Jugend, Alter, Verantwortung, Entwicklung, Wachstum, Zufriedenheit?

In meinem Kopf spuken derzeit immer wieder die Begriffe aus der Überschrift herum und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie etwas miteinander zu tun haben, dass wir erfolglos die Synthese verschiedener, widerstreitender Konzepte versuchen oder sowas in der Art. Deshalb ist dieser Beitrag ein Versuch, meine unsortierten Gedanken darzustellen. Ich habe kein Konzept, ich biete am Ende keine Pointe, nur ein großes Fragezeichen, das mich durch den gesamten Text getrieben hat. Ich hoffe, das schreckt niemanden ab, ist aber explizit als Warnung gemeint. Ich weiß selbst nicht, worauf ich mit diesem Beitrag hinaus will. Wen es nicht interessiert, bekommt am Ende noch nicht einmal ein Brotbild.

In meiner kleinen Denkkladde sind die Begriffe mit einem „Forever young“ umkreist. Also beginnen wir mit den Jungen. Schule, Ausbildung, Beruf. Unser Lebensentwurf für junge Leute ist so langweilig wie solide. So war es schon immer, so soll es immer sein. Aber qualitativ hat sich so einiges getan. Wir sprechen über optimale Förderung von Schülerinnen und Schülern, die Bachelor-Master-Struktur an den Universitäten sollte die Studiengänge transparenter machen, die konstante Fortbildung im Beruf ist nicht nur eine Notwendigkeit, sie wird auch als Wert begriffen, als Arbeit an sich selbst.
Geschieht das alles um der jungen Generation willen? Manchmal beschleicht mich das Gefühl, es geht um mehr. Es geht um Optimierung. Möglichst viele Fähigkeiten, möglichst wenige Probleme. Ich bin ein großer Freund der frühkindlichen Förderung, ich möchte also Sprachenlernen im Kindergarten oder naturwissenschaftliche Früh-Erziehung nicht verteufeln. Aber Priorität bei der Förderung sollte die kindliche Neugierde haben. Und daran hapert es. Kleinkinder sind nicht mein Metier, deshalb will ich diesen Punkt an G8 verdeutlichen, einem weiteren Mosaikstein:

Es wäre schön gewesen, wenn das Motiv von G8 gewesen wäre, die Schule effizienter in der Wissensvermittlung zu machen, d. h. die Frage zu stellen, welche Fähigkeiten und welches Wissen ein junger Mensch benötigt, um an unserer Gesellschaft angemessen partizipieren können. Müssen sie verstehen, wie ein Kernreaktor funktioniert, müssen sie Goethes Faust gelesen haben? Zu welchem Ende sollten sie das tun? Damit hätte man über die Funktion und Struktur von Schule diskutieren können, über Lehrpläne, Fächer, Stundentafeln und Vermittlungsmethoden. Aber man hat lediglich beschlossen, dass man jüngere Schulabgänger haben möchte und die Gymnasien dazu gezwungen, ihre Lehrpläne zu rationalisieren. Schule hat sich also unter dem Gesichtspunkt weiterentwickelt, weniger Zeit in Anspruch zu nehmen, die Debatte über die Inhalte war in der Politik zweitrangig.
Ziel dieser Entwicklung war es, Jugendliche immer früher in Rollen zu drängen, in denen sie Verantwortung übernehmen mussten. Das Jugendalter, kulturell eine recht neue Erfindung, sollte beschnitten werden, dabei leistet es eine wichtige Aufgabe: Jugend schafft einen Schutzraum, in dem man sich ausprobieren kann, ohne gravierende Konsequenzen befürchten zu müssen. So sollte, der Theorie nach, die Individualität gefördert werden, in einer liberalen Gesellschaft der wesentliche Motor für Fortschritte, Entwicklungen und Neuheiten.

Damit bin ich beim ersten Bruch angelangt, denn Jugendlichkeit ist ein wichtiger Wert. Kulturkritiker sprechen vom Jugendwahn, im Aussehen wie im Verhalten. 30jährige, die zum sinnlosen Saufen nach München fahren? Die sich Eskapaden gönnen, weil sie sich beweisen wollen, dass sie immer noch nicht zum alten Eisen gehören? 50jährige, die sich nicht nur nach glatter Haut sehnen, sondern in der Disco durchfeiern und jemanden aufreißen wollen, damit sie sich nicht alt fühlen müssen oder anders gesagt, die sich nach wie vor weigern, dauerhafte Bindungen einzugehen? Ich möchte nicht bestreiten, dass es solche Phänomene auch früher gab, aber sie entwickeln sich zu einer Haltung, die der Forderung, früh verantwortungsvoll zu verhalten, zuwider läuft. Liegt es daran, dass sich unsere Lebensspanne kontinuierlich verlängert? Der 60jährige von heute ist nicht halb so verbraucht und müde wie es noch der Großvater meiner Kindheit war. Aber damit wird die Forderung, immer früher Verantwortung zu übernehmen, seltsam.

