Ich habe doch noch einen Liebster Award gefunden. Man kommt nicht zur Ruhe. Ihr wisst ja, was euch erwartet. Deshalb gibt es als Vorrede nur eine kleine Lobhudelei auf jnbender.

Dichtung und Wahrheit nannte Goethe seine Autobiographie. Da jnbender im Blog Dichtung und die ein oder andere Wahrheit anbietet, bin ich geneigt zu sagen: „Seht her! Dort ist der junge Goethe wiedergeboren und sie bloggt.“ Da ich Goethe aber nicht mag, wäre das gemein. Dichtung und Wahrheit, die fröhlich, traurig, nachdenklich, manchmal sogar glücklich macht, gibt es eben nur bei jnbender, nicht bei Goethe.

award

Das Motto des Liebster Awards ist ja “Discover new blogs”

Beschreibe, worum es dir auf deinem Blog geht.

Ich wollte gerade in die Tasten hauen und die x-te Variante auf die Antwort schreiben, worum es auf meinem Blog geht, denn das ist ja die Standard-Frage, die im Liebster-Award auftaucht. Dann las ich noch einmal, denn jnbender ist eine Dichterin. Da kommt es gelegentlich auf jedes Wort an. Und ein Wort sprang mich an: „dir“.

Ist das jetzt eine Frage, warum ich blogge? Möglich. Aber es geht ja nicht ums Bloggen. Es geht um mich und meinen Blog. Auch wenn ich zugebe, diese eine Frage bei aller Award-Freude mehr als lästiges Pflichtprogramm zu begreifen … Mir fallen einfach keine spannenden neuen Varianten der immer gleichen Antwort ein … Nun, jedenfalls zögerte ich einen Moment. Diese Frage wurde mir so noch nicht gestellt. Worum geht es mir in meinem Blog? Zumindest habe ich noch keine Frage so gedeutet.

Worum geht es mir also in meinem Blog? Schreiben. Eine Plattform haben. Blödsinn machen. Meine Gedanken ordnen. Andere Leute mit dem Zuckerbrot (Blödsinn) dazu zu bringen, auch die Peitsche (Gedanken) zu lesen. Wer liest in seiner Freizeit schon gern Zeilenendes Analysen solch weltbewegender Probleme wie der Frage, ob man dicke Männer vor Straßenbahnen schubsen darf? Doch nur solche Leute, die ich mit Überlegungen zu Oliver Kahns legendärem Ausspruch gefügig gemacht habe, alles zu lesen, was mir aus den Hirnwindungen tropft.

Mir geht es hier also darum, meine persönliche Version von 50 Shades of Zeilenende nachzuspielen. Oder so ähnlich. Das ist ein wenig gelogen, aber egal. Eigentlich geht es mir drum, dass wir hier alle ein wenig Spaß haben … Also doch … Denn … Ich mit der Peitsche in der Hand, ihr am Andreaskreuz. Und ehrlich gesagt – ich bin ja ein Weltverbesserer – gehts auch drum, einen Unterschied zu machen … Bei mir zu dem, was vor dem Schreiben war, bei den Leser*innen zu dem, was vor dem Lesen war.

 

Wenn du einen Tag lang ein Wort wärst, welches wäre es?

Die Frage kam mir düster bekannt vor, hatte ich sie doch vor längerer Zeit schon einmal beantwortet und bei der letzten Runde des Awards selbst meinen Nominees gestellt. Die Frage kommt also gut an. Beim letzten Mal gab ich folgende Antwort:

Ich bin ein wenig raus aus der Szenesprache junger erwachsener Männer. Sagen die immer noch exzessiv “Fuck”? Dann wäre ich gern “Fuck” … Ich mein, einen ganzen Tag ständig in den Mündern junger, muskulöser Männer zu ste … Das geht gerade in die falsche Richtung. Ich denke, ich wähle lieber eine politische Agenda. Ich würde gern “Grenzsicherung” sein und jedem, der versucht, mich auszusprechen, im Hals stecken bleiben, bis er oder sie an mir qualvoll erstickt ist.

