Vor einiger Zeit formulierte das liebe Marinsche eine Art Pflegeideal. Oder ein „Leben im Alter“-Ideal. Und ich dachte mir: Zeilenende, so oft, wie du zu dem Thema zurückkehrst und verbale Missstände anprangerst, warum schreibst du nicht mal was Postives?


Die Antwort liegt erstaunlich nah: Ich habe keine positive Vision der Altenpflege. Selbst mit unbegrenzten Mitteln ist Altenpflege für mich die Bekämpfung von Übeln. Das ist meine ganz persönliche Sicht der Dinge. Sie gilt für mich als potentiell Betroffener von Pflege. Ich lege viel Wert auf Autonomie und das Angewiesensein auf Hilfe bei alltäglichen Verrichtungen ist ein übles Eindringen in diese Autonomie. Wenn ich etwas selbst tun kann und will, will ich mir dabei nicht helfen lassen. Ganz schlimm sind Menschen, die mir aus Nettigkeit Hilfe anbieten und beleidigt sind, wenn ich es ablehne. Ich nehme Hilfe an, wenn ich mit einem Problem nicht weiterkomme oder die Hilfe einen produktiven Beitrag zum Gesamtergebnis liefert. Aber einfach so nicht. Das ist Ressourcenverschwendung.
Im Alter nehmen die Situationen, in denen Hilfe anzunehmen ist, zu. Je mehr Hilfsbedürftigkeit, desto weniger Autonomie verbleibt im Einzelnen. Als alter Mensch bin ich oft mit helfenden Händen konfrontiert. Die übliche Antwort auf die Frage nach der Wahrung von Würde und Autonomie ist die einer „zugewandten Pflege“ mit viel Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Gerede. Meine Antwort darauf ist eine andere: Ich möchte, dass mir geholfen wird, Probleme zu lösen. Ich möchte möglichst professionelle, geschäftsmäßige Abwicklung. Nehmen wir die Erledigung des Geschäfts: Wenn es einmal nötig sein wird, möchte ich bitte auf den Toilettenstuhl gehoben werden, allein im Bad mein Geschäft verrichten und mich möglichst nicht durch die natürlich geschlossene Badezimmertür unterhalten müssen. Und ich will bitte, bitte, bitte nie den Satz hören müssen: „Wir(!) machen Sie jetzt sauber.“ Nix da. Du(!) wischst mir jetzt den Hintern ab.
Um einem Missverständnis vorzubeugen. Ich möchte das Pflegepersonal nicht als Dienerschaft behandeln. Das Phänomen gibt es durchaus auch, solche Hochbetagten möchten das Pflegepersonal möglichst oft um sich haben, um es herumkommandieren zu können. Ich möchte es so wenig wie möglich sehen und die Pflegehandlung soll so distanziert wie möglich erfolgen. Professionelle Distanz, wenn man so möchte. Pflege ist eine Dienstleistung, als alter Mensch bin ich, so lange ich geistig noch beisammen bin, kein Kindergartenkind, das betreut und betüddelt werden muss.
Der Umgang mit dementen Menschen ist schon etwas Anderes, da braucht es mehr Zuwendung. Für die „normalen“ Fälle körperlicher Gebrechlichkeit wünsche ich mir mehr Abfertigung und weniger Betüddelung. Ich rede auch nicht mit meinem Friseur, außer über meine Frisur. Ich kenne meinen Friseur schließlich nicht. Pflegepersonal kommt und geht ebenso. Jede Schicht jemand anderes, Personalfluktuation, etc. Da Pflegepersonen einen Job erledigen, ist die Beziehung zu meinem Friseur gar nicht so verschieden von der Beziehung Pflege-Patient. Das ist kein Bund für den Rest meines Lebens. Das ist die Inanspruchnahme einer Leistung.
Mein Pflegeideal ist Distanz. Mein Pflegeideal ist Sorgfalt. Mein Pflegeideal ist: Der weiß, was er tut, also vertraue ich ihm und bringe es hinter mich. Denn Pflegesituationen sind per se unangenehm. Das Gefühl kann man mit Zugewandtheit übertünchen oder mit beschleunigter Behandlung verkürzen. Ich hätte bitte gern einmal Letzteres.

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Altes Holz setzt Moos an, alte Menschen setzen Pflegepersonal an.

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12 Kommentare zu „Pflege-Ideal

    1. Da es mir um ein Ideal ging, hat sich mir die Frage nicht gestellt. Ich denke auch nicht, dass meine Wünsche mehr Kosten verursachen. Wenn es jeder gern so hätte, denke ich, dass sogar mehr Zeit für die extrem Pflegebedürftigen besteht.
      Ansonsten sind Kosten aber in der Tat ein Problem. Da das aber ein politisches Problem ist, fällt die Antwort nicht leicht. Pflegeversicherung rauf allein ist keine sinnvolle Forderung. Es braucht eigentlich mehr Beitragszahler, damit sind wir aber bei wirtschaftspolitischen und demographischen Problemen und müssen auch über Migration sprechen.
      In der derzeitigen Situation ist meine Antwort deprimierend einfach: Private Vorsorge.

