Willkommen zu einer kleinen Gedankenreise. Wer mein momentan schlummerndes Zweitblog kennt, weiß um meine Besessenheit vom Tod. Bevor ihr die Polizei ruft: Das ist ein rein intellektuelles Interesse, ich laufe noch nicht einmal schwarz gewandet herum, sondern bin ausgesprochen bunt gekleidet. Ein Aspekt der Frage nach dem Tod ist die Frage nach dem Umgang mit der Unsterblichkeit und nach dem ewigen Leben in dieser Welt. Dazu gibt es eine Blogparade von Hirngespenster, an der ich mich gern beteilige.

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Das Leben endet meistens hier. Doch was, wenn nicht?

 

Voraussetzungen

Ich halte es für unmöglich, sich den eigenen Tod vorzustellen, weil ich dadurch in eine Situation gerate, in dem ich mir eine Welt ohne mich vorstelle. Da ich mich nun aber in die Welt ohne mich denke, bin ich in der Welt ohne mich präsent und produziere einen Widerspruch. Die Welt, die ich mir ohne mich vorstelle ist immer noch meine Welt. Deshalb halte ich den eigenen Tod nicht nur für unvorstellbar, sondern behaupte außerdem, dass der eigene Tod ein Übel ist, weil die Vorstellung einer Welt ohne mich, die ich mir aber ohne mich gar nicht vorstellen kann, eine tiefe Kränkung des Ego bedeutet. Diese Kränkung lässt sich abmildern, mit ihr lässt sich umgehen, dennoch ist die Vorstellung unseres Todes eine Beleidigung und ein Drama (hier passt der Bezug zum Theater).
Von diesem eher intellektuellen Übel einmal abgesehen ist der Tod auch dahingehend ein Übel, dass er mit der Neugierde auf die Zukunft bricht. Das Leben wird weitergehen, die Menschheit wird sich entwickeln und ich darf daran nicht partizipieren. Der Tod ist nicht nur ein Übel, das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit ist außerdem eine Unverschämtheit des Universums.

Das Szenario

Stellen wir uns nun vor, die gute Fee kommt vorbei und erfüllt mir den Wunsch der Unsterblichkeit: Ich bleibe in meinem Alter, werde nicht krank usw. Es ist also gesichert, dass die Unsterblichkeit keine körperlichen Beschwernisse mit sich bringt. Die Bedingung ist: Nur ich werde unsterblich, alle anderen Leben bleiben limitiert. Die Frage lautet nun: Würde ich das wirklich wollen?

Zunächst…

Eine reizvolle Sache für den Anfang. Ich könnte entspannt an meiner Karriere arbeiten, ohne Druck zu spüren. Ich müsste mir keine Gedanken über die Absicherung im Alter, Pflegebedürftigkeit oder Work-Life-Balance machen. Ich könnte das materielle Leben kompromisslos genießen, weil ich plötzlich ganz viel Zeit und potentiell unendliche Ressourcen habe. Ich muss nicht jede Gelegenheit nutzen, um mich zu profilieren, weil ich weiß, dass ich später auch noch Gelegenheit habe. Wahrscheinlich würde ich mich erst einmal wieder an eine Uni verziehen und noch einmal hundert Jahre studieren.

…doch dann…

Die Leute um mich herum werden älter, sie werden gebrechlich und sterben plötzlich. Meine Eltern, meine Freunde, meine Geschwister. Ich lebe in meiner eigenen Welt, von meinem Umfeld getrennt, weil ich mir so viel weniger Gedanken machen muss als sie. Was mich zunächst zu befreien scheint, gibt mir neue Zwänge auf. Egal, mit wem ich mich anfreunde, ich muss in Kauf nehmen, den Freund irgendwann zu verlieren. In der Ehe geht man davon aus, dass man bis zum Ende zusammen bleibt und wenn es seinen natürlichen Gang geht, wird man ein paar Jahre nach seinem Ehepartner ebenfalls abtreten. Wahrscheinlich wird das zu einer gewissen Depression führen und Unlust, sich mit den normalen Menschen, die man sowieso verliert, abzugeben. Mit den zunehmenden Erfahrungen hat man zudem schon so viel gesehen, so viel erlebt. Das Neue wird weniger und ist beschwerlich zu finden. Überdruss macht sich breit.

Wirklich?

