Geschenke für Hexen [Eine Geschichte]

Zeit für eine Geschichte übers Geschenke. Damit nicht genug. Eine Geschichte, die „Vertreter“, „Konferenz“ und „Ostpreußen“ enthält. So hat es Tante Tex für diesen Story-Samstag gefordert. Und ein wenig surreal soll es wie immer bei mir natürlich auch sein.

storysamstag

Es war Weihnachten. Endlich! Ein paar ruhige Momente im Geschäft. Einige Tage daheim, bei der Familie. Das würde ein Fest werden. Der Vertreter streckte sich wohlig. Er fühlte sich in seinem Job ganz wohl. Staubsauger brauchte der Mensch. Er hatte sogar einen anhänglichen Kundenstamm im esoterischen Bereich. Die Hexe von Welt lebt zwar geistig – so dachte der Vertreter – hinterm Mond, aber sie war modern genug zu wissen, dass eine Hexe einen Kobold braucht. Und wenn man auf dem Kobold auch noch fliegen konnte, weil es sich eigentlich nur um einen Besen handelte …

Der Vertreter lachte kurz. Er hatte die Geschichte bereits mehrfach auf den Konferenzen erzählt. Seine Kollegen belächelten das gern. Aber ihm war es egal. Auch wenn seine Kundinnen ein wenig gaga waren, sie sorgten verlässlich für Umsatz. Darauf kam es an. Und für den Umsatz sorgte er, weil er sie nicht verurteilte. Natürlich hielt er das für Hokus Pokus, was die Frauen so erzählten, aber genau darum ging es ihnen ja. Nur dass der Hokus Pokus für sie bedeutsam war.

Für ihn selbst zählte jetzt aber nur eines. Es war Weihnachten. Und seine Schwiegermutter würde für ihn kochen. Königsberger Klopse mit Salzkartoffeln. Das waren seine magischen Worte. Seine Schwiegermutter war auch eine Hexe, nur keine von der guten Sorte. Ließ keine Gelegenheit aus, ihn zu schikanieren. Außer an Weihnachten. Dann packte sie die alten Rezepte aus, die Familie stammte aus Ostpreußen. Und dort verstand man es zu essen.

Weihnachten, das Fest der Liebe, das hatte er bitter nötig. Denn die Vorweihnachtszeit mochte er als Vertreter eigentlich gar nicht. Die Menschen wollten keine Staubsauger verschenken. Die Menschen wollten nicht einmal darüber nachdenken, Staubsauger zu kaufen. Umsatz machte er nur, weil irgendwelche Teile kaputt gegangen waren. Gut, manchmal wurde ihm tatsächlich ein Staubsauger als Weihnachtsgeschenk abgekauft. Der Vertreter nickte dann immer artig und verkaufte natürlich genau das richtige Gerät mit allem, was man an Zubehör brauchte. Aber bei den Käufern handelte es sich meistens nicht um die netten Hexen, sondern den Typus Schwiegermutterhexe. Wenn es nicht den Umsatz gefährdete, würde er diese Leute gern manchmal fragen, was sie ritt, Staubsauger zu verschenken.

Ein konkretes Bedürfnis auf beschenkter Seite stand nie dahinter. Die Kunden sprachen immer von praktischen Geschenken. Das kannte er schon. Die Schwiegermutter war auch so eine praktische Schenkerin. Da gab es Tischdecken, Unterwäsche, selbstgestickte Platzdeckchen – die Krönung waren Serviettenringe gewesen. Wo er doch ohnehin viel zu selten zum Essen daheim war. Und seine Frau sich manchmal beklagte, dass sie nie große Gesellschaften gaben. Die Schwiegermutter musste natürlich Salz in die Wunde streuen. Wenn er es sich recht überlegte, war ein Staubsauger da doch ein besseres Geschenk.

Eigentlich, dachte der Vertreter, wäre es doch viel schöner, wenn Weihnachten nur Dinge verschenkt würden, die Menschen glücklich machen. Oder nichts. Dass man einfach Zeit miteinander verbringt, ohne den Geschenketerror. Keine Stoffservietten, Messerbänkchen, Bowleschüsseln, auch keine Staubsauger. Nur Königsberger Klopse. Mit Salzkartoffeln.

Das Telefon klingelte. „Ja?“ … „Ja.“ … „Ich schaue nach.“ … „Ja.“ … „Im Karton, ja.“ … „Schleife drum binden? Äh, natürlich.“ … „Abweichende Lieferung, ja, hab ich verstanden, bin ja nicht dumm.“ Er schüttelte den Kopf. Es war der 23. Dezember, 15:20, als bei der Hotline der Wunsch nach einem Kobold einging. Den man bitte im Karton lieferte. Mit einer Schleife darum. An eine andere Adresse als die Rechnungsadresse. Und er sollte das jetzt noch vorbei bringen. Als er die Adresse notieren wollte, fing er an zu lachen. Wer in der Verwandtschaft schenkt der Schwiegermutter bloß eine Polsterdüse zu Weihnachten? Das würde ein herrliches Weihnachtsfest werden. Und jetzt musste er sich rasch eine Alternative zum eigentlich geplanten Teppichfrischer-Aufsatz überlegen.

In diesem Sinne: Auf sinnvolle Geschenke. Macht euch einen schönen Tag, ihr findet mich in der Küche, das Weihnachts-Überraschungsmenü zubereiten.

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8 Kommentare zu „Geschenke für Hexen [Eine Geschichte]

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