Lexikon: Bewohner

Bewohner verhält sich zu Insasse wie Arzt zu Patient: Der Arzt ist frei in dem, was er tut oder unterlässt und kann, wenn er mit seinem Stand unzufrieden ist, immer noch Politiker, Lobbyist oder Diktator werden. Der Patient hat die freie Entscheidung, seine Behandlung durchzuführen oder abzubrechen ebenfalls, darf aber je nach Schwere der Krankheit mit mannigfachen Unannehmlichkeiten von Kopfschmerz bis Tod rechnen.
Ich möchte diesen Vergleich nicht überstrapazieren, weil ich das Arzt-Patienten-Verhältnis eher professionstheoretisch sehe und es dann schief wird. Vielmehr möchte ich mir heute den vorderen Teil einmal genauer ansehen, als weiterer Teil unseres kleinen Vokabeltrainings „Altersheim“. Und weil ich „Alltag vs. Geschichte“ derzeit nicht bespiele, sondern der Blog brach liegt, habe ich für solche Überlegungen auch schon vor einiger Zeit klammheimlich die Kategorie „Nachdenkliches“ hinzugefügt, in der zukünftig solche Gedankensplitter ihren Platz haben sollen.

Ich habe beim letzten Mal versucht, den Begriff Altersheim zu rehabilitieren und war dabei wohl ein wenig zu emphatisch, denn so schön das alles klingt, ist Altersheim doch auch nur ein Wort, das die Zwänge dieser Institution verschleiern soll. Dieser Zwang verbirgt sich hinter dem Betriffspaar Bewohner-Insasse. Während „Insasse“ früher Gang und Gäbe war, ist der Begriff heutzutage verpönt. Die Leute in den Zimmern sind Bewohner. Also gut, nehmen wir sie mal als Bewohner hin.
Der Bewohner bewohnt ein Haus. Dieses Haus gehört ihm oder er hat es gemietet und hat damit ein gutes Stück Nutzungsrecht auf Zeit damit erworben. Der Bewohner hat ein Heim. Den Bewohner zeichnet, sieht man von einigen Nomadenseelen einmal ab, eine gewisse Sesshaftigkeit aus, zumal in gesetztem Alter. Dennoch, und das ist ein wichtiger Punkt, hat der Bewohner stets die Möglichkeit, seine Sachen zu packen und irgendwo anders nochmal ganz von vorn zu beginnen.
Der Insasse hingegen begegnet uns heutzutage gar nicht mehr. Selbst geschlossene Psychiatrien sprechen bei ihren hoffnungslosen Fällen meines Wissens nach noch von Patienten und im Gefängnis sind auch Gefangene, Verurteilte, straffällig Gewordene, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dort in letzter Zeit Insassen begegnet zu sein. Aber wenn, dann hätte ich wohl dort die größte Chance, noch solchen zu begegnen. Markantes Merkmal von Insassen ist, dass sie die Freizügigkeit unseres Reihenhausbewohners oben nicht genießen. Sie dürfen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht frei über ihren Aufenthaltsort bestimmen, weil sie wahlweise eine Gefahr für sich oder für andere sind oder weil sie erstmal resozialisiert werden oder ihre Taten vergolten werden müssen. Ganz egal, sie sind nicht freizügig.

Altersheim-Bewohner?

Im Altersheim leben Bewohner, keine Insassen. So weit, so gut. Da stelle ich mir bloß die Frage, was mit denjenigen Bewohnern ist, die einen Betreuer haben, der über ein Aufenthaltsbestimmungsrecht verfügt. Da stelle ich mir die Frage, wieso so viele der Bewohner ihren alten Wohnungen hinterhertrauern und nicht noch einmal von vorn anfangen, ihre Entscheidung revidieren und eine Finca auf Mallorca beziehen. Nicht jeder Mensch lebt freiwillig und gern im Altersheim, es handelt sich meist um eine Vernunftentscheidung, die der Bauch erst einmal mittragen muss, damit aus dem Heim Heimat wird. Was nicht so einfach ist, wenn die Details der neuen Umgebung zwangsläufig an ein Krankenhaus erinnern. Nur weil man die Umstände akzeptiert, wird man noch lange kein Bewohner.

