Was macht man, wenn es Sommer wird? Man probiert Rezepte mit Kohl aus! Wenn das Wetter beschließt, dass es an Weihnachten Plusgrade haben muss, dann ist es an der Zeit, lieb gewonnene Gewohnheiten aufzugeben. Statt sich also im Sommer an Sommergemüse zu erfreuen, erfreuen wir uns eben an Wintergemüse. Kohl geht immer – heute als Begleitung zum Grillen.

Schon die ersten Menschen haben den Rotkohl als Gemüsebeilage geschätzt. Auf den ersten Speiseplänen der Menschheit stand an Weihnachten Mammutbraten mit Rotkohl und Klößen. Wenn die Evolution die Ente bereits erfunden hätte, wäre der Mammutbraten bereits durch Entenbrust ersetzt worden. Aber man nimmt, was man kriegen kann.

Das „Man nimmt, was man kriegen kann“ ist ein Beweis dafür, dass es beim Festmahl nicht um die Ente oder das Mammut geht, sondern um die Klöße. Oder die Knödel. Meinetwegen auch um die Fritten. Okay, es geht doch nicht um die Sättigungsbeilage, es geht um das Gemüse. Den Rotkohl. Der ist alternativlos. Man kann nicht einfach stattdessen Sauerkraut servieren. Oder Rosenkohl. Oder Bohnen im Speckmantel. Es muss Rotkohl sein. Der Rotkohl ist die Angela Merkel unter den Gemüsesorten. So lange ohne Profil, wie man ihn in Ruhe lässt. Wenn man ihn herausfordert, erstaunlich flexibel.

So wie Angela Merkel von einem Tag auf den Anderen ihre Einstellung zu Atomkraftwerken geändert hat, kann man aus dem Rotkohl von einem Tag auf den Anderen aus einer deftigen Gemüsebeilage einen leckeren, frischen Salat machen, der sich hervorragend als Begleiter zu Gegrilltem anbietet. Ihr benötigt

  • 400g Rotkohl (das ist 1/3 bis 1/2 Kopf. Wagt es nicht, das Konservenzeug zu nehmen!)
  • 3 EL Zitronensaft
  • 1 EL Olivenöl
  • 3 Orangen
  • 50g Buchweizenkörner (Drogerie-Markt oder russischer Lebensmittelladen)
  • 100g Sahne
  • 2 EL saure Sahne
  • 1-2 TL milden oder mittelscharfen Senf
  • Salz und Pfeffer

Wir beginnen mit einem kleinen Mandolinenkonzert. Kochen ist eine zutiefst musikalische Angelegenheit, deshalb heißt der Gemüsehobel, wenn er zahlreiche Zusatzfunktionen hat (WLAN, eingebaute Kamera, Tracking-Funktion, Taschenlampe, Heizspirale, …) auch Mandoline, weil man darauf spielen kann wie auf einem Musikinstrument. Aber auch wenn man kein solch ausgefeiltes … oder ausgehobeltes … Teil sein Eigen nennen kann, ist es möglich, damit Musik zu machen. Hobelt einfach so lange euren Rotkohl in Streifen, bis ihr ein Klagelied auf eure verlorenen Fingerkuppen anstimmt. Aber nur, wenn ihr keine Vegetarier zum Essen erwartet.

Nun wandert der Rotkohl in ein Sieb, das ihr in einen Topf mit kochendem Wasser hängt. Dämpft den Rotkohl eine Viertelstunde lang. In der Zwischenzeit schält ihr die Orangen mit dem Messer, damit die Orangen komplett gehäutet sind, viertelt die Orangen und schneidet die Viertel in dünne Scheiben. Fangt den anfallenden Saft auf.

Ist der Rotkohl gedämpft, vermischt ihr ihn mit den Orangenscheiben und einer Marinade au 4 EL Dämpfflüssigkeit, 2 EL Zitronensaft, Öl sowie Salz und Pfeffer. Stellt ihn beiseite. Ihr könnt ihn gut und gern ein paar Stunden marinieren lassen.

