Haruki Murakami – Kafka am Strand

Willkommen zu Versuch Nr. 3, ein Blog zu führen. Wieder mit keinem Konzept, aber einer unbändigen Motivation, tatsächlich regelmäßig über die Bücher, die ich lese, die Musik, die ich höre, die Filme und Serien, die ich schaue und die Gedanken, die ich denke, zu schreiben. Konkreter Anlass ist die Aktion „Blogger schenken Lebensfreude“, durch die ich bei pinkfisch (http://pinkfisch.net/) das hier besprochene Buch gewonnen habe. Ich dachte mir, dass es passend wäre, dieses Buch – gewonnen in der Blogosphäre – mit einer Rezension an den gleichen Ort zurückzuspielen.

Der 15jährige Kafka Tamura will der stärkste Junge der Welt werden. Kein Wunder, wenn man auf der Suche nach sich selbst ist und das familiäre Umfeld dabei nicht hilft. Der Vater distanziert, Mutter und Schwester verschwunden, Selbstgespräche, die als Gespräche mit dem Jungen namens Krähe erscheinen, ein Grund wegzulaufen. So stellt sich die Ausgangssituation von „Kafka am Strand“ dar.

Haruki Murakami gelingt es im Folgenden, eine Geschichte zu entspinnen, die einen Bogen von der Vorkriegszeit über den zweiten Weltkrieg und den Studentenunruhen in die Gegenwart schlägt und all diese Ebenen am Ende wieder zusammenführt. Gleiches gilt für die Orte: Es gibt Hütten, Appartments, eine Bibliothek, die Straße und Orte, die der Realität entzogen scheinen, aber auch sie gehören alle zusammen.

Der Reihe nach? Der Reihe nach zu erzählen ist bei Murakami offenbar gar nicht so einfach. Er erzählt zwei Handlungsstränge, die offenbar zu Beginn nicht viel miteinander zu tun haben. Auf der einen Seite der Ich-Erzähler Kafka, der von Daheim fortrennt, um dem Fluch zu entgehen, wie er sich selber äußert, den sein Vater über ihn verhängt hat. Dabei begleitet ihn der Wunsch, der stärkste 15jährige der Welt zu werden, um sich selbst bewahren zu können und nicht eines Tages in viele kleine Persönlichkeitsaspekte zu zerfallen. Kafka lernt daraufhin nacheinander Sakura, Oshima und Frau Saeki kennen, die alle einen Teil dazu beitragen, dass er reift.

Auch Nakata trägt dazu bei, dass ihm das gelingt, auch wenn Kafka davon wahrscheinlich nie erfahren wird. Auch wenn beide Handlungsstränge ineinander laufen und sich örtlich teilweise annähern – zu einer Begegnung der beiden Hauptfiguren kommt es nicht. Aber Nakata ist das phantastische Element des Romans. Er kann seit einer merkwürdigen Begebenheit in seiner Kindheit nicht mehr lesen und schreiben und sein Gedächtnis ist nur so stark, dass er sich in seiner unmittelbaren Umgebung, d. i. seinem Stadtviertel, problemlos zurechtfindet. Das stört ihn nicht weiter: Nakata lebt sein Leben sehr zufrieden, ist dem Herrn Gouverneur für die Unterstützung dankbar und profitiert gelegentlich von seiner besonderen Fähigkeit, mit Katzen zu sprechen, indem er verloren gegangene Katzen im Auftrag ihrer Besitzer/innen sucht und für gewöhnlich auch findet. Bei einem dieser Streifzüge begegnet er Johnny Walker, der Nakata dazu bringt ihn umzubringen. Danach beginnt für ihn – getrieben durch den Zwang der unverständlichen Notwendigkeit – eine wundersame Reise, in der Nakata allerlei merkwürdige Dinge passieren und er nicht nur das Leben von Kafka ändert, sondern auch von Hoshino, einem Mittzwanziger, der eigentlich als Trucker durch sein Leben treibt.

Phantastisch ist das Wort, das Kafka am Strand am Besten beschreibt. Es geht um die großen Dinge: Der Sinn des Lebens, die Vorbestimmung, die Freiheit, die Macht und die Last der Erinnerung, die Frage nach dem, was die Identität (oder besser: die Persönlichkeit) eines Menschen ausmacht, wie wir durch Zufälle geprägt werden und die Macht der Natur. Das erfordert einen aufmerksamen Leser, der immer wieder die Verbindungen der beiden Geschichten sehen muss und sich selbst die Frage zu stellen hat, ob das Geschehen real oder ein Hirngespinst ist und wie das Geschehene zusammenhängt. Bei all diesen philosophischen Fragen gelingt es Murakami gleichzeitig, einen spannenden Abenteuerroman zu erzählen, den er mit den angedeuteten phantastischen Momenten (Katzengespräche, Fischregen, Konstrukte, …) und Elementen des Schauerromans würzt, die einem bei nächtlicher Lektüre die Haare zu Berge stehen lässt. Das trägt dazu bei, dass Kafka am Strand nie anstrengend wird, sondern trotz der Fragen ein echter Pageturner ist.

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7 Kommentare zu „Haruki Murakami – Kafka am Strand

  1. Boah! Gleich zwei Blogposts mit irrefuehrendem Titel auf einmal! Ich habe vorhin gerade verschämt deinen Artikel über dein erstes Mal aufgemacht, jederzeit bereit wegzuclicken, wenn es zuvsehr zur Sache gehen sollte. Als Mams-Bloggerin habe ich da meine Prinzipien 😉 Ich hatte immer gedacht, das Buch wäre eine Fiktion über Franz Kafka an keine Ahnung welchem Strand. Deine Rezension klingt aber sehr verführerisch ( wobmit ich nochmals den Bogen zum „1. Mal“ hin bekommen haben könnte) 🙂

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    1. Du als Mama-Bloggerin solltest doch gewisse Erfahrungen mit dem ersten Mal haben, oder? 😉 Das erste Wort, die ersten Schritte, das erste Bäuerchen …
      Aber der Titel ist in der Tat irreführend … Und das Buch ist stellenweise absurd. Nahezu kafkaesk. Von daher passt er wieder. Für ein erstes Mal Murakami eine gute Wahl. 🙂

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      1. Puh, also ich bin ja mehr wie die Jungfrau zum Kin….ach so, uff, du meinst diese ersten Male! (Fast schon errötet)
        Ja, die kenne ich gut, z.B. das erste Mal, dass das Kind herausfindet, dass es die ungeteilte Aufmerksamkeit im Restaurant bekommt, wenn es laut pupst und dann sofort sagt: „Mama, so etwas tut man nicht!“ (Die sprachlose Mama gerät dann auch irgendwie in den Fokus aller anderen Gäste)

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