Alle anderen in meinem Blogfeed haben auf Buchfresserchens Frage (im Auftrag von Dark Fairy) irgendwas von Kopfkino geschrieben. Das fand ich nicht schön. Das sollte meine Überschrift werden. Meine ganz allein. Also habe ich das Kino eben auf den Kopf stellen müssen … Oder davor.

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Die Frage lautet in ihrer vollen, ausführlichen Schönheit „Wenn du liest, stellst du dir dann bewusst alles vor oder passiert das eher automatisch? Oder liest du einfach ohne Kopfkino?“

Die kurze Antwort ist natürlich, dass ich lese, wenn ich lese. Da ist in meinem Bewusstsein kein Platz mehr für irgendwelche weiteren bewussten Vorstellung. Ich bin ein Mann, ich kann froh sein, dass man mir trotz meiner geringen Bewusstseinskapazität überhaupt den Status eines Menschen zubilligt. Mein Leben besteht im Wesentlichen aus Bier und dem Kratzen an … Lassen wir das. Ist eh gelogen. Ich mag nur sehr selten Bier.

Automatisch passiert bei mir aber auch nichts. Obwohl die Familienkutsche eine Zeitlang ein Automatik-Getriebe hatte. Was übrigens eine grauenvolle Erfindung ist. Nicht, dass ich zwanghaft schalten müsste. Ich habe nicht einmal große Probleme beim Wechsel zwischen Automatik- und Schaltgetriebe. Aber auch wenn ich gern mit 70km/h durch die Landschaft gondel, flott anfahren sollte die Karre schon. Und zumindest mit der alten Familienkutsche war das illusorisch.

Jetzt habe ich noch kein Wort über die konkreten Vorgänge beim Lesen in meinem Kopf verloren, aber die Antwort ist schon eindeutig. Bewusst und automatisch fällt aus, bleibt also nur „kein Kopflichtspielhaus“ übrig. Ich musste gerade übrigens einen Tippfehler korrigieren. Da stand vorher „Kopflausspielhaus“, aber wie wir alle wissen, ist das bloß ein anderer Name für „Kindertagesstätte“.

Bevor das jetzt zu albern wird, ich bin ja seriös, beantworte ich also besser die Frage: Ich stelle mir in der Tat nicht wirklich etwas vor. Ich habe zwar verschwommene Bilder im Kopf, wie etwas sein müsste … Und wenn Harry Potter dann plötzlich eine glatte Topffrisur hat, obwohl alle halbe Seite der nicht zu bändigende Haarschopf erwähnt wird, bin ich zugegebenermaßen irritiert. Beim Lesen ist es allerdings so, dass ich tatsächlich die Buchstaben und Wörter sehe (und die Rechtschreibfehler, die im Buch geblieben sind) und … nunja … lese.

Manchmal habe ich auch einen kleinen Erzähler im Ohr sitzen. Der liest mir dann die Geschichte vor. Das ist nicht sehr angenehm, weil da plötzlich eine zusätzliche Stimme in meinem Kopf ist, die da ohrenscheinlich nicht hingehört und die ganzen anderen Stimmen durcheinander bringt. Fragt mich nicht, was ein Buch dazu bringt, in meinem Kopf zu sprechen – es geschieht eben. Manchmal. Da sich die Stimme von Autor*in zu Autor*in unterscheidet, ist es keine meiner Stimmen. Aber auch nicht die Stimmen der Verfasser*innen, weil die Murakami-Bücher in meinem Kopf eine rauchige weibliche Stimme haben. Verrückt, ich weiß. Deshalb mache ich jetzt einen Punkt:

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16 Kommentare zu „Montagsfrage: Kein Kinokopf

  1. Das mit der Stimme im Kopf kenne ich in begrenzterem Maße aber auch. Ich habe z. B. mal einen historischen Roman gelesen, in dem mich die Beschreibung der Hauptfigur an Ben Kingsley erinnerte. Ab diesem Moment „sprach“ diese Hauptfigur in meinem Kopf mit der Stimme von Peter Matic, Kingsleys deutscher Synchronstimme!

    Was Marukami angeht: Ich habe von ihm mal „1Q84“ gelesen, und fand es irgendwie schwer zugänglich, aber faszinierend. Gibt’s irgendwas, was man von ihm noch gelesen haben sollte? Mein Stapel ungelesener Bücher ist zwar eigentlich hoch genug, aber hey, eines mehr oder weniger… 😉

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    1. Ah, deine Stimmen sind ja noch krasser als meine. Ich kann die Stimmen keinen konkreten Personen zuordnen.

      Ich habe vor Urzeiten, in einer anderen Vergangenheit dieses Blogs mal eine Besprechung zu „Kafka am Strand“ geschrieben: https://kaffeetaesschen.wordpress.com/2013/06/06/haruki-murakami-kafka-am-strand/

      Den würde ich tatsächlich auch vorbehaltlos empfehlen. Ist ein typischer Murakami, dieses Spiel mit Realität und Mythos, dieses Sich-nicht-festlegen auf das, was passiert und dieser wilde Mix aus phantastischen und realistischen Elementen. Ansonsten … Wenn es etwas sci-fi-mäßiger sein soll, könnte ich auch noch „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ empfehlen. Das war meine Einstiegsdroge in die Murakami-Welt.