Ich habe seitdem ein wenig Feldforschung getrieben und festgestellt, dass „Alter“ eine sehr viel höhere Häufigkeit aufweist als „Fuck“. Andererseits wäre ich dann auch in jedem Seniorenzentrum in aller Munde: „In meinem Alter …“ Keine schöne Vorstellung, deshalb lassen wir das besser sein.

Ich bin unlängst über das schöne Wort „Penetrationstester“ gestolpert. Es handelt sich dabei um eine Jobbezeichnung in der IT-Sicherheitsbranche. Zumindest suggerieren das die Stellenanzeigen. Ich habe die dunkle Befürchtung, dass das lediglich Tarnung ist und sich Penetrationstester im schlüpfrigen Teil des Filmgewerbes bewegen. Dies kann ich aber nur beweisen, wenn ich einen Tag lang zum „Penetrationstester“ werde und sehe, wer mich tatsächlich im Munde führt.

 

Wenn du einen Tag lang durchgehend drei Songs (in Dauerschleife)

hören könntest/müsstest, welche wären das?

Die selben drei Songs? Alle drei immer hintereinander weg? Das ist ein starkes Stück. Der Begriff „Song“ impliziert offenbar, dass ich mir nicht „Nabucco“ von Verdi wünschen darf sondern höchstens „Va pensi(on)ero“, gell? Fiese Gemeinheit, das. Ich muss also Lieder wählen, die mir nicht schon nach einer Minute das Hirn verbrennen.

Ich könnte mir was von John Cage wünschen. Da brauche ich auch nur ein Lied in Endlosschleife, nämlich 4:33, aber bitte nur ohne Publikum. Obwohl, 4:33 hat ja keine Tempo-Angabe, also braucht es noch nicht einmal die Endlosschleife, gell? ORGAN²/ASLSP wäre auch ein Kandidat für solch eine Wahl, wenn ihr mir Cage, aber 4:33 nicht durchgehen lasst. Aber ich vermute fast, John Cage ist mir insgesamt verboten.

Dann wären da noch diverse Remixe, die mir den Tag versüßen könnten. Über Kraftwerk und Konsorten sprach ich ja bereits, von Autobahn gibt es eine etwas über 22minütige Fassung. Das ginge durchaus. Könnte man schön weiter unterlaufen, „Thick as a brick“ von Jethro Tull hat eine Spieldauer von etwas über 40 Minuten und muss während des Abspielens sogar gewendet werden … Das könnte anstrengend werden. 😉 Das wäre doch ein hübscher Wechsel: Immer abwechselnd „Autobahn“, „Thick as a brick“ und dann zur Entspannung … „4:33“ wäre super, aber darf ich ja nicht, gell? Also packen wir zur Entspannung noch „Leaving on a jet plane“ von Peter, Paul and Mary mit rein. Das dauert zwar nur knapp 3:30, aber es setzt einen schönen Akzent zwischen den Längen.

 

Wenn du einen Tag in einer beliebigen Zeit verbringen könntest, welche wäre es?

Und warum?

Es gibt mehr als nur eine Zeit? Ich bin verwirrt. Ich habe zumeist ohnehin das Problem, gar keine Zeit zu haben und dann erzählst du mir, es gäbe beliebig viele Zeiten. Ich halte das nicht nur erkenntnistheoretisch für bedenklich, ich halte es auch ethisch für verwerflich, mich mit der schönen Illusion zu ködern, ich könnte statt keiner sogar mehrere Zeiten zu haben.

Wohlan. Ich denke, meine Lieblingszeit ist die „Essenszeit“, vor Allem wenn es Streusel gibt. Oder Streuselkuchen. Oder Crumble. Noch ofenwarm. Mit Vanille-Eis. Zwar nicht so gut wie die Streusel allein, roh wie ein frisch geschossener kapitaler Bock, aber man nimmt als Streusel-Süchtiger, was man bekommen kann.

Von der „Essenszeit“ dicht gefolgt wird die „Schlafenszeit“. Ich finde, das ist ein schönes Wort. Ich benutze es bis heute. Früher, als kleines Kind, verhieß „Schlafenszeit“ eine Strafe: Man musste ins Bett, während die Erwachsenen anfingen, richtig Spaß zu haben. Wahrscheinlich sogar so, wie sich das verstehen lässt, ich bin ja Erstgeborener unter zwei Geschwistern. Als Kind denkt man darüber glücklicherweise nicht zu genau nach und findet es einfach gemein, dass man das wundervolle Fernsehprogramm nach dem Sandmännchen verpasst. Heute ist das anders. Heute heißt „Schlafenszeit“: Ich habe es geschafft, mein Tagewerk vollbracht und bin nun müde. Ich ruhe mich aus, um morgen mit neuer Energie durchzustarten. Und wie gut durchstarten könnte ich wohl nach 24h Schlafenszeit?

Für überbewertet halte ich „Freizeit“, „Arbeitszeit“ hingegen wird unterbewertet. Beide wirken nur, wenn sie sich regelmäßig abwechseln. Es ist wie beim Krafttraining. Ein Muskel hat nichts davon, wenn man versucht, ihn zwei Stunden unter Dauerspannung zu behalten, er benötigt das ab- und anspannen, um stark zu werden. Ein Leben erfüllt sich auch im An- und Abspannen von Frei- und Arbeitszeit. Deshalb wollte ich keinen ganzen Tag mit Arbeit oder Frei verbringen.

Aber in den meisten Fällen bin ich mit „derzeit“ ohnehin ganz glücklich.

 

Sollte Satire Grenzen haben?

Die Frage ist interessant, aber meines Erachtens falsch gestellt. Wenn Satire der Versuch einer humorvollen Kritik an der Realität ist, kann Satire keine Grenzen haben. Das liegt an der Konstruktion der Definition, die ich so aber für notwendig halte: „humorvoll“ ist ein Kriterium, das

  1. nicht mit lustig ineinander fällt, Satire ist oft zu bissig fürs Lustig-sein, aber dennoch voller Humor
  2. gibt es keine Kriterien, die verbindlich festlegen, was Humor sei.

Das liegt meines Erachtens daran, dass Humor immer zwischen Menschen ausgehandelt werden muss. Humor ist nicht, wenn man trotzdem lacht, sondern wenn sowohl Sender als auch Empfänger mindestens implizit davon überzeugt sind, dass diese Bemerkung humorvoll sei.

Ohne hier eine Humortheorie entwickeln zu wollen (das ist mir als Thema ehrlich gesagt schlicht zu komplex) denke ich deshalb, dass das Versuchen von Humor der Satire eines ihrer Merkmale sei und nicht erst die erfolgreiche Humorumsetzung. Dass Satire der Kritik bestehender Verhältnisse, d. i. der Realität, sei, halte ich für intuitiv einsichtig.

Dass Satire immer nur der Versuch ist, unabhängig davon, ob er gelingt oder nicht, ist der Grund, weshalb Satire keine Grenzen haben kann, denn es gibt kein Kriterium, das Satirizität misst. Und wenn ich etwas nicht begrenzen kann, ist es sinnlos, es begrenzen zu wollen.* Plakativ gesagt kann ich es dem Rot zwar verbieten rot zu sein, aber das schert das Rot nicht.

Was die Frage nach den Konsequenzen der Satire angeht, so bedeutet völlige Satirefreiheit aber, Achtung dialektischer Moment, völlige Verantwortung für die Satire. Anfeindungen muss man ebenso standhalten wie etwaigen Gerichtsprozessen wegen Beleidigung. Im besten Falle macht das die Satire tatsächlich humorvoll. Im schlechtesten Fall geht der Satiriker hinter Gittern. Aber nicht wegen der Satire sondern weil er jemanden beleidigt hat. Ob das dann noch Satire ist, sei jedem Einzelnen überlassen.

 

 

*Anmerkung: Es besteht ein Unterschied zwischen unbegrenzt sein und unbegrenzbar: Rot ist qua Definition rot, ich kann die Rotheit nicht begrenzen, so wie ich definitorische Grenzenlosigkeit nicht begrenzen kann – aus logischen Gründen. Aus dem Satz folgt aber nicht: Nur weil ich Kriminalität nicht begrenzen kann, sollte ich es gar nicht versuchen. Kriminalität ist nicht aus logischen Gründen grenzenlos sondern aus menschlichem Unvermögen. Gerade deshalb sollte sie begrenzt werden.

 

Was hältst du von Political Correctness?

