Auf den Spuren von Genies

Zeilenende hat einen Ausflug gemacht. Es war an der Zeit, endlich einmal, wie lange vorgenommen aber nie realisiert, ein Kunstmuseum in der Nähe zu besuchen und sich mit Bildern zu beschäftigen. Und weil ich Lust drauf habe, nehme ich euch einfach mit.

Malerei ist nicht mein Steckenpferd. Ich kann Bilder nur sehr rudimentär lesen, in erster Linie die Bilder des Mittelalters. Für alles Weitere fehlt mir die Sprache und das macht mir als sprachorientiertem Menschen das Verständnis schwer. Weil ich mich nun aber als bildungsbürgerlich begreife, muss ich hin und wieder etwas für mein kulturelles Kapital tun, auch wenn ich meist nur spontan sage, „Wie grässlich“.
Das ausgewählte Museum versammelte Kunst vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Klangvolle Namen wie Rubens (vulgär), Rembrandt (langweilig) und Monet (kitschig, gilt für fast den gesamten Impressionismus), locken, nur Zeilenende nicht. Dennoch war ich neugierig, weil ich ja meine Vorurteile hin und wieder überprüfen muss. Es gibt eigentlich nur zwei Maler, die ich sehr mag, das sind Pieter Bruegel d. Ä., vulgo Bauernbreugel, und Caspar David Friedrich (Ich bin eben ein einfacher deutscher Michel). Hinzu kommt eine gewisse Schwäche für die niederländische Malerei mit ihren Stilleben, Haus- und Bauernszenen insgesamt. Ich bin also eigentlich nicht sehr kunstaffin, hatte aber dennoch meinen Spaß und hoffe, euch auch ein wenig Lust auf Kunst zu machen.

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Ich nehme euch mit auf meinen Rundgang. Dafür muss ich wohl zuerst erwähnen, dass ich in Museen meist gegen die vorgesehene Richtung gehe, wenn auch Stockwerk für Stockwerk. Wir beginnen also in der mittelalterlichen Malerei, dort aber an deren Ende und gehen dann zu den Anfängen zurück. Das obere Bild zeigt Judith mit dem Kopf des Holofernes. Das Bild fand ich wegen Judiths Kleidung und ihrem leidenschaftslosen Blick so spannend. Judith ist in meiner Vorstellung eher eine rachsüchtige Irre, weniger eine kaltblütige, entrückte Mörderin. Diese Beschreibung trifft eher mein Bild der Salome.
Das zweite Bild zeigt einen Bildausschnitt. Der Teufel ist eine spannende Figur. Die beiden Gesichter haben mir zu denken gegeben. Ein Kopf für die Ratio, einer im Unterleib, meiner Meinung nach ein Sinnbild für das Bauch- oder Schwanzgefühl. Die Deutung des zweiten Kopfes als Wollust liegt sicher näher, aber ich frage mich, ob da nicht mehr drin steckt, dass der Teufel nicht auch den ständigen Widerstreit zwischen Vernunft und Gefühl insgesamt wunderschön veranschaulicht. Der Sünder, den er knechtet, weist den Ausweg aus der Zerrissenheit: Nicht die Beherrschung durch das unmittelbare Gefühl des zweiten Kopfes, sondern sie Ratio des Kopfes, in Verbindung mit dem Gebet, also der Hoffnung als einem übergeordneten Gefühl, das von unserem unmittelbaren Wollen zu abstrahieren weiß.
Das dritte Bild ist von der Machart her interessant. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Köpfe scheinen nicht aus dem Bild zu ragen, auf das Bild sind tatsächlich Köpfe montiert. Plastische Darstellung, erste Versuche von 3D bereits im Mittelalter. Auf dem Photo kommt das nicht so raus, aber es ist realiter wesentlich beeindruckender als Avatar.

