Manche Wörter rutschen einem so heraus. Ich habe schon viele Male über die wundersamen Wörter in der Altenpflege berichtet, aber auch die Bibliothek ist voller merkwürdiger Wendungen.

Marinsche frug mich vor einiger Zeit, was „sekretiert“ bedeute. Das Wort war mir beim Schreiben gar nicht aufgefallen. Und auch beim Korrekturlesen nicht. Es ist zwar kein alltägliches Wort, aber doch eines, das in meinem Alltag eine Rolle spielt. Ich schlug darauf hin nach, wo es überhaupt herkommt. „Sekretiert“ meint nämlich keineswegs: „Das Medium wurde mit Sekreten besprüht“ sondern „Das Buch befindet sich unter Verschluss“.

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Für Sekrete sind ja sonst eher Tiere zuständig.

Beide haben dennoch die gleiche Herkunft, das lateinische Wort „secernere“, das absondern und ausscheiden heißt. Ein Sekret wird ausgeschieden, ein sekretiertes Buch wird auch ausgeschieden, genauer: Vom regulären Bestand abgesondert. Konkret: Sekretierte Bücher befinden sich nicht im frei zugänglichen Bestand, sondern stehen häufig in Büros oder hinter der Verleihtheke.

Sekretierte Medien sind häufig solche, die gern gestohlen werden. An meiner Alma Mater waren in verschiedenen Institutsbibliotheken die Reclam-Heftchen und die Bände der Reihe „Klassiker auslegen“ sekretiert, manchmal die wertvollen Bestände. Bei uns ist eigentlich nur eine Ausgabe von „Mein Kampf“ sekretiert und Präsenzbestand. Mit der Sekretierung verfolgt man also unterschiedliche Ziele: Diebstahl verhindern, wertvolle Bestände schützen oder den Zugang zu bestimmten Schriften beschränken.

So weit, so unlustig. Es gibt aber eine weitere Wendung, die unseren Kund*innen viel größere Kopfschmerzen bereitet. Manche unserer Bücher sind nämlich „im Geschäftsgang“ zu finden. Also, fragen die Kund*innen dann an der Infotheke: „Herr Zeilenende, ich kenne ja die Sonderaufstellungen ‚Wunschbücher‘, ‚Mixed Media‘ und ‚Bestseller‘, ich kenne den Unterschied zwischen Sachbuch-, Roman-, Kinder- und Jugend-Bereich, selbst die Schulothek und die Sachgruppe A habe ich gefunden, aber wo finde ich denn den Geschäftsgang? Sie haben hier doch gar keine Gänge.“

Ich gebe zu, in meinem Studium habe ich auch einmal den Geschäftsgang gesucht und nicht gefunden. Ich bin durch die Bibliothek gestreift, habe sämtliche Türen geöffnet hinter denen sich Gänge verbergen könnten. Hinter manchen dieser Türen waren in der Tat Gänge. Gänge mit Bücherregalen. Aber in keinem dieser Regale war das gesuchte Buch zu finden. Irgendwas stimmte nicht. Das betreffende Buch trug im Katalog noch nicht einmal eine Signatur. Die Suche war nicht nur erfolglos, sie war zudem mühevoll.

Der Geschäftsgang ist kein physischer Ort, musste ich lernen. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Der Geschäftsgang ist ein Schreibtisch. „Das Buch befindet sich im Geschäftsgang“ heißt „Das Buch geht den Gang der Geschäfte“. Der Fluch der modernen Technik: Ist ein Medium beim Bibliotheksdienstleister bestellt, erscheinen die Daten zum Buch im Katalog, mit dem Vermerk „zur Erwerbung bestellt“ oder so ähnlich, abhängig von der Katalog-Software. Wurde das Medium geliefert und wartet darauf, eingearbeitet zu werden, ändert sich der Status auf „im Geschäftsgang“. Das ist schlicht bibliothekarisch für: „Ich bin noch nicht dazu gekommen, das Medium zu kontrollieren, die Katalogaufnahme zu vervollständigen und es einzustellen.“

Ich finde das mittlerweile sehr einleuchtend, den meisten Menschen geht es nicht so. Warum auch immer. Und so habe ich schon einmal überlegt, an die Tür zum Bürotrakt ein großes Schild zu kleben, auf dem „Geschäftsgang“ steht. Natürlich zur Freude der Kolleginnen, die häufiger im Büro sind als ich. 🙂

