Vor einiger Zeit berichtete ich über den missglückten Versuch, die Heizung ablesen zu lassen. Deutschland beweist dabei einmal mehr, dass es das Land des uner-mess-lichen Service ist. Denn natürlich gibt es eine Fortsetzung.

Es ist nicht so, dass ich im Vorfeld bereits angerufen hätte bei diesen Menschen, um ihnen mitzuteilen, bei uns wird niemand daheim sein. Das interessierte die Person am Telefon nur mäßig und so musste sich der Ableser zwei Mal auf den Weg in den fünften Stock machen, um sich davon zu überzeugen, dass wir nicht anwesend sind. Kollegialität wird nun einmal groß geschrieben und die körperliche Fitness ihrer Mitarbeiter ist für viele Unternehmer mittlerweile eine gewichtige Ressource.

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Zivilisation (Symbolbild)

Im Zuge dieses Telefonats mit der Ablesegesellschaft stellte sich heraus, dass es nicht möglich sei, im Vorfeld einen Ersatztermin auszumachen. Man benötige dafür erst einmal ein Aktenzeichen und einen roten Zettel, der am Tage der Ablesung abends tatsächlich an unserer Tür klebte. Ich war froh und glücklich, dass ich nun ein Aktenzeichen sei und klare Handlungsanweisungen habe. Klare Handlungsanweisungen und Aktenzeichen sind nämlich ein Zeichen von Zivilisation. Sie sind entscheidende Merkmale bei der Entscheidung, ob eine funktionierende Bürokratie besteht oder nicht. Und Bürokratie ist ein wichtiges Merkmal der Zivilisation. Nirgends geht es ziviler zu als in einem Büro. Denn der wesentliche Unterschied zwischen ziviler Verwaltung und militärischer Despotie ist die Tatsache, dass militärische Strukturen sich hinter Begriffen wie Verwaltung und Büro verstecken – auch wenn Hierarchie und Befehlsgebundenheit unverdrossen weiter bestehen.

Flexibilität also ist ein Zeichen mangelnder Bürokratie und damit fehlender Zivilisation. Und mein Ansinnen, vorab einen Ersatztermin zu vereinbaren war unzivilisiert. Doch nun, mit Aktenzeichen und Handlungsanweisung ausgestattet, dachte ich mich zivil verhalten zu können. Ich rief die Ablesegesellschaft an, gab mein Aktenzeichen an. Der Herr am anderen Ende der Leitung notierte meine Telefonnummer und versicherte mir, man würde sich zwecks Terminvereinbarung bei mir melden. So gingen einige Wochen ins Land. Ich lebte unbeschwert und glücklich, war ich doch sicher, nun ein zivilisierter Aktenvorgang zu sein, der von Schreibtisch zu Schreibtisch gereicht würde.

Dann kam der Tag, an dem unser Vermieter uns einen Brief schickte. Darin lagen zwei Schreiben, die mir schlagartig bewusst waren, dass ich eine Illusion gelebt hatte. Das erste Schreiben kam von der Ablesegesellschaft an unsere Hausverwaltung mit einer detaillierten Auflistung, in welchen Wohneinheiten man niemanden angetroffen hatte, inklusive einer Information, wie der Besitzer hieß und ob die Wohnung leersteht. Das zweite Schreiben stammte von der Hausverwaltung an den Vermieter, das ihm mitteilte, es möge sich um einen neuen Termin bemühen – entweder selbst oder per Information des Mieters.

Am nächsten Tag rief ich bei der Ablesegesellschaft an. Ich nannte erneut mein Aktenzeichen, aber auch vier Wochen später war es unmöglich, einen Termin zu vereinbaren, denn die Touren müssten erst geplant werden. Ich wies darauf hin, dass bei uns nur am späten Nachmittag jemand daheim sei. Das spiele allerdings keine Rolle, denn die Touren müssen geplant werden. Aber man würde sich meine Telefonnummer notieren, um mich zu informieren.