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  1. Und wieder einmal kommt die Hoffnung auf, nie auf diese Art der Pflege angewiesen zu sein. Aber ich stimme dir zu, denn dieses Modell des „Wir ersticken die Peinlichkeit in nettem Gerede“ kann ich mir für mich aktuell gar nicht vorstellen.

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  2. Hilfe annehmen ist nicht notwendig Ressourceverschwendung. Angemeßene Hilfe einfordern und annehmen kann äusserst ressourceschonend sein. Ein einfaches Beispiel passt in deinen Bericht: Die Pflegetätigkeit am Bett. Pflegepersonal, dass tatsächlich die Betten höher stellt, ehe es diese macht, zu zweit die bettlägrige Person heben und lagern, etc… schonen ihren persönlichen Verschleiß, beugen Muskel- und Skeletterkrankungen vor, verschwenden keine Zeit und halten sich so länger fit und leistungsfähig. Doch auf dem ersten Blick erscheint dies alles unnötig, hinderlich und ressourceverschwendend. Zeit und Personal sind knapp in der Pflege.
    Den 2. kritischen Aspekt, den du ansprichst, hat aus meiner Sicht auch wieder mehr mit dem Pflegepersonal, als mit den „Alten“ zu tun. Die im Altenpflegealltag übliche Entmündigung der Pflegebedürftigen ist Ausdruck des mangelnden Respekts, den Pflegende diesen entgegen bringen. Denn effektiv wirk keine Zeit eingespart und keine Pflege dadurch besser, dass man die Selbstbestimmung und Würde gebrechlicher Menschen übergeht. Im Gegenteil. Personal, dass sich allerdings selbst nicht wertgeschätzt fühlt, kann wohl nur schwer Wertschätzung weitergeben.

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    1. Da mein Kopf momentan ziemlich voll mit allem Möglichen ist, leider nur kurz, aber dein Beitrag ergänzt meine Wünsche sehr schön:
      Ich stimme dir völlig zu – wo Hilfe sinnvoll ist (und sei es auf lange Sicht) stimme ich dir zu. Ich habe an andere, weniger existentielle Beispiele gedacht als du sie nennst.
      Beim zweiten Punkt stimme ich dir eingeschränkt zu. Die Wertschätzung ist häufig da, sie geht nur viel zu oft unter. Ein Problem sprichst du an, mangelnde Wertschätzung des Personals. Ich denke aber auch, dass in der Pflege Nachholbedarf besteht, was das Verständnis der Lebensweise unserer heutigen Alten betrifft. Die haben ein viel autonomeres Leben geführt als die Alten von vor dreißig Jahren.

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  3. Autonom und Würde…..zwei wichtige Stichpunkte….die über allem stehen sollten….

    Als stellvertretende Vorgesetzte einer Tagespflege für Senioren habe ich endlose Diskussionen darüber geführt.

    Eine Situation war z.B. die, das die ankommenden Gäste im Flur begrüßt werden, zur Garderobe gehen, ihre Jacke auf den Bügel hängen….je nach Situation mit unterstützender Hilfe oder auch nicht. So wie sie es ein Leben lang getan haben. Es hat den Vorteil das sie alltägliche Dinge verrichten, samt dem Nebeneffekt das sie sich dabei bewegen, Koordination und Gleichgewicht schulen.

    Kinder sollen ( und wollen ) das was sie SCHON können selbst tun. Und Senioren wollen in der Regel das was sie NOCH können selbst tun. Es dauert halt manchmal etwas länger….so kommt die ungeduldige Pflegekraft ins Spiel, die es aus der Hand reißt und ( augenscheinlich ) schneller erledigt. Doch langfristig gesehen tut sie sich und dem Klienten keinen Gefallen, wenn er dadurch schneller noch mehr Pflege benötigt. Würdmasagen…..gekonnt zum Pflegefall gepflegt! 😝

    Und wo bitte bleibt das autonome wenn regelmäßig im Kollektiv Fensterbilder en Masse gebastelt werden? Da schwebt das große Wort „Biographie orientiert“ in den Köpfen der Pfleger…..und ZACK…..sitzt da ein ehemaliger Koch neben einer ehemaligen Gastwirtin, die niiiiiie in ihrem Leben Fensterbilder gebastelt haben…..und müssen Fensterbilder basteln….hä?

