Proust-Fragebogen: Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?

Die dieswöchige Montagsfrage erkundigt sich nach außergewöhnlichen Schauplätzen. Eingeschränkt ist dies auf reale Schauplätze. Mir fielen dazu spontan die diversen Romane von Ben Bova ein, allerdings zählen Raumschiffe wohl nicht zu „realen Schauplätzen“, solange es keine Space Shuttles sind. Kurzes Weitergrübeln hat mich dazu gebracht, in dieser Woche am Proust-Fragebogen weiter zu arbeiten. Und das ist mal eine schöne Frage an einen Geschichtsstudenten, habe ich im Gefolge von Wehler und der gesamten Sozialgeschichte doch gelernt, dass es nicht auf die großen Gestalten ankommt sondern auf die sozialen Mechanismen.

Große Männer, die Geschichte machen, waren in den seltensten Fällen sympathische Gesellen. Blicken wir in die Antike, begegnen uns solche Leute wie Alexander „der Große“ oder Caesar. Männer, die auf dem Schlachtfeld geboren wurden, die über Leichen gegangen sind, um ihre Interessen durchzusetzen. Wir könnten den Gang durch die Geschichte machen. Warum eigentlich nicht? Es gab 2003 schließlich diese schöne Sendung im ZDF mit den größten Deutschen. Einigen Leuten kann man wohl wenig vorwerfen, denken wir an die Scholls, Bach oder Einstein. Andererseits sind da so finstere Gestalten auf der Liste wie Karl Marx (ein wehleidiger, vulgärer Schnorrer), Otto von Bismarck (ein neurotischer, eingebildeter, arroganter Kriegstreiber) oder Willy Brandt (ein zaudernder Casanova).

Eine Lieblingsgestalt in der Geschichte zu finden ist nicht leicht. Es findet sich niemand ohne Fehl und Tadel, Heldenverehrung liegt mir nicht. Wer eine Lieblingsgestalt in der Geschichte hat, idealisiert die Figur. Bismarck wird verehrt für die Reichseinheit, für eine kluge Bündnispolitik, für die Sozialversicherung. Wer Bismarck zur Lieblingsgestalt erklärt, muss Kulturkampf und Sozialistengesetze, Demütigung des politischen Gegners und irreparable Beschädigung des Verhältnisses zu Frankreich ausblenden. Ich gebe zu, bei Bismarck bin ich nicht vorurteilsfrei, der Herr steht auf meiner Liste der unliebsten historischen Figuren relativ weit oben, aber er veranschaulicht mein Problem mit der Frage.

Sokrates wäre eine Antwort, die eines Philosophen würdig wäre. Ich finde die Figur des Sokrates spannend, wie er durch Athen gelaufen ist und die Leute zum Nachdenken bewegen wollte. Andererseits finde ich auch, dass Sokrates eine ziemliche Nervensäge ist und seine Überlegenheit mit demonstrativer Bescheidenheit zu kaschieren versucht.

Egal ob Rosa Luxemburg, Friedrich Ebert, Ludwig Windthorst: In ihren Leben findet sich immer etwas, das mir ziemlich sauer aufstößt und das obwohl sie, zumindest was die deutsche Geschichte angeht, wahrscheinlich so etwas wie meine Lieblingsgestalten sein könnten. Lösen wir uns von der Politik, kommen wir schnell zu der Erkenntnis, dass wir nicht die Person bewundern, sondern Ideen. Wir bewundern nicht Gutenberg sondern dessen Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, nicht J. S. Bach sondern die Brandenburgischen Konzerte. Und so ist es auch mit Politikern. Ich bewundere eigentlich nicht Rosa Luxemburg, sondern ihr hartnäckiges Streiten für Freiheit und Gerechtigkeit, nicht Friedrich Ebert sondern dessen pragmatischen Kampf für die erste deutsche Demokratie, nicht Ludwig Windthorst sondern dessen Einsatz für mehr Parlamentarismus. Von daher habe ich keine Lieblingsgestalt in der Geschichte. Vielleicht, weil die Geschichte unheilbar vergiftet ist und mir der unbefangene Zugriff darauf kulturell bedingt nicht möglich ist. Dagegen spricht, dass ich auch in der antiken, der englischen oder amerikanischen Geschichte keine Lieblingsfiguren finde sondern nur Menschen. Menschen, die mir zumeist immer unsympathischer werden, je mehr ich über sie erfahre.

4 Kommentare zu „Proust-Fragebogen: Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?

  1. Bach kann man in gewisser Weise seiner Sturheit wegen bewundern, andererseits war er durchaus kein einfacher Charakter. Er wurde sogar einmal für ein paar Tage ins Gefängnis gesperrt, weil er sich einer »Insubordination« schuldig gemacht hatte. Ohne seine Sturheit wären aber viele seiner Werke nicht so komplex und großartig geworden.

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    1. Um mal ein Klischee zu bedienen, zeichnet es den Künstler ja geradezu aus, dass er „kein einfacher Charakter“ sei. Das macht sie als Lieblingsfiguren der Geschichte nicht unbedingt besser geeignet. Sturheit ist so eine zweischneidige Angelegenheit, die schnell mal zur Verbohrtheit wird. Davon abgesehen fällt es mir schwer, „Taten“ zu vergleichen, was die Frage auch impliziert. War Bach besser als Mozart, war Mao grausamer als Stalin? Bei solchen Überlegungen kommt die „Würdigung“ der zu vergleichenden Charaktere immer zu kurz. Deshalb mein Diktum: Die historische Persönlichkeit muss zur Figur werden, damit man sie zur Lieblingsgestalt erklären kann. Bismarck, an dem ich mich stundenlang abarbeiten kann, hat ja durchaus seine positiven Seiten und es gibt nach wie vor Menschen, die ihn verehren, bewundern oder zumindest als Vorbild nehmen. Ich bin dafür wohl zu stur. 🙂

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