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Ich habe in dem Museum etwas gelernt. Dreiteilige Altarbilder (Ich habe nunmal keine Ahnung, wie der Plural von Triptychon ist!) kann man ja zuklappen. Ich habe mir aber noch nie darüber nachgedacht, was auf der Rückseite zu sehen ist. Blickt der Gläubige bei geschlossenen Seitenteilen auf langweiliges Holz? Nein, auch auf der Rückseite gibt es Bilder, aber eher schlicht gehalten, wie auf dem Bild zu sehen. Meisterhaft gemalt, keine Frage, aber kein Vergleich zur Farbenpracht im Inneren. Man stelle sich vor, wie man auf solch ein Bild blickt, dann aufgeklappt wird und sich folgender Anblick bietet … Das ist zwar ein anderes Altarbild, aber das Prinzip macht es deutlich:

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Wir sehen hier den Heiligen Franziskus. Das Motiv sprach mich an, weil die Stigmata des Heiligen durch gemalte Fäden mit dem Himmelskreuz verbunden sind. Man verzeihe mir, wenn das ketzerisch klingt, aber es sieht so aus, als würde der heilige Franz einen Drachen steigen lassen. Mit diesem Bild verlassen wir das Mittelalter und wandern weiter in den Barock. Aber vergesst dieses farbenprächtige Bild des Franz von Assisi nicht, wir begegnen ihm noch einmal.

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Bekommt man Hintergrundinformationen zu diesem Bild, ist es weitaus weniger beeindruckend, aber der Gang gegen die Ausstellungsrichtung macht dieses Bild besonders. Es ist das kleinste im Raum, aber geht man durch die Ausgangstür hinein, blickt man genau auf das Bild, diesen venezianischen Kanal entlang bis zum Horizont. Ich stand ein paar Minuten im Eingang im Weg herum, weil ich von dieser Perspektive geflasht (in Ermangelung eines besseren Wortes) war. Es ist unheimlich realistisch … Meine Begeisterung schmälerte sich allerdings, als ich las, dass der Künstler mit der Camera Obscura gearbeitet hat.

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Ich weiß nicht genau, warum ich sie mag, aber im weiteren Rundgang wurde meine Begeisterung für holländische Stilleben mehr als nur reichlich gedeckt. Es gab die opulenten wie die Einfachen, es gab solche mit Früchten wie solche mit Fisch. Es gibt auch welche mit Fleisch, also toten Tieren, die mich eigentümlich ansprechen, die ich aber aus Rücksicht auf potentielle empfindsame Vegetarier unter meinen Leser*innen nicht geknipst habe. Ich rate übrigens dazu, sich das obere Stilleben, insbesondere den rechten Bildrand, genauer zu betrachten. Ich musste breit grinsen, da hat sich ein freches Kerlchen eingeschlichen und meine Betrachtungserwartung des Bildes zunichte gemacht.

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Die Landschaftsmalerei ist auch ein Hobby der Holländer, vielleicht fühle ich mich diesen Künstlern deshalb verbunden, denn das hier sieht doch schon verdächtig nach Friedrich aus, ist aber der Stand von Scheveningen. Ich habe nicht oft Fernweh, aber solche Bilder machen in mir stets Lust auf einen Tag am Meer.

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Wir beenden unseren Rundgang durch die Zeit zwischen Mittelalter und 19. Jahrhundert, wie wir auch den Rundgang durch das Mittelalter beendet haben. Erneut begegnet uns Franz von Assisi, doch diesmal mit einer ganz anderen Gewalt. War das erste Bild fröhlich-entrückt, wird es hier überwältigend. Das gleiche Grundmotiv, aber völlig anders dargestellt, mit dem Heiligen Franz als einer Art Superheld der Frühen Neuzeit, wenn mir der Vergleich seiner Pose hier mit der von Superman erlaubt sei.

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Willkommen im kitschigen 19. Jahrhundert. Biedermeier, Realismus, Impressionismus. Während ich den bürgerlichen Realismus der Literatur durchaus zu schätzen weiß, sind die drei genannten Kunstrichtungen für mich (im Falle des Biedermeier sogar verhasste) Kitschprodukte. Ich fand in diesem Stockwerk nur wenig, was mich ansprach und war entsprechend rasch durch. Obiges Gemälde allerdings hat mich gepackt, weil es so irritiert. Lasst es einen Augenblick auf euch wirken und betrachtet es dann genauer. Meine Erwartung wurde, wie bei dem Stilleben oben, nur in sehr viel krassserer Art, gebrochen. Das machte das Bild spannend und ich musste mein Vorurteil revidieren. Zumindest ein wenig neugierig war ich nun doch auf den Rest.

