In letzter Zeit ging es immer wieder um Veränderungen und um Körper. Bevor ich mich dazu aufraffe, endlich einmal die ganze Geschichte zu erzählen, vom dicken Nerd zum dünnen Nerd, muss ich noch einen Gedanken loswerden.

Mutter Zeilenende findet meine Narben nicht schön. Sie bedauert mich ein wenig dafür. Das kann ich ehrlich gesagt nicht verstehen. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Narben schön sind …

Gesuchter Kriegsverbrecher, Buchkapiteltexter
Immer direkt gefeuert oder von den Cheffen verhau’n
Ich nehm‘ das lächelnd in Kauf, denn meine Rechnung geht auf

Einmal zeigt sie mir Int’resse
Jede Wunde ist ’ne Story, also weiter Scherben essen

Mir fehlen ein paar Daumen, aus dem Thema wird ein Buch
Ein Speer in meinem Unterleib, ich werde interviewt
Mein Kopf trägt eine Reifenspur, das Mädchen hört mir zu
Willst du sie haben, dann brauchst du Narben

Der gute Alligatoah spricht da eine tiefere Wahrheit aus. Die Narben sind nicht nur interessant, es gilt „Mir fehlen ein paar Daumen, aus dem Thema wird ein Buch.“ Das ist wahrscheinlich die interessanteste Zeile des ganzen Songs.

Narben erzählen Geschichten über das eigene Leben. Sie sind Teil einer Geschichte. In den seltensten Fällen entstehen Narben einfach so. Die meisten Narben, die wir vorweisen können (zumindest die körperlichen), haben wir bewusst in Kauf genommen (seelische Narben sind ein anderes Kaliber). Seien es die Narben, weil man am Arm operiert wurde (das mit dem Skateboardfahren wolltest du ja unbedingt tun) oder die, wo man dein Kind herausgeholt hat, denn das Kind war meistens eine bewusste Entscheidung – und meiner Erfahrung nach auch der Kaiserschnitt.

Baustelle_Körper
Mein Körper als Baustelle. Ich fand es eine passende Bild-Metapher.

Meine Narben sind noch nicht so weit, dass ich sie vorzeigen kann. Sie sind noch nicht gänzlich schön. Aber sie werden und es sind meine Narben. Ich habe sie nicht nur billigend in Kauf genommen, ich habe mich für sie entschieden. Ich bin sogar ein klein wenig stolz auf sie. Sie erzählen eine Geschichte, sie sind ein Buch. Sie sind überhaupt erst meine Geschichte. Die Hautlappen, die noch an mir baumeln, waren nie meine Lappen. Sie sind es bis heute nicht, obwohl wir uns schon ein paar Jahre lang kennen. Die Fettleibigkeit war nie eine bewusste Entscheidung von mir, die Hautlappen als Hinterlassenschaft waren nicht einmal billigend in Kauf genommen, sie waren nie Teil meines Bewusstseins.

Ich finde meine Narben schön, ich will nicht für sie bedauert werden. Das haben sie nicht verdient. Denn diese Narben sind nicht das Ende einer Geschichte, sie sind der Beginn der Handlung. Alles davor war nur Prolog.

Damit endet auch die Reihe prologischer Kommentare … Zeit, die ganze Geschichte vom dicken Kind zu erzählen, das irgendwann ein dünner Erwachsener wurde und etwa 100kg abgenommen hat. Wenn ihr Fragen habt, her damit. Dann integrier ich sie gern in meine Geschichte.

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46 Kommentare zu „Körperliche Narben

  1. Der Bart-ab-Artkel war bereits großartig, der heutige Beitrag macht noch mehr neugierig und nun muss es einfach raus:
    Ich gratuliere dir! Respekt! Was für eine Leistung!
    Ich bin gespannt, was du uns noch zeigen und erzählen wirst.
    Herzliche Grüße

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  2. Fragen habe ich eigentlich nicht, bin aber sehr gespannt auf deinen Beitrag, was da noch kommt. Ansonsten finde ich ungeheuer enorm, was du geschafft hast und damit meine ich auch (und/oder auch) vor allem deine innere Haltung zu den Dingen und zu deinem Äußeren und den Narben. Da habe ich auch sehr viel Respekt vor und finde das ganz großartig!!!!

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    1. Vielen Dank für deine lieben Worte!
      Ich bin auch gespannt. Mehr als 2-3 Stichworte habe ich noch nicht. Ich hoffe, am Wochenende küsst mich mal wieder die Muse. Die ist zwar recht munter, produziert aber eher andere Dinge.

      btw.: Ich habe Post von dir bekommen. Ist gut angekommen. 🙂

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  3. Die Rezepte, die Du postest, belegen heute einen sehr souveränen Umgang mit Kalorien, was dafür spricht, dass die Transformation vom dicken Kind zum schlanken Erwachsenen eine sehr nachhaltige war. Genau wegen der Rezepte dachte ich daher, als zum ersten Mal vage Andeutungen körperlicher Veränderung durchklangen, auch eben nicht in diese Richtung. Umso gespannter bin ich auf die Geschichte, wenn Du sie uns irgendwann erzählen magst.

    Gefällt 4 Personen

  4. Ich kann Frau Zeilenende gut verstehen, denn Eltern denken immer darüber nach, ob sie ihrem Kind hätten Narben ersparen können und wo sie versagt haben, trotz aller Liebe. Letztendlich bildet sich durch unsere sichtbaren sowie unsichtbaren Narben ein Teil unseres Charakters. Hab eine gute Woche 🙂

    Gefällt 7 Personen

      1. Es macht Klick … dann hat man für sich eine Entscheidung getroffen … weit mehr als einen Vorsatz. Mit einer Entscheidung betritt man einen neuen Weg.

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  5. Eine tolle Leistung von dir, du kannst stolz auf dich sein.
    Die Narben werden dich immer daran erinnern, was du geschafft hast!!

    Mein Körper ist auch ziemlich übersät von Narben, früher guckten die Leute ziemlich doof und kopfschüttelnd, ich mochte meine Narben nämlich nicht. Später konnte ich sie als Teil von mir und meiner Geschichte sehen, seitdem schaut keiner mehr blöd darauf.
    Manchmal schmerzen sie bei Wetterwechsel ein bißchen, aber die seelischen Narben schmerzen wesentlich mehr.

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    1. Deshalb habe ich mich explizit auch auf die körperlichen beschränkt. Danke für deine Gedanken, das bestätigt mich in meiner Überlegung, dass man Narben … wenn nicht mit Stolz, dann zumindest mit Würde tragen kann. Und dass es auch darauf ankommt, wie man sich selbst sieht.

      Gefällt 2 Personen

      1. Ich denke, dass unsere innere Einstellung sich bemerkbar macht und die Außenwelt darauf entsprechend reagiert.
        Wenn wir ausstrahlen, dass wir uns, oder etwas an uns, nicht mögen, dann mag das Umfeld uns meist auch nicht.

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  6. Ja, an Selbstliebe mangelt es leider den meisten. Und gerade das richtet in einem soviel Schaden an. Hört sich einfach an, zu sich selbst zu stehen, sich selbst zu lieben, aber es umzusetzen ist verdammt schwer, finde ich.

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  7. Mich interessiert ja wie mensch zu einem dicken Kind wird? Bestimmt gibt es mehr als eine Antwort, aber deine interessiert mich sehr!

    Tolles Kranbild 😉
    herzliche Grüße
    Ulli

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  8. Ein sehr schöner Beitrag, und auch eine sehr positive, vorwärtsgewandte Einstellung! Das freut mich für dich, dass du das alles so positiv siehst und erlebst! 🙂
    Ops und Narben sind ja nich für jeden so einfach wegzustecken, aber du machst das toll. 🙂

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      1. Stimmt auch wieder, und dennoch, die „Folgen“ dann auch tatsächlich zu sehen und im Alltag zu erleben, das kann einen auch dann kalt erwischen, wenn man sich für die OP entschieden hat. Aber klar, wenn man eine OP alternativlos machen muss, dann sieht die Welt auch anders aus.

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  9. Meine Narben gehören auch ganz zu mir: die Aknenarben im Gesicht, die von einem Hauttumor am Arm, die dreifache Kaiserschnittnarbe. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich mich für die Narben entschieden hätte, denn für die schlimme Akne konnte ich nichts, die war hormonell bedingt und eine wirklich dumme Hautärztin und meine passiven Eltern hatten eine Therapie, die da ansetzt nicht in Erwägung gezogen und ich war einfach zu jung und zu wenig selbstbewusst. Gut, den Tumor hätt ich ignorieren können, aber ob das auf lange Sicht klug gewesen wäre? Also die Narbe ist eine, für die ich mich entschieden habe. Die Kaiserschnitte habe ich in Kauf genommen, da ich mich für die Kinder entschieden habe. Die Alternative tote, schwer beeinträchtigte Kinder oder am Ende gar der eigene Tod wären einfach keine Alternative gewesen.
    Ich hab mir schon überlegt, ob ich mal meine Kaiserschnittnarbe fotografierenden dazu was schreibe…

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    1. Existentielle Narben, wenn man so will. Sie sind ja alle noch da, also sind sie wahrlich ein Teil von dir geworden. Und dass du so ein inniges Verhältnis zu der Kaiserschnittnarbe hast, finde ich faszinierend. Wann es für meine so weit ist, sie zu zeigen, weiß ich noch nicht. Momentan leuchten sie fast im Dunkeln. Deshalb vielen Dank für die Narbengeschichte. 🙂

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