Wann immer mir keine Antwort für die Montagsfrage einfällt, beantworte ich eine Frage, die sich am so genannten Proust-Fragebogen orientiert. Diese Fragebögen waren in den gehobenen gesellschaftlichen Schichten Europas des späten 19. Jahrhundert ein beliebtes Vergnügen, auch Marcel Proust beantwortete sie und verspürte dabei besonderes Vergnügen. Mir geht es ähnlich, denn mit jeder Antwort lerne ich mich auch selbst ein bisschen besser kennen.

Und diese Woche habe ich leider keine Zeit für die Montagsfrage, weil ich aktuell auch noch Besuch von einem lieben Freund habe und ich packe und … Ach … Lest einfach den vorbereiteten Beitrag. Der ist schön. 🙂

Die heutige Frage zeigt einmal mehr, warum ich diesen Fragebogen so gern habe: Bücher lesen, Serien schauen, Sport treiben, fotografieren, kochen, backen, arbeiten, Brettspiele, schreiben, Kaffee trinken, mich durch die Blogosphäre wühlen, Schiffe beobachten, shoppen, Dinge ordnen, nachdenken, aus dem Fenster schauen, basteln, Neues lernen, Dinge recherchieren, Quizduell, Kuchen essen, gärtnern, stricken, am Kamin sitzen, diskutieren, Kreuzworträtsel und noch einiges mehr sind Dinge, die mir spontan und ungeordnet durch den Kopf schossen, alle mehr oder minder gleichzeitig.

 

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Besonders schön ist es, wenn man mehrere Beschäftigungen miteinander verbinden kann.

 

Keine dieser Beschäftigungen lässt sich immer der anderen vorziehen. Nach einem exzessiven Shopping-Tag bin ich entschieden zu müde, um noch eine umfangreiche Recherche zu einem Gedanken durchzuführen, der sich mir aufdrängt. Der wird auf einen Notizzettel ausgelagert (was wohl auch eine meiner Lieblingsbeschäftigungen sein dürfte). Stattdessen wäre das Buch meine Lieblingsbeschäftigung der Wahl, um ein wenig mit mir allein zu sein. Vielleicht sogar am Kamin sitzend, mit einem Stück Kuchen.

Kann man einen gemeinsamen Nenner finden? Lesen, lernen, nachdenken, rätseln sind geistige Aktivitäten, backen, Sport und Garten körperliche, basteln und stricken kreative, Kuchen und Kaffee kulinarische, am Kamin sitzen und aus dem Fenster schauen kontemplative Beschäftigungen. Die Gemeinsamkeiten sind gering. Bei den geistigen Aktivitäten kommt es wie bei den kontemplativen darauf an, still zu sitzen, aber bei ersteren rast der Geist, bei zweiteren dreht er im Leerlauf. Nur still steht er nie. Und das Backen ist körperlich erschöpfender Hochleistungssport, zumindest bei mir.

Proust selbst hat einmal geantwortet, seine sei es „zu lieben (aimer)“. Das ist nicht ganz so platt, wie zu sagen: „Das, was ich bevorzuge“, was im entsprechenden Abschnitt des Fragebogens („Mon occupation préférée.“) angemessen wäre. Es lässt Interpretationsspielraum, Proust war immerhin erst 19 Jahre als, als er „Aimer.“ als Antwort zu Protokoll gab. Seine Antwort ist elegant, aber nichtssagend, schwärmerisch oder anstößig (zumindest für die damalige Zeit).

Andererseits hat er recht. Warum sind Lieblingsbeschäftigungen Lieblingsbeschäftigungen? Weil sie gut für uns sind sicher nicht, das hängt vom Betrachtungswinkel ab: Das heimliche Lesen bis spät in die Nacht, immer gespannt lauschend, ob jemand die Treppe hinauf kommt … Am nächsten Tag war man hundemüde, das war also zumindest kurzfristig nicht gut. Ein ausgiebiges Training mit Muskelkater am nächsten Tag … Nein. Dennoch hat beides seine Berechtigung und ist nicht unbedingt übertrieben. Aber eben auch nicht so wirklich gut. Es ist einfacher: Es geht ums Brennen. Das ist meine Lieblingsbeschäftigung.

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12 Kommentare zu „Proust-Fragebogen: Ihre Lieblingsbeschäftigung?

  1. Wie stets sehr schön geschrieben und Räume öffnend. Leider hat „brennen“ für mich den negativen Touch von „verbrennen“, sodass ich noch auf der Suche nach einem passenden Verb wäre. Irgendwas mit „begeistern“ wahrscheinlich. Jedenfalls Danke!

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    1. Ich mag die Metapher ehrlich gesagt genau deshalb: Man kann für das, was man liebt, brennen. Und es kann immer wieder passieren, dass man sich daran verbrennt. Das ist der Exzess. Ganz selten habe ich es, dass mich etwas so sehr fesselt, dass ich in den frühen Morgenstunden ins Bett gehe. Der nächste Tag ist die Hölle. Dennoch kann es das wert gewesen sein. Oder man lernt etwas daraus.
      Und auch das verbrennen im anderen Wortsinn hat meiner Meinung nach seine Berechtigung: Denn dadurch, dass wir es lieben, besteht diese Gefahr immer, dass wir der Liebe nachgeben, ohne auch unseren Kopf einzuschalten. Dann wird aus Liebe Sucht, die zehrt und uns verbrennt. Ob das schön ist, muss jeder für sich entscheiden, ich finde das Anliegen des Junkie an der Nadel durchaus verständlich, wenn auch erschreckend.
      Von daher, das „brennen“ gießt Wasser in den Wein der Liebe. Aber zu viel Wein ist ja auch nicht gut. Um mal mit ein paar weiteren Metaphern um mich zu werfen. 🙂

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      1. Ja, verstehe ich gut. Ist auch so, und muss wohl so sein. Trotzdem halte ich es lieber mit den Esosprüchen von wegen „Liebe ist das einzige, das nicht kleiner wird beim Verschenken“ oder so, will sagen, Liebe ist für mich tatsächlich nicht ein Energiestoff wie Wachs, der irgendwann weggebrannt ist. Eher wie Sonnenenergie aus dem Fusionskern. Zumindest: Beim Wein treffen wir uns wieder – Prost!

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  2. Genau das ist LEBEN….für etwas / mit etwas / durch etwas brennen….leben – lieben – lachen…Sozialisation……das Leben ernst und verantwortungsvoll ( sich selbst und anderen gegenüber ) leben…Engagement…..und selbst wenn das Glas halb leer ist: dann füll’s wieder auf…oder lerne dir auch mal einschenken zu lassen! LOOKING AT THE BRIGHT SIGHT OF LIFE 🙂

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  3. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist es, Fragen zu stellen. Gerne irgendwie „unmögliche“ Fragen. Deshalb: Was ist mit dem „dolce far niente“? Nichtstun als Lieblingsbeschäftigung – geht das, obwohl es ja doch eigentlich keine Beschäftigung ist? Auf der anderen Seite könnte es ja genau so der Rekreation dienen wie irgend eine Tätigkeit. (Jedenfalls für jene, die des genussvollen Nichtstuns fähig sind).

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    1. Ich behaupte einfach einmal, das dolce far niente ist nur die umgangssprachliche Bezeichnung für Tätigkeiten wie „den Augenblick genießen“ oder „Muße haben“ … Und das sind hochaktive Okkupationen, Beschäftigungen im Unterschied zu Geschäftigungen … Wer weiß, vielleicht ist das Fragen ja auch eigentlich eine Nichtigkeit … Und hätte damit dennoch höchste Weihen verdient.

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      1. Jedenfalls fällt mir, wenn ich deine Antwort lese, auf, dass zwischen dem Fragen und dem Nichtstun durchaus ein Zusammenhang besteht. Dolce far niente ist ja kein komatöser Zustand, sondern bedingt eine besondere Offenheit für den Moment – statt selber ins Treiben der Welt hineinzuregieren schaut man einfach mal, was ist und was geschieht. Und wer fragt, sperrt sich nicht in ein Gefängnis eigenkonstruierter Vorstellungen, sondern bleibt (wenn die Frage ernst gemeint ist) offen für andere Ideen.

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