Ich war froh und glücklich, nun doch ein zivilisierter Verwaltungsvorgang zu sein. Ich schätzte mich menschlich, weil man mir meine anarchistische Vorstellung, man wolle bei mir vorbeikommen, um die Zählerstände abzulesen, genommen hatte. Man wollte mich lediglich planen, zum Teil einer Tour machen, damit ich verwaltbar würde. Und ich freue mich schon unheimlich darauf, an einem beliebigen Wochentag um 13:00 abgelesen zu werden, denn so wird es am Ende laufen, obwohl mein Wunsch notiert wurde, am späten Nachmittag besucht zu werden. Denn wenn sie dann um 13:00 vor verschlossener Tür stehen, werden sie mir einen roten Zettel an die Tür kleben und ich bekomme ein weiteres Aktenzeichen bekommen, mit dem ich verwaltet werden kann und zivilisiert werde.

Ich habe nur eine leise Befürchtung, dass sie in dem Fall wieder die Hausverwaltung und den Vermieter kontaktieren werden, weil so eine Telefonnummer kein ordentlicher Verwaltungsakt ist. Oder sie rufen an den beiden Tagen an, an denen ich meinen Mobilfunkanbieter wechsel und vorübergehend nicht erreichbar bin. Die beiden Tage habe ich ihnen natürlich mitgeteilt. Aber das würde Flexibilität erfordern, wenn genau an diesen beiden Tagen die Termine der Touren abgestimmt werden. Und da kann man keine Rücksicht auf einen Anarchisten wie mich nehmen – Aktenzeichen hin oder her.

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40 Kommentare zu „Zivilisation 2.1 – Der Heizungsableser kommt nicht

  1. Bei uns wird man bedroht: Dreimaliges Nicht-Erreichen wird mit Terminplanung quittiert, allerdings sind Anreise und Arbeitszeit des Heizungsablesers dann kostenpflichtig und zu bezahlen. Ist das krass?
    Selbstablesung geht aber auch und seit ich das weiß, la la 😀

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  2. Und der Herr Moritz kümmert sich natürlich nicht darum, dem Ablesenden – wir wollen doch bitteschön brav gendern, denn Frauen können das Ablesen mindestens so gut wie Männer – (kleiner Seitenhieb gegen Genderunfug ^^‘) die Tür zu öffnen? Oder denkt der sich einfach nur schlaftrunken: „Gutes Personal ist so schwierig zu bekommen, nicht einmal schlafen kann ich hier?“ 😉

    Naja, ich drücke die Daumen, dass du nicht noch ein paar Wochen warten musst, um diese Misere hinter dir zu haben.

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    1. Ich halte Gender ja für keinen Unfug und das, obwohl ich im Unterschied zu dir (dachte ich zumindest) eine Welt ohne Frauen durchaus begrüßen würde. Aber willkommen auf der rosafarbenen Seite der Macht, Schwester. 😉
      Was Moritzens Türöffnerfähigkeiten hingegen angeht: Wir haben einiges dafür getan, dass er in dieser Wohnung keine Türen öffnen kann – da sollte man ihn nicht ermutigen. *gg*

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      1. Ich halte es sehr wohl für Unfug, ebenso wie ich die Sapir Worf-Hypothese als widerlegt betrachte, den Gender Pay Gap als politisch motivierten und instrumentalisierten Hokuspokus von Leuten betrachte, die von Mathe keine Ahnung haben, und mich dagegen sträube, beim Mond ein Gehänge zu verorten, bloß, weil der generisch maskulin ist.
        Und ich sehe es als ein urkomisches Zeichen von fehlender Emanzipation, dass niemals, unter absolut gar keinen Umständen, die Rede von SteuerhinterzieherIN, MörderIN, TäterIN, VerbrecherIN, KinderschänderIN und dergleichen mehr ist. Gendern, ebenso wie Quoten, nur da, wo es den Damen nützt, und da, wo nicht, wird ganz bewusst darauf verzichtet.
        Aber ich betrachte viele Tendenzen des Feminismus, aber auch von social justice-Bewegungen gerade in den USA, aber auch andernorts, mit großer Sorge. Wenn in Südafrika Streiterinnen für Gerechtigkeit der Meinung sind, Wissenschaft sei ein Relikt des Patriarchats und müsse neu gedacht und in Frage gestellt werden, dann bekomme ich Würgreize zu spüren.
        Und ich sehe das Problem weniger in der Sprache, als in der Mentalität. Kein Rassist wird seine Ideologie aufgeben, bloß weil es keine Negerküsse mehr gibt, kein Sexist wird sich ändern, bloß weil es jetzt in jedem Text „Begriffinnen und Begriff“ heißt, wobei da streng genommen die Trans- und Homo- und Schneeflöckchensexuellen nicht mal berücksichtigt wurden.
        Wir hatten das Thema neulich, glaube ich, bereits, von wegen Sprachökonomie. Warum irgendjemand einen Sachverhalt mit einem halben oder ganzen Nebensatz ausdrücken soll, obwohl es mit einem bereits heute existierenden Wort genauso gut geht, erschließt sich mir nicht. Aber ich bin ja auch so ketzerisch, dass ich Religion und Sexualität als Privatsache betrachte, die im öffentlichen Raum nichts zu suchen hat. ^^‘