Auch die Fortbildung ist ein zweischneidiges Schwert geworden. Wir tun das, um uns breiter aufzustellen, um im Wettbewerb besser bestehen zu können. Das „an uns selbst arbeiten“ droht aber zur Phrase zu verkommen, wenn wir es fremdbestimmt tun. Es ist toll, etwas Neues zu lernen, ich freue mich auf jede Stunde, in der ich auf meinem Skateboard üben kann. Ich tue das aber, weil es mir was bringt, weil ich an Dingen arbeite, die mir persönlich wichtig sind, vor Allem aber, weil es mir mittlerweile unheimlich viel Spaß macht. Ich hätte auch ein paar Sonderschichten im Fitnessstudio einschieben können. Aber warum zum Henker muss ich unbedingt Yoga lernen, um meine innere Mitte zu finden? Kann ich das nicht auch anders tun? Brauche ich meine innere Mitte überhaupt? Ich finde mein inneres Oben sehr viel sympathischer. Oder muss ich ein Coaching über mich ergehen lassen, um versteckte Potentiale zu entdecken, wenn ich mit meinem Leben zufrieden bin? Der Imperativ: Bilde dich fort! trägt nur dann zur Zufriedenheit bei, wenn ich erkannt habe, was Zufriedenheit ist. Zufriedenheit durch ständiges Arbeiten an sich selbst zu entwickeln, halte ich für eine Illusion.Denn es stellt sich erneut die Frage: Zu welchem Ende treibe ich das?

Kommen wir ins Alter. Ich hatte vor einiger Zeit mal wieder eine hitzige Diskussion mit meiner Ex-Kollegin A. zum Thema Wachstum. Sie meinte, man müsse sich beständig weiter entwickeln, auch im Alter. Ich reagiere allergisch auf dieses Wachstumsdenken und ich schleudere solchen Menschen mittlerweile zunächst ein Wort entgegen und stampfe dann mit dem Fuß auf: Krebs. Anschließend gehe ich beleidigt ab. Ich mache es mir damit natürlich zu leicht, weil ich damit nur sage, dass nicht jedes Wachstum gut ist sondern bloß manches. Die eigentlich interessante Frage stelle ich mir damit nicht, nämlich wohin wir wachsen sollen.

Ich erwähnte, dass wir immer älter werden und dabei immer fitter bleiben. Wieso also so früh Verantwortung übernehmen? Damit wir im Alter all das tun können, worauf wir noch Lust haben? Das ist eine schlechte Wette darauf, ob wir so alt werden und dann noch so fit sind, uns unsere Träume zu erfüllen. Manchmal habe ich das Gefühl, das wird vom Alter sogar erwartet. Sich noch für Neues zu interessieren, aufgeschlossen zu sein, am Puls der Zeit zu leben. Aber wieso, vor Allem, wenn man sein ganzes Leben lang damit beschäftigt war, seinen eigenen Bauchnabel zu beschauen? Der Wachstums- und Entwicklungslogik wird die Grundlage entzogen, wenn sie es nicht schafft zu sagen, wohin sie uns führen soll und zu ihrer eigenen Begründung wird. Aber genau in diesem Modus wird sie propagiert.

Ihr merkt, ich zerfasere endgültig. All das Geschilderte sind Bruchstücke. Ich habe das Gefühl, sie hängen zusammen, aber ich sehe den Punkt nicht. Ich habe versucht, mit der Wachstumsmetapher ein loses Band zu legen, aber ich finde, es trägt nicht völlig. Deshalb sprach ich von einem Klärungsversuch. Ich hoffe, jemand nimmt mich an der Hand und sagt: Zeilenende, du übersiehst den offensichtlichen Punkt. Denk doch einmal an XYZ, dann wird dir alles etwas klarer. Oder wittere ich Zusammenhänge wo gar keine sind? Rede ich an irgendeiner Stelle Unfug, stehe ich zu dicht for dem Bild, um es in toto zu sehen oder stehe ich zu weit entfernt und nehme mehrere Bilder als ein einziges wahr? Ich weiß es nicht, ich hoffe aber, ich inspiriere einen von euch zu einem genialen Gedanken.

