Darf ich einen oder zwei Männer opfern, um fünf zu retten? Darf ich fünf Verbrecher opfern, um zwei geniale Köpfe zu bewahren und einen Unschuldigen herauszuhalten? Oder darf ich zwei Personen sterben lassen, die an ihrer Lage selbst schuld sind, um Unbeteiligte zu retten? Die Auflösung des Trolley-Dilemma.

Ich wollte diesen Beitrag schon am Samstag veröffentlichen, zusätzlich zum Musik-Beitrag. Der war nämlich schon fertig und brannte mir auf den Fingernägeln, wollte ich ihn doch schon vor langer Zeit fertig geschrieben haben. Doch die Dinge laufen immer anders, als man es sich wünscht. Ich habe versprochen, meine Handlungsempfehlung für das Dilemma zu nennen, dies tue ich hiermit.

 

Die Funktion eines Dilemma

Ich kündige zwar eine Lösung an, aber es ist keine Lösung. Das Dilemma (genau genommen ist es ein Trilemma, aber die Spitzfindigkeiten sparen wir uns) bleibt bestehen und ich werde mich mit Schuldfragen konfrontiert sehen. So reizvoll der Versuch ist, das Dilemma zu umgehen, das Dilemma dient nicht der Rettung der Strichmännchen. Es hat lediglich die Funktion, die eigenen ethischen Werthaltungen zu reflektieren. Deshalb kann ich zwar versuchen, es zu hintergehen und eine Handlungsoption zu benennen, verfehle damit aber den Sinn.

In der wirklichen Welt ist anzunehmen, wir versuchen alle, möglichst alle acht Menschen im Dilemma zu schonen. In dieser übersichtlichen Situation mag dies möglich sein. Es sind allerdings Situationen denkbar, in denen die Rettung aller Menschen unwahrscheinlich ist. Man denke an einen Arzt nach einem Erdbeben, der zwei schwer Verletzte vor sich hat und sich fragt, wen er zuerst behandeln soll, obwohl es absehbar ist, dass der Andere nicht überleben wird. Das Dilemma ist hier natürlich ein anderes als das Trolley-Dilemma. Es ist vor Allem voraussetzungsreicher, aber es spielen auch zahlreiche Überlegungen über den weiteren Fortgang der Ereignisse mit hinein (vielleicht taucht gleich noch ein Kollege auf und unterstützt mich), deshalb habe ich mich für das Trolley-Dilemma entschieden. Seine Erkenntnisse sind nur begrenzt auf andere Extremsituationen übertragbar, sein „praktischer Nutzen“ ist begrenzt. Es lehrt uns aber etwas über unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit.

 

Nichtstun

Die für mich naheliegende Variante ist die des Nichtstuns. Ich halte es prinzipiell für unmoralisch, Rechenspiele mit Menschenleben zu veranstalten. Und ich erkenne an, dass es einen Unterschied zwischen aktivem Tun und passivem Unterlassen gibt. Zur Erinnerung – so habe ich diese Position im ursprünglichen Beitrag charakterisiert:

Ich unternehme nichts, weil die Situation ein Dilemma ist und mich Schuld treffen würde, wenn ich eingreife. Hier wird die Unterscheidung zwischen Tun und Unterlassen gezogen und stark gemacht. Ich kann nicht für etwas (moralisch) verurteilt werden, das ich nicht getan habe, auch wenn ich damit einen größeren Schaden verkleinere. Man kann nicht von mir erwarten, Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen.

In diesem Fall stehe ich allerdings vor dem Problem, dass auch mein Unterlassen Schuld auf mich lädt. Ich habe die Option, einzugreifen, die beiden moralischen Gebote „Leben retten“ und „keinen Menschen töten“ kämpfen nach wie vor gegeneinander, wenn auch in der abgeschwächten Form „keinen Menschen unverdient sterben lassen“. Das Unterlassen jeder Aktivität erlaubt es mir, den Grad meiner Schuld zu mindern und ist damit eine legitime Strategie, aber sie löst das Dilemma nicht auf. Deshalb ist dies keine Lösung des Dilemma sondern nur eine Differenzierung, wie schuldig ich mich machen kann. Ich erkenne das Dilemma aber als Dilemma an und weiß, dass ich ohnehin nicht schuldlos davonkommen werde. Daraus ergibt sich für mich die Entscheidung, aktiv einzugreifen und etwas zu unternehmen.

