Disziplin und Struktur

Im Allgemeinen gelten planvoll handelnde Menschen als diszipliniert. Dem liegt ein großer Irrtum zugrunde. Die meisten sind nicht diszipliniert, sie bedienen sich eines Tricks: Struktur.

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Lexikon: Inko-Material

Mal wieder Zeit für ein wenig Altersheim-Feeling im Blog. Ich habe das Thema schleifen lassen, weil es so viel anderes zu erzählen gab, aber es gibt noch zwei Sprachregelungen, die mich haben staunen lassen. Beide hängen zusammen, die eine betrifft nämlich Nahrungsaufnahme, die andere deren Ausscheidung. Heute bin ich mehr für Ausscheidung.

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Flüchtlings-Schwemme

Die einzige Schwemme, die ich sehe, ist die von Artikeln über Flüchtlinge, die uns angeblich zu überschwemmen drohen.
Ich schaue seit Wochen keine Tagesschau mehr, weil ich die Bilder nicht mehr ertrage und höre im Radio weg, wenn die Sprecherin die Zahl der Ertrunkenen im Mittelmeer in diesem furchtbar professionellen Tonfall sagt … „Und nun das Wetter“, das egal ob heiter oder wolkig stets in ersterem Tonfall daher kommt.

Ich bin Sprachkritiker, zumindest privat in Teilzeit. Seitdem die „Flüchtlingsschwemme“ über uns herein bricht, habe ich aber noch nicht einmal etwas zum Thema „Sprache und Seniorenzentrum“ geschrieben. Zwei oder drei Begriffe hätte ich noch. Warum eigentlich? Wahrscheinlich, weil die Schwemme an mir nagt. Was für ein entwürdigendes Bild ist das bitte? Da kommen sie in Scharen wie marodierende Freischärler oder es gibt einen Schwarm an Flüchtlingen wie Heuschrecken, die sich über Ägyptens Kornfelder hermachen, zuletzt die Schwemme, gegen die eine Schwemme der Elbe ein Kinkerlitzchen zu sein scheint. GEHT’S EIGENTLICH NOCH?

Nach diesem Gefühlsausbruch zurück zur Ratio. Egal, wie man zu Flüchtlingen steht, wisst ihr eigentlich, was ihr schon mit den Worten anrichtet, liebe Leute, die sie verwenden? Ihr sprecht diesen Leuten die Menschlichkeit ab, ihr erklärt sie zu einer Naturkatastrophe. Leute, die ihr Leben riskieren, die für gewöhnlich nichts mehr haben als das, was sie bei sich tragen können und eben ihr Menschsein, denen nehmt ihr mit solchen Begriffen das, was sie unnehmbar haben (nicht besitzen) sollten: Würde.

Egal, ob „das Boot voll“ ist oder ob sie alle zu uns kommen sollen, wir reden hier über Menschen. Also behandelt sie wie Menschen. Noch nicht einmal wie Vieh behandelt ihr die Flüchtlinge, wenn ihr euch euch in eure Beschreibungen flüchtet und wenn ihr von einer Katastrophe sprecht, beschleicht mich das Gefühl, ihr erklärt es zu einem metaphysischen Problem, als ob der liebe Gott oder der Weltgeist oder das Schicksal die Hand im Spiel gehabt hätten.

Und zuletzt: Flüchtlinge. Als ob es eine Spezies wäre. Flüchtlinge, das ist wie Bückling oder Schönling. Wenn ich mich recht entsinne, hat das -ling im Deutschen den Status eines Pejorativ-Suffix. Das Schlimme ist, es geht mir auch erst in diesem Artikel auf. Also Schluss damit. Das sind Flüchtende oder Menschen auf der Flucht. Bringt ihnen, wenn ihr schon sonst nichts geben wollt, wenigstens die Achtung entgegen, die sie als Menschen verdient haben.

Die Gründe für Flucht mögen so vielfältig sein wie die Zahl der Flüchtenden. Doch jeder Mensch auf der Flucht ist zunächst Mensch und verdient es, so behandelt zu werden. Und für jede Flucht gibt es einen Anlass. Hinter jedem Anlass steht ein Problem. Und jedes dieser Probleme, sei es individuell oder strukturell, ist kein Grund, sich mit irgend etwas, Mentalität, Gott, Schicksal, herauszureden. Auch wenn wir es nicht verstehen und deshalb nicht unbedingt beeinflussen können, es ist dennoch menschen-gemacht.