Und da schreibe ich diese Zeilen und stelle fest: „Medium“ und „einstellen“sind auch problembehaftet. Wie die eine Kundin an der Theke, die wissen wollte, ob wir ein Buch hätten. Ich sah im Katalog nach und mir entfuhr ein „Das Medium ist makuliert.“ Verständnislose Blicke. „Herr Zeilenende, ich habe keine Séance bestellt, ich wollte wissen, was mit dem Buch ist.“ Naja, das gewünschte Buch hatten wir eben nur als Hörbuch gehabt. Bei uns gibt es nicht nur Bücher, deshalb wohnen bei uns Medien. Das ist übrigens auch der Grund, warum bei uns manchmal die Tische schweben, unsere Medien sind zum Teil wirklich medial veranlagt. Deshalb makulieren wir sie auch. Im Bibliotheks-Zusammenhang meint makulieren: „Aus dem Bestand entfernen und über den Flohmarkt, den Geschenkewagen oder das Altpapier ein neues Leben jenseits der Bibliothek ermöglichen.“

Im Unterschied dazu meint „einstellen“ nicht, dass wir den Medien Schlimmes antun. Wir stellen nicht den fortlaufenden Erwerb von Zeitschriften ein, verhindern nicht den Ankauf weiterer Titel eines Autors und zerren auch nicht am Buchdeckel herum, bis ein schief gelesenes Buch wieder ordentlich aussieht. Wir befördern das betreffende Medium einfach wieder an seinen Platz im Regal.

Ich hoffe, ihr fühlt euch nun gerüstet, zukünftig nicht durch kauderwelschende Bibliothekar*innen verunsichert zu werden. Wenn ihr doch mal nach dem Geschäftsgang sucht, klopft einfach an eine Bürotür. 😉

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10 Kommentare zu „Wundersame Bibliotheks-Wörter

  1. Spannend, danke für die Erklärung! Geschäftsgang klingt dank deiner Ausführung absolut einleuchtend. Ich wäre ja versucht, auch für mich diesen Begriff zu verwenden, wenn ich zwar am Schreibtisch sitze aber mitnichten arbeitsfähig oder -willig bin. Im Geschäftsgang. Praktisch 🙂 und dann schön andere raten lassen, was damit gemeint sein könnte.

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  2. Erfreust Du Deine Kundschaft auch mit serendipity etc.? Die Gesichter fänd ich dann mal dokumentationswürdig!
    Aber es stimmt schon und gilt genau wie für andere Berufe mit Kundenkontakt: häufig merken wir nach wenigen Jahren im Beruf gar nicht mehr, dass wir eine nicht allgemeinverständliche Sprache sprechen. Ging mir selbst neulich so als Kundin in der Bank, in der ein Berater mir Finanzprodukte offeriert hat, deren Namen er sich auch soeben hätte ausgedacht haben können, so wenig konnte ich damit anfangen. Es schadet bestimmt nicht, hin und wieder das eigene Sprachverhalten zu reflektieren, auch das in der Freizeit. Lustigerweise hat mir meine letzte Studien-Abschlussarbeit klargemacht, dass eine verkomplizierende Ausdrucksweise nicht unbedingt auf einen schlauen Kopf, sondern in erster Linie auf schlechten Stil hindeutet. Bis dahin habe ich mich einer solchen nämlich selber gerne befleißigt — da braucht’s noch nicht mal Fach- oder Fremdsprache, um lauter Fragezeichen zu ernten 😉

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    1. Mit dem Prinzip erfreue ich Sie. „Sie suchen was zu Thema X? Kommen Sie mal mit, ich zeige Ihnen, wo die Bücher stehen, dann können Sie stöbern und finden bestimmt das Richtige. Und wenn nicht das Richtige, dann immerhin was Interessantes, da wette ich mit Ihnen.“
      Aber es ist schon erstaunlich, ich bin ja noch keine zwei Jahre hauptberuflich Bibliotheksmitarbeiter und bin auch nicht durchs Fachstudium vorbelastet. Aber es geht ganz schnell. *g*

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  3. Bibliothekare sind irgendwie ein seltsames Volk, oder? Die denken sich allerlei Worte aus, nur um die Kundschaft zu verwirren. Aber nebenbei bemerkt, das jetzt mal so aus der Sicht der Kundschaft zu lesen, das war auch sehr schön 😀
    Eine, die auch viele Jahre in ihrem Leben Bücher im Geschäftsgang verschwinden ließ 😉

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