Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit

Zunächst sei vorausgeschickt, dass man sich für dieses Buch Zeit nehmen muss. Wer immer mal wieder nur eine halbe Stunde Zeit zum Lesen hat, sollte sich diesen Roman (Eine Genre-Einteilung lässt sich kaum vornehmen – Science Fiction, Liebesgeschichte, historischer Roman, Abenteuer? Letztlich von Allem ein wenig, aber nichts so ganz) für den Urlaub aufheben. Es macht süchtig und es ist eine Unmöglichkeit, es nach einer halben Stunde aus der Hand zu legen. Man will schmökern, schmökern und noch länger schmökern. Deshalb gehört es auch zu der Sorte von Büchern, die mich unheimlich traurig machen: Die letzte Seite ist gelesen, der Erzähler hat sich verabschiedet, man hat sogar das Nachwort aufgesogen, dabei wollte man noch so viele wundervolle Seiten lesen. Da hilft nur, in die Buchhandlung seines Vertrauens zu gehen und den Nachfolgeband zu kaufen oder gleich wieder von vorne zu beginnen.

Was macht dieses Buch so faszinierend?

Davon einmal abgesehen, dass dicke, gebundene Bücher mit schönen Umschlägen und in einem dezenten Braun schon unheimlich anziehend wirken (auch wenn der Roman mittlerweile als Taschenbuch erhältlich ist, lohnt sich das Hardcover, denn bei der Buchgestaltung hat der Kindler-Verlag ein kleines Kunstwerk erschaffen), sind es einerseits natürlich die Geschichte selbst, die erzählt wird, andererseits das Wie der Erzählung.

Gleich zu Beginn wird man von einem allwissenden Autor begrüßt, der sich immer wieder mal zu Wort meldet und den Leser mit seinem ganz eigenen Humor in die Geschichte einführt und ein treuer Begleiter wird, der den Leser an der Hand hält und ihn durch die verschlungenen Pfade dieses Buches leitet. Nach einer Flut von Romanen, die aus der Ich-Perspektive geschrieben waren oder der personalen Erzählweise fröhnen, tat dieser treue Lesebegleiter, der sich seiner eigenen Schwächen bewusst ist und sich dafür auch gelegentlich entschuldigt, richtig gut.

Zur Geschichte selbst gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Es ist nicht zu empfehlen, dieses Buch als historischen Roman zu lesen (der er trotzdem auch irgendwie ist), denn sonst beraubt man sich eines ungemeinen Spaßes. Die richtige Lesehaltung ist wohl die, sich als Person des viktorianischen Englands zu fühlen. Es ist ein Roman für die Leser von H. G. Wells aber natürlich nicht nur. Das zu sein ist allerdings ein Sahnebonbon. Wenn man sich auf den Standpunkt stellt, dass jeder Roman eine eigene Parallelwelt bildet, die von unserer Welt mal mehr, mal weniger abweicht, so wird man in diesem Buch immer wieder neugierig gemacht, zum Glauben verführt und am Ende desillusioniert.

Doch die Desillusionierung ist nicht das Ende, das Spiel geht weiter, die Geschichte verwickelt sich mit jeder aufgedeckten Täuschung weiter, wird wieder zur Täuschung. Die Frage, was eigentlich Wahrheit ist und wie das mit der Zeit jetzt funktioniert (Paralleluniversen, temporaler Determinismus oder doch die Chance, die eigene Zeitlinie zu verändern? Wir berühren also auch das Feld der Philosophie) scheint, wenn man am Ende steht, nicht beantwortbar. Die Geschichte narrt den Leser (sie ist damit auch ein Schelmenroman) und gewinnt durch die Grübelei über diese Frage einen ganz eigenen Charme.

Der Stil des Autors ist opulent (oder gewaltig, dekadent? Ich kann mich für das treffende Wort nicht entscheiden, vielleicht hilft ein Bild weiter:), man möchte sich in seine Sätze hineinsetzen, in ihnen baden und sie immer und immer wieder lesen. Mit viel Detailreichtum und einer guten Beobachtungsgabe werden uns Charaktere geschildert, die auch als Schurken nicht bloß hassenswert sind, sondern eine unheimliche Faszination auslösen, uns in ihren Bann schlagen. Jeder Charakter bekommt seine eigene Geschichte, trotz der Ordnung in Haupt- und Nebencharaktere hat jeder genug Platz, um nicht bloß Statist zu bleiben – selbst wenn sie nur einen kurzen Auftritt im Roman haben. Diese Fülle ist großartig, sie saugt einen in das London des Palma’schen H. G. Wells und lässt einen nicht entkommen.

Fazit: Ein Buch, das nicht bloß schön aussieht, sondern das überwältigt und dem man lediglich vorwerfen kann, noch zu kurz zu sein – was dank der Fortsetzung „Die Landkarte des Himmels“ nicht gar so schlimm ist. Dazu ein andermal.

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