Körperlich-geistige Einheit

Da habe ich ja was angerichtet. Letzte Woche habe ich über das ewige Leben sinniert und prompt hatte ich eine Debatte über die Seele und den Stellenwert des Körpers an der Backe. Also gibt es jetzt einen kleinen Kurs in Phänomenologie, gesponsort von Thomas Nagel, dem ich einen Gutteil der Gedanken geklaut habe. Das trifft sich gut, weil ich gerade ohnehin kein Material für den Rezensions-Donnerstag habe,

Zur Begrifflichkeit

In der Debatte schwirren die Begriffe Körper, Geist, Seele, Bewusstsein und Leib umher. Während Körper meist die materielle Hülle meint, ist der Leib unser ganz spezieller Körper, der sich irgendwie anfühlt, den wir beispielsweise spüren, wenn wir 10km gelaufen sind. Man kann den Körper nach einem 10km-Lauf natürlich naturwissenschaftlich beschreiben, aber erfasst ihn damit nicht. Er fühlt sich zugleich erschöpft und beflügelt an, ausgelaugt und erfrischt. All diese Beschreibungen beziehen sich auf den Leib, objektive Daten bekommen hier subjektive Qualitäten. Seele, Geist und Bewusstsein hingegen werden zumindest in der deutschen Debatte weitestgehend synonym gebraucht und stehen höchstens für eine bestimmte Denktradition.
Ich benutze meistens Bewusstsein und Körper als Begriff. Ich mag den Begriff des Leibes nicht, weil er dazu einlädt, den Leib vom Körper als Bedingung des Leibes abzusehen. Gleiches gilt für Geist und Seele. Bewusstsein hingegen betont, dass es sich um einen Prozess handelt, der auch körperlich manifest sein muss.
Damit habe ich meine Position auch schon zusammengefasst: Körper und Bewusstsein bilden normalerweise eine Einheit und hängen irgendwie zusammen, soweit herrscht Konsens in der Debatte. Materialisten sagen aber, das Bewusstsein lasse sich rein auf Basis des Körpers naturwissenschaftlich erklären, Bewusstsein ist nur eine Funktion des Körpers. Idealisten sagen, der Körper ist nur ein Haus, in dem das Bewusstsein (zumeist) Herr ist. Bewusstsein existiert auch ohne den Körper. Deshalb kann man es in PCs hochladen.

Gedankenexperimente – Idealismus

Um das Verhältnis von Körper und Bewusstseinzu verstehen, benutzt der Feld-, Wald- und Wiesenphilosoph gern Gedankenexperimente. Er stellt die Frage: Was wäre wenn. Ein Klassiker ist der Folgende: Herr X und Frau Y tauschen ihre Gehirne. Wir haben also Bewusstsein X im Körper Y. Für den Idealiaten ist die Sache klar, Körper Y wird zu Körper X. Herr X ist nun ein Mann im Frauenkörper. Es wird schon merkwürdig, gell? Gehen wir einen Schritt weiter: Herr X und Frau Y kennen sich nicht, haben keine Beziehung zueinander. Z tritt hinzu und erschießt Körper X mit Bewusstsein Y. Wie wird nun Bewusstsein X mit Körper Y darauf reagieren? Die beiden kennen sich nicht, von allgemeiner Abscheu Mord gegenüber hat Bewusstsein X keinen Grund, darüber empört zu sein. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass Bewusstsein X einigermaßen aufgebracht ausrufen wird: „Z, du Schweinebacke, du hast mich erschossen!“
Verrückt, gell? Der Idealismus wird an dieser Stelle kontra-intuitiv. Bevor jemand aufgebracht reagiert, weil ich mit Intuition argumentiere: Wartet einen Augenblick.

Gedankenexperimente – Materialismus

Der Materialismus steht vor ähnlichen Problemen wie der Idealismus, auch schon in obigem Gedankenexperiment. Aber machen wir ein wenig weiter. Bewusstseins-Zustände als reine Chemie zu erklären, greift ebenfalls arg kurz. Stellen wir uns vor, ich esse ein Schokoladeneis. Wie fühlt sich das an? Ich kann versuchen, es in Worte zu fassen, aber das ist nur eine unzureichende Beschreibung dessen, was in mir vorgeht. Ich spüre Genuss und Behagen, die Befriedigung, etwas gegen mein Hungergefühl getan zu haben. Gucken wir uns mein Hirn dabei an, sehen wir, dass irgendwelche chemischen Prozesse auagelöst werden und Neuronen feuern. Super Sache, aber wir sehen nur, was passiert, wenn Schokoladeneis gegessen wird. Wir sehen noch nicht einmal, dass ich Schokoladeneis esse. Ich könnte auch Vanille-Eis essen. Wir bekommen aber keinen Eindruck davon, wie es für mich ist, Schokoeis zu essen. Wir sehen, mein Glückszentrum wird stimuliert, aber wie sich das für mich anfühlt, sehen wir nicht, weil die Qualität des Vorgangs etwas anderes ist als der Vorgang selbst. Einfach gesagt: Genuss ist keine objektiv messbare Kategorie. Die Naturwissenschaft kann die Stärke des Neuronenfeuers messen, aber keine Korrelation zum Genuss herstellen, dafür braucht es die Eindrücke des Schokoeis-Essers, meine Eindrücke, und die sind subjektiv.

