Diese Buch-Rezension erfolgt auf die freundliche Empfehlung von schauwerte hin im Rahmen des Buch-Date. Wie immer gibt es an diesem besonderen Tag, an dem das Buch-Date endet, eine Fülle an Rezensionen zu lesen. Ich habe mich für „Motherless Brooklyn“ von Jonathan Lethem entschieden, einer Mischung aus New-York-Roman, Hard-Boiled-Krimi und Tourette-Geschichte. Wie es mir mit diesem Buch erging, erfahrt in diesem Beitrag.

Inhalt und Cover nach Verlagsseite (Link im Cover)

Das Waisenhaus St. Vincents, in Brooklyn, frühe siebziger Jahre. Für Lionel Essrog, der am Tourette-Syndrom leidet (dessen Symptome u.a. darin bestehen Unsinn zu reden, alles und jeden in Reichweite zu berühren und umherliegende Gegenstände neu zu arrangieren), ist Frank Minna so etwas wie ein Erlöser. Der im ganzen Viertel beliebte Ganove taucht eines Tages auf und nimmt Lionel und drei weitere Jungs mit auf seine mysteriösen Jobs quer durch Brooklyn. Aus den vier Waisen werden so die Minna Men, die von Detektei- bis Fahrdiensten alles anbieten. Ihre Tage und Nächte drehen sich um Frank, den Prinzen von Brooklyn, der mit großer Klappe durchs Leben eilt. Dann kommt die furchtbare Nacht, in der Frank niedergestochen wird und Lionel auf sich selbst gestellt ist. Auf der Suche nach Franks Mörder verstrickt er sich tiefer und tiefer in Brooklyns Unterwelt und versucht sich in den Verflechtungen aus Drohungen und Gefälligkeiten zurechtzufinden, die die geheimen und unüberschaubaren Gesetze dieses Viertels ausmachen. Seine Tourette-Anfälle machen ihn dabei zu einem Sonderling, der aber herausfindet, daß niemand ist, was er zu sein schien: weder Frank, noch seine verbitterte Frau Julia, nicht einmal die Minna Men. In Motherless Brooklyn finden sich messerscharfe Dialoge, durchtriebener Sprachwitz und die Komplexität des Plots Seite an Seite mit einer Charakterisierung Brooklyns. Und so wird dieses Viertel mit seiner ureigenen Sprache und Lebensart, seiner Mischung aus aggressiver Pose und Sentimentalität, selbst zu einer Hauptfigur der Geschichte.

New-York-Geschichte

Warum eigentlich sind Romane, die in New York spielen, immer so stereotyp? Spontan fielen mir Siri Hustvedts Bücher über die liberale Upper Class in New York ein, in der alles nur Schein, Doppelbödigkeit und Psychotherapie ist. Ich mag den Stil von Hustvedt, so ist es nicht, aber so wie sie die Stadt charakterisiert, als Hort einer weltfremden und grausamen Gesellschaft in der Gesellschaft, ist sie mir gefühlt in zahllosen anderen Büchern auch begegnet. Selbst wenn ein Roman nur kurze Zeit in New York spielt, funktioniert er immer nach den gleichen Regeln.

Motherless Brooklyn spielt in Brooklyn, jetzt also Working Class statt Upper Class. Das traurige an dem Buch ist: Auch Lethem schildert sein New York genau so, wie man es erwartet. Kleine Leute, die tief in der Kriminalität drinstecken. Sie sehen nicht darüber hinweg und tun so, als würde es keine Kriminalität geben, aber für sie ist dieser Teil ihres Lebens, die Abhängigkeit von Mafia-Patronen, Schießereien und Messerstechereien, Waisenkinder, ein Teil ihrer Normalität, die nicht kritisch reflektiert werden muss, weil es eben so ist. Man arrangiert sich mit der Kriminalität, weil man sie nicht los wird. Es ist geronnenes Sterotyp, es hat beinahe etwas von kitschiger Gangster-Romantik, wie sich die Figuren verhalten, die in Lethems Brooklyn leben.

 

Hard-Boiled

Nunja, man darf es ja erwarten, wenn es in diesem Buch vordergründig darum geht, dass ein kleiner Mafioso plötzlich ermordet wird und einer seiner Mitarbeiter sich aufmacht, den Mord an seinem Boss zu klären. Denn dieser Boss hat gut für den Protagonisten Lionel gesorgt, ihn aus dem Waisenhaus geholt und ihm den Beinamen „Freie Freakshow“ gegeben. Doch auch der gute, nun tote, Boss Frank ist nicht die Lichtgestalt, der wir am Anfang begegnen.

Frank ist genau so schmierig wie die beiden Mafiapaten, die im Laufe der Geschichte auftauchen und überhaupt alle anderen Charaktere, die hemmungslos zwischen Liebenswürdigkeit und Schurkerei schwanken. Bei der Möblierung seiner Geschichte mit doppelbödigen Charakteren leistet Jonathan Lethem gute Arbeit: Wie die Charaktere reden und wie sie handeln sind stets zwei Paar Schuhe, dennoch wirkt es konsistent, wie Lethem sie beschreibt. Seine widersprüchlichen Figuren sind ihm gut gelungen – wesentlich besser als die reichlich vorhersehbare Kriminalgeschichte.

 

Tourette

Zu wahrer Meisterschaft gelangt Jonathan Lethem mit Lionel, seinem tourette-bewehrten Protagonisten. Es wäre leicht, sich über eine solche Figur lustig zu machen: Ein Detektiv mit Tourette? Der ständig tict und damit massive Probleme hat, wenn er einen Informanten liebenswürdig aushorchen will – oder bedrohen? Lethem lässt diese Momente zu, aber er bleibt nicht bei ihnen stehen.

Psychisch kranke Protagonisten sind in der Literatur oft auch irgendwie therapeutisch angelegt: Ein psychisch Kranker ist entweder in Behandlung oder behandelt. Wenn er es nicht ist, dann ist er meist ein armer Tropf, eine traurige Figur, die nicht die Hilfe bekommt, die er benötigt. Die Intention einer solchen Schilderung ist offensichtlich: Sie soll Betroffenheit wecken.

Lethem vermeidet es, mit Lionel in die Betroffenheitsfalle zu tappen, stattdessen sensibilisiert er dafür, dass Lionel auch nur ein ganz normaler Mensch ist, der sich mit persönlichen Problemen herumärgern muss, aber ein herrlich reflektierter Charakter ist. Er reflektiert seine Tics, fragt sich manchmal, woher ein Ausbruch kommt, beruhigt sich mit der Musik von Prince und vor allen Dingen betrachtet er sein Tourette nicht als Krankheit. Er tict, hält es aber nicht für nötig, anderen Menschen zu erzählen, er sei krank. Das macht Lionel vielleicht am sympathischsten, neben seiner Anhänglichkeit an seinen toten Boss:

Lionel hat zwar Tourette, aber er ist nicht krank. Er ist zwar die „freie Freakshow“, aber er ist ein ganz normaler Mensch wie jeder von uns auch, die immer mit dem rechten Fuß zuerst aufstehen müssen, den Kaffee immer links umrühren … Oder … ergänzt eure eigenen Marotten. Der einzige Unterschied zwischen Lionel und euch ist, dass eure Marotten nicht so exaltiert sind und sie anderen Menschen nicht ins Gesicht springen wie Lionels verbale Ausbrüche. Entsprechend konsequent erklärt Lionel seine Ausbrüche auch nicht mit Tourette – oder nur sehr selten. Er ist einfach Lionel und hat seine Marotten.

Und das schönste ist: Diese Ausbrüche machen sprachlich Spaß. Vielleicht ist Tourette manchmal auch eine Gabe, eine große Sprach- und Assoziierkunst. Lionel findet sich irgendwann in einem Meditationsraum von Zen-Buddhisten wieder und hört eine Predigt übers Zen. Was er daraus macht? Er beginnt mitten in der andächtigen Stimmung zu ticen:

„Zengeltung!“ schrie ich. […] „Zickezacke Zendoodah,“ gab ich laut von mir. […] „Piroggen-Monster Zen-Meister Zäher-Züchter. Zazen zünftig Zsa Zsa gebär.“ Ich trommelte auf dem Kopf meines Vordermanns. „Zipperleingefahr.“

 

Fazit

Motherless Brooklyn ist eine kitschig-romantische Gangster-Geschichte und ein durchschaubarer Krimi. So weit, so banal. Lionel macht die Sache aber interessant, denn er ist in dieser Welt zwar ein Freak, aber er ist eben nur ein Freak. Er ist nicht krank, sondern anders. Und dieses Anders-Sein wird ihm zugestanden. Die Menschen, die ihn kennen, beschweren sich zwar zuweilen über seine Tics, aber Lionel wird weder in Watte gepackt noch bemitleidet. Seine Tics belasten ihn, keine Frage, aber Tourette ist ein Teil von ihm. Wenn man so will, ist „Motherless Brooklyn“ also doch ein Buch mit therapeutischem Anspruch, uns selbst kritisch zu hinterfragen, ob wir anderen Menschen zubilligen können, anders zu sein, ohne sie gleich zu pathologisieren. Wenn uns das gelingt, kann ein Mensch mit Tourette auch problemlos als Privatdetektiv arbeiten.

Die Normalität, mit der Lionel sich durch diesen Roman bewegt, gepaart mit der kreativen Sprachgewalt, die hinter seinen Ausbrüchen steht, machen dieses Buch zu einer lesenswerten Empfehlung. Vielen Dank dafür, schauwerte. 🙂

 

P.S.: Gerüchte um eine Verfilmung gab es immer wieder, Edward Norton soll die Hauptrolle spielen. Lt. Wikipedia haben sie im vergangenen Jahr nun wirklich mit der Produktion begonnen.

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6 Kommentare zu „Buch-Date: Motherless Brooklyn oder: Die freie Freakshow

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