Vereinfacht gesagt ist die Unsterblichkeit also langweilig. Man muss schon ein Eremit oder Misanthrop sein, um so leben zu wollen. Das ist grob die Position, die Bernard Williams in seinem Aufsatz „Die Sache Makropulos“ entwickelt (in „Probleme des Selbst“ erschienen). Das klingt plausibel. Vielleicht kommt man nicht sofort zu dem Schluss, aber wenn man einmal 500 Jahre immer wieder neue Freunde suchen musste, wird man der ganzen Sache wohl überdrüssig.
Damit das so ist, müssen aber einige weitere Dinge bedacht sein und muss mindestens eine weitere Voraussetzung gelten. Fangen wir mit der Voraussetzung an.

Die Zahl des Neuen ist begrenzt

Damit sich Langeweile breit macht, muss es ab einem gewissen Zeitpunkt nichts Neues mehr zu entdecken geben. Irgendwann hat man alles schon einmal gesehen. Fortschritt ist damit kein wirklicher Fortschritt, sondern nur die Wiederholung bekannter Motive in neuer Zusammensetzung. Die ewige Variation über dem gleichen Motiv hat, folgt man Williams, zwar eine gewisse Zeit lang ihren Reiz, wird aber irgendwann öde.
Zunächst kann man einwenden, dass es sicherlich spannend ist zu sehen, ob es nicht irgendwann zu einer verblüffenden Variation kommt, mit der man nicht gerechnet hat. Viel wichtiger finde ich aber den Einwand, dass die Menschheit sehr wohl in der Lage ist, substantiell Neues zu schaffen. Egal ob in der Geisteswelt, in der Kunst oder ganz profan in der Technik: Es gibt so etwas wie Fortschritt und Entwicklung. Der ist zwar nicht notwendig, aber er ist eine stete Möglichkeit des Menschen, der darauf aus ist, sich zu entwickeln und zu wachsen. Das macht meiner Meinung nach einen wichtigen Teil der Conditio Humana aus … Selbst dann, wenn die gesamte Menschheit unsterblich wäre.
Erklären wir also die Welt zu unserem Beschäftigungsfeld, wird uns auch nach 500 Jahren nicht langweilig werden, weil sie immer in allen möglichen Bereichen das Potential hat, uns zu verblüffen. Das Neue ist ebenso unbeschränkt wie unser Unwissen. Das Wissen der Welt wächst Tag für Tag, ohne dass wir mit dem Lernen hinterherkämen. Der Unsterbliche kann zwar mehr Wissen erwerben, aber nicht alles wissen und hat immer einen Ansporn, Neues zu entdecken.

Menschliche Beziehungen

Der zweite Punkt, der uns die Unsterblichkeit sauer machen könnte, ist die Sache mit den sozialen Beziehungen. Auch dies wird das Problem allgemein überbewertet. Dafür gibt es zwei Gründe:
1) Der Mensch kann sich wunderbar an sich ändernde Umstände anpassen. Am Anfang wird er betrübt sein, sich häufig neue soziale Kontakte suchen zu müssen, aber er wird irgendwann Routine gewinnen. Außerdem bedeutet jeder neue Freund im Leben ein neues Abenteuer, weil kein Mensch wie der andere ist.
2) Viel wichtiger ist die Irrigkeit der Vorstellung von „Wir bleiben ewig zusammen.“ Jede Freundschaft und Beziehung lebt davon, dass beide Partner gleichberechtigt sind. Insbesondere im Fall der Freundschaft schließt dies die Möglichkeit ein, dass der Freund irgendwann geht. Verweigern wir ihm das, machen wir ihn zum Besitzstück und die Beziehung ist nicht mehr gleichberechtigt. Im Idealfall bleibt man zwar ewig befreundet oder zusammen, bis in den Tod oder darüber hinaus, aber die MÖGLICHKEIT DES ENDES ist in jeder menschlichen Beziehung angelegt. Sie ist ein Zeichen für die Autarkie der Individuen als Individuen in der Beziehung. Das kann man sich bewusst machen, manch ein klammernder Zeitgenosse mit immensen Verlustängsten sollte das sogar tun. Denn das Risiko macht jede Beziehung genau so spannend wie die Verlässlichkeit.

