Manchmal frage ich mich ja, ob die ganze Welt verrückt ist. Das klingt nicht sonderlich spannend, denn seitdem in der Welt verrückte Dinge nicht nur ständig passieren, sondern die Medien auch darüber berichten, ist es Volkssport geworden, die Welt für verrückt zu halten. Ich frage mich das allerdings auch in Alltags-Situationen. Und dann fühle ich mich einsam, obwohl ich in einem voll besetzten Großraumwagen der Deutschen Bahn sitze.

Der prototypische Mensch würde an dieser Stelle womöglich einhaken und verwundert nachfragen, wie ich mich einsam fühlen könne, wo ich doch unter lauter Menschen gewesen sei. Er könne das nicht verstehen. Aber es geht. Und es liegt daran, dass diese Menschen alle woanders waren, ganz woanders.

Ich gebe zu, in diesem Moment habe ich meine Mitfahrenden gewertet. Ich habe leere und müde Gesichter gesehen, aber keines dieser Gesichter sah glücklich aus. Und das am Pfingstmontag-Abend. Eine gewisse Trostlosigkeit lag im Wagen, in dem ich auch meine Heimreise antrat. Eine Heimreise, die mich aus den unendlichen Weiten wieder nach Süddeutschland bringen sollte.

 

Eine andere Normalität

Knapp fünf Tage lang bestand mein Leben im Wesentlichen aus Pizzalieferdienst und Keksen, „Preppers“ (dazu ein andermal mehr), einer geistigen Offenheit, die Diskussionen erlaubte wie diejenige, was das Q-Kontinuum oder die Macht überhaupt seien und Menschen, die ganz unbefangen ihre nicht mehrheitsfähigen Vorlieben zur Schau trugen.

Ich mache mir im Alltag nicht viel daraus, dass ich im Herzen ein Nerd bin. Ich behaupte eh, dass ich ein schlechter Nerd bin, weil ich vieles aus der Popkultur nicht kenne, kaum Serien oder Filme schaue und auch nicht-nerdige Interessen pflege. Aber ich bin einer, ein kleiner. Der sein Green-Lantern-Shirt mit ebenso viel Stolz durch den Alltag trägt wie seine TARDIS-Umhängetasche. Damit stehe ich zwar in meinem Umfeld allein dar, aber damit kann ich leben.

Wie großartig ist es dann aber, über ein verlängertes Wochenende in ein Gebäude gesperrt zu werden, in dem du über den Gang läufst und dir unbewusst an die Seite fasst: „Ist meine Tasche noch da oder hat die Klingonin vor mir die Tasche geklaut?“ … Bis du realisierst, dass du hier nicht derjenige bist, der aus der Reihe fällt und sonderbar ist, sondern die Klingonin vor dir einfach die gleiche Tasche gekauft hat. Und der Typ, der dir entgegen kommt, hat dir auch nicht dein T-Shirt geklaut. Du merkst, du bist unter normalen Leuten.

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Ein ganz normaler Leut

Die normale Normalität

Nun sitze ich also in diesem Großraumwagen, auf meinem T-Shirt die USS Enterprise (Jean-Lucs Modell, Asche auf mein Haupt) und beobachte die Menschen um mich herum. Noch ganz aufgeputscht (und ein wenig überfordert) von all dem, was ich den vergangenen Tagen an Eindrücken gesammelt und Input erhalten habe, bin ich natürlich überreizt und nehme die Welt anders wahr. Und ich sehe: Trostlosigkeit.

Ich sehe Uniformität, überall gedeckte Farben, graue Anzüge zu hellen Hemden, auf denen dezente blaue Streifen schon ausgeflippt wirken, ich sehe Hoodies, unter denen kaum ein Gesicht hervorragt, das ins Leere blickt.

Oh, Hallo, wirkliches Leben, du ohne jede Freude. Da bist du ja wieder.

 

Du da mir schräg gegenüber, du bist auch einer von diesen „Hallo, wie geht’s?“ „Was machst?“ „Wollen wir zu dir oder zu mir?“-Typen, die sich souverän mit Banalitäten durchs Gespräch turnen, die nen Purzelbaum hinbekommen und die Grätsche über den Bock. Wohin man auch schaut, niemand scheint daran interessiert zu sein, einen doppelten Salto mit anschließender Schraube vorzuführen.

Warum eigentlich? Verstecken die sich alle hinter ihrer Fassade und leiden in dem Moment genauso, dass alles grau, trist, sinnlos und verbohrt ist? Träumen sie davon, in der großen Masse aufzugehen, im Moshpit herumzuspringen? Nein, nirgendwo ein Festival-Armbändchen zu entdecken. Alles schön säuberlich und akkurat, nirgendwo ein Bruch mit der Konvention. Während ich in den allermeisten Fällen Sneaker zum Anzug trage und mein Hemd bestimmt nicht weiß ist, ist im ganzen Wagen keine Spur von Abweichung von der Norm zu erkennen. Sofort schießt mir der naheliegende Gedanke in den Kopf:

Wir sind die Borg. Deaktivieren Sie Ihre Schutzschilde und ergeben Sie sich. Wir werden ihre biologischen und technologischen Charakteristika den unseren hinzufügen. Ihre Kultur wird sich anpassen und uns dienen. Widerstand ist zwecklos!

Ich stelle mir kurz die Frage, ob meine Assimilation nicht dafür sorgen müsste, dass das uniforme Kollektiv, das mir im Zugabteil gegenübersitzt, dadurch nicht ein wenig bunter wird. Der Gedanke taucht im Star-Trek-Universum gelegentlich auf, aber man benötigt die Borg nun einmal als existentielle Bedrohung. Und so bleibt es mir nur zu zeigen, dass Widerstand wirklich zwecklos ist, weil die Welt sich in grau wohl fühlt. Anpassen muss ich mich deshalb noch lange nicht, ich bleibe lieber abnormal. Auch wenn die Konfrontation mit dem, was die Welt normal nennt, zuweilen schmerzt.

 

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16 Kommentare zu „Normalität und Normalität

  1. Vielleicht bist du ja wirklich noch 29 😀
    Die Frage über normal oder unnormal (abnormal, von der Norm abweichend, gibt es Normalität überhaupt, etc.) stellt sich irgendwann nicht mehr. In meinem Alter reitet man auf einem Einhorn in den Sonnenuntergang, schämt sich nicht, seine Nachbarn in Wölkchen-Pyjama und pinken Adiletten wegen nächtlicher Ruhestörung anzubrüllen, und wenn man mit Hängebusen nackt am Fenster steht und der gesamte Innenhof voll Menschen ist, ist einem das auch schnurzpiepe.
    Man fragt nicht, wie oder ob es gewertet wird und wertet auch selbst nicht (mehr). Man macht einfach… *in sich ruhend am Multivitaminsaft nuckel* 😀

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  2. Normalsein ist doch langweilig! Und du bist ganz sicher nicht langweilig. 😉

    Ich wünschte mir manchmal auch, mehr Nerdkram nach außen hin zu tragen, aber beruflich ist das ein No-Go, und privat verlasse ich momentan kaum noch die Bude. Insofern finde ich es gut, wenn du den Nerd raushängen lässt. 😀

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