Am heutigen Dienstags-Montag will Buchfresserchen wissen, ob ich beim Lesen manchmal zum Schluss vorblättere. Ich weise die damit verbundene Unterstellung, ich würde beim Lesen schummeln, entschieden zurück.

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Nein, ich mache das wirklich nicht. Natürlich bin ich in den meisten Fällen neugierig, wie die Geschichte ausgeht. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, warum ich lese. Der primäre Grund, ein Buch in die Hand zu nehmen, ist nicht der: Wie endet die Geschichte? Wenn ich lese, will ich wissen, wie die Geschichte endet. Mit anderen Worten: Ich lese Bücher, weil mich der Weg zum Ende der Geschichte interessiert. Ich will einer Figur folgen, erleben, wie ein Plot entwickelt und zu einem Schlusspunkt hin entwickelt wird.

Was ist dann so schlimm daran, wenn ich das Ende vorweg nehme? Wenn mich der Weg zum Ende interessiert, kann ich mir das Ziel doch vorab anschauen. Der Weg wird dadurch kein anderer. Das ist aber ein Missverständnis. Im wirklichen Leben ist die Zukunft offen. Wir leben unser Leben, gehen es als Weg wie die Figuren in einem Roman. Aber wir entscheiden, welche Abzweigungen wir nehmen, welche Wege wir einschlagen. Unser Ziel steht damit nie fest.

Romanfiguren geben sich den Anschein, dass es für sie genau so ist. Sie treffen Entscheidungen, gehen einen Weg, wissen aber nicht, wohin er führt. Als Figuren ist ihr Schicksal aber besiegelt. Ihre Geschichte ist niedergeschrieben. Ihr Weg geht zu Ende und das Ziel steht schon fest, bevor wir die erste Seite einer Geschichte gelesen haben. Der Figur bleibt keine Alternative. Für den Leser mag das verlockend sein, ich finde hingegen, man raubt sich die Illusion, auch die Romanfigur habe ein Leben, treffe Entscheidungen und steuere auf ein Ende hinzu. Solange ich das Ende nicht kenne, kann ich mir einreden, es sei offen, weil ich nicht weiß, wie die Geschichte ausgeht.

Reichlich metaphysisch könnte man sagen. Aber für mich ist das wichtig, denn Enden sind wichtig für Geschichten. Sehr eindrücklich hat mich das Lothar-Günther Buchheim mit „Das Boot“ gelehrt. Ich habe den Film bis heute nicht gesehen, ich wusste also nicht, wie die Geschichte ausgeht, als ich das Buch las. Meine Empörung über dieses Ende war grenzenlos und hielt wochenlang vor. Was sag ich, wochenlang, ehrlich gesagt bin ich bis heute empört über diesen Schluss. Nicht, weil ich es unglaubwürdig oder blöd erzählt finde, sondern weil das Ende schlicht empörend ist. Dieser Erfahrung hätte ich mich beraubt, hätte ich vorher nachgeschaut. Und wenn ich an die Geschichte zurückdenke, die Kenntnis des Endes hätte mir die Geschichte versaut. Von daher: Finger weg vom Ende der Geschichte!

Ein Kommentar zu „Montagsfrage: Das Ende vorwegnehmen?

  1. Wenn ich ein Buch lese, das mir mäßig gefällt (kommt kaum mehr vor), kommt es zuweilen vor, dass ich die letzten Seiten lese. Die entscheiden dann darüber, ob ich das Buch zuklappe (wenn zu vorhersehbar), oder weiterlese. Aber das sind definitiv die seltenen Ausnahmen. Mir gehts da ähnlich wie dir.
    Wobei: Wenn ich ein Buch lese, dessen Verfilmung ich schon gesehen habe (somit das „Ende“ kenne), kann ich mich zuweilen besser auf die Prozesse der ProtagonistInnen fokussieren. Hat was!

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