In der Satire stört sie. Satire ist, wenn man alle Political Correctness fahren lässt. Dementsprechend braucht es für Satire hin und wieder ein wenig Political Correctness. Ansonsten finde ich den Begriff ein wenig sperrig, die Frage aber in ihrer Allgemeinheit nicht für angemessen beantwortbar. Fakt ist, dass Sprache ein mächtiges Diskriminierungsinstrument ist. Diskriminierung ist eine wesentliche Funktion von Sprache, sie trennt das Mitteilbare vom nicht Mitteilbaren. Und was wir nicht mitteilen können, existiert nicht. Die Frage nach tierischem Bewusstsein ist ein schöner Anwendungsfall: Da debattieren Ethiker und Biologen drüber, aber ohne sprachlichen Austausch mit den Tieren bleibt die Frage nach tierischem Bewusstsein immer eine Vermutung, weil sich tierisches Bewusstsein uns gegenüber nicht verständlich artikulieren kann.

Wer also behauptet, eine gewisse Wortwahl sei nicht diskriminierend, sollte sich einmal ein paar Fragen stellen: Das Deutsche kennt in Sachen Berufsbezeichnung (ein klassischer Fall von PC) sowohl männliche als auch weibliche Formen. Und wir tun dennoch sprachlich so, als ob wir über Männer redeten oder Männer die Mehrheit stellten. Und und und …

Lehrer – Lehrerin.  Wenn wir von Lehrern sprechen, blenden wir bewusst aus, dass Frauen statistisch gesehen an jeder Schulform in Deutschland die Mehrheit des Kollegium stellen, was sich aber in der Sprache nicht wiederfindet.

Apotheker – Apothekerin. Auch bei den Kittelträgern ist es so, dass Frauen hier ein erdrückendes Übermaß stellen.

Krankenschwester – Krankenbruder. Man zuckt ein wenig, gell? Krankenbruder wäre durchaus korrekt, aber kaum jemanden ist wohl bewusst, dass die Bezeichnung noch auf das christliche Ordensschwesternsystem der Krankenpflege zurückgeht. Und das Pendant der Schwester ist in diesem Kontext nun einmal der Bruder. Klingt aber despektierlich. Deshalb gibt es den Krankenpfleger. Wohingegen die Frau ungeniert weiter als Krankenschwester tituliert wird, obwohl sie mittlerweile Krankenpflegerin (oder ganz korrekt Gesundheits- und Krankenpflegerin) heißen könnte. Schwestern sind sie ja in den wenigsten Fällen. Während der Frau also in der Sprache unterstellt wird, hier einen Dienst der Nächstenliebe zu verrichten, ist der Mann, obwohl in der Minderheit, der qualifizierte Absolvent einer Ausbildung.

Wenn Sprache wertneutral wäre, würde sie die Realitäten ausdrücken. Wir würden ganz selbstverständlich von Lehrerinnen, Apothekerinnen und Krankenschwestern (trotz der geäußerten Vorbehalte gegen den Begriff) reden und die männliche Minderheit ganz selbstverständlich mit einschließen. Dass es okay ist, Frauen in die männliche Form einzuschließen, man im umgekehrten Fall aber komisch angeschaut wird, ist für mich ein Hinweis auf eine patriarchale diskriminierende Struktur bestehender Sprachkonvention. Und selbst wenn man die unbewusst reproduziert, man reproduziert sie. Und die zugehörigen Bilder: Apotheker sind Männer in Kitteln, Lehrer Männer mit Sakkos und Ärmelschonern, Krankenschwestern Frauen mit Häubchen und knappen Röcken.

Bevor ich jetzt zum Generalangriff auf das binäre Geschlechtersystem aushole, ende ich mit dem Hinweis, dass ich mich zwar nicht konsequent daran halte (in meiner Examensarbeit habe ich konsequent die weibliche Form benutzt, was ein großer Spaß war), aber prinzipiell die Sternchen-Form bevorzuge: Lehrer*innen, Apotheker*innen, Kranken*geschwister.

 

Nehmen wir an, man glaubt an die Wiedergeburt: wie würdest du dir

dein “nächstes Leben” wünschen, unabhängig vom jetzigen?