Was hat das jetzt mit Körper und Bewusstsein zu tun?

Unser subjektive Empfinden ist an unser Gehirn gebunden, aber auch an unseren Körper. Unser Hirn, unser Empfinden, aber auch unsere Zunge, die die besondere Textur des Schokoladeneis wahrnimmt. Im oberen Gedankenexperiment wird Xens ehemaliger Körper erschossen, der bislang Bedingung für seine Erfahrung der Welt, sein Zugang zur Welt war. Dessen Nährstoffmangel sein Hunger war, der sich durch ein Magengrummeln ausgezeichnet hat und ein Stechen in der Stirn. Dem das Wasser im Munde zusammenlief, wenn er ein Schokoladeneis sah. Eben sein Körper, auch wenn das Bewusstsein nun scheinbar im Körper von Frau Y steckt.
Das Problem ist die Argumentation mit Intuitionen. Wir stellen uns vor, wir brechen die Einheit von Körper und Bewusstsein auf. Aber diese Einheit lässt sich nicht so ohne Weiteres aufbrechen. Nicht, ohne dass wir unsere besondere Menschlichkeit riskieren (so möchte ich den Prozess nennen) und ja, den Terminus habe ich mir selbst ausgedacht.

Riskieren von Menschlichkeit

Wir sind hier ganz tief in einem großen philosophischen Problem, ich versuche dennoch, mich einfach zu fassen. Unser Körper verändert sich. Vom Kind reifen wir zum Erwachsenen, der Körper verändert sich, benimmt sich komisch. Er kommt uns fremd vor. Am Ende versöhnen wir uns idealerweise mit ihm. Aber in der Pubertät riskiert die Natur für ihren Reifungsprozess unsere Menschlichkeit.
Wer einmal massiv Gewicht verloren hat, kennt vielleicht die Erfahrung, sich wie ein neuer Mensch zu fühlen, weil der Körper sich so verändert hat. Man muss sein Verhältnis zu ihm neu regeln, weil die Abnahme eben ein Riskieren der Menschlichkeit war. Körper und Bewusstsein müssen ein neues Zusammenspiel finden.
Die Beispiele zeichnet aus, dass sich zwischen den körperlichen Zuständen Kontinuitäten durchhalten. Geistig sieht es genau so aus. Wer eine psychische Krise durchmacht, zweifelt an seinem Bewusstsein und fühlt sich bei erfolgreicher Bewältigung wie neu. Dennoch fühlt er sich nach wie vor als der Mensch, der er einmal war, aber mit neuen Erfahrungen und Einstellungen. Hier riskiert der Geist die Menschlichkeit, am Ende gelingt ihm idealerweise ein integrativer Umgang mit der Krise.

Versagen aller Intuition

Der Austausch des Körpers im obigen Gedankenexperiment ist ein so radikaler Eingriff in unsere Menschlichkeit, dass ich Argumentationen auf ihrer Basis für unbrauchbar halte. In Gedankenexperimenten wie oben versagen unsere Intuitionen komplett, weil jede Kontinuität verloren geht, die unsere Intuition benötigt. Wir haben plötzlich einen Körper, der sein besonderes Hungergefühl hat ohne sein Bewusstsein, sondern mit einem anderen. Wir haben ein Bewusstsein, der Körpersignale verstehen muss, die ihm fremder sind als jeder Außerirdische, weil es nicht mehr die sind, die seine Körpersignale sind.
Von Körper und Bewusstsein zu sprechen heißt nicht, dass es sich um zwei voneinander unabhängig denkbarer Dinge handelt. Sie gehören beide trotz aller Änderungen und Wandlungen zueinander, sind gemeinsam ein Mensch.

