Wann immer ich Gründe habe, die Montagsfrage des Buchfresserchens nicht zu beantworten, gebe ich einen Einblick in mein Seelenleben. Ich bediene mich dafür des so genannten Proust-Fragebogens. Alle bisherigen Antworten findet ihr hier, heute geht es um meine Freunde.

Es ist eigentlich eine sehr merkwürdige Frage. Vor einiger Zeit habe ich bereits beantwortet, was ich bei Menschen am meisten schätze. Damals nannte ich Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit und Reflexionsvermögen. Und – oh Wunder – das schätze ich bei meinen Freunden auch. Wo liegt jetzt aber nur der Unterschied zwischen Menschen und Freunden?

Vielleicht hätte ich den Fragebogen vorher einmal komplett durchlesen sollen, dann hätte ich gesagt, dass ich es bei Menschen am meisten schätze, wenn sie auf zwei Beinen laufen und in der U-Bahn zumindest 10cm Abstand halten. Andererseits könnte ich hier auflisten, dass ich meine Freunde sehr dafür liebe, dass sie meine Rückzüge aushalten, nicht in mich dringen, wenn ich einmal auf Tauchstation gehe und einfach nur lebe, ohne mich zu melden. Um Berichtenswertes zu sammeln, von dem ich ihnen erzählen könnte.

Das würde dann aber nur an der Oberfläche kratzen, denn letzten Endes ist es doch so, dass es auf diese Frage für die meisten Menschen nur eine Antwort gibt: Treue. Liebe kommt und geht, Freundschaft bleibt, könnte man sagen. Und so manche Ehe hat es tatsächlich geschafft, von einer Liebe zu inniger Freundschaft zu werden. Wo nicht, da zeigt sich eben, dass Liebe als stabilisierendes Element überbewertet wird. Romantische Liebe zumal, die immer stürmisch ist.

Doch ich wollte an dieser Stelle die Liebe eigentlich gar nicht diskreditieren, sondern über die Treue der Freundschaft sprechen. Im Unterschied zum Gehorsam und zur Anhänglichkeit ist sie eine Beziehung auf Augenhöhe. Treue duldet Widerspruch und Zwist, aber sie beschädigt die Treue nicht. Gehorsam und Anhänglichkeit zeichnen sich durch Machtgefälle aus, in der die mächtigere Person tun und lassen kann, was sie will, ohne Rücksicht auf die schwächere Person zu nehmen. Die schwächere Position zerstört ihren Gehorsam durch Widerspruch, die Anhänglichkeit durch Zwist.

Wenn man so möchte, ist Treue gegenseitige Anhänglichkeit und gegenseitiger Gehorsam. Man darf die andere Person treten, aber nur in dem Wissen, dass man auch getreten wird. Das bedeutet für in Treue verbundene Menschen viel Freiheit. Man darf sich gewisse Dinge herausnehmen ohne Kränkungen auszulösen, weil das Versprechen der Treue bedeutet, es jederzeit genau so erfahren zu können. Und damit ist eine Entscheidung, jemanden womöglich für den Moment zu verletzen, eine Entscheidung, die die eigene Verletzbarkeit aufscheinen lässt.

Das bedeutet auch Verantwortung. Denn durch die Treueposition, jetzt als mächtigere Person, ist die eigene Macht durch diese Gegenseitigkeit und die eigene Verletzlichkeit wieder gebunden, ebenso wie die Anhänglichkeit.

Konkret heißt das: Ich schätze es an Freunden, wenn sie mir in den Arsch treten, wenn ich Mist baue. Mich aber auch Mist bauen lassen. Und mir im Mist beistehen. So wie ich ihnen sagen darf, dass sie Mist bauen. Und sie den Mist bauen lasse. Und sogar so weit gehe, mit ihnen gemeinsam diesen Mist, den sie sich gegen mein besseres Wissen eingebrockt haben, ausbade.

Wenn ich mich eine ganze Zeit lang nicht melde und gefragt werde, ob ich noch lebe, bloß nein sage und mich eine Woche später melden darf, ohne dass etwas gewesen wäre … Und umgekehrt bis in die frühen Morgenstunden zuhöre und Seelenheil lindere, wo Seelenheil zu lindern ist, obwohl ich eigentlich am nächsten Tag einen Arsch voll wichtiger Dinge zu tun hätte. Treue ist, das Leben des anderen mitzuleben, es besser zu wissen und dennoch mitzumachen … Denn für Freundschaft braucht es immer zwei. Oder drei. Oder mehr. Und die Ewigkeit.

treue
Freundschaft ist Treue ist dort zu bleiben, auch wenn sich alles andere ändert. So wie diese drei Herren. Auch wenn ich sie nicht persönlich kenne.
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26 Kommentare zu „Proust-Fragebogen: Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

  1. „Freundschaft ist Treue“ unterstütze ich voll und ganz. „Liebe kommt und geht, Freundschaft bleibt…“ – das ist nicht so ganz richtig. Jedenfalls lässt es sich nicht pauschalisieren. Ich habe es in meinem ganz anders herum erlebt, die Liebe ist geblieben, seit mehr als 20 Jahren bin ich verheiratet und wir sind verliebt wie am ersten Tag. Während zahlreiche Freundschaften sich im Laufe der Zeit aufgelöst haben. Die Gründe dafür würden den Rahmen an dieser Stelle sprengen. „…dass Liebe als stabilisierendes Element überbewertet wird…“ – siehst du definitiv anders, wenn dir die wahre Liebe begegnet.
    Also liebes Zeilenende, bitte nicht böse sein, aber heute muss ich aus Lebenserfahrung heraus doch mal widersprechen. 🙄
    LG Ela☕

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    1. Das, was man gemeinhin wahre Liebe nennt, ist für mich ein Narrativ, das man sich aus der 1. Person aufbaut, sich aber kaum verallgemeinern lässt und damit immer ein Einzelfall ist. Das finde ich gar nicht schlimm, weil es bei solchen Fragen der Lebensführung immer um Einzelfälle geht. Wer also mit seinem Gefühl, das er Liebe nennt, glücklich ist, darf es gern sein. Ich für mein Leben und meine Erfahrung glaube nicht daran und bin überzeugt, dass sich jede Liebe wandelt, nur meistens unbemerkt.

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      1. Sehe ich auch so…..es wäre ja auch kaum auszuhalten…jahrzehntelang diese überbordende Frischverliebtheit…noch dazu wo man herausgefunden hat das Gehirne von Frischverliebten die Strukturen eines Psychotikers aufweisen…. 😉

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  2. Liebe kommt und geht, Freundschaft bleibt… DAS kann ich auch nicht unterschreiben. Zumindest nicht die zweite Hälfte. Es sind schon einige Freundschaften zu Bruch gegangen wo ich gedacht hatte, es wäre die Kategorie Beste Freunde.
    Freundschaft ist treue. Das stimmt. Gute Freunde halten die freundschaft treu aufrecht – auch über viele Kilometer hinweg.

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    1. Ich habe nie gesagt, dass die Ehe kein Freundschaftsverhältnis ist. Beziehungen sind für mich tatsächlich auf analytischer Ebene nichts anderes. Das möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen. Ansonsten enden natürlich auch manche Freundschaften wie manche Beziehungen und manche Freundschaften überdauern Beziehungen und manche Beziehungen überdauern Freundschaften.

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      1. Wenn die Menschheit bei einem mal nicht vorsichtig sein sollte, dann beim Denken. Darüber was sie glaubt, tut und lebt. Die Welt könnte davon durchaus profitieren. Es dann in Einklang mit dem eigenen Wohlergehen zu bringen, das ist die Kunst. Und von den Nachwehen einer Erkältung abgesehen ergeht es mir derzeit sauwohl (und das, obwohl ich Single bin, Skandal 😉 )

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  3. Der letzte Absatz spricht mir aus der Seele 😉 Tolle Idee auch mit den Fragen des Proust-Fragebogens. Habe ich selber auch mal überlegt, als ich glaube David Bowies geniale Antworten darauf gelesen habe. Und die Fragen sind sowieso ganz spannend.

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