 

Wen wir warum opfern (nicht) opfern könnten

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Wir haben es im Dilemma mit drei verschiedenen Gruppen zu tun. Da wären zuerst die Strafgefangenen. Gegen ihren Tod spricht das quantitative Argument: Es sind fünf Stück. Ein sehr konventionell denkender Konsequentialist müsste sich auf Grund des Zahlenarguments gegen ihren Tod entscheiden. Für ihren Tod hingegen spräche ein utilitaristisches Qualitätsargument: Die Strafgefangenen haben der Gesellschaft Schaden zugefügt und sind auch sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von großem Nutzen. Hier greifen unsere Klischeevorstellungen: Tagediebe und Nichtsnutze, die nach verbüßter Haft mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterhin kriminell sein werden, die ihren Familien viel Leid zugefügt haben und zufügen werden. Ihr Tod wäre kein großer Verlust.

Dahinter steckt eine Straftheorie, die Rechtsverstöße ethisch bewertet, Würde als graduell ansieht und sie mit dem Wert-Begriff verknüpft. Sträflinge haben einen Wert, der sehr gering ist. Sie haben ihn durch ihre Taten selbst reduziert und müssten sich ihren Wert zunächst wieder erarbeiten. Mein Argument gegen den Tod der Strafgefangenen funktioniert auf Basis der Gegenposition: Ein Rechtsverstoß ist nicht grundsätzlich auch ein Verstoß gegen moralische Gesetze. Ein Strafgefangener verdient rechtliche Empörung, weil er das System der Rechtssicherheit beschädigt, aber seine Tat kann sogar moralisch gerechtfertigt sein. Klassisch ist hier der Fall des Tyrannenmörders. Doch selbst wenn die Sträflinge Mörder sind: Durch ihre Bestrafung wird ihre Tat gesühnt und durch die Unterwerfung unter das Strafsystem kehren sie nach Verbüßung der Strafe wieder in die Gesellschaft zurück. Als Teil derselben. Und in ihrer Haftzeit begeben sie sich in die Obhut der Gesellschaft, sie liefern sich ihr schutzlos aus. Die Justiz und wir als Träger der Justiz haben damit Verantwortung für ihr Wohlergehen unter den Bedingungen der Haft. Sie zusätzlich zur auferlegten Strafe weiter zu bestrafen (dazu gehört auch die entwürdigende Behandlung nach verbüßter Haft) ist moralisch verwerflich. Sie zu opfern scheidet als Option aus.

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Der dicke Mann ist im Dilemma für mich ein Kuriosum. Ich weiß selbst nicht genau, mit welcher Intention er ursprünglich in die Diskussion des Trolley-Dilemma eingeführt wurde. Ich vermute, es hängt mit meiner Lösungsvariante zusammen. Kann ich eine Entscheidung über seinen Wert treffen? Ich weiß einiges über ihn, dass er Versicherungsvertreter und Raucher und unangenehm ist. Zugleich basiert mein Wissen über ihn zu einem Gutteil auf Vorurteilen. Weiß ich, warum er ungepflegt ist? Was weiß ich über seine Geschäfte? Hat er nicht zuletzt einen Gutteil seines Jahresgewinns dem Hospiz gespendet, das seiner Frau ein paar letzte schöne Wochen ermöglicht hat? Während der Konsequentialist bei den Strafgefangenen mit einiger Sicherheit verminderten Wert auf Basis seiner Straftheorie anstellen kann, fehlen hier die notwendigen Daten. Es ist möglich, dass er ein wertvoller Teil der Gesellschaft ist – oder auch nicht.

