Emoji-Rassismus

Teil 2 meines Nachdenkens über Emojis. Nach ihrer Funktion geht es heute um die Ästhetik von der kleinen Gesichter. Die birgt genau so erstaunliche Implikationen wie die Bedeutung der Emojis.

Jeder, der mindestens mein Alter hat, kennt die vielen süßen Smileys, die kleinen Brüder von Pacman. Im Gegensatz zu ihrem großen Bruder sieht man sie von vorn und nicht bloß von der Seite. Es gibt sie in beweglich und starr, es gibt sie in fröhlich, traurig, nachdenklich, niedergeschlagen, wütend, betrunken, verwirrt, gleichgültig, teilnahmslos, als Engel und Teufel, mit Sonnenbrille und Kaffeetasse, verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden. Was sie eint (bis auf ein oder zwei Ausnahmen): Sie sind gelb. Die beiden Ausnahmen, die mir einfallen, sind schweinchenrosa und grün.

Das halte ich für wichtig und gut. Gelb ist eine typische Hautfarbe, wenn man ein Simpson ist. Da die wenigsten Menschen auf dieser Erde gezeichnete Comicfiguren sind, ist gelb gut geeignet, um Universalität zu symbolisieren. Es gibt bei den Simpsons zwar auch Charaktere mit anderen Hautfarben, die unglücklicherweise schwarz und braun sind statt grün und schweinchenrosa, aber das hier ist kein Beitrag über die Simpsons.

Gelb ist toll. Ich bin nicht gelb, aber ich schicke gelbe Smileys durch die Welt. Kein Mensch auf der Welt ist gelb im Gesicht und dennoch schickt jedermann gelbe Smileys durch die Gegend. Chinesen sind nicht gelb im Gesicht, das ist nur ein hartnäckiges (und einigermaßen rassistisches) Klischee. Warum zum Henker brauchen wir plötzlich also die Diversifizierung in weiße und schwarze Emojis und das ganze breite Repertoire an Nuancen dazwischen, kreolische, südostasiatische, arabische Emojis?

Vielleicht hat es was mit der Angst vor Rassismus-Vorwürfen zu tun. Die Emojis sollen die ganze Vielfalt der Welt abbilden. Da gibt es dann blaue Gesichter mit Pausbäcken, zweiter Nase, Vampirfangzähnen und drittem Auge auf der Stirn, damit auch die Marsianer sich noch über ihre Emojis in unserer Kommunikation diversifizieren können. Eine neue Emoji-Ordnung wird etabliert.

Jede Ordnung unterteilt, grenzt ab, ordnet und kategorisiert. Die Smileys der ersten Stunde hatten noch nicht einmal graphische Repräsentanten, sie waren einfach : – ) . Keine Hautfarbe, keine besondere Physiognomie, von Augen, Nase, Mund abgesehen. Wahrer Universalismus. Die Idee, sie gelb zu gestalten, war ein großer Wurf, denn die Gesichter waren auch für Nicht-Nerds leicht lesbar und haben so wahrscheinlich maßgeblich zur Popularisierung beigetragen. Dabei waren sie eben genau NICHT rassistisch. Aber statt die gelben Kerlchen als Beitrag zur Überwindung von Hautfarbenstereotypen zu verstehen, zwingen wir ihnen unsere Hautfarbenordnung auf. Warum den gelben dicken Grinser nehmen, wenn ich weiß und mit schmalem Gesicht bin? Bewusst oder unbewusst, durch die Wahl produziere ich mich als „Mitglied der weißen Rasse“, indem ich im Internet meine Hautfarbe zum Teil meines Statements mache, perfiderweise mit einer scheinbar harmlosen Grafik. Aber die Grafik perpetuiert die Einteilung von Menschen anhand eines bestimmten Merkmals – und dann auch noch des Merkmals Hautfarbe. Hautfarbe ist unwichtig, zufällig und wegen seiner langen Geschichte wahrlich sehr viel belasteter als die Form des Kinns. Warum sprechen eigentlich alle immer über Hautfarbe, Augenform und Nasengröße, aber nie über das Kinn? Es gibt kantige, runde, doppelte, verschwundene, …

Ja, wir sind alle unterschiedlich. Ich finde gelebte Diversität toll. Ich kann auch nachvollziehen, dass es etwas von Empowerment hat, wenn man Symbole so wählt, dass man seine Zugehörigkeit zu einer unterdrückten Gruppe ausdrückt. Das macht aber nur Sinn, wenn man seine eigenen Symbole gegen die unterdrückenden Mehrheits-Symbole wendet, in unserem Fall: Wenn die Emojis Bleichgesichter wären.

Stolz zu sein auf die eigene Herkunft und Anerkennung einzufordern, gleichen Respekt und gleiche Behandlung wie die „Normalos der Mehrheit“ funktioniert nur auf Basis der Idee einer freien und gleichen Menschheit. Und die kleinen gelben Knubbelgesichter repräsentieren genau das. Indem wir alle gelb, rund, knubbelig sind, drücken wir aus, dass wir im Netz alle gleich sind. Mit Hautfarben-Emojis decken wir keine Unterschiede auf, sondern generieren sie erst. Schlimmer noch: Wir definieren gewisse Unterschiede wieder neu als bedeutsam und zwingen die Benutzer dazu, sich irgendwo einzuordnen: Bin ich „weiß“ oder bin ich nicht doch „ein wenig braun“? Bin ich „noch braun“ oder bin ich „schwarz“? Und warum verstecke ich mich hinter einem gelben Emoji? Habe ich etwas zu verbergen? Ethnische Emojis fördern nicht den Pluralismus, sie untergraben dessen Basis des Universalismus. Also weg mit dem Gerümpel, nur noch unsere gelben Freunde! Oder, noch besser: Für jeden Bürger auf Erden ein individuelles Set. Für mich bitte gelb 🙂

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2 Kommentare zu „Emoji-Rassismus

  1. Ich finde diese bunten Männeln genauso überflüssig wie die von vielen Frauen verlangten Bezeichnungen mit -In…also ProfessorIn…z.B.
    Für mich hat das nichts mit Gleichberechtigung oder Rassismus zu tun, es ist die ach wer weiß was sonst alles passieren könnte Manie überforderter Ich -wär -so -gerne gut Menschen

    Gefällt 1 Person

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