Bringen wir den zweiten mit dem ersten Grund zusammen, sieht unsere Zukunft weniger düster aus. Nachdem wir akzeptiert haben, dass menschliche Beziehungen immer Gefahr laufen zu enden, können wir einen produktiven Umgang damit suchen, jenseits von Enttäuschung und Menschenscheu. Das wird zum Teil unseres Lebens wie für andere Menschen Krankheit oder Tod. Ein ewiges Leben bedeutet nicht, dass wir sorgenfrei wären, sondern andere Probleme als die Sterblichen haben. Lebensführung geschieht dennoch nicht von selbst.

Und du?

Ich würde also freudestrahlend die Gelegenheit ergreifen, unsterblich zu werden. Reisen ins All, der erste Kontakt zu Außerirdischen, künstliche Intelligenz, Weltfrieden, neue Formen des Wirtschaftens und des künstlerischen Schaffens … Es gibt so viel, das ich gern erleben würde. Meine Neugier ist nach wie vor unersättlich und manchmal ächze ich unter den Informationen, die ich mir in kurzer Zeit einverleiben will. Die Alternative dazu ist, irgendetwas nicht zu wissen. Das ist unvermeidlich, aber ich habe es in der Hand, so viel zu sehen, hören, erleben wie möglich. Ich lebe intensiv, weil jeder Tag mein letzter sein könnte. Mit der Unsterblichkeit würde ich es genau so machen: Intensiv leben, aber entschleunigter. Mit noch mehr Zeit für Muße, mit weniger Sorgen um die Zukunft und voller Freude auf das, was mich noch erwarten wird.

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20 Kommentare zu „Plötzlich unsterblich

  1. Ganz spontan musste ich an die „Highlander“-Filme denken, wenngleich die diesen Aspekt ja nur im ersten Teil (und auch dort nur als Nebenschauplatz) thematisieren. Das wahrhaft spannende Element an einer Unsterblichkeit wäre ja nun für mich eher die Möglichkeit, sich nach und nach in alle möglichen Kulturen einleben zu können, ohne den Druck zu haben, bald wieder in das „alte Ich“ zurückzukehren, wie es unsereins mit Urlaub oder Studienreise geht. Das wäre doch ein unglaublich faszinierendes Leben: Alle Winkel der Erde nach und nach aus der jeweils anderen Perspektive erleben — welche Perspektivenwechsel sich da ergäben!

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    1. Ein weiterer Punkt auf der Liste der sich ewig ändernden Themen, denn es ist ja nicht damit getan, alle Kulturen der Welt nach und nach kennen zu lernen. Wenn man sie alle durch hat, kann man wieder von vorne anfangen, weil sich jede Kultur ändert, neue Kulturen entstehen, etc. pp. Definitiv noch eine Möglichkeit für all diejenigen Menschen, die es nicht so mit meinen technokratischen Zukunftsvorstellungen haben. Danke für die Ergänzung!

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  2. Weil Menschen gern unsterblich wären,haben sie die Götter erfunden.

    Uns bleibt nur in diesem Leben unsere Sehnsüchte zu leben.
    Ich finde es gut so, es schafft Veränderung, durch die Leben,nicht Statik, entsteht.

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    1. Leben ist bis zu einem gewissen Grad aber auch nur die stete Reproduktion der Form und der Kampf gegen das ungeordnete Chaos. Widerstand gegen die Entropie. Wenn alle Menschen ewig leben, funktioniert mein Gedankenexperiment in der Tat nicht mehr, dann müsste man einen ganz anderen Ansatz wählen (die Menschheit müsste dann allein schon notgedrungen die Reproduktionsrate massiv drosseln, die sozialen Beziehungen würden ganz andere Probleme verursachen). Deshalb danke für den wichtigen Hinweis, hier geht es nur um die subjektive Perspektive.

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  3. Erstrebenswert ist die Unsterblichkeit für mich nicht. Dein Beitag erinnert mich an „Das Bildnis des Dorian Grey“. Unsterblichkeit ist so ein Begriff der Menschen. Wer weiß denn, ob es nach dem Tode nicht irgendwie anders weitergeht? Als Energiefeld zum Beispiel. Ohne einen Körper, der krank und gebrechlich werden kann. Aber selbst wenn es nicht weitergeht, so haben wir in der Welt unseren Stempel hinterlassen, Eindrücke vermittelt, das ein oder andere Leben in andere Bahnen gelenkt. Ganz schön viel, was ein einzelner Mensch so zu Lebzeiten vollbringt. Manchmal sogar ohne eigenes Zutun. Einfach durch seine Präsenz. Wenn man dann also irgendwann körperlich nicht mehr existiert, so sind wir doch nicht vom Erdball verschwunden. Jeder hinterläßt eine Art Erbe auf der Welt. Und das reicht mir. 🙂