Solche Überlegungen spielen für mich wie auch bei den Strafgefangenen aber ohnehin keine Rolle. Gegen sein Ins-Spiel-bringen in diesem Dilemma spricht, dass er ebensowenig Teil des Dilemma ist wie ich. Höchstens in dem Sinne, dass er sich wahrscheinlich die Frage stellt, ob der Typ neben ihm massiv genug ist, dass er die Straßenbahn aufhalten würde, wenn er ihn schubsen würde. Er stellt sich also womöglich die Frage, ob er mich opfern würde. Es spricht für ihn, dass er keine Anstalten macht, mir einen Stoß zu versetzen. Aber auch diese Überlegung ist nur eine Folge-Überlegung für die Konsequentialisten („Ich schubse ihn (nicht), weil er mich (nicht) schubsen will.“) Verspürt er Handlungsbedarf in der Situation? Ich weiß es nicht. Er steht einfach neben den Schienen. Ihn zu opfern scheidet als Option aus.

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Damit wären wir bei den Genies. Für den konventionell denkenden Konventionalisten wäre es legitim, den dicken Mann zu opfern, anschließend folgten die beiden Genies, denn 1<2<5. Für den qualitativ denkenen Utilitaristen verbietet sich ihre Opferung, weil sie auf Grund ihrer Leistungen für die Gesellschaft ihren herausragenden Wert bewiesen haben und es wahrscheinlich ist, dass sie weitere Wohltaten für die Gesellschaft bereithalten.

Diese Position ist schwach: Wir können nicht sagen, ob sie weitere Wohltaten für die Gesellschaft bereit halten. Es ist durchaus möglich, dass sie nach ihrer einen genialen Idee diese eine geniale Idee nur noch verwalten, dehnen und strecken, aber keinen substantiell neuen Beitrag zur Forschung mehr leisten, weil ihr Denken einzig und allein auf ihre eine geniale Idee fixiert ist. Meiner Beobachtung nach ist dies tatsächlich der übliche Weg, egal in welcher Wissenschaft. Noch schlimmer wäre es, wenn sie plötzlich zum verrückten Professor und obersten Bombenbauer eines verbrecherischen Regimes würden. Unsere Vermutung über die Zukunft steht auf tönernen Füßen.

Was ihre vergangenen Leistungen angeht, so wird diese ihnen vergolten, durch soziales Kapital in Form von gesellschaftlicher Anerkennung und Einfluss auf andere Wissenschaftler sowie durch ökonomisches Kapital in Form von Professuren, Forschungsaufträgen, Buchveröffentlichungen, etc. Beides zusammen vergilt unseren Genies (das zeigt schon die Bezeichnung an) ihre Leistungen durch hohes symbolisches Kapital. (Für die Neugierigen: Die Kapitalbegriffe habe ich von Pierre Bourdieu übernommen.) Eine darüber hinausgehende Bevorzugung vor anderen Menschen verstößt meiner Ansicht nach gegen das Gleichheitsgebot und verschärft die bestehenden Klassenunterschiede nur weiter. Kurz: Die Beiden bekommen im Dilemma keine Sonderbehandlung, nur weil sie privilegiert sind, sie hatten ihre Sonderbehandlung schon.

Den aufmerksamen Leser*innen ist sicher nicht entgangen, dass ich hier die Vorgehensweise gedreht habe. Zuvor habe ich erläutert, warum man die Gruppe opfern könnte und dann erklärt, warum dies nicht geht. Der Grund ist einfach: Zu einer Entscheidung gezwungen, entscheide ich mich für die Rettung der Strafgefangenen. Das Argument deutet sich in den beiden vorhergehenden Betrachtungen an, offensichtlich ist es beim dicken Mann: Er ist kein Teil des Dilemma sondern nur ein Detail am Rande. Seine Opferung verbietet sich aus diesem Grund. Die fünf Strafgefangenen sind unleugbar Teil der Situation, denn sie sind ebenso auf den Schienen wie die beiden Genies. Sie sind dort aber nicht aus freier Entscheidung.

