Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen (und wie es zu diesem Buch kam)

Ich besitze so viele ungelesene Bücher, dass ich gelegentlich den Überblick verliere. Das liegt teilweise womöglich daran, dass sie ziemlich unsortiert in einer großen Kiste und mehreren Stapeln am Fußende meines Bettes stehen. Wenn ich mich wohntechnisch einmal erweitern sollte, bekommen die ungelesenen Bücher dort ein eigenes Regal.

Diese Masse, gepaart mit der Unübersichtlichkeit führt dazu, dass ich manchmal ein Buch auslese und nicht so recht weiß, welches ich nun anfangen soll. Einfach das Oberste vom Stapel zu nehmen geht nicht, weil es verschiedene Stapel gibt. Und die obersten Bücher der Stapel sind manchmal alle gleich ansprechend – oder wenig ansprechend für den Moment. Ich behelfe mir mit zwei Strategien: Ich stelle immer einen kleinen Stoß von ca. fünf Büchern zusammen, die ich als nächstes lesen möchte. Das dauert zwar mitunter einen ganzen Nachmittag (bzw. immer mal wieder fünf Minuten eines ganzen Nachmittags, wo dann umarrangiert und überlegt wird), aber daran bemühe ich mich zu halten. Funktioniert aber auch nur, weil mir neue Bücher ja höchst selten ins Haus kommen.

Zum Anderen behelfe ich mir mit einer so genannten Monatschallenge auf einem Bücherforum. Jeder Monat des Jahres ist einem spezifischen Thema gewidmet und dazu lese ich eines meiner ungelesenen Bücher. Im Juli ist es „Lies ein Buch, auf dessen Cover das Element Wasser vorkommt“. Das war gar nicht so einfach, da ich momentan keine ungelesenen Seefahrerromane da habe, zumindest keine, für die ich in Stimmung bin oder die Vorgeschichten schon gelesen habe. Es blieb nur ein einziges Buch, Daniel Glattauers „Alle sieben Wellen“. Dabei bin ich eher zufällig in den Besitz dieses Buches gelangt.

Ich habe wohl schon einmal erwähnt, dass ich Mitglied beim Club Bertelsmann bin. Das ist altmodisch, aber für eine Leseratte nicht so schlimm. Ich finde auch im Clubangebot, das irgendwo zwischen Rosamunde Pilcher und Karen Slaughter oszilliert, eigentlich doch immer was, auch wenn ich weder zur Schmonzetten- noch zur Thriller-Fraktion der Leserschaft gehöre. Jedenfalls flatterten eines Tages Gutscheine in meinen Briefkasten, die jedes Buch um noch einmal 2,50€ günstiger machten. Und da ich solche Angebote nicht verkommen lasse, marschierte ich in den Laden und kaufte die drei nächstbesten Bücher, die ich sah. Daniel Glattauer kannte ich bis dahin nur als Kolumnisten und aus positiven Besprechungen im Feuilleton. Beides sprach für ihn. Aber er verschwand erstmal eine ganze Weile in meinen Bücherstapeln, weil es doch eher eine Liebesgeschichte sein solle und die bei mir nie Priorität haben. Ich muss sagen: Gut, dass ich sonst keine Bücher mit Wasser auf dem Cover habe.

Leo und Emmi waren so etwas wie ein Paar. Die Geschichte der Beiden wird in „Gut gegen Nordwind“ erzählt, aber das muss man nicht gelesen haben, um der Geschichte folgen zu können. Das wird uns auf dem Waschzettel verraten und da ich besagtes Buch nicht gelesen habe, kann ich die Aