Malerei, Literatur, machen wir meine Bildungsbürgerlichkeit komplett und reden wir über Musik. Über Komponisten. Das ist zwar sowas von Prä-Pop, dass es einem die Schuhe auszieht, aber egal. In der Montagsfrage geht es um Liebesromane und zu dem Thema fällt mir wenig Substantielles ein außer: Küss mich! Und der gestrige Beitrag hat mich doch glatt erschöpft ob eures intensiven Inputs zu dem Thema.

Das mit dem Komponieren ist gar nicht so einfach. Während man sich bei Büchern für Lektoren, Setzer, Drucker gar nicht und für Verleger zumeist nur am Rande interessiert, ist es bei der Musik meiner Beobachtung nach umgekehrt. Ein wunderschönes Beispiel dafür ist der Grand Prix Eurovision de la Chanson sur le pont d’Avignon, l’on y danse tous en round round get around I get around. Das ist ein Komponistenwettbewerb und die Trophäe wird zwar den Interpreten überreicht, von diesen aber weiter gereicht. Streng genommen gewinnt beim ESC also nie ein Künstler, sondern das interpretierte Lied. Aber diese Feinheit wird zumeist übergangen und ist wahrscheinlich vielen Menschen auch nicht weiter bekannt.

Viele Menschen wissen wahrscheinlich gar nicht, wer ihre liebsten Popsongs geschrieben hat, wenn die Interpreten ihre Texte und Melodien nicht selbst schreiben. Und selbst wenn sie es wissen, vermute ich, dass sie mit dem Gesamtwerk der entsprechenden Künstler*innen nicht vertraut sind. Mir geht es nicht anders. Also verharren wir in der Bildungsbürgerlichkeit, denn in der klassischen Musik sind es die Komponisten, die zählen – die Interpreten sind sekundär. Und weil ich so guter Dinge bin, gibt es von mir eine Top 5, ein wenig hierarchisch organisiert – vor Allem aber, um verschiedene „Genres“ der klassischen Musik abzudecken.

1. Anton Bruckner

Ganz klar mein Favorit in allen Belangen. Ich mag den weichen, dunklen Bläser-Klang der Brucknerschen Kompositionen. Egal ob fröhlich oder traurig, Bruckner ist immer bezaubernd. Musik zu beschreiben ist schwierig – magisch und geheimnisvoll sind für mich die passendsten Begriffe für die Musik Bruckners, auch wenn man sich darunter nur wenig vorstellen kann, fürchte ich.

Die schönste der Sinfonien Bruckners ist wahrscheinlich die 4., egal in welcher Fassung. Die beste Interpretation ist m. E. die der Staatskapelle Dresden. Aber ich bin da nicht so obsessiv wie mancher Klassikfan. Bei Bruckner fallen mir die Unterschiede aber durchaus ins Ohr, deshalb erwähne ich es einmal.

2. Gustav Holst

Von der Sinfonie zur Programm-Musik, vom Kontinent auf die Inseln und hin zum Nerd-Tum. Kein Science Fiction Fan auf Erden, der nicht schon aus Prinzip „The Planets“ mögen sollte. Eine (wenn auch astrologisch inspirierte) Reise durchs Sonnensystem, bunt und pompös. Ich würde meinen Hut darauf verwetten, dass Leute wie John Williams bei Gustav Holst ihr Handwerkszeug gelernt haben.

3. Edward Elgar

Bleiben wir noch ein wenig auf den Inseln und wenden uns der Marschmusik zu. Edward Elgars Enigma-Variationen sind ein großartiges Stück Musik, auch wenn ich sie zugegebenermaßen hin und wieder verstörend finde. Pomp and Circumstance ist noch ein bisschen besser. Zugegebenermaßen: Es ist vor allem Krach, aber guter Krach, vor allem der erste Marsch, besser bekannt als „Land of Hope and Glory“. Insgesamt besteht Pomp and Circumstance aber aus fünf Märschen und ich finde, dass der 3. Marsch völlig zu unrecht nur sehr wenig bekannt ist.

4. John Philip Sousa

Bleiben wir ein wenig bei den Märschen und machen einen Sprung über den großen Teich. Elgars Märsche sind nicht wirklich marschtauglich. Man könnte sagen, dass Engländer genau so wenig marschieren können wie Österreicher. Auch auf den Radetzkymarsch kann man nicht anständig marschieren, ebenso wenig wie auf „Oh du mein Österreich“. Bei etwaigen Versuchen stelle ich mir immer Bauern beim Almabtrieb vor, die den Tirolerhut schwenken.

Die amerikanischen Märsche sind nur unwesentlich marschtauglicher, aber sie sind ein ganzes Stück lustiger. Und sie lassen sich vorzüglich auf Wurlitzer-Kino-Orgeln spielen. Dazu möchte ich noch einmal an meinen Beitrag zu dem Thema erinnern.

5. Richard Wagner

Wer fehlt noch? Richtig, Wagner. Woody Allen soll einmal gesagt haben, nach dem Genuss von Wagner verspüre er immer das Bedürnis, in Polen einzumarschieren. Bei Wagner scheiden sich ja die Geister: Die einen verabscheuen ihn, die anderen lieben ihn und pilgern alljährlich nach Bayreuth. Bayreuth ist für Bildungsbürger das, was Wacken für Metalheads ist: Eine grässliche Veranstaltung voller Schmutz, Filz und Muff, den man dennoch liebt.

Meine Gefühle Wagner gegenüber sind ambivalent. Bruckner und Elgar kann ich eigentlich immer hören, Holst geht wie Sousa meistens, vor allem als Aufmunterung, wenn ich schlechte Laune habe. Für Wagner brauche ich von vorneherein gute Laune – wenn ich schlecht gelaunt Wagner höre, werde ich noch missgelaunter. Dann ist er mir zu laut, zu sperrig, zu dick aufgetragen und entschieden zu kitschig.

P.S.: Wehe, mir unterstellt hier jemand einen Hang zur Romantik. Das beschränkt sich rein auf klassische Musik – und Literatur!

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13 Kommentare zu „Proust-Fragebogen: Ihr Lieblings-Komponist?

  1. Ich teile deine Meinung zu Wagner uneingeschränkt. Wobei ich nicht nur gut gelaunt sondern blendend gelaunt mit dem Bewusstsein „das tu ich mir jetzt an“ sein muss. Wagner ist für mich ein fantastisches Beispiel dafür, dass es Musik gibt, die man niemals nur nebenbei zur Berieselung laufen lassen kann, sondern dass sie dann am besten wirkt, wenn man sich auf sie konzentriert. Bei Wagner fällt mir das bedeutend schwerer als bei Elgar, den ich liebe. Heiß und innig. Wagner ist anstrengend und nach ca. 30 bis 60 Minuten kann ich nicht mehr hinhören, sonst wandelt sich meine Laune ins Negative. Mit ein Grund, warum ich noch nie in einer Wagner-Oper war. Danke für den schönen Beitrag 🙂

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    1. 30 bis 60 Minuten. Erstaunlich. Ohne verlässliche Daten zu haben, würde ich sagen, 30-45 Minuten sind bei mir die Obergrenze, eine ganze Stunde Wagner würde ich wahrscheinlich nicht durchstehen, ohne dass mir die Augäpfel implodieren. Das fehlende Live-Erlebnis kann ich gut nachvollziehen. Vor allem wäre es mir wahrscheinlich zu laut. *g*

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  2. Dass die Interpreten sekundär sein sollen, ist vermutlich auch nur ein etwas wohlmeinender Blick auf etwas, was die Industrie der klassischen Musik seit Jahrzehnten quasi permanent widerlegt. Wieso sonst gibt es mehr als 180 unterschiedliche Einspielungen der 9. Symphonie Ludwig van Beethovens? Tatsächlich unterscheiden sich die Interpretationen meist nur gering, den meisten Laien würde der Unterschied nur auffallen, wenn man sie explizit vor jeder abweichenden Passage (und hier DARF der Notentext ja GAR NICHT abweichen, es kann also nur um Tempo und diesen schwammigen Begriff der ‚‚Interpretation“ gehen) entsprechend brieft.

    Zu den Komponisten: Ganz offensichtlich bist du im klassischen Bildungsbürgertum sozialisiert, denn es handelt sich komplett um Hoch-/Spät-/Postromantiker, also alles Komponisten aus einer Zeit, in der das Bildungsbürgertum den durchorganisierten Musikbetrieb erfand und am Leben erhielt – heute leben wir in einer Zeit, in der so etwas kaum möglich wäre, denn das kostet ja alles viel zu viel Geld…

    Persönlich ist mir Bruckner zwar nicht unangenehm, aber er zieht sich ein wenig, er gehört – wie auch Wagner – zu den Komponisten, die einen musikalischen Gedanken nicht einfach formulieren konnten, nein, sie mussten ihn auswalzen. An manchen Tagen ist das perfekt, dann passt es optimal zu meiner Stimmung (z.B. die ‚‚Einleitung“ zu Richies ‚‚Tristan und Isolde“ mit der unendlichen Melodie – traumhaft, aber halt nicht für jeden Tag), an anderen unerträglich.

    Holst ist fantastisch, gerade mich als Blechbläser fasziniert das, dennoch höre ich ‚‚Die Planeten“ sehr selten, meist mangelt mir die freie Zeit, um das Stück komplett genießen zu können.

    Sousa ist so eine Nummer: Einerseits ist es für Blechbläser faszinierend, andererseits mag ich so pompöse Musik nicht allzu sehr. Aber ich kann die Faszination gut nachvollziehen, er hat Pathos und Verve, eine mitreißende Kombination, wenn man drauf steht.

    Ich hänge mal noch einen Tipp an: Wenn du mal etwas völlig anderes hören willst, was aber aus dieser Tradition hervorgeht, dann sind einige der modernen amerikanischen Komponisten empfehlenswert:

    (1) Aaron Copeland hatte ich ja erst vor ein paar Wochen in meinem Blog empfohlen, der ist auch wirklich super. (2) Aber auch Ned Rorem ist schön zu hören, selbstverständlich – wenn man gewillt ist, etwas Geduld mit den Dissonanzen zu haben – kann auch (3) Charles Ives eingerechnet werden. (4) Roy Harris oder (5) Edward MacDowell oder (6) Virgil Thomas oder (7) Leo Ornstein (hier sehr zu empfehlen: ‚‚Morning in The Woods“) sind wieder jeweils ganz anders, aber so schön.

    In Mittelamerika wäre Louis Moreau Gottschalk sehr temperamentvoll und voller karibischem Feuer. Das ist für laue Sommerabende (oder kalte Winterabende, an denen man sich daran erinnern möchte) geradezu programmatisch zu nennen.

    Und in Europa gäbe es noch Joaquín Rodrigo, der auch neben dem weithin bekannten ‚‚Concierto de Aranjuez“ noch viele fantastische Stücke geschrieben hat. Aus England kann ich noch das an Debussy’s ‚‚La Mer“ angelehnte ‚‚The Sea“ empfehlen.

    So, jetzt habe ich dir Hörstoff für Wochen verschafft. Mach was draus!

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    1. Monate, lieber solera! Scharf beobachtet, dass ich Spätromantiker bin. Verblüfft es dich, dass mein historisches Spezialgebiet die Bismarck-Ära ist und mein Examensthema war? Oder dass ich Ex-Blechbläser bin? Passend zu Bruckner (Was musste ich bei deiner Beschreibung lachen. Passend.) dann auch noch Hornist? *g*
      Was die Unterschiede angeht, stimme ich dir sogar prinzipiell zu, man braucht aber ein gutes Ohr. Und ich höre nicht sooo gut.
      Da ich seit einiger Zeit nur sehr wenig Musik höre, werde ich deine Empfehlungen aber einmal zum Anlass nehmen, es mal wieder ernsthafter anzupacken. Obwohl ich auch seit Wochen einen Beitrag über „meine“ Musik der 80er schreiben will. Hach. *seufz, Post-it schreibt*

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      1. Für mich tolle Inspirationen….danke Euch dafür….den Anfang habe ich gemacht, werde mich aber weiter durchhören 🙂

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  3. Wie ich schon weiter oben in den Kommentaren las, bist Du mit Deinen Empfindungen, was Wagner betrifft, nicht allein. Mir geht es ähnlich. Wenn ich ohnehin bereits düsterer Stimmung bin, macht Wagner sie noch ein wenig dunkler. Wenn ich mit bester Laune am tosenden Meer stehe, dann passt Wagner perfekt und hebt meine gute Laune noch etliche Stufen höher.
    Bruckner habe ich bisher eher gemieden – zu unrecht, wie ich gerade feststellen musste.

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    1. Mit Wagner geht es glaube ich vielen Menschen so wie uns. Der ist eigentlich nur dann ideal, wenn die Welt ohnehin untergeht.
      Aber sehr schön, dass ich dir Bruckner ein wenig näher gebracht habe. Er bekommt halt weniger Aufmerksamkeit, weil er kein „Klassik-Popper“ ist. Vielleicht mag ich ihn deshalb ganz gern. Mein Herz für die aus dem Mainstream ausgestoßenen. *g*

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