China Miéville ist ein Mann, der verwirrende, aber großartige Bücher irgendwo im Zwischenreich von Science Fiction und Irrsinn schreibt. Er ist einer der Autoren, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Mit „Die Stadt & Die Stadt“ wird er beinahe realistisch, was das Buch nur noch irrer macht. Und wer das heutige Rezept vermisst: Das gab es wegen einer kleinen Aktion schon gestern.

stadt
Quelle

Inhalt lt. amazon.de

Zwei Städte – geeint und doch entzweit. Die Bewohner werden erzogen, einander nicht zu sehen. Das unerlaubte Betreten der jeweils andere Stadt zieht schwerste Strafen nach sich. Ein ganz alltägliches Szenario für Kommissar Borlú.

Eines Tages wird in Borlús Stadt eine Frauenleiche gefunden. Der Mord stellt ihn vor ein Rätsel. Denn die Tote hätte niemals in seiner Stadt auftauchen dürfen. Offenbar hat der Mörder gegen die Regeln verstoßen: Er hat die Leiche von der einen Stadt in die andere geschafft, ohne Alarm auszulösen. Will Borlú den Fall lösen, bleibt ihm nur ein einziger Weg: Er muss allein in die verbotene Zwillingsstadt, um das Ungesehene sichtbar zu machen …

 

Sprachlich anspruchsvoll

Miéville entwickelt in „Die Stadt & Die Stadt“ wieder einmal seine ganz eigene, etwas trostlose Welt, wie er es auch mit Bas-Lag bereits getan hat, nur dass seine Welt diesmal den Anspruch hat, mehr oder minder in unserer Welt zu spielen. Man könnte sagen, es ist die Möglichkeit unserer Welt, womit er für meinen Geschmack sehr nah an das heranrückt, was auch die Haruki-Murakami-Romane so besonders macht. Denn seine Welt ist phantastisch.

Nicht nur die Idee ist phantastisch, auch wie er sie ausbuchstabiert. Er erfindet zwei Städte, die partiell „deckungsgleich“ sind, aber für die Bewohner der jeweils anderen Stadt nicht existieren. Eine ganz eigenartige Form der Existenz wird damit geschaffen. Er bevölkert diese Welt mit eigenen Begriffen, die es zu lernen gilt, egal ob es Begriffe aus den Sprachen der beiden Städte sind oder solche Begriffe wie „deckungsgleich“ und „nicht-sehen“, die mit großer Selbstverständlichkeit benutzt werden und die der Leser erst lernen muss. Miéville macht es gleich dreifach kompliziert, indem er immer wieder auch Exkurse in verschiedene relevante Wissenschaften macht, sodass man zuletzt auch Begriffe wie „polysemisch“ verdauen muss. Die Fremdartigkeit der Geschichte beginnt also sprachlich.

 

Film-Noir-Lektüre

Doch auch die Stimmung ist fremd. „Die Stadt & Die Stadt“ ist kein Hardboiled Detective Roman, dazu taugt der Protagonist nicht. Die Ästhetik orientiert sich aber an dem, was wir aus den filmischen Umsetzungen dieses Genres kennen. Eine heruntergekommene Stadt, in der es, auch wenn es nicht erwähnt wird, gefühlsmäßig immer regnet und in der man Schwarz-Weiß-Bilder mit einem Farbfilm schießen könnte. Über der ganzen Stadt und der ganzen Geschichte hängt ein trüber Schleier, Dunst. Der Geruch von Drogenküchen und Fabriken liegt immer in der Luft, auch wenn man explizit gar nicht so viel über das Setting des Romans weiß, dass man es sich so detailliert vorstellen kann.

 

Historische Bezüge

Vielleicht liegt es genau an dem Setting. Miéville konstruiert eine mögliche Welt und spielt mit der Teilung. Erinnerungen an Korea werden wach, an Berlin, an den Ost-West-Konflikt, für mich klingt es aber wie Balkan. Dazu tragen nicht nur die beiden verwendeten Sprachen bei, die nach serbokroatisch klingen, auch die Tatsache, dass die beiden Sprachen sich angeblich fundamental unterschieden, bis ins Alphabet hinein, aber für den unbedarften Leser doch seltsam gleich aussehen. Und faktisch die Behauptung unterlaufen wird, die Sprachen haben nichts miteinander zu tun, aber jeder, der im Buch eine Rolle spielt, recht problemlos beide Sprachen beherrscht – obwohl beide Staaten und damit beide Sprachen voneinander abgegrenzt werden.