Ich habe oben erklärt, dass sich Strafgefangene mit der Verbüßung ihrer Haft in gesellschaftliche Obhut begeben. Daraus ergibt sich ihre Schutzwürdigkeit, es bedeutet aber auch, dass ihre Handlungsfreiheit durch die Gesellschaft aufgehoben wird und wir über sie verfügen. Nun ließe sich sagen, sie seien selbst schuld, dass sie an die Schienen gekettet sind, weil sie ein Verbrechen begangen haben. Aber für dieses Verbrechen büßen sie, indem sie ihre Handlungsfreiheit verlieren. Wer ihnen den weiteren Schaden als eigene Schuld zuschreibt, ignoriert nicht nur unsere Verantwortung als ihre Gebieter, in letzter Konsequenz leugnet er die Möglichkeit von Freiheit durch das Aufstellen ewiger Kausalketten. Wir müssten uns dann auch darüber unterhalten, inwiefern die Großeltern der Strafgefangenen Schuld an den Taten ihrer Enkel haben, weil sie die Eltern und diese die Strafgefangenen gezeugt haben. Die Strafe sühnt aber die Tat und wir sind dafür verantwortlich, dass die Strafgefangenen auf dem Gleis sind, ohne eine Möglichkeit sich selbst zu retten.

Die beiden Genies hingegen waren vielleicht nachlässig und unachtsam. Sie haben in ihrem Disput nicht bemerkt, dass sie auf den Schienen stehen. Volle Verantwortung für die Situation kann man auch ihnen nicht zuschreiben. Aber im Unterschied zu den Strafgefangenen sind sie frei und können eigenverantwortlich handeln. Im Unterschied zum dicken Mann sind sie Teil des konkreten Bedrohungs-Szenarios. Daraus folgt nicht, dass sie mit-schuldig sind an ihrem eigenen Tod, wenn ich die Weiche umlege, aber der Grad meiner Verantwortung – wenn ich überhaupt handele – ist gering. Da ich die Entscheidung getroffen habe, Schuld auf mich zu laden, gilt: Der Unbeteiligte dicke Mann darf nicht Teil des Szenarios werden, für die Strafgefangenen bin ich als Teil der Gesellschaft mit-verantwortlich, den Genies nicht. Somit ist ihre Opferung das geringste Übel und ich lege die Weiche um.

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Konsequenzen

Warum dieses Gedankenexperiment? Ich deutete oben an, es gibt Situationen, in denen ich Entscheidungen treffen muss, die Schuld auf mich laden, weil die Ressourcen begrenzt sind. Solche Verteilungsfragen sind grundsätzlich Gerechtigkeitsfragen. Der qualitativ denkende Utilitarismus argumentiert, dass vergangene Leistungen eine Bevorzugung in der Zukunft nach sich ziehen. Diese Forderung kann ich zurückweisen mit dem Hinweis, dass die vergangenen Leistungen durch erhöhtes symbolisches Kapital vergolten wurden. Es ist ein Trugschluss, dass allein aus hohem symbolischen Kapital eine bevorzugte Behandlung folgen sollte. Die entscheidenden Fragen für die Verteilung knapper Ressourcen sind in meinen Augen diese beiden, eine negative und eine positive:

  1. Gewährleistet mein Handeln, dass ich Unbeteiligte unbeteiligt lasse? (Verbot von Kollateralschäden)
  2. Wem gegenüber habe ich durch mein Handeln oder meine Billigung die größere Verantwortung für die aktuelle Situation? (Gebot der Verantwortung)

Das sind die Fragen, die ich in jeder Verteilungs-Situation stellen sollte. Schuldig mache ich mich in jedem Fall, aber wer glaubt, er käme schuldlos durchs Leben, verfällt damit einer extremistischen Position, die sich für die vielen Grautöne der Realität nicht interessiert.

Meistens liegt die Antwort, welche Verteilung gerecht ist, irgendwo zwischen diesen Positionen, das hängt von der Art und der Knappheit der Ressource ab. Im vorliegenden Fall geht es um die Ressource Leben. Die lässt sich nicht verteilen. Im Erdbebenfall oben ergäbe sich die Frage, ob sich eine der beiden Personen bewusst und absichtlich in Gefahr gebracht hat, dementsprechend das Risiko kannte und es billigend in Kauf nahm.