        Sorry für den Rant, aber heute ist nicht so gut Kirschen mit mir zu essen. 😦

        Hahaha, das ist ein sehr guter Punkt! ^^

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      2. Die Saphir-Whorf-Hypothese kann nicht widerlegt werden, weil sie konsistent und nicht empirisch ist. Aber nur deshalb kann sie auch potentiell wahr sein (empirische Annahmen können das nie, auch wenn Framing als Stützüberlegung momentan ziemlich in bei den Neurowissenschaftlern ist) 😉
        Was Gendergerechte Sprache angeht: Leser*innen. Da ist Platz für alle. Auch für Moritz. 😊 Als kastrierter Kater ist der nämlich auch nicht glücklich mit diesem Denken in Polaritäten.

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      3. Du wieder! XP
        Naja, das ist für mich eben ein Hokuspokus, der die Welt so macht, wie sie einem gefällt. 😉
        Ich halte es für höchst fragwürdig, zu postulieren, dass Sprache Denken bestimmt, ohne dafür Belege zu liefern, erst recht, wenn es Gegenbeispiele gibt. Und eine Hypothese wird bereits durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegt. Da bin ich als Mathematiker strikt. 😉
        Aber gut, ich bin auch kein Philosoph, weshalb ich vor dir die Waffen strecken muss. 😀

        Siehst du, und ich finde es ästhetisch nicht ansprechend, es stört den Sprach- und Lesefluss (wie willst du den Stern denn sprechen? 😉 Und Schrift ist ja auch Abbildung von „gesprochener“ Sprache. ^^‘), und Leser ist ein Wort, welches eben Menschen umfasst, die eine gewisse Tätigkeit ausüben. Und zwar unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Orientierung. 🙂

        Nun, und was Moritz betrifft, er ist genetisch ein Männlein, also ein „er“. An- oder Abwesenheit gewisser Organe ändert daran nichts. 😉

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      4. Genau so funktioniert die Welt ja auch. Und es gibt keine Gegenbeispiele, weil die Beispiele selbst sprachlich und damit geframt sind, wie die Theorie sagt. Die Hypothese existiert nur auf einer Meta-Ebene. Es ist wie mit der Logik: Du glaubst dran oder du lässt es. Beweisen lässt sie sich nicht. Obwohl „Aus Falschem folgt beliebiges“ eine fragwürdige und kontraintuitive Erkenntnis ist.
        Sprechen tut man den Stern durch eine Pause vor dem -innen und Schrift ist mehr als eine simple Zeichenfunktion für Gesprochenes. Es gibt immerhin Sprachen ohne Schrift und solche ohne gesprochene Sprache. 😉
        Was Genetik angeht, sage ich nur Turner-Syndrom. Genetik taugt nix. Ganz davon ab, dass sie im Alltag irrelevant ist, weil man Gene nicht sehen kann.
        Achso … Weil ich jetzt ins Bett gehe, rein prophylaktisch: Bämm! 😅

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      5. Deswegen schneide ich diese Themen auch nicht gerne mit dir an. *seufz*
        Mal doof gefragt, dass die Hypothese selbst wieder sprachlich geframt ist, spielt natürlich keine Rolle, weil…? Ich mein, das würde ja bedeuten, dass die beiden schlauen Leutchen ja gar nichts anderes fabrizieren konnten, weil ihnen für alles andere (was in meinen Augen gescheiter gewesen wäre) einfach die Worte gefehlt haben. 😛