Die historischen Bezüge machen in den Details noch viel mehr Spaß: Sei es, dass es dort einen Arbeiterpriester gibt oder die beiden Staaten unterschiedliche Gönner haben (der eine die recht unzuverlässigen USA, der andere lustigerweise Kanada) und auch die unterschiedlichen politischen Sekten, die im Untergrund alle eine kleine revolutionäre Rolle spielen (und damit an die unterschiedlichen Richtungen des Sozialismus [Maoismus, Stalinismus, Marxismus, Trotzkismus, Soll-ich-weitermachen-Ismus?]). Insgesamt fällt eine Zuordnung aber schwer. Der von den USA mit einem Embargo bedachte Staat ist letztlich autoritär-nationalistisch, während der von den USA unterstützte Staat irgendwie ostblock-sozialistisch … Oder vielleicht doch eher yugoslawisch geprägt ist.

 

Verschwörungen und Unsagbares

China Miéville zaubert mit „Die Stadt & Die Stadt“ einen erstklassigen Verschwörungsroman ins Bücherregal, der Dan Brown wahrscheinlich vor Neid erblassen lässt. Das Geheimnisvolle darf bei Miéville geheimnisvoll bleiben und gibt der Geschichte eine surreale Note. Es gibt zwar rationale Erklärungen für die Vorgänge in diesem Buch, aber die verfangen nicht. Alles, was in diesem Buch passiert, selbst das was vorhersehbar ist, grenzt sich nur haarscharf vom absoluten Irrsinn ab. Als Leser drohen die Buchstaben vor ständigem ungläubigen Kopfschütteln zu verschwimmen – in diesem Fall ein Qualitätskriterium.

Darüber hinaus ist Miévilles Roman der Versuch, Unsagbares zu artikulieren. Wenn es die Stadt und die Stadt gibt, gibt es nicht vielleicht etwas Drittes? Wenn es dieses Dritte gibt, als Zwischenraum zwischen der Außen- und der Innenseite, gibt es dann nicht vielleicht noch ein Viertes? Mit anderen Worten: Lässt sich immer alles sagen, darstellen, erklären? Oder gibt es in der Welt nicht immer Geheimnisse, die genau dies bleiben werden?

 

Fazit

China Miéville lässt mich einmal mehr ratlos zurück. Ich brauche immer ein wenig, um in seine Bücher hereinzukommen, weil der Autor auf die harte Konfrontation mit der Fremdartigkeit setzt. Sobald der Einstieg gelungen ist, macht das Buch Spaß: Klassischer Kriminalroman, große Verschwörung, garniert mit Surrealität und der gelungene Versuch, aus Michel Foucault Diskurstheorie einen Roman zu bauen. Allein letzteres reicht schon, um das Buch unbedingt lesen zu müssen.

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10 Kommentare zu „Besprechung China Miéville – Die Stadt & Die Stadt

  1. Und wieder einen zeitgenössischen Schriftsteller kennen gelernt – Danke, Zeilenende!
    Siehst du, das ist ja noch ein Grund, warum ich deine Rezensionen gerne lese: Bücher von Autoren, zu denen ich selbst nicht greifen würde, weil sie in den Bilderbüchern, mit denen ich mich derzeit vor allem beschäftige, überraschenderweise nicht als weitere Vorleseempfehlung angegeben sind, und bei der Tageszeitung komme ich auch nur noch selten bis zur Literaturseite 😉

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    1. Danke schön. Mieville ist in der Tat so ein Fall … Den entdeckt man zufällig kaum. Ich habe ihn nur gefunden, weil man ihn zum Teil zum Steampunk zählen kann und ich gezielt nach solchen Autoren suchte. Manchmal ist das Netz in der Tat eine Fundgrube. 🙂

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  2. Witzig, die Rezension erinnert mich an einen Film, in dem es keine Menschen gibt, außer einen jungen Mann (Hauptfigur) und eine Frau und sie fließen vor einer sich ausbreitenden Dunkelheit.
    Und mir fällt nicht ein, wie der Film heißt.
    Deine Rezension ist somit heute sehr ärgerlich für mich 😀 😀

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    1. Zugänglich ist er in der Tat nicht. Das sind die Bücher von Miéville, die ich kenne, nie, aber hier hat er es so sehr auf die Spitze getrieben, dass ich glaube, er will gar nicht, dass seine Leser*innen durchsteigen. Weil er nicht zeigen will, dass es unsag- und denkbares gibt, sondern es fühlbar machen will. Aber dass das nerven kann, verstehe ich gut.

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