Ich habe zwei Zeilenenden befragt: Wie sieht deine Bewerbungsstatistik aus? Und siehe da, Freud und Leid liegen oft nah beisammen.

Das erste Zeilenende war bei der Frage nach seiner Bewerbungsstatistik ein wenig missmutig. Es wollte mit den Zahlen gar nicht herausrücken. Es giftete mich an, das ginge mich gar nichts an.

Ich erwiderte, das täte es sehr wohl, weil es anderen Menschen womöglich Hoffnungen machen würde. Und dass es sich mal nicht so anstellen solle. Es sei keine Schande, wenn die Jobsuche ein wenig dauere. Das erste Zeilenende war davon nicht restlos überzeugt, ließ mir aber eine Excel-Tabelle zukommen. Diese war deprimierend, denn es listet:

  • Die erste Bewerbung am 15.09.2015 geschrieben
  • 339 Bewerbungen insgesamt
  • 15 Bewerbungen in Papierform
  • eine Bewerbung mit Bewerbungsschluss 10.11.15, auf das es bis heute keine Absage erhielt
  • auf den nächsten Rängen fünf nicht abgesagte Bewerbungen mit Bewerbungsschluss oder Versanddatum im Februar 2016
  • zwölf Bewerbungsgespräche, aus denen kein Beschäftigungsverhältnis wurde
  • nur in sechs Fällen überhaupt Absagen
  • Feedback zum Gespräch in bloß drei Fällen
  • ein Feedback war vernichtend, man habe ihm gesagt, man hielte es durchgehend für nicht geeignet.
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Quelle

Das zweite Zeilenende hüpfte, als ich es zum ersten Mal traf, euphorisch durch die Gegend und quietschte. Es war kaum zu beruhigen. Als ich ihm erzählte, dass ich eine Umfrage durchführe, wie zufrieden das Zeilenende mit der Situation geisteswissenschaftlicher Bewerber*innen am deutschen Arbeitsmarkt sei, strahlte das Zeilenende und zuckte mit den Achseln. Es sagte mir, dass es vom Markt sei und sich sogar zwischen zwei Stellenangeboten entscheiden durfte. Mehr noch: Es habe zwischen Mitte Juno und Ende Julei im Durchschnitt pro Woche mehr als ein Gespräch gehabt, insgesamt sieben Stück. Und das bei 70 Bewerbungen, die es geschrieben habe. Das macht eine Erfolgsquote von immerhin 10%. Das zweite Zeilenende führte zudem aus, dass bei diesen 70 Bewerbungen 40 Bewerbungen standardisierte Bewerbungen für eine Behörde waren. Der Aufwand hielt sich damit in Grenzen.

Dieses glückliche zweite Zeilenende unterbrach seine Ausführungen, um einen Telefonanruf entgegenzunehmen und grinste noch breiter. Dann erklärte das zweite Zeilenende, es habe sich nicht nur zwischen zwei Jobangeboten entscheiden müssen, nach der Zusage habe es ein weiteres Vorstellungsgespräch absagen müssen, außerdem zwei Einladungen ablehnen müssen. Und es habe eine Einladung in die Endrunde erhalten, nachdem es ein Vorstellungsgespräch überstanden hatte, bei dem es persönlich den Eindruck gehabt hatte, zu frech und vorlaut aufgetreten zu sein.

Wie es sich diesen Erfolg wohl erklären würde? Das zweite Zeilenende zuckte mit den Achseln und erwiderte, es habe ein sehr wertvolles Feedback bekommen, dass seine Bewerbung letztlich an Kleinigkeiten gescheitert sei. Den daraus resultierenden Rat habe es umgesetzt und war erfolgreich.

Ich nickte, dankte und klopfte dem zweiten Zeilenende beglückwünschend auf die Schultern. Da stand ich nun. Ich ließ mir beide Gespräche durch den Kopf gehen. Diese beiden Zeilenenden sahen sich verdächtig ähnlich. Waren das Zwillinge? Oder hatte mich ein Zeilenende getäuscht? Die beiden Geschichten könnten immerhin eine Geschichte sein. 50% aller Statistiken waren auch nur Sammlungen anderer Statistiken und 100% aller Zeilenenden besaßen multiple Persönlichkeiten.