Einwand: Freiheit?

Ich könnte gegen mich einwenden, dass unsere Insassen zwar keine andere Wahl mehr hatten, als sich fürs Altersheim zu entscheiden, aber sich dennoch entschieden haben. Im Unterschied zum Gefängnisinsassen hatten sie überhaupt eine Wahl, aber damit sind wir wieder beim Patienten, jetzt mit unbehandelt tödlich verlaufender Krankheit. Der hat auch eine theoretische Wahl, auf die Behandlung zu verzichten, aber ich halte es für unklug, den Begriff der Wahlfreiheit so weit auszuhöhlen, dass es ein Akt der Freiheit sein soll, die Bedingung der Möglichkeit der persönlichen Freiheit, das eigene Leben, so einfach aufzugeben. Damit negiert man die Freiheit, die man in Anspruch zu nehmen glaubt und begibt sich in einen Selbstwiderspruch. So entleert ist Freiheit ein beliebiger und unbrauchbarer Begriff. Die Naturnotwendigkeit, der nachlassende Organismus, macht den Gang zur Naturnotwendigkeit.
Ich möchte das nicht in allen Facetten beleuchten, denn es sind durchaus Fälle denkbar, in denen es sinnvoll sein könnte, sein Leben für die Freiheit zu geben, aber für mein Argument reicht der Feld-Wald-und-Wiesen-Kant aus, denke ich. Wer sich bei Altersheim oder zunehmendem Altersverfall für zweitere Option entscheidet, obwohl er eine ordentliche Zukunftsprognose hat, handelt ohne starke Begründung schlicht irrational und unfrei. Er lässt sich von Ängsten beherrschen statt durch die partielle Aufgabe der Freizügigkeit (man kann ja immer noch von Heim zu Heim ziehen) einige neue Freiheiten (wie eine größere Sorglosigkeit) (wieder) zu gewinnen. Demnach ist es eine autonome Entscheidung, aus Freiheit und „Achtung vor dem Gesetz“ getroffen, wenn man es moralisch fassen will, aber der Grundwiderspruch lässt sich so nicht beseitigen. Dadurch wird nur angedeutet, wie man ihn auflösen kann.

Ehrlichkeit hilft

Man kann mit manchen Betroffenen stundenlang diskutieren, dass es im Heim für ihn viel besser ist und ihn zu der Einsicht bringen, dass es die richtige Entscheidung war, herzukommen. Man muss sich allerdings darauf einstellen, dass man dieses Gespräch unter Umständen über einen langen Zeitraum immer wieder führen muss … Und dass man nicht der einzige ist, der diese Gespräche zu führen hat. Der Umzug ins Altersheim, da mache man sich keine Illusionen, ist ein einschneidendes Erlebnis, es ist ein Bruch und ich kann verstehen, dass es ein großes Bedürfnis gibt, dieses Erlebnis möglichst behutsam aufzuarbeiten. Dennoch: Der Bruch sollte sich auch in der Sprache widerspiegeln, um ihn begreifbar zu machen und besser verarbeiten zu können. Begriffe haben eine Realität in unseren Köpfen, der heilsam sein kann.

Ein Insasse ist der Mensch im Heim streng genommen nicht, wenn es die eigene Entscheidung war, ins Heim zu gehen. Da liegt die Differenz zum Gefängnis-Insassen, zumindest zum üblichen. Aber der Heim-Mensch ist eben auch kein simpler Bewohner mehr. Von zwei schlechten Alternativen ist Insasse die bessere, um den Bruch auch sprachlich bewältigen zu können und der Vernunft Schützenhilfe gegen den Bauch zu leisten. Ein alternativer Begriff wäre wünschenswert, aber von Bewohnern zu sprechen ist für das Leben im Heim kontraproduktiv. Von daher mein Aufruf an kreativere Geister als ich es einer bin: Findet einen passenden Begriff!

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Ein Kommentar zu „Lexikon: Bewohner

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