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7 Kommentare zu „Jugend, Alter, Verantwortung, Entwicklung, Wachstum, Zufriedenheit?

  1. Ein Dilemma besteht ja darin, dass man in den jungen Jahren kaum wirtschaftlich stabil dasteht und im Alter dann die Beanspruchungsfähigkeit nachläßt. Dabei gut balanciert durchs Leben zu kommen ist wohl die Kunst 😉

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    1. Was ja auch irgendwie merkwürdig ist: Im Alter wird man von einem aus dem anderen Tag aus dem Beruf geworfen (mal von vereinzelten Altersteilzeitmodellen abgesehen), statt die Leute langsam zu entlassen. Gerade was den Dienstleistungssektor angeht, bedeutet ja verminderte Beanspruchungsfähigkeit nicht, dass die Leute plötzlich nicht mehr arbeiten können… Etwas mehr Symmetrie wäre vielleicht angebrachter. Länger arbeiten ja, aber zu veränderten Bedingungen im Alter. Dann hätte man das „Problem“ das man mit G8 lösen wollte, am anderen Ende angegangen.

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  2. Ich befinde mich wohl momentan in einem ähnlichen Dilemma. Zur Zeit lautet bei mir die Devise: Zufriedenheit erlangen, unabhängig werden von dem, was die Politik und die Gesellschaft einem vorgeben. Selbstbestimmt leben so gut es geht, weiterbilden ja, aber immer mit „Doppeleffekt“,d.h. zu Themen, die mir auch privat nützlich sind und die ich interessant finde. Weiterbildung rein für die berufliche Entwicklung habe ich lange genug praktiziert, finde ich. Diese ist, zumindest zunächst mal auch wichtig, um die berufliche Laufbahn in gewisse Bahnen zu lenken. Meine langfristigere Erfahrung damit ist aber, dass man es mehr für das „vorgegebene“ Leben und nicht für das selbstbestimmte Leben macht. Leider musste ich in der Industrie auch immer wieder feststellen, wie leicht austauschbar Menschen zu sein scheinen und wie wenig die ganze Fortbildung, wenn es hart auf hart kommt, wert sein kann. Deswegen versuche ich persönlich mich mittlerweile auf Weiterbildung mit Mehrwert zu konzentrieren. Das kann eine Fremdsprache sein oder einfach etwas, dass mich wirklich auch interessiert oder mich breit aufstellt, so dass ich in verschiedensten Bereichen darauf aufbauen kann. In Deutschland finde ich es auch schwierig, sich beruflich nochmal komplett umzuorientieren sobald man einen Weg eingeschlagen hat. Das ist meistens mit sehr hohen Kosten verbunden und alles sehr „reglementiert“ und unflexibel. Dafür gibt es hier halt ein ganz gutes Ausbildungssystem, dass von anderen Ländern zum Teil wohl auch schon versucht wird, zu kopieren. Leider legt man sich damit aber dann relativ früh schon fest, wohin die Reise gehen soll und das in einem Alter, in dem man evtl.noch gar keinen genauen Plan hat,ob dieser Weg zu einem passt…..Man sollte auf jeden Fall über alles weiter- und fortbilden nicht vergessen, dass man das Leben auch noch genießen sollte. Viele „verschieben“ das auf Ihre Rente oder, im kleineren Stil, auf ihren Sommerurlaub. Dabei sollte man doch versuchen, auch dem Alltag etwas schönes abzugewinnen….

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    1. Danke für diesen wichtigen Punkt! Das mit dem Verschieben auf die Rente ist die schlechte Wette, auf die man sich nicht einlassen sollte und eine Fortbildung, die man nur widerwillig macht, bringt letztlich nichts, weil man am Erlernten ja noch nicht einmal die Freude der späteren Anwendung hat.
      Und über die Sache mit der Ausbildung habe ich so noch nie nachgedacht. Aber es stimmt schon. Die festen Bahnen sind eigentlich gut, aber nur, wenn man auch weiß, dass man das wirklich will. Muss ich mit Bruderherz mal diskutieren, der steckt nämlich in so einer Situation. Vielen Dank für deine Gedanken. 🙂

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    1. Ja, einen schönen Begriff bräuchte es. Er müsste die Werte, die uns wichtig sind, wohlproportioniert verbinden und zugleich für jeden von uns inhaltlich anders aussehen. Ich habe nur meine Zweifel, dass das funktioniert, weil man es dann am Ende nicht mehr messen kann. Und was nicht messbar ist, zählt in einer stat(ist)ischen Gesellschaft auch nicht. Demut und Genügsamkeit finde ich als Gegenmaßnahmen aber in jedem Fall super!

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