    Und wir alle wissen das nun wieder die Zeit naht wo lauter hilfsbereite Menschlein in die Pflegeheime einrücken, um auf die nahende Weihnachtszeit einzustimmen und auf die Tränendrüsen, als auch die Portemonnaies zu drücken….. http://youtu.be/uTkdnaVj_Qg

    Und warum müssen WIR in MEIN Bett? Hallo! Ich will mein Bett für mich allein!

    Hach ja……ich merke schon…..mit den Strukturen fühle ich mich nicht wohl…..und….ja…..es gibt derzeit keine positive Vision von professioneller Altenpflege…..

    Ich wünsche mir für mein Alter Menschen um mich herum, die mich von früher her kennen…..die wissen wie ich ticke, ohne das ich lange Fragebogen zu meiner Biographie ausfüllen muss…..die empathisch genug sind heraus zu spüren was MEINE Bedürfnisse sind….und nicht die irgendwelcher Lehrstühle….die Zeit für Gespräche haben, wo wir uns einander immer wieder neu annähern….und die mir Zeit lassen für mich, da wo ich für mich sein möchte…..

    Ich wünsche mir eine Atmosphäre die Alltag sein lässt……mit all den gewohnten Abläufen….wohnen, kochen, Haushaltsführung, Gemeinschaft, Ausflüge, Kultur,….leben…..lieben….lachen….streiten…..

    Und……Leutle…..wehe dem der mir irgendeinen Einheitsbrei vorsetzen will!!! 😝😜🤓😋

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    1. Ah, Fensterbilder! Ich bin durch meine Arbeit ja zum begeisterten Bastler mit zu wenig Zeit geworden (vllt. krieg ich zu Weihnachten ein Fensterbild hin, das ich herzeigen kann), aber bei manchen Kolleg*innen habe ich auch das Gefühl, die zwingen die Leute zum Ausmalen. Eine andere Kollegin meinte mal: „Ich hab meinen Kindern gesagt: Im Testament steht, wenn ich im Heim zum Basteln gezwungen werde, werdet ihr ent-erbt.“
      Die Altenpflege muss ihr Menschenbild im Prinzip völlig neu denken, das hat sie in den letzten Jahr(zehnt)en total verschlafen.
      Und Weihnachten ist auch schlimm: Jeden Tag zwei Konzerte und drei Angebote. Ich war erstaunt, dass die Leute letztes Jahr überhaupt noch Lust aufs Weihnachtsfest hatten. Zwischendurch waren sie regelrecht erschöpft.

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      1. Deshalb schritt ich damals selbst zur Tat mit meinen Oldies und unseren Impro Theater Stücklein für die Adventsfeier – das belebt 🙂

        Und Fensterbilder an sich können schon schön sein….ich möchte sie nicht allgemein schlecht reden….aber dann bittschön freiwillig gestaltet 😉

        Die aktuelle Lage in der Pflege scheint ja eher die zu sein das sich Großkonzerne bilden. Da findet man dann das Management unter einem Dach, die das „managen“ übernehmen, und die anderen, die pflegen….ob das dann so eine tolle Entwicklung ist….ich weiss nicht….da wo Leitung und Pfleger in ziemlich anonymer Weise tätig sind kann ja nichts beseeltes bei rumkommen für die Oldies….

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  4. Meine Kollegin, die in Holland (warum schreiben wir eigentlich immer Holland, wenn wir Niederland meinen) lebt, erzählte mir vor ein paar Tagen von ihrem kranken Nachbarn, der für sich entschieden hat „nicht zum liegen zu kommen“ ( nicht pflegebedürftig zu werden) und daraufhin beschloss, das Angebot des Staates anzunehmen und sich unter ärzlicher Aufsicht eine höhere Dosis Morphium spritzen zu lassen.
    Er „feierte“ seinen letzten Abend u.a. mit meiner Kollegin und ihrem Mann.
    Ich weiss seit einiger Zeit, dass das in den Niederlanden möglich ist. Und ich überlege immer noch, ob ich das so gut finde, dass ich mir die Möglichkeit für Deutschland auch wünsche oder ob ich so große Angst davor habe, dass sich die Gesellschaft verändern und man nicht wirklich frei wählen kann, ob es eine mögliche Option sein könnte

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    1. Du bist nicht allein, das ist genau das Dilemma, um das ich immer wieder herumtanze. Einerseits bin ich sehr für persönliche Freiheit und Selbstbestimmung, andererseits führe ich bei meinen Äußerungen zum Tod immer die soziale Dimension an. Ich schaffe es nicht, eine konsistente Position zu entwickeln, mit der ich mich wohlfühle, ich befinde mich beim Thema „Euthanasie“ in einem ewigen Streitgespräch mit mir selbst. Den letzten Tag zu feiern immerhin halte ich für eine gute Sache. 🙂

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