Zugegeben, ich habe irgendetwas von sommerlich gefaselt und sommerlich verbindet ihr bestimmt mit leicht. Aber lasst es euch gesagt sein: Sahne ist leicht, wenn man genug Luft unterschlägt. Leichtigkeit hat nichts mit der Zahl der Kalorien zu tun. Während ihr eure Buchweizenkörner in einer Pfanne ohne Fett vorsichtig anröstet, schlagt ihr die Sahne an. Sie soll nicht vollkommen steif werden, sondern cremig. Dann gebt ihr die saure Sahne, den Senf und noch mehr Salz und Pfeffer hinzu und schlagt die ganze Masse weiter.

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Bewohner des Rheinlands dürfen sich bei der Optik gern an den berüchtigten rheinischen Heringssalat erinnert fühlen, geschmacklich haben beide aber nichts miteinander zu tun. Freunde einer schönen Optik dürfen sich an moderne Kunst erinnert fühlen, die ist auch nicht schön anzusehen und hat dennoch ihre Existenzberechtigung.

Um diese Optik zu erzielen, vermischt ihr den Orangenrotkohl mit der Sahne und dem Buchweizen. Schmeckt den Salat mit dem letzten EL Zitronensaft, dem aufgefangenen Orangensaft, Salz und Pfeffer abschmecken. Fertig ist ein kohliges, orangiges, sommerliches Rotkohlvergnügen mit Knuspereinlage.Und wem das nicht gefällt: Beim verzückten Genießen von Essen sollte man ohnehin die Augen schließen.

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36 Kommentare zu „Kohl ist die neue Merkel: Rotkohlsalat

  1. 🙂 Interessanter Tipp! Ich liebe Rot-bzw. Blaukraut. Jetzt verstehe ich auch, warum das Gemüse beide Namen hat: Weil es schon in der guten alten Steinzeit auf den Teller kam und damals gab es zwar (noch) Mammuts und die Grundfarben, aber leider das Wort „violett“ noch nicht. Was haben die kleinen Mädchen damals wohl gesagt, wenn sie nach ihrer Lieblingsfarbe gefragt wurden? Hm, ich werde darüber nachdenken, während ich so einen Salat nachkoche 😉

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  2. Ich musste bei „russischer Lebensmittelladen“ kurzzeitig an schwere Männer mit großen Vodkaflaschen und noch größeren Schusswaffen denken. Da kann dein Rotkohlsalat auch nichts zu. Wobei, wenn wir schon dabei sind, ihn zu politisieren, passt es vielleicht doch wieder ganz gut.
    Meinen Döner bestelle ich hierzulande immer „ohne Blaukraut“, weil die Variante, so wie sie in den Dönerimbissen meistens angemacht ist, nicht mein Fall ist. Die Kombination mit Buchweizen finde ich aber total interessant. Ich würde eventuell durch Couscous ersetzten, und die Sahne durch Joghurt aber die Idee finde ich spannend. Merke ich mir. Muss man den hobeln? Ich schneide ihn immer ganz dünn. Ist für meine Finger gefährlicher und die Mandolinen sind immer so störrisch…

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  3. Bis zum „marinieren lassen“ war ich hin und weg und wollte sofort aufspringen und Rotkohl kaufen gehen. Aber jedwedes weiße Zeug aka Mllchprodukt am Salat ist nix für mich. Gab’s in der Steinzeit auch noch nicht, weil die Mammuts und Auerochsen beim Melken nicht still halten wollten. aber da Rezepte ja nicht zum Nachkochen sind sondern nur Vorschläge, werde ich den Senf der Marinade zuschlagen und mariniertes Orangenrotkraut genießen. Orange? Rotkraut? Ja, es geht auf Weihnachten.

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      1. Fertig! Rotkraut, Orange, Senf, Rapsöl, Weißweinessig, Salz, Pfeffer. Der Sauereifaktor von Rotkrautreiben und Orangefiletieren ist schon nicht schlecht, bis man die Rotkrautkrümel wieder aus der Tastatur gepult hat … Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, was die anderen essen könnten.

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      2. Hihi … Ja, es ist eine ziemliche Sauerei. Aber ich bin gespannt, was du dazu sagst. Was die anderen angeht … Vielleicht kein Rotkohlsalat mit Orangen, sondern ein Orangensalat mit Rotkohl. Musst du nur noch mal los, mehr Orangen kaufen. 😉

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