Hatte ich das erste Zeilenende einfach zu einem ungünstigen Zeitpunkt befragt? War das erste Zeilenende wirklich weniger erfolgreich als das zweite Zeilenende? Hatte das zweite Zeilenende davon profitiert, dass es aus seinen Fehlschlägen gelernt hatte oder hatte das zweite Zeilenende bloß Glück, dass es sich zu einer Zeit beworben hatte, in dem der Stellenmarkt günstig für ihn war? Und was bedeutet das für die solide Datenbasis, die das erste Zeilenende vorlegen konnte? Ich setzte mich achselzuckend hin und machte meine eigene Statistik:

  • 339 Bewerbungen
  • 15 in Papierform
  • 18 (12/6) Vorstellungsgespräche (wahrgenommen/eingeladen)
  • zwei Jobangebote
  • ein destruktives Feedback
  • ein unbrauchbares Feedback
  • ein wertvolles Feedback
  • ein Job

So sah das doch sehr schön aus. Daraus könnte man reißerische Artikel in jede Richtung schreiben und nicht das Problem haben, dass aussagekräftige Statistiken meist langweilige Statistiken sind.

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32 Kommentare zu „Für die Statistiker

    1. Naja, so mittelgut. Aber die pointenreicheren Artikel gelingen mir momentan nicht so gut. Keine Ahnung wieso. Aber da ich Statistiken auch toll finde, konnte ich nicht anders. Kennst du übrigens die:

      95% aller Straftaten werden innerhalb von 24h nach dem Konsum von Brot verübt.

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      1. Ich finde sie nicht deprimierend. Du hattest irgendwann mal geschrieben, dass du vielfältig speiest und dich deshalb auf viele verschiedene Stellen bewerben würdest, mich wundert es nur, dass es so viele Stellen gibt 😉

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      2. Ich bin mir recht sicher, dass sie häufig gar nicht existieren. Im Falle der großen Behörde ist es allerdings so, dass da tatsächlich stets kurzfristiger Bedarf besteht. Dann wird ein Jahresvertrag angeboten und vllt. noch einer, aber weil die Stelle nur den aktuellen Arbeitsaufwand besser verteilen soll, ist das nicht nachhaltig.

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  1. Wie immer im Leben kommt es auch hier auf den Standpunkt an….und das Zeilenende hat es mal wieder allumfassend beleuchtet….sehr schön!

    Und das spannende daran: all diese Anteile der Zeilenendes haben wir in uns….mal mehr….mal weniger….und es liegt an uns welchem wir mehr Gehör schenken und welches wir in den Focus rücken….danke für’s erinnern!

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  2. Ja Statistiken sind immer so eine Sache – wenn man sie nicht selbst gefälscht hat, ist sie dann wirklich glaubhaft? xD ich kann auch wirklich beiden zeilendenden zustimmen:
    Am Anfang meiner Jobsuche dachte, es geht schnell, kann doch nicht so schwer sein, bin doch super ausgebildet. In der Mitte hatte ich bald keine Lust mehr auch nur noch eine Bewerbung zu schreiben. am Ende auch zwei Stellenangebote und noch so einige Einladungen abgesagt. Und was mache ich jetzt? Beruflich Blog schreiben, Bücher einkaufen, Bücher vorstellen und Nutzer beraten, was sie doch unbedingt mal lesen sollten – was kanne s schöneres geben? Für mich berufstechnisch nichts 🙂
    Grüße aus Salzgitter – Sü

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    1. Man steckt halt absolut nicht drin. Ich hätte mir ein dreiviertel Jahr sparen können. Andererseits habe ich dabei viel über mich und meine Fähigkeiten gelernt, deshalb bin ich auch gar nicht traurig. Und meine Statistiken sind … ach … Es wirkt unglaubwürdig, wenn ich sage, dass sie nicht gefälscht sind, oder?

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      1. Wenigstens ehrlich xD Aber ein wenig beschönigt in dem Punkt ja jeder seine Statistik – oder macht sie noch trauriger, je nachdem halt. Ich denke sparen konnte man sich da am Ende auch nicht wirklich was, gehörte ja alles mit zur Jobsuche dazu 🙂 Irgendwie hat auch jede Ablehnung oder nie abgelehnte Bewerbung zum letztendlichen Jobangebot geführt. Und das Wichtigste ist ja, am Ende hat man genau das bekommen, was man wollte – nicht? – Schönes Wochenende noch, Sü 🙂

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    1. Ich hatte Langeweile. Ich schätze aber auch, dass fast ein Drittel davon an eine gewisse Behörde ging, bei der ich ein standardisiertes Anschreiben benutzt habe. Und ich habe mich häufig fachfremd beworben. (Gibt eben so wenige Stellen als Berufs-Philosoph)

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      1. Ich auch. Bei mir bin ich immer zu Fuß unterwegs. Aber Stuttgart ist so groß, da würd ich mir zwei, drei markante Orte raussuchen – ne Buchhandlung, einen Videospielladen und einen Supermarkt – und würde alles anderen den Abenteurern überlassen. ^^‘

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  3. Deine Erfahrungen sagen aber auch viel über den deutschen Arbeitsmarkt aus……ich glaube, dass es dort wenigeer Stellen gibt, als so gemeinhin behauptet wird!

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