil sie mein Faible für alles Rote kennt. Damals musste ich viele Dinge neu anschaffen, die meisten befinden sich allerdings in meiner Küchenkiste. Für meine erste Studentenbude brauchte ich ein Bett, einen Schrank, einen Kühlschrank, einen Backofen und Küchenutensilien. Alles Weitere ist aus meinem Kinderzimmer mitgezogen. Kühlschrank und Backofen habe ich nach dem Ende meines Studiums verkauft, Bett und Schrank liegen wie der Rest meiner Küchenutensilien im Keller.

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Wir haben viel Spaß miteinander geteilt, Schüssel und ich. Wann immer es zum Grillen an die Lahn ging oder später bei uns im Vorgarten eins von Zeilenendes legendären Gelagen stattfand, war Schüssel dabei und hat allerlei leckere Salate beherbergt. Schüssel hat in ihrem kurzen Leben mehr verschiedene Salate in sich getragen als Mutter Zeilenende in ihrem handgeschriebenen Rezeptbuch versammelt hat, weil ich natürlich bis auf meinen speziellen Griechischen Nudelsalat stets ein neues Rezept ausprobiert habe.

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Wenn mal kein Salat darin aufbewahrt werden musste, hat Schüssel auch gern Kleingebäck in sich geborgen. Egal ob Muffins oder Cookies, sämtliche Rezepte meines Amerikanischen Backbuches habe ich ausprobiert und einen Gutteil der entstandenen Produkte in Schüssel zur Uni geschleppt, mal für hungrige Wochenend-Blockseminarteilnehmer*innen, mal für Besprechungen mit meiner süßkramsüchtigen Professorin.

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Und dann ist da noch eine Ernährungsumstellung, in deren Gefolge es einmal die Woche bei mir eine große Portion Salat zum Abendessen gibt. Egal ob Feldsalat und Rucola mit Tomaten, gehobelte Gurken und geraspelte Kohlrabi, Möhren, Sellerie, manchmal auch nur die Beutelmischung aus dem Kühlregal des Supermarkts, Mittwoch ist bei mir Salattag. Und weil ich nur Schüssel hatte, um Salat hinzurichten anzurichten, kam der Salat eben in Schüssel. Schüssel hat mich begleitet. Mein Gewicht halte ich, an meinem Ritual halte ich fest, ebenso an Schüssel.
Unsere Verbundenheit ist groß. Weil Schüssel, Salat und Mittwoch für mich zusammen gehören, ist Schüssel beim Umzug nicht in einen Karton gekommen, sondern ganz oben auf einem Berg Kartons thronend zu meinen Eltern kutschiert worden. Und bei meinen Eltern sogleich zu Mutter Zeilenendes Schüsseln gewandert. Dort hat sich Schüssel gut eingelebt und fühlt sich nach eigenem Bekunden pudelwohl. Sie hat neue Freunde gefunden.

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Aber auch wenn Schüssel nun Teil unseres gemeinsamen Hausrats ist, gehört Schüssel mir. Mutter Zeilenende nutzt sie nur in Notfällen und nie Mittwochs. Ich habe das nie angesprochen, aber wenn ich Mutter Zeilenende Mittwochs gebeten habe, mir eine Schüssel zu geben, hat sie mir Schüssel gereicht. Meinen Salat mache ich mir eigentlich immer selbst. Nur letzte Woche hat Mutter Zeilenende es für mich erledigt, weil ich schwer gestresst war. Und sie hat Schüssel genommen. Ganz selbstverständlich. Deshalb ist Schüssel so etwas besonderes für mich. Nur eine doofe Plastikschüssel, mag man denken, aber obwohl Schüssel alltäglich und austauschbar zu sein scheint, birgt Schüssel für mich unzählige Erinnerungen – und Schüssel gehört mir, ganz selbstverständlich respektiert vom Rest der Familie: Mein kleines Stück Unabhängigkeit. Aber vor allen Dingen ist es Schüssel. Meine süße, kleine Studentenbudenschüssel.

Und wer noch nicht genug von Liebeserklärungen an die kleinen (oder in dem Fall großen) Dinge des Alltags hat, dem empfehle ich einen Besuch bei ritaschreibt, die den heutigen Tag vollkommen ohne Absprache ihrem Teppich widmet.

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12 Kommentare zu „Unabhängigkeit geht durch den Magen

  1. Ich seh schon….jede ( potenzielle oder amtierende? ) Freundin wird es schwer haben gegen Schüssel anzutreten…

    Sie ist aber auch ’ne schöne…und hat sich gut gehalten…für ihr Alter…. 🙂

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    1. Schüssel ist sehr eifersüchtig und duldet es nicht, wenn ich andere Beziehungen eingehen will. Das betrifft nicht nur andere Schüsseln, sondern auch Teller, Töpfe, Zeitschriften und Menschen. Und weil ich sehr harmoniebedürftig bin, wird es niemand schwer haben, sondern Schüssel und ich werden gemeinsam alt und rissig werden. 🙂

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  2. Es ist schon ein wunderlich Menschending, seelenlosen Sachen eine solche einzuhauchen. Ich kann Deine Beziehung zu Deiner Schüssel echt nachvollziehen. Wenn Mensch ehrlich ist, hat jeder eine solche Beziehung. Bei mir ist es der Teppich (siehe meinen heutigen Beitrag). Auch Plastikschüsseln haben bei mir Erfolg. Trotz einer reichhaltigen Sammlung sind es derer immer nur zwei, die ich benutze. Sie heißen „grün“ und „klar“ und passen super in den Geschirrspüler. Brauche ich eine Schüssel, nehme ich – weit gefehlt – nicht eine aus dem Kontingent, sondern eher „grün“ oder „klar“ aus dem Geschirrspüler, um sie vor dem neuen Gebrauch per Hand zu reinigen. So ist das halt mit Familienmitgliedern. Man mag sie am liebsten und das zeigt man ihnen auch…..! 🙂

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    1. So wunderlich finde ich das gar nicht. Ein Aspekt der Seele ist das Vermögen, sich zu erinnern und die Erinnerungen zu einem konsistenten Narrativ zusammenzubauen. Und manche Erinnerung ist mit Gegenständen verknüpft, damit wird der Gegenstand zum Repräsentanten der Seele. Schüssel mag übrigens keine Spülmaschinen und besteht auf Handreinigung. 🙂
      Ich habe mir aber einmal erlaubt, auf deinen Beitrag zu verlinken – ich finde ihn eine schöne Ergänzung zu meinem.

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