Die Frage impliziert unbewusst meines Erachtens die Frage, wie ein erneutes menschliches Leben aussehen könnte. Das entzieht sich absolut meiner Vorstellungskraft, weil das menschliche Leben so voller herrlicher Überraschungen steckt, dass ich gern noch eins nehmen würde, mit guten Ausgangsvoraussetzungen: Körperliches und geistiges Wohlbefinden, gute Bildung, liebendes Elternhaus. Und dann mal gucken, was sich so an Möglichkeiten eröffnet.

Ich habe aber auch ein wenig in der Klischeekiste gekramt. Und habe gefunden, dass ich gern eine Katze wäre. Ich könnte 25h am Tag schlafen und die restliche Zeit damit verbringen zu fressen und meinen Dosenöffnern auf den Geist zu gehen. Aber statt mich zu hassen werde ich dafür vergöttert und mit Liebkosungen bedacht. Außerdem wäre ich intelligent und sportlich. Das wäre doch ein schönes Leben.

 

Drei Eigenschaften, die du NICHT hast?

Hmmm … Gute Frage. Wahrscheinlich die Gegenteile von drei Eigenschaften, die ich habe. Aber das stimmt auch nicht so ganz. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch, aber auch nur, weil in mir das Chaos tobt. Ich bin ein sehr geduldiger Mensch, aber auch nur, weil mich Ergebnislosigkeit rasend ungeduldig macht. Ich bin ein sehr gründlicher Mensch, aber auch nur, weil ich viele Dinge absichtlich übersehe. Willkommen in meiner kleinen dialektischen Welt.

Jetzt habe ich einen Absatz geschrieben, damit aber drei Fragen nicht beantwortet, gell? Aber gut, versuchen wir es:

Ich bin nicht gelassen: Ich lege zwar manchmal eine „Tangiert mich peripher“-Attitüde an den Tag, aber auch nur, um mich selbst zu beruhigen. Ich stehe eigentlich immer unter Strom, will alles selbst und sofort erledigen und muss mich selbst regelmäßig ausbremsen, damit ich nicht durchdrehe. Unerledigte Aufgaben können mich in den Wahnsinn treiben und wenn ich sie delegiere, muss ich dennoch dringend wissen, ob sie auch wirklich erledigt werden.

Ich bin nicht spontan: Wenn ich spontan wirke, hatte ich entweder nicht nur nichts zu tun, sondern gravierende Langeweile oder ich war gewillt, in kürzester Zeit meinen Plan umzuwerfen und es ist mir gelungen, einen neuen Plan zu erstellen. Wenn ich dann anfange, herumzustottern, arrangiere ich geistig meinen Terminkalender neu. Wer mir einen Gefallen tun will, datiert planbare Ereignisse wie Feste, Feiern und Zusammenkünfte irgendwo in der Zukunft und nicht „Morgen um 20:00“, da wollte ich nämlich Wäsche waschen.

Ich bin nicht allwissend: Damit verblüffe ich tatsächlich manche Menschen, weil ich weiß, warum am Südpol keine Eisbären leben (die wurden von den Pinguinen ausgerottet) und warum der Eisbärenbestand am Nordpol bedroht ist (die Pinguine graben einen Tunnel zum Nordpol). Ich kann alle möglichen Zitate, die ich einmal gelesen und scheinbar wieder vergessen habe, auf Zuruf ihrem Schöpfer zuschreiben, kenne mich leidlich gut in den unterschiedlichen Disziplinen von A wie Arithmetik bis Z wie Zooologie aus. Es gibt tatsächlich Leute, die schließen daraus, ich sei allwissend. Dabei kann ich nur gut zuhören, mir Dinge merken und im Zweifelsfall ausgesprochen überzeugend drauf los labern.

 

Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft?

Vergangenheit ist für mich von rein intellektuellem Interesse, ich will die alten Zeiten nicht zurück haben. Wenn wirklich damals etwas besser gewesen sein sollte, dann ist die große Mehrheit der Dinge heute dennoch entschieden besser. Das fängt bei unserem Gesundheitssystem an und hört bei unseren Arbeitsschutzgesetzen noch lange nicht auf.

Ich mag die Gegenwart eigentlich ganz gern. Sie könnte besser sein, aber auch erheblich schlechter. Alles in Allem fühle ich mich in ihr ganz wohl. Das hängt aber damit zusammen, dass ich weiß, dass das Früher schlechter war. Und weil ich

  1. unglaublich neugierig bin und
  2. fest daran glaube, dass es besser werden kann

habe ich auch ein Faible für die Zukunft. Ich sage nicht, dass es besser werden wird, aber es besteht die Möglichkeit dazu. Und es hängt ganz maßgeblich von dem ab, was wir in der Vergangenheit getan haben, aber vornehmlich von dem, was wir in der Gegenwart tun – die erlaubt es uns immer, mit der Vergangenheit zu brechen, mit ihr abzurechnen oder sie in die Zukunft zu tragen.

Die Entscheidung ist gar nicht so einfach. Die Zukunft ist ein verlockender Ort und mit der Gegenwart vielleicht noch enger verknüpft als die Vergangenheit. Sich für die Zukunft zu entscheiden, ignoriert aber genau diese enge Verknüpfung, in der auch die Vergangenheit wieder ins Spiel kommt, weil die jetzige Gegenwart ja die zukünftige Vergangenheit sein wird. Ohne Gegenwart ist auch die Zukunft nichts. Deshalb ganz klar: Ich will die Zukunft erleben, aber ich entscheide mich für die Gegenwart. Denn ganz pragmatisch gilt ja auch: Für jeden von uns versteckt sich hinter einer Hausecke ein LKW, der darauf wartet, dass wir beim Überqueren der Straße unachtsam sind.

 

Charlie Chaplin sagte einmal: “In the end, everything is a gag.” Was sagst du dazu?

Ich frage dazu, in welchem Zusammenhang er das gesagt hat. Ich stimme ihm aber zu. Darf ich noch einmal Shakespeare zitieren, wie beim letzten Mal? Nicht? Dann lasse ich es. Aber recht hat Chaplin trotzdem. Unser Leben mag uns noch so bedeutsam vorkommen … Es mag sogar bedeutsam sein (Wir haben immerhin nur das eine!) und das nicht nur für uns sondern auch für andere (Es soll ja Menschen geben, die uns lieben) …

Ich sagte es oben auch über diesen Blog: Es geht darum, einen Unterschied zu machen. So ist das mit dem Leben insgesamt. Es geht darum, einen Unterschied zu einer möglichen Variante der Welt zu machen, in der man nicht existiert hat. Deshalb sollte man das Leben nicht auf die leichte Schulter nehmen. Okay, man sollte es sich mit dem Leben auch nicht zu schwer machen. Aber das Leben hat Bedeutung.

Das gilt allerdings für jedes Leben. Das bedeutet derzeit, dass da über sieben Millarden Leben sind, denen es darum geht, einen Unterschied zu machen. Das relativiert das eigene Bestreben, einen Unterschied zu machen, gehörig. Es wird zum Witz. Über den man herzhaft lachen, sich aber nicht beirren lassen sollte.

 

Ein beliebiges Zitat zum Schluss: …

Wenngleich durch eine besondere Ungunst des Schicksals, oder durch kärgliche Ausstattung einer stiefmütterlichen Natur es diesem Willen gänzlich an Vermögen fehlte, seine Absicht durchzusetzen; wenn bei seiner größten Bestrebung dennoch nichts von ihm ausgerichtet würde, und nur der gute Wille (freilich nicht etwa als ein bloßer Wunsch, sondern als die Aufbietung aller Mittel, soweit sie in unserer Gewalt sind) übrig bliebe: so würde er wie ein Juwel doch für sich selbst glänzen als etwas, das seinen vollen Wert in sich selbst hat. (Kant, AA IV, 394 [GMS])

Okay … Dass ich Kant anführe, war klar, oder? Vielleicht meine liebste Stelle. Aber ich hab noch eins für euch, denn der Herr Kant hatte auch Humor:

Des Rechts der häuslichen Gesellschaft erster Titel: Das Eherecht
§ 24

Geschlechtsgemeinschaft (commercium sexuale) ist der wechselseitige Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht (usus membrorum et facultatum sexualium alterius) […]

Die natürliche Geschlechtsgemeinschaft ist nun entweder die nach der bloßen tierischen Natur (vaga libido, venus volgivaga, fornicatio), oder nach dem Gesetz. – Die letztere ist die Ehe (matrimonium), d.i. die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften.

(Kant, AA VI, 389 [MS])

Sehen Sie demnächst in diesem Blog: Zeilenende bearbeitet einen weiteren Liebster Award.

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22 Kommentare zu „Krankenschwestern sind derzeit Zukunft

  1. Die erste Frage ist klasse – auf so eine muss man erst mal kommen.
    Die Antwort zur ersten Frage ist auch klasse – Penetrationstester. Ich muss mir eine Gelegenheit suchen, dieses Wort in einem Gespräch unter zu bringen.
    Ein neue Liebster Award und wieder so herrlich zu lesen. Sehr humorvoll mit reichlich Tiefgang – schöne Mischung.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag

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    1. Wenn dir eine Situation über den Weg läuft, fange sie ein und zeige sie mir. Ich suche nämlich auch nach einer, habe aber nicht die geringste Vorstellung, wie eine angemessene Situation für dieses Wort ausschaut.

      Dir auch einen schönen Sonntag. Meiner ist schön: Ich darf arbeiten. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich würde deinen Blog auch lesen, wenn du jeden Tag nur Antworten auf irgendwelche Fragebögen posten würdest. Und ich habe übrigens kein Problem damit, Lieder in Dauerschleife zu hören. Mache ich meistens. Ich habe nämlich selten den Nerv, Radio zu hören und nicht die Zeit, bewusst neue Musik zu entdecken. Also höre ich unter Umständen auch mal ein und das selbe Lied hundert Mal, einfach weil es so schön ist und ich gerne mit“singe“. Zum Leidwesen aller Anwesenden (ich mache das nur zu Hause oder im Auto, deswegen sind die Anwesenden eh immer Ehemann und Hund. Ersterer weiß schon lange, was er sich da angeheiratet hat und Hund.. nun denn, du erinnerst dich an die Blicke, die der Hund so drauf hat…)

    Danke für einen sehr schönen Start in den Sonntag und dir viel Freude beim Arbeiten!

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    1. Ich denke momentan ernsthaft darüber nach, wenn mir die Awards mal ausgehen, diese Psychotests aus Frauenzeitschriften zu beantworten, das könnte auch ein königlicher Spaß werden. Wann immer mir zur Montagsfrage nichts einfällt, habe ich aber ja auch noch den Proust-Fragebogen: https://kaffeetaesschen.wordpress.com/category/leben/proust-fragebogen/
      Lieder in Endlosschleife hören geht bei mir gar nicht. Ich habe schon nach einem Hören je nach Lied einen Ohrwurm, der mich bis in die Fahrstühle meiner Träume verfolgt, wo er vor sich hindudelt. Das würde mich auf Dauer verrückt machen, wenn ich es nicht schon wäre. 😉

      Gefällt 1 Person

      1. ich erntete neulich entsetzte Blicke vom Liebsten, als ich anfing „pitschi pitschi popo“ zu singen. Ich gebe zu, es war Alkohol im Spiel aber danke dafür. Es ist nach wie vor in meinen Hirnwindungen fest verankert 😉

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  3. Iweanarrisch! Liebster-Magnet Zeilenende schöpft wieder aus dem Vollen. Liebster-Magnat Zeilenende, natürlich. 🙂 Und dann noch mit Kant abrunden. Ausgerechnet. 😉 [Okay, das Wortspiel ist nicht sehr geistreich. Aber da der Beitrag mit Blödsinn getaggt ist und ich hier sehr viel Sinn orte, muss ein Gegengewicht her – wegen der Schlagseite und so…]
    Haha. Die Formulierung ‚junge erwachsene Männer‘ schnappe ich mir – falls ich mal ein Beispiel für ein Hyper-Oxymoron brauche. 😉
    ‚Krankenbrüder‘ wäre jedenfalls eine schillernde Berufsbezeichnung. Alle Menschen werden Brüder… Oder heißt es prüder? Braucht es vielleicht deshalb einen Penetrationstester? Damit man feststellen kann, ob wirklich alle Menschen prüder werden [oder ob sie nur so tun]?

    Und bevor jetzt der Eindruck entsteht, ich hätte aus dem vollen Rumtopf geschöpft… schönen Restsonntag (oder Sonntagsrest… Rast? Rost?) noch. 🙂

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    1. Ich finde „mit Kant abrunden“ ehrlich gesagt super. Auf den bin ich noch nicht gekommen, ich beschränke mich ja meist darauf, „klar Kant zu zeigen“. 😉
      Kranken-Bruder ist übrigens ein schlechter Tester, was die Prüderie angeht. Denn im Gegensatz zu seinem weiblichen Pendant ist der Krankenbruder eigentlich nicht sexy, eher so im Gegenteil. Mir sind zwar viele Fetische bekannt, aber über einen Krankenbruderfetisch bin ich noch nicht gestolpert.
      Und ich verwahre mich dagegen, dass „jeW“ ein Hyper-Oxymoron sein soll, ich kann doch erwachsen, männlich und jung sein! Ich BIN erwachsen, männlich und jung! ^^

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      1. Damit auch ich mit Kant abrunden kann (irgendwie) hier noch die ideale Alternative zur Endlosschleife: Bach KANTaten. Material für mehrere Tage nonstop (ohne Wiederholung).

        Ich hatte auch nicht unbedingt den kranken Bruder als Tester vorgesehen. Den Bruder sah ich nur als SCHILLERnde Berufsbezeichnung (nachdem du in der Einleitung bereits Goethe ins Spiel gebracht hast). Der Tester kommt nur ins Spiel, wenn man unterstellt, dass es bei Schiller in Wirklichkeit gar nicht ‚Brüder‘ sondern ‚prüder‘ heißen sollte. [die Brüder haben ja damals alles von Hand geschrieben – da ist nicht immer alles leserlich] Der Tester könnte eher ein junger erwachsener Mann sein. [die es ja sehr ausnahmsweise offensichtlich doch gibt]

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  4. Deine Überlegungen zu Satire und Humor, gefallen mir gut. Wenn ich einen Tag ein Wort sein müsste, würde ich gern „Political Correctness“ sein. Ach – Moment, das sind ja zwei Worte – Mist.

    Humorvolle Grüße aus dem Garten 😀

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    1. Pollidigellgorregdness ist im Deutschen soweit ich weiß ein Wort. Ich wäre es aber glaub ich nicht gar so gern. PC wird meiner Beobachtung nach als Wort vor Allem von Leuten gebraucht, die sie ablehnen. Leute die auf das Konzept stehen, wenden es in den meisten Fällen einfach an. 🙂

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  5. Uff, meine Gehirnwindungen glühen noch (ist aber auch schon spät, also für Eltern, mit Kleinkindern und so).
    Es war sehr spannend deine Antworten zu lesen!
    Das mit den Pinguinen hatte ich ja schon immer irgendwie vermutet…
    Das typische Katzenleben wurde sehr treffend beschrieben…
    Kant – das war klar 😉 Wirklich eine sehr schöne Stelle 🙂 Die zweite allerdings: Das mit dem Gebrauch vom Vermögen ist selbstverständlich selbstverständlich, ich werde ja nicht mit meiner Visakarte online shoppen! Aber dann wird’s ja deftig!
    Zukünftig werde ich auf jeden Fall etwas vorsichtiger um Hausecken gehen müssen, und zum Abschluß: Du bist NICHT allwissend?! Das muss ich jetzt erst einmal verkraften.
    Lieber Gruß, M.Mama

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    1. Ich kann halt nicht ohne Kant, obwohl ich mit ihm auch manches Mal erbittert mit ihm streite. Vor Allem wegen des Vermögens. Ehe als den Austausch von Vermögen gegen Geschlechtsorgane … Das geht selbst mir zu weit. Dass er dennoch genügt, um dich nach einem langen Tag noch in Wallung zu versetzen, zeigt andererseits, dass er besondere Qualitäten hat. Mit Luhmann wäre das nicht passiert. *g*
      Und ja, leider nicht allwissend. Das bin ich erst, wenn ich verstanden habe, WARUM der ein Spinner ist … Also Luhmann. Und wie das genau mit der Mastercard , Äh dem Masterplan der Pinguine zusammenhängt. 🙂

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