Allmorgendlich, so stelle ich es mir vor, vollzieht sich in unzähligen deutschen Haushalten ein Ritual. Man entkleidet sich, so nicht bereits völlig entkleidet, rasiert sich zudem, denn es kommt auf jede Kleinigkeit an und steigt auf die Waage, um einen spitzen Schrei zu tun. All diese Menschen auf einem Haufen in einer Stadt und nicht alle Menschen der Stadt verteilt über die sieben Tage und Glaser wäre ein sehr lohnender Beruf.

Der Gang auf die Waage ist je nach körperlicher Veranlagung ein schwerer oder leichter Gang. Und doch sollten sich schwere Menschen nicht täuschen, auch magere Menschen steigen mit Unwohlsein auf die Waage. Ich konnte es zunächst nicht glauben, aber es gibt Menschen, die absichtlich bekleidet auf die Waage steigen und vorher einen Liter Flüssigkeit trinken. Wunderliche Menschen, zugegeben, aber nach Abzug des üblichen Rest-Zweifels Menschen. Sie tun es sogar in aller Öffentlichkeit. Obwohl ich es furchtbar finde, dass im Fitnessstudio gut sichtbar eine Waage steht, auch wenn es billiger Selbstbetrug ist, mehr Muskelmasse durch einen Liter Wasser zu simulieren: Vorher rasieren ist auch nur ein psychologischer Trick.

Für beide Seiten also gibt es einen natürlichen Feind. Und wenn ihr ihn besiegen wollt, verbündet euch. Ich habe herausgefunden, dass er Heinrich Grifft heißt. Er residiert, ihr könnt euch das Googlen sparen, in Esslingen.

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Fachgeschäft für Waagen und Gewichte ist ehrlich gesagt ein Ort, der mir Angst macht. Ja, ich bin ein wenig empfindlich, was mein Gewicht angeht. Ich steige auch regelmäßig morgens auf die Waage und bete, dass sie nette Dinge über mich sagt. Wenn nicht, bin ich so deprimiert, dass ich erst einmal ein großes Eis brauche. Und Kuchen. Und Schokolade. Dann irgendwas von Starbucks mit viel Sahne zum Nachspülen. Nur um nächste Woche wieder auf die Waage zu steigen und noch deprimierter zu sein, so lange, bis ich vor Depressionen das Haus nicht mehr verlasse und es tagelang Kohlsuppe gibt.

Wenn sie nette Dinge über mich sagt, ist die Sache auch nicht besser, denn dann kann ich ja noch ein zweites Stück Kuchen, eine weitere Kugel Eis und eine zweite Tafel Schokolade. Und bei Starbucks diesen Riesenbecher von „Irgendwas mit viel Sahne“ zum Nachspülen. Ihr könnt euch denken, wo das endet, nicht wahr? Der Herr sei gepriesen, dass er das 24h-Fitness-Studio erfunden hat.

Womit wir beim Thema wären, denn beide Gruppen, die jungen Männer mit Luft nach oben (es sind meiner Beobachtung nach nur Männer, deshalb verzeihe man mir die fehlende Differenzierung) und diejenigen von uns, die Luft nach unten sehen, haben ein sehr simples Problem: Sie hängen einfach der falschen Religion an.

Diejenigen von uns, die Luft nach unten sehen, ob sie es wissen oder nicht, beten Osiris und Isis und Thot und Bastet und Anubis und Ra und Amun und Apophis und Horus und Hathor und Nephtys und Seth und Neith und … Ach … Ihr wisst schon, es sind Anhänger der altägyptischen Religion. Sie treibt die Angst vor dem Tod an, wohl wissend, dass sie wahrscheinlich keinen Skarabäus mit ins Grab bekommen. Ihr Herz wird also gegen eine Feder aufgewogen und nur wenn es leichter ist als diese Feder, geht es zu Osiris, ansonsten wird man von irgendeinem Ungeheuer verschlungen und stirbt endgültig. Und ein fettfreies Herz wiegt offenbar leichter. Außerdem weiß man ja nie: So ein Totengericht hat nichts mit Rindsroulade zu tun, eher was mit Barbara Salesch. Das ist unangenehm. Und weil es so sein soll, muss man sich am Ende mitsamt seinem Herzen auf die Waagschale setzen.