Und damit beginnt unsere Verantwortung. Auch wenn wir Flüchtende nicht aufnehmen wollen, haben wir als Menschen – ja wir sind genau wie die Flüchtenden – Verantwortung. Verantwortung uns zu fragen, welchen Beitrag wir leisten können. Das beginnt damit, dass wir versuchen müssen, die Gründe für die Flucht zu verstehen und uns dann zu fragen, was wir zur Behebung der Gründe tun können. Weil es ebenso Menschen sind wie wir selbst.

Jede Debatte über Flucht und Flüchtende kann geführt werden, aber das ist der unhintergehbare Kern jeder Debatte, die wir führen könnten. Ich könnte auf andere Blogs verweisen, die berechtigte Fragen stellen wie diese: Was, glaubt ihr wohl, bringt einen Menschen dazu, in einem völlig überfüllten Boot übers Mittelmeer zu schippern? Wirtschaftliche Not? Die Versprechungen der Schlepper? Ihr nickt? Gemach …

Wirtschaftliche Not gibt es in jeder kapitalistischen Gesellschaft auch. Nehmen wir Griechenland. Das vielgescholtene Land kennt außer der vielgescholtenen Rente kein ausgeprägtes soziales Sicherungssystem wie in Deutschland. Der Arbeitsplatzverlust führt zu großen ökonomischen Einbußen, der durchaus existenzbedrohend sein können. Einige entscheiden sich zu gehen und ihr Glück anderswo zu versuchen, aber viele bleiben. Eine Griechenschwemme erleben wir nicht. So viel zur „wirtschaftlichen Not“. Damit diese zum Fluchtgrund wird, muss sie zur existentiellen Not ohne Perspektive mit beinahe übermenschlichem Leidensdruck werden. Einmal durch die halbe Wüste, weil ich kein Geld in der Tasche habe ist ein Abenteuer, auf das ich mich nicht einlassen würde.

Blieben die Versprechungen der Schlepper. Wo wir mit der Ausgangssituation des handelsüblichen „Wirtschaftsflüchtlings“ (ja, ich benutze das Wort hier mit Absicht) ein wenig zurecht gerückt haben, sollte klar sein, dass die Versprechungen der Schlepper sicher nicht der Grund sind. Ich wage zu behaupten, dass die meisten Menschen auf der Flucht nur daran glauben, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, trotz des Blicks auf das alte, vielleicht etwas morsche Boot, das schon viel zu voll geladen ist. Das bloße Wort, ein „Wir kommen sicher übers Meer und drüben wartet das Paradies“ klingt unrealistisch. Aber woran soll ein solcher Mensch, der auf der Flucht ist, denn sonst noch glauben? Er hat nichts weiter als das Versprechen, ist gezwungen zu glauben und steigt ins Boot.

Und jetzt bitte die Diskussion noch einmal von vorn.

Lexikon: Bewohner

Bewohner verhält sich zu Insasse wie Arzt zu Patient: Der Arzt ist frei in dem, was er tut oder unterlässt und kann, wenn er mit seinem Stand unzufrieden ist, immer noch Politiker, Lobbyist oder Diktator werden. Der Patient hat die freie Entscheidung, seine Behandlung durchzuführen oder abzubrechen ebenfalls, darf aber je nach Schwere der Krankheit mit mannigfachen Unannehmlichkeiten von Kopfschmerz bis Tod rechnen.
Ich möchte diesen Vergleich nicht überstrapazieren, weil ich das Arzt-Patienten-Verhältnis eher professionstheoretisch sehe und es dann schief wird. Vielmehr möchte ich mir heute den vorderen Teil einmal genauer ansehen, als weiterer Teil unseres kleinen Vokabeltrainings „Altersheim“. Und weil ich „Alltag vs. Geschichte“ derzeit nicht bespiele, sondern der Blog brach liegt, habe ich für solche Überlegungen auch schon vor einiger Zeit klammheimlich die Kategorie „Nachdenkliches“ hinzugefügt, in der zukünftig solche Gedankensplitter ihren Platz haben sollen.

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Lexikon: Seniorenzentrum

In meiner kleinen Reihe „Sprachverwirrungen im Altersheim“ sollten wir uns auch den Begriff Altersheim vornehmen, denn den gibt es höchstens noch umgangssprachlich. Er fristet sein Gnadenbrot im Seniorenheim, um sich noch ein letztes Mal schillernd zu geben: Seniorenzentrum, Seniorenresidenz, Wohnen im Alter, etc. pp. Damit verbirgt er, was er ist, ein Altersheim und wertet das ab, was das „Heim“ ausmacht, Schutzort, Rückzugsort, Wohlfühlort, Sorgeort zu sein. Und weil das wieder harter Stoff ist, gibt es heute wieder ein Brotbild und irgendwann die Woche auch was Schönes aus dem Heimleben: Meinen letzten Tag.
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