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    1. Ich bin dafür zu nüchtern: Wir können nicht wissen, was danach kommt, weil wir menschliche Wesen, also körperlich-geistige Einheiten sind. Daran ist unsere Vorstellung gekoppelt. Ein Dasein ohne Körper ist als Mensch unvorstellbar. Also selbst wenn da was Anderes kommen sollte, darauf dass es mir gefallen wird, würde ich mich nicht verlassen.

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  4. Also, ich persönlich sehe den Körper eh nur als Hülle, die zwar gut gepflegt sein will, damit sie bis zum Ende durchhält, aber das Wesentliche bleibt für den Betrachter unsichtbar….Und dieses Unsichtbare (nennen wir es mal Seele) kann doch ewig weiterleben. In einem anderen (neuen) menschlichen Körper, in einem tierischen Körper, irgendwo anders im Universum…..Wissen kann das eh keiner und glauben kann man (fast) alles. Vorstellen kann ich es mir. Warum auch nicht? Die Vorstellung, all die Jahrhunderte/Jahrtausende im vollen Bewusstsein in diesem Körper weiterzuleben und alles an mir vorbeiziehen zu sehen ist mir irgendwie schwieriger vorstellbar, bzw. ertragbar….dann lieber jedes Mal wieder „von vorne anfangen“ in welcher Form auch immer. Man kann sich dann ja an das vorherige Leben nicht mehr erinnern….;-)

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    1. Ich bin ja auch kein großer Fan von übertriebenem Körperkult, aber so ganz ohne Körper geht das mit unserer Existenz als unserer nicht. Die Pointe der Reinkarnationslehre ist m. E. ja, dass wir über das Vorleben nichts wissen. Ich würde das ergänzen um „nichts wissen können“, weil unser Modus der Weltwahrnehmung von unserem ganz eigenen Körper (für die „Eingeweihten“: Ja, man kann auch Leib sagen, ich mag den Terminus aber nicht) bestimmt wird. Klassisches Beispiel: Für jeden von uns fühlt es sich irgendwie, aber einzigartig an, Schoko-Eis zu essen. Und deshalb bringt mir als gerade konkretes Zeilenende Reinkarnation nichts. Auch der Upload meines Bewusstseins in einen PC ist nicht so prall, weil dann Zeilenende weg ist und nur noch die Zeilenende-KI übrig bleibt. Und die ist ein eigenes Wesen. Der Geist ist eben nicht das eigentliche, sondern die körperlich-geistige Einheit, die ist schon genug Veränderungen unterworfen. Die Unsterblichkeit ist auch für sie ein Problem und kaum angemessen vorstellbar, aber kein so großes Problem wie andere Formen der Unsterblichkeit. Zumindest wenn man von einer Kontinuität der Person sprechen mag. Aber zur körperlich-geistigen Einheit muss ich wohl mal was eigenes schreiben. Ich wollte doch jetzt Blogs lesen, ihr fresst meine restliche Freizeit, ihr Lumpen!

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      1. Ja, die Untiefen der Beitragskommentare können einen eine ganz schöne Weile aufhalten…Geht mir auch öfter so….Dann lese jetzt mal Blogs, die das sicher genauso verdient haben, gelesen zu werden, wie Deine :-). Unsterblichkeit (genauso wie Ewigkeit als solches) Ist auf jeden Fall ein Thema, das einem Knoten in die Hirnwindungen machen kann und ich liebe es, über so etwas nachzudenken. Zumindest manchmal und bis kurz vor´s Wahnsinnigwerden. Dann sollte man auch besser aufhören….:-D in diesem Sinne: Schönen Abend und viel Spaß beim Blogs lesen!

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      2. Zu spät, ich habe gerade den Beitrag fertig skizziert, irgendwann nächste Woche kommt er online. Geht um Körper, Geist, Unsterblichkeit und eine hoffentlich weitere überraschende Pointe, nämlich mein ethisches Leib-und-Magen-Thema. Von daher danke ich dir für deine Anregungen, das mal wieder – diesmal in Kürze – auazuarbeiten. 🙂

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