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  2. Ich lese nur langsam und jetzt weiß ich auch endlich warum, denn bei mir läuft ein kompletter Film ab, in dem ich alles ergänze, was der Autor offen gelassen hat, bis hin zu dramatischer Musik wenn es wieder brenzlig wird. Wenn ich Fehler beim Lesen finde weiß ich, dass mein unterbewußtes Kino abgeschaltet ist.

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  3. Köstlicher Beitrag! Aber für Leser wie mich, bei denen sich tatsächlich die Worte automatisch in Bilder verwandeln, ist das Thema Kopfläuse (insbesondere im Zusammenhang mit Kindergärten) natürlich so eine Art ALARMGLOCKE, um es akustisch auszudrücken.
    Ich höre eher keine Stimmen 😉 aber wie Männer ticken (TICK, TACK – noch ein Klangbild extra für dich) bleibt mir ohnedies auch nach jahrelangen Studien diverser Exemplare wie ein Buch mit 7 Siegeln verschlossen!

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    1. Ich hatte ja damit gerechnet, dass du auf die Krabbeltierchen anspringst. Aber ich fand „Kopflausspielhaus“ zu schön, um es als Tippfehler nicht doch noch in den Artikel einzubinden.
      Was das Ticken von Männern angeht, kann ich dich aber von einer Illusion befreien: Wir ticken gar nicht. Dafür müsste man uns erst einmal anständig aufziehen … Aber dann würden wir Mädchen werden. 😉

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      1. 🙂
        Ich grüble noch, ob die Anspielung auf die Mädchen
        a) eine Lobpreisung des weiblichen Geschlechts aufgrund seiner [hier würde ja „ihrer“ viel besser passen] Überlegenheit in eigentlich fast ALLEN Dingen [Übertreibung als Stilmittel ist immer gut – aus ‚Wie schreibe ich glaubhaft und erfolgreich‘, Edition für Dummies, M.Mama Verlag]
        oder b) eine Frechheit ist, über die ich mich rumpelstilzchenhaft ärgern müsste so ich denn ausreichend Zeit dafür fände oder das Bloggen brav ernst genug nähme

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  4. Die Sache mit der Stimme im Kopf finde ich besonders bei Hörbüchern sehr angenehm. Und irgendwie auch nicht ganz unwesentlich. Weniger selbstverständlich mag sein, dass ich diese Stimmen auch beim Lesen einschalten kann. Für deutsche Texte ist das meist die Stimme von Will Quadflieg. Damit lese ich zwar langsamer, aber der Text wird für mich plastischer. Aber da ist dann nur diese eine Stimme – und die kann ich willentlich ein- und ausschalten.
    Bilder habe ich beim Lesen dagegen kaum jemals im Kopf. Es geschieht, dass Gelesenes später sehr konkrete Vorstellungen hervorruft. Aber beim Lesen ist es zwar ein Erleben – aber eben nicht bildhaft konkretisiert. Das klingt jetzt sehr diffus. Ist es vielleicht auch. Aber es fühlt sich beim Lesen nicht so an. 🙂

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    1. So einen An-Aus-Knopf für die Stimme hätte ich auch gern. Wegen dieser Stimmen mag ich übrigens Hörbücher gar nicht so gern. Die meisten Leser decken sich nicht mit meinen Kopfstimmen. Eigentlich geht das nur bei Rufus Beck im Potter und bei den Pratchett-Hörbüchern, die Boris Aljinovic (?) interpretieren. Ansonsten ist da eine Dissonanz. Übrigens auch, wie im Fall Pratchett, wenn am Anfang ein Hörbuch stand. Eines mit Rufus Beck als Sprecher. Und ich dachte von Anfang an nur: Passt nicht.

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      1. In meiner Welt existiert Film praktisch gar nicht. Da ist das Hörbuch eine prima Ergänzung (oder Alternative) zum Buch. Einige Lieblingsstimmen reden natürlich bei der Auswahl von Hörbüchern ein Wörterl mit. Aber grundsätzlich sind Bücher für mich erst mal stimmneutral. Manche passen besser und manche weniger – aber vieles geht. 🙂

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  5. Das klingt total anstrengend mit den Stimmen im Kopf 🙂 Ich bin da auch eher der Mensch bei dem ein Film abläuft. Manchmal merkt man allerdings, dass das Buch mit dem Hintergedanken oder zumindest der Motivation geschrieben wurde, einen Film daraus zu machen. Da werden die Bilder zu einfach aufgezeichnet. Herausfordernder finde ich da die Bücher, bei denen ich auch mal innehalten muss, um den Film weiter laufen lassen zu können. Murakami Buch: Norwegian Wood. Fand ich grandios.

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