        Wie mans nimmt. Aus Falschem folgt nun mal Beliebiges, das ist eine simple Grundlage für jede Form von Literatur. Du kannst aus einer falschen Prämisse (es gibt Mittelerde) allerlei richtige und wahre Dinge ableiten (Freundschaft auch da, wo man sie nicht erwartet, etc. pp. :P). Bam. 😛

        Naja. Sprachen ohne Schrift widersprechen meiner Aussage ja nicht (Schrift als Kodifizierung einer Sprache), und Schriften ohne Sprache, da dürfte es nur sehr, sehr wenige geben, die nicht doch auf einer gesprochenen Sprache basieren. Programmiersprachen mal außen vor gelassen. ^^

        Und genau für solche Fälle kann es von mir aus ein drittes Geschlecht geben – was es grammatikalisch theoretisch mit „es“, also dem Neutrum, bereits gibt. Und ja, da bin ich tatsächlich knallhart und gemein unterwegs. ^^

        Schlaf gut. ^^

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      6. Du hast gerade sehr klug erkannt, warum die Hypothese eine Hypothese ist. Oder wenn man es ganz genau nehmen will, ist er – vermutlich – ein Postulat. Aber für Postulate ist es mir noch zu früh am Morgen. Damit ist ihr Status zumindest sicherer als jedes Gravitationsgesetz. *g*
        „Freundschaft da, wo sie nicht erwartet wird“, kann es in Mittelerde übrigens geben, aber es ist bedeutungslos – einer der Gründe, weshalb ich die Logik für nicht der Weisheit letzter Schluss halte, denn Literatur (die ist immer auf falschen Prämissen beruhend) wäre damit immer bedeutungslos. Und Programmiersprachen ebenso wie Mathematik und Logik sind ernstzunehmende Sprachen, die Berücksichtigung in der Diskussion finden müssen. 😉

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      7. Ich würde eher sagen, dass sich die Gravitation wenigstens beobachten, nachweisen und erfahren lassen. 😛
        Und postulieren kann man viel, wenn der Tag lang ist. „Ich postuliere, die Erde sei eine Scheibe“, und nun? 😉

        Belanglos finde ich das nicht. Und das sagt die Implikation auch nicht aus. Sondern nur, dass aus falschen Prämissen allerlei Dinge folgen können. Der Wert dieser Dinge, der ist jedoch unabhängig von Prämisse oder Logik zu bewerten.
        Na, solange du nicht die Mathematik gendern magst. ^^‘
        Wobei das schon unfair ist, ständig heißt es, man solle „x“ bestimmen, und was ist mit den y-Trägern? 😮
        Ich wittere Sexismus übelster Sorte! :mrgreen:

        Hm, ich bin mir nicht so sicher. Gut, Programmiersprachen dienen der Kommunikation, aber nicht mit anderen Lebewesen. Über die Natur der Mathematik habe ich mir bisher zu wenig Gedanken gemacht, als dass ich sie auf einige wenige Worte reduzieren könnte, gebe aber zu bedenken, dass der primäre Fokus nicht auf der Kommunikation mit anderen liegt. Wobei du sicherlich einwenden wirst, dass allein die Regeln und Gebräuche dem widersprechen. *seufz*
        Deshalb mag ich Philosophie nicht, weil sich alles bis zur Bedeutungslosigkeit diskutieren lässt, und am Ende ist doch alles beliebig.
        Auf der anderen Seite, wenn Sprache unsere Welt prägt und wir nichts denken können, was außerhalb unserer Sprache liegt, wieso gibt es dann Literatur und Fortschritt? Smartphones zum Bleistift existierten vor ihrer Erfindung in keiner Sprache. Kernfusion auch nicht. Wie konnte man diese Dinge also erfinden, wenn sie doch ohne bereits vorher existierende Worte niemals hätten erdacht werden können?

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      8. Ein Postulat im wissenschaftlichen Sinn hat mit unserem Alltagssprachgebrauch nichts zu tun. Aber das erkläre ich dir mal bei einem Bier. Und den Unterschied zwischen Worten und semantischer Struktur auch.
        Mein Kopf explodiert sonst heute. 😉

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