Zum Schluss noch ein Beispiel, das aufzeigt, dass es normalerweise nicht um die Extreme geht: Jemand, der Sportarten wie Freeclimbing pflegt, muss deshalb nicht aus der Krankenversicherung ausgeschlossen werden. Es ist aber durchaus legitim, von ihm einen Zusatzbeitrag zu verlangen, der ihm garantiert, dass auch die Behandlungskosten eines Unfalls von der Kasse gedeckt werden. Ebenso ist es legitim, alternativ eine Kostenbeteiligung im Falle eines Unfalls zu verlangen.

 

Gedanken zur Selbst-Opferung

Die Selbst-Opferung, die Frau Argh vorschlug, wird tatsächlich manchmal diskutiert, aber in cleveren Szenarien durch die Zusatzbedingung ausgeschlossen, man selbst sei nicht massiv genug, um die Straßenbahn zu stoppen. Die Suizid-Variante schließt sich üblicherweise aber deshalb aus, weil sie nicht als Option im Gedankenexperiment gegeben wird. Darüber hinaus ist es aber in der Tat eine Schwäche des Trolley-Dilemma, dass es egoistisch konzipiert ist: Es stellt nicht nur die Frage, wie ich handeln solle sondern interessiert sich auch für die Frage nach Schuld, Verantwortung und damit Konsequenzen.  Wer sich die Frage nach den Konsequenzen seines Handelns stellen soll, nimmt damit (wahrscheinlich) unbewusst an, dass er das Szenario überleben wird. Das Design der Frage führt damit dazu, die Option Selbstaufopferung auszuschließen. (So lese ich die einführenden Bemerkungen zu dieser Untersuchung.)

Es gibt einen weiteren Aufsatz, den ich noch nicht gelesen habe, aber dessen Ergebnis interessant klingt: Die meisten Menschen zumindest im utilitaristisch geprägten anglo-amerikanischen Sprachraum entscheiden sich wohl für die Opferung des dicken Mannes. Befragt man sie aber zunächst, ob sie sich selbst opfern, die zwei oder die fünf sterben sollen und anschließend, ob man den dicken Mann schubsen soll, haben sie größere Skrupel, den dicken Mann zu opfern. Das kann man als Beleg dafür werten, dass die Opferung des dicken Mannes aus gesellschaftlichen Gründen (Niemand möchte in einer Gesellschaft leben, in der das eigene Leben urplötzlich zur Verhandlungsmasse wird) nicht statthaft ist.

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Der eigentliche Grund, weshalb ich die Selbst-Opferung als Strategie im Dilemma ausschließe, hat aber andere Gründe. Selbst-Opferung kann zwar tugendhaftes Handeln des Einzelnen sein, höchster Ausdruck von Tapferkeit, aber Selbst-Opferung kann niemals moralisch geboten sein. Wer sich selbst opfert, macht sich damit zum bloßen Mittel für andere, er negiert damit seine eigene Zweckhaftigkeit, auf deren Basis man überhaupt die Entscheidung getroffen hat, sich selbst zu opfern. Damit begibt man sich in einen logischen Widerspruch und das Moral-System würde ad absurdum geführt werden, wenn es die Selbst-Opferung grundsätzlich forderte. Die Botschaft wäre nämlich nicht „Der Mensch ist immer (auch) Zweck an sich“, sondern „Der Mensch ist immer (auch) Zweck an sich, außer wenn …“ Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass ich jemanden opfern muss, ein schwaches Argument. In Verbindung mit der Tatsache, dass sich das Dilemma für Gerechtigkeitsfragen interessiert, genügt es. Aus der Wahl der (persönlichen) Selbst-Opferung ergeben sich keine Einsichten in (gesellschaftliche) Verteilungsprobleme, sodass dies hinreicht, die Selbst-Opferung im Szenario auszuschließen. In der Realität andererseits, da habt ihr in den Kommentaren zurecht darauf hingewiesen, sieht die Sache ohnehin völlig anders aus.

 

Zusammenfassung

Das Dilemma ist ein Gedankenexperiment, es stellt sich also nicht die Frage, was zu tun sei, wenn man in dieser Situation steckt. Es dient der Analyse und Bewertung unterschiedlicher Entscheidungsprinzipien. Für maßgeblich halte ich das Verbot von Kollateralschäden und ein abgeschwächtes Verantwortlichkeitsprinzip. Ersteres nimmt den dicken Mann aus dem Spiel, zweiteres die Strafgefangenen. Die Opferung der beiden Genies hingegen verstößt nicht gegen diese beiden Prinzipien und ist somit meine „Lösung“ der Situation.

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20 Kommentare zu „Dicke Männer schubsen?

  1. Viele philosophische Betrachtungen. Ich habe immer aus dem Bauch heraus entschieden wenn es ums Menschenlben retten ging. Zum Glück hatte ich nie die Zeit mir zu überlegen wen ich zuerst retten müsste und ob ich dabei zu Schaden kommen würde. Danke für deine Betrachtungen und einen schönen Sonntag!

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    1. Klar, letzlich hast du in der konkreten Situation gar keine Zeit, um großartig nachzudenken. Andererseits wage ich zu behaupten, dass die Entscheidung, die wir unter Zeitdruck „spontan“ treffen, zumindest von dem beeinflusst sind, was ich im Text auszubuchstabieren versucht habe. Ich wünsche dir auch einen schönen Sonntag. 🙂

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    1. Gerade bei solchen Dingen, denn auch wenn es vordergründig um Lebensrettung geht, letztlich steckt sehr viel mehr dahinter. Man lernt vor Allem viel über sich. Vor ein paar Jahren hätte ich meinem jetzigen Denken an zwei Stellen noch vehement widersprochen:
      „Es ist aber durchaus legitim, von ihm einen Zusatzbeitrag zu verlangen, der ihm garantiert, dass auch die Behandlungskosten eines Unfalls von der Kasse gedeckt werden. Ebenso ist es legitim, alternativ eine Kostenbeteiligung im Falle eines Unfalls zu verlangen.“ Das hätte ich früher als himmelschreiende Ungerechtigkeit abgelehnt.
      Und bei der Sache mit der Selbstopferung. Die hätte ich weniger skeptisch schlicht als Heldentat gefeiert. *g*

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      1. ja, im Laufe des Lebens ändern sich Einstellungen und man denkt oft detaillierter und bis zur leztzten Konsequenz durch…..die Zeit des Sturm und Drangs ist etwas verblasst;-)…ich mag solche Denkspiele sehr!!! Auch die Kommentare sind sehr interessant.

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  2. Deine Überlegungen sind ja auch dann sehr wertvoll (und denk-würdig), wenn man nie auch nur annähernd in ein ähnliches Dilemma gerät. Und ich würde durchaus davon ausgehen, dass diese Art von ‚Vordenken‘ einen Einfluss darauf hat, wie wir handeln, wenn keine Zeit zum Nachdenken bleibt. Es kommt auf die Situation und auf den jeweiligen Menschen an. Und der Einfluss des Vordenkens lässt sich natürlich nicht quantifizieren. Aber die Tatsache, dass unvorbereitete Menschen in Gefahrensituationen oft katastrophal falsch reagieren, sollte uns auf jeden Fall zu denken geben.

    Vielleicht noch ergänzend ein Zynikerstatement: Die meisten Menschen sind sowieso ‚Opfer‘ – also darf man sie auch opfern. Oder?

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  3. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Auch wenn sich Taten vorhersagen lassen, so doch immer mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor. Wer glaubt, alles vorhersagen zu können, verkennt, dass Algorithmen nur Beschreibungen der Wirklichkeit sind und nicht die Wirklichkeit selbst. Wer das Gegenteil behauptet, müsste konsequent jeden Erziehungsversuch aufgeben, weil sich die kleinen Menschlein davon nicht beeinflussen lassen. Von daher kann es nicht schaden, hin und wieder seine Werte zu befragen – auch um in schwierigen Situationen eine souveräne Entscheidung zu treffen, die man im Nachhinein nicht (so sehr) bedauert.
    Was den Zyniker angeht, so wiederhole ich einfach das, was ich über die Strafgefangenen gesagt habe: „Und in ihrer Haftzeit begeben sie sich in die Obhut der Gesellschaft, sie liefern sich ihr schutzlos aus. Die Justiz und wir als Träger der Justiz haben damit Verantwortung für ihr Wohlergehen unter den Bedingungen der Haft. Sie zusätzlich zur auferlegten Strafe weiter zu bestrafen […] ist moralisch verwerflich.“ Ist jemand selbst verschuldet gescheitert und so ein Opfer, ist das Scheitern seine Strafe, der Hohn darüber hinaus nicht. Die, die wir als „Opfer“ bezeichnen, sind allerdings zumeist von der Gesellschaft zu Opfern gemacht worden, indem sie marginalisiert und an den Rand gedrängt werden, man ihnen keine Möglichkeit der Teilhabe an den Futtertrögen gewährleistet. „Gesellschaftliche Opfer“ sind nicht weit weg von Strafgefangenen, nur das sie zudem schuldlos sind. Für sie gilt das Gebot, Verantwortung für sie zu übernehmen, in noch stärkerem Maße.

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    1. Was den Zyniker angeht… Die von einer Gesellschaft übernommene Verantwortung im von dir beschriebenen Sinn ist ja letztlich auch ein Lackmustest für eine Zivilisation, die diesen Namen verdient. Auch in dieser Hinsicht kann es nicht schaden, hin und wieder seine Werte zu befragen und möglichst selbstehrlich aufzusummieren, ob diese eher in Richtung Zivilisation oder Zynegoismus tendieren.

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      1. Ohja. Gesellschaftliche Selbstreflexion betreiben wir eigentlich viel zu selten. Dabei wäre sie hilfreich, um zynegoistische (ich mag das Wort, das gehört jetzt mir!) Tendenzen zu dämpfen. Stichwort: Seine Politik erklären.

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  4. Rahmenbedingungen, Umfeld, gemachte Erfahrungen und wohl auch Gedanken, Stimmung, Fähigkeiten…. sehr Komplex, was da wirken kann und wirken wird.
    Die Rahmenbedingungen in diesem Dilemmakonstrukt waren nun einmal so, dass ich derart handeln konnte, wie es meinen Werten entspricht. Ich bleibe stur und behaupte immer noch, dass ich nicht ausgewichen bin, schon gar keiner Selbstreflexion. Möglicherweise, je nach Situation, hätte ich mich vielleicht lediglich selbst geschützt und mich juristisch korrekt verhaltend Handeln unterlassen. Letztendlich bin ich mir doch selbst auch wertvoll. Ich zähle nicht zu den Menschen, die ins kalte Wasser springen und ertrinken, weil sie ein anderes Leben um jeden Preis retten müssen. Ich weiß, dass ich eine schlechte Schwimmerin bin und keine Chance auf Erfolg hätte.

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    1. Ich habe es ja bewusst offen gelassen, ob es eine konkrete Situation sein soll oder ob man mehr hineiniterpretiert, so wie ich es als Ausgangspunkt für Fragen von Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit nehme. Das ging aber nur, weil ich anerkannt habe, das nur die drei genannten Handlungsoptionen zur Verfügung stehen. Ich denke eigentlich, du hast mehr Selbstreflexion betrieben als ich. Bei mir spielt die Gesellschaft die größere Rolle.
      Moralpsychologen benutzen das Dilemma offenbar tatsächlich vereinzelt, um Altruismus-Forschung zu betreiben (s. Links). Ich denke, das kann das Dilemma gar nicht leisten, weil es dafür, wie du sagst, zu komplex und situativ ist.
      Und ja, das eigene Leben ist erst einmal das Wertvollste, was wir haben. Deshalb mag ich Theorien nicht, die das Opfer oder den Suizid nicht nur erlauben, sondern unter Umständen für geboten halten.

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