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Das 19. Jahrhundert hat viel Landschaft zu bieten. Auch wenn ich Turner für den besten Landschaftsmaler halte, gab es doch ein wenig, das mich träumen und in den Bildern schwelgen ließ. Eine gewisse Liebe zur Seefahrt kann ich nun nicht mehr leugnen, oder?

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Kein Kommentar. Aber ich habe in diesem Museum genau zwei Mal gelacht. Beim ersten Mal, als mir der Herr oben aus einem Portrait entgegenblickte.
Das zweite Mal, als ich den kleinen Midshipman sah, wie er zwei gestandene Matrosen zur Ordnung ruft. Kunst kann also auch lustig sein. Wieder was gelernt. Gelacht habe ich in einem Kunstmuseum bislang noch nie.

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Ein Problem der Kunst ist vielleicht, dass sie sich auf wenige Motive kapriziert. Schon wieder Venedig? Ja, allerdings beachte man die Wolke. Erhebt sich Leviathan hier aus dem Meer oder ist es das Maul eines Raubtiers, passend zum geflügelten Löwen auf der Säule? Der Wert der Kunst, bemisst sich, so scheint es, nicht allein am Gesamtbild, manchmal steckt der Wert, uns auf gedankliche Reisen zu schicken, im Detail, einer vermeintlich belanglosen Wolke.

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Natürlich gab es auch Caspar David Friedrich zu sehen.

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Und ja, ich habe jetzt auch mal Seerosen live und in Farbe gesehen. Gut fürs kulturelle Kapital, aber kitschig finde ich es trotzdem. Das Problem, das ich mit dem Impressionismus habe, neben dem Stil, verdeutlich vielleicht das letzte Bild am Besten. Es gab als Sonderausstellung im Museum eine Reise entlang der Seine. Und obwohl die Landschaft schon leidlich industrialisiert sein müsste, was zeigen die Motive? Herrliche ländliche Idylle, vielleicht in weiter Ferne mal einen Schornstein. Das abgelichtete Bild war das einzige, auf dem ich diese einschneidende und tiefgreifende Veränderung unserer Umwelt und unser aller Leben im Vordergrund begegne.

So, lieber Zeilenende, und wo warst du nun? Sag ich euch nicht, ich habe aber ein paar Hinweise für euch. Der erste ist eigentlich eine Anregung für die Weihnachtsbäckerei. Wenn jemand das Rezept hat, würde ich mich sehr freuen. Und falls jemand Hunger hat: Eees ist noch Suppe da. 🙂

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Da ist Zeilenende angekommen sowie abgefahren. Und für einen Augenblick hat ihn dank des roten Express die Lust auf Fritten gepackt.

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Und diesen Anblick liebe ich bei jedem Ausflug in die Stadt am Meisten. Sogar die Häuser im Hintergrund finde ich nicht bloß gelungen sondern regelrecht schön. Ich hoffe, ich habe euch ein wenig Lust auf Kunst gemacht oder euch zumindest an meinem kleinen Rundgang erfreut. Vielleicht hat ja jemand Lust, mir einmal nachzuwandeln und seine/ihre eigenen Eindrücke neben meine zu stellen. Dafür nur das Rätsel lösen, das passende Museum finden und hinfahren. 😉

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6 Kommentare zu „Auf den Spuren von Genies

  1. Die Bilder des Mittelalters mag ich auch.
    Noch mehr die fast naiven Bilder der Zeit um 11/1200. Stundenlang kann ich sie anschauen und entdecke immer Neues.
    Allerdings bin ich auch begeisterter Freund der Impressionisten. Monet, Klimt…für mich haben sie auf unglaublich strahlende Art, den Geist ihrer Zeit festgehalten. Monet’s Seerosen hängen bei mir an der Wand..,ich geb‘ sie nicht wieder her.
    Danke für’s mitnehmen und komm gut in die neue Woche.
    Liebe Grüße

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