Anders die jungen Männer. Sie sind eindeutig Juden oder Christen mit einem gewissen Hang zur Dramatik. In ihrem Kopf ist stets die Botschaft Gottes an Belsazar präsent, das berüchtigte Menetekel. Wir erinnern uns: Eine Geisterhand erscheint Belsazar und schreibt ihm Mene Mene Tekel u-parsin an die Wand, was er nicht versteht. Man ruft Daniel herbei, der eine gewisse Expertise im Deuten von solchen Visionen hat (damit dürfte er der erste Psychoanalytiker der Geschichte gewesen sein) und er übersetzt die Botschaft. Du wurdest gewogen und für zu leicht befunden und dein Königreich wird kaputt gemacht werden. Gut, es geht um die Tage der Herrschaft, aber ein anständiger König stirbt natürlich bei der letzten Schlacht um sein Reich. Hätte der gute König vorher für sein Gewicht gesorgt, wäre ihm das nicht passiert. Je schwerer du wirst, desto unwahrscheinlicher ist dein Ableben, so die Botschaft Gottes an die Menschen.

Merke: Durch simple Vertauschung könnten wir größte Zufriedenheit erreichen. Wenn all die jungen Männer einfach zum altägyptischen Glauben überliefen und der Rest zum Juden- oder Christentum konvertierte, bräuchte niemand mehr Angst vor einer Waage zu haben. Weil alles gut ist. Aber am Ende versaut das Herrn Grifft das Geschäft. Und ich bin dran schuld. Von daher behalte ich meine Komplexe, ich opfere mich an dieser Stelle gern für euch, damit nicht nur ihr, sondern auch er mir gewogen bleibt.

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16 Kommentare zu „Es wagen zu wiegen oder: Geht eh schief

  1. Es gibt tatsächlich noch ein „Fachgeschäft für Waagen und Gewichte“? Das klingt irgendwie anachronistisch.

    Ich schätze daher, das Geschäft liegt zwischen denen des Küfers und des Stellmacher und gegenüber der Werkstatt des Hufschmieds!? 😉

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  2. DIese Verbindung zwischen Religionen und Gewicht – sehr interessant. Zukünftig wird die Schokolade viel spiritueller schmecken und mir Osiris im Nacken sitzen beim Work-out! Obwohl: Feder gegen Herz, da können ja nur herzlose Zeitgenossen gewinnen, während die mit versteinertem Herz gar keine Chance haben dürften. Ein moralisches Dilemma, oder?

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    1. Kommt drauf an. Was ist besser: Versteinerung oder Herzlosigkeit? Ich finde, Versteinerung ist schlimmer. Wer herzlos ist, ist zu keinen Gefühlen mehr fähig, deshalb rein rational. Wer versteinert, ist verbittert. Und damit ein unangenehmer Zeitgenosse. 😉

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  3. Wer sich auf eine Waage stellt ist selbst schuld. Ein altes Weisheitswort sagt doch klipp und klar: Immer hübsch auf dem Teppich bleiben. 😉

    Allerdings habe ich wieder was dazugelernt. Tatsächlich hätte ich das Totengericht am ehesten auf der Speisekarte gepflegter Kannibalengasthäuser vermutet.

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  4. Keiner philosophiert so schön über Waagen wie das Zeilenende 🙂 und mit Deiner Idee von Morgenritual gehe ich d’accord….bis auf das ich mich nicht entkleide und nicht rasiere….na ja….der spitze Schrei bleibt auch aus….aber sonst…. :-p

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  5. Ich kann nur sagen: Die wenigsten Menschen sind wirklich zufrieden mit ihrem Gewicht. Entweder sind sie sich zu leicht oder zu schwer oder sie halten sich für langweilig-durchschnittlich. Dasselbe gilt für das gesamte Aussehen.
    Einziger Lichtblick: Andere Menschen sehen das in der Regel nicht gar so kritisch 😉

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