Wer sich in der Nacht verliert, wird vom Menschen zur zersplitterten Existenz. Und ringt am Tag danach um sich selbst.

Die Rekapitulation des gestrigen Tages überlasse ich Seamus. Ich habe kapituliert. Er möchte darüber reden, also gönne ich es ihm. Meine Gedanken sind ohnehin im Heute. Das Besondere an einem Abend mit einem rauschenden Fest, mit unmäßigem Essen und Trinken ist immer der Tag danach. Er beginnt viel zu früh, weil sich der Körper nicht dafür interessiert, dass der Geist noch keine Lust auf den Tag hat. Der Körper ist der Meinung, die Nacht sei dann vorbei, wann sie immer vorbei ist und schert sich nicht um die Umstände, die zu diesem besonderen Morgen geführt haben. Also wird er wach und der Geist muss den Körper mühsam davon überzeugen, sich noch einmal umzudrehen und den neuen Tag einen guten Mann sein zu lassen.

Ist diese Diskussion für den Geist zufriedenstellend verlaufen, haben die beiden noch eine Weile geruht, folgt der nächste mühevolle Akt: Das Aufstehen. Während der Geist nun der Meinung ist, dass es Zeit ist, das Bett zu verlassen, rebelliert der Körper. Er hat sich damit abgefunden, den ganzen Tag lang an die Matratze gebunden zu sein und verweigert dem Geist die Befehlsgewalt. Bleiern liegt er da. Sendet Kopfschmerzen an den Geist, um ihn zu verwirren. Drückende Schmerzen aus dem Nacken, um dem Geist eine Lehre zu erteilen: Jede Entscheidung hat Konsequenzen. Wenn der Geist weiter ruhen möchte, muss er damit rechnen, Opfer einer Verspannung zu werden.

Doch auch diese Diskussion endet. Körper und Geist haben sich zwar noch nicht wieder verbrüdert, aber sie einigen sich zumindest auf Friedensgespräche und beginnen den verlorenen Tag. Sie werden nebeneinander stehen und asynchron laufen, bis die Sonne wieder untergeht. Das ist die Zeche, die man fürs Zechen zahlt. Der Tag danach ist ein Besonderer. Man ist damit beschäftigt, sich wieder in Einklang mit sich selbst zu bringen. Es beginnt unter der Dusche, das Wasser rinnt heiß über den Körper und beseitigt die Gerüche der vergangenen Nacht. Es geht mit dem Kaffee weiter, der die Lebensgeister zurückruft, die offenbar noch immer fröhlich zechen. Nach dem Frühstück entlässt man sich in einen Tag, der so spektakulär unproduktiv ist, wie es nur ein verlorener Tag sein kann.

Ich genieße verlorene Tage. Zumindest die optimalen. Verlorene Tage eignen sich nicht für strukturiertes Arbeiten. Verlorene Tage erlauben keine Film- oder Buchbesprechungen, aber sie erlauben nachdenkliches Aus-dem-Fenster-blicken. Verlorene Tage erlauben keine sportliche Aktivität, aber sie erlauben einen ausgedehnten Spaziergang, selbst wenn das Wetter unangenehm ist so wie heute, mit Nieselregel und Temperaturen um die 10°. Verlorene Tage erlauben keine aufwändigen Aktivitäten in der Küche, aber meditatives Gemüseschneiden für eine Suppe. Verlorene Tage erlauben keine herausfordernde Lektüre, aber sie laden dazu ein, stundenlang im Sessel zu sitzen und in einer Geschichte zu versinken.

Um verlorene Tage vollständig genießen zu können, muss man einsam sein. Denn nur in der Einsamkeit hat man die Gelegenheit, sich wiederzufinden. Dementsprechend gibt es an verlorenen Tagen nichts schlimmeres als Gesellschaft. Am schlimmsten sind Menschen, die nicht verloren sind. Ist der ganze Haushalt verloren, kann jeder für sich selbst einsam sein. Dann stört lediglich die bloße Anwesenheit. Doch sind nur einzelne Menschen verloren, stören diese synchronen Wesen. Sie wollen sich am Frühstückstisch unterhalten und bemerken gar nicht, wie der verlorene Geist immer einsilbiger wird, weil er dem Körper fasziniert dabei zuschaut, wie er isst, ohne dass der Geist es bemerkt und durch ein Geschmackserlebnis begleitet. Sie stehen auf und laufen umher, so leicht wie der verlorene Mensch es nie hinbekommen wird und wecken damit Neid und Scham. Neid, weil dem verlorenen Menschen die Selbstverständlichkeit der Bewegung fehlt und Scham, weil der verlorene Mensch früher oder später aufstehen und sich bewegen muss. Und in den ungelenken, unbeholfenen Bewegungen verrät der verlorene Mensch seine Verlorenheit.

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Auch selbstgebackenes Brot ist an verlorenen Tagen verloren. Geschmacksverloren.

Der verlorene Mensch ist verletzlicher als ein Baby. Synchrone Wesen sind wie Stacheln und selbst wenn sie starr und unbeweglich dastehen, der verlorene Mensch hat nicht genug Kontrolle über seinen Körper, sie mit Sicherheit zu umgehen. Sie stellen ein permanentes Risiko dar. Verlorene Tage verlebt man deshalb am besten wie ein Eremit. Und es erklärt, warum Menschen, sobald sie eine Familie gründen, auf verlorene Tage zunehmend verzichten. Nicht aus Verantwortung für andere, sondern aus dem Mangel an Einsamkeit am verlorenen Tag. Statt sich mit aller Kraft auf die Suche nach sich selbst zu begeben, müssen sie vor allen Dingen mit aller Kraft die Stacheln umgehen. Und laufen damit Gefahr, sich irgendwann endgültig aus dem Blick zu verlieren.

 

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16 Kommentare zu „Verlorenheit

  1. Wie herrlich philosophisch….da wirkt jeder Kommentar nur schal….also heute keine Kommentar, aber ganz viel Dich Dir selbst überlassen…happy self-finding!

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  2. Oh je, ich hab hier auch so einen verlorenen Menschen herum vegetieren. Dessen Geist hat sich allerdings tatsächlich zum Joggen aufgerafft. So ganz nüchtern bist aber weder du noch der Liebste, wenn ich mir das so durch lese. Trink viel Wasser. Ab aufs Sofa. Wenn der Liebste zurück kommt vom Joggen bekommt er Eggs Benedict mit Avocado auf Brötchen. Fett, Salz und Kohlehydrate. Später gibt’s Nudeln. Das saugt den Restalkohol auf.
    Leidet Seamus auch? Oder sitzt er höhnisch lachend vor dir?

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  3. Oh ja, das kenne ich. Da will man nur vor sich hin vegetieren und in sich immer wieder verlierenden Gedanken versinken, wird man von diesen aktiven und ausgeruhten Menschen zu anstrengender Kommunikation gezwungen. In solchen Momenten ist Alleinsein wirklich wertvoll.

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