Konsequenzen: Ewiges Leben und Organspende

Schön und gut, mögt ihr euch denken, aber wo liegt die Relevanz? Da ist zum Einen die Sache mit dem ewigen Leben: Sich das vorzustellen ist unmöglich. Ewiges Leben in unserem Körper funktioniert noch gerade so, aber man kann selbst hier zurecht einwenden: Ein ewig statischer Mensch ist kaum vorstellbar, weil sich Körper UND Bewusstsein in unserer Menschlichkeit stetig wandeln. Wahrscheinlich wird sich unser ewig Lebender alle 100 Jahre einer chirurgischen Verwandlung unterziehen wollen. Ein körperloses Leben nach dem Tod, egal ob mit Seelenwanderung oder Astralleib hingegen liegt gänzlich außerhalb unserer Vorstellungskraft.
Das Thema ist aber auch in „alltäglicheren“ Debatten wichtig. Denkt an die Organspende, in dem Kontext habe ich dieses Modell entwickelt. Eine transplantierte Niere lässt sich ertasten, birgt immer das Risiko, als Fremdkörper wahrgenommen zu werden, weil sie von einem anderen Menschen kommt. Es ist nicht die eigene Niere, sondern eine fremde, die als eigene Niere angenommen werden muss. Wenn man Berichte von Organtransplantierten liest, kann man diesen Annahmeprozess zwar selten explizit finden, aber man liest, wie jede*r Transplantierte*r mit diesem Problem ringt: Dass die Einheit aufgebrochen, die eigene Menschlichkeit riskiert wird und nach einer Krise stabilisiert werden kann. Aber das Risiko eines neuen Konflikts bleibt, unter der Haut ist es tastbar.
In der Organspendedebatte ergibt sich damit, um den Gedanken abzuschließen, die Konsequenz: Ein Organ muss immer freiwillig und bedingungslos gespendet werden, nicht aus Respekt vor der Autnomie der Spender, sondern zum Schutz der Transplantierten. Damit ihr Aneignungsprozess, die Heilung der körperlich-geistigen Einheit, nicht gefährdet wird. Denn der Gedanke, dass Spender*in die Niere womöglich doch nicht hergeben wollte oder daran Bedingungen geknüpft hätte, ist solch eine Bedrohung, wenn die Gabe nicht bewusst erfolgte. Das Organ muss willentlich und bedingungslos gegeben werden, um es ebenso bedingungslos akzeptieren zu können.

P. S.: Ja, da sind Lücken in der Argumentation, also nur zu, fragt nach und widersprecht. Dann fülle ich die Lücken gern auf. Meine Examensarbeit hat zwar schon ein wenig Staub angesetzt, aber die meisten Gedankengänge sind mir noch präsent.

6 Kommentare zu „Körperlich-geistige Einheit

  1. getreu dem Spruch „mens sana in corpore sana“ gebe ich Dir Recht, dass Körper und Geist absolut eng miteinander verbunden sind. Sind wir psychisch im Gleichgewicht, geht es – zumindest – meistens auch unserem Körper gut. Der eine achtet also auf den anderen – eine wundervolle Symbiose. Ich kann mir jedoch auch eine körperlose Existenz vorstellen. Eine Art Energiefeld. Stell dir vor, Du konzentrierst Dich auf etwas. Dann setzt Du Energie frei. Vielleicht stößt dieses Energiefeld zufällig auf ein anderes Energiefeld. Schon ist eine Art Kommunikation auf rein mentaler Ebene, eben ohne Körper möglich. Ich weiß, das ist recht provokant. Aber hätten wir stets nur daran geglaubt, dass die Erde eine Scheibe ist, viele naturwissenschaftliche Erkenntnisse wären noch im Verborgenen. Wer weiß, was sich im Nichtwissen der Menschheit noch alles verbirgt? Wahrscheinlich mehr, als der (heutige) Geist der Menschheit überhaupt erfassen kann…. 🙂

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    1. Und wie fühlt es sich an, sich vorzustellen, keinen Körper mehr zu haben? Stellt sich dann nicht ein körperliches Wesen vor, keinen Körper zu haben? Ich bezweifle nicht, dass wir durchaus auch körperlich sein können. Ich bezweifle auch nicht, DASS wir uns das vorstellen können. Aber das bleibt Gedanke, WIE das wäre … Daran hapert es. Ich habe gerade versucht mir vorzustellen ein Energiefeld zu sein. Das ist schief gegangen, ich habe mich dabei entladen. 🙂

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  2. Ich für meinen Teil habe oft das Gefühl, dass mein Körper lediglich eine Art Transportmittel ist, der meinen Geist von A nach B bringen kann. Ein Fortbewegungsmittel, das es meinem „mens“ ermöglicht, viele Eindrücke zu sammeln. Ansonsten finde ich Körper manchmal überbewertet….

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    1. Nope, kannte ich noch nicht. Einige der verwendeten Autoren schon und beim ersten Querlesen hatte ich schon das Gefühl, dass das grob in die Richtung geht, an die ich auch denke, nämlich den Gedanken des Gegenüber zu einem wichtigen Punkt zu machen. Das werde ich mir in Ruhe noch einmal zu Gemüte führen. Ich habe zum Thema „ich und du“ auch irgendwo noch ein Gedankenbruchstück. Dank dir jedenfalls für den Text, da scheint mir einiges drin zu stecken. Erstaunlich füreinen Psychologen *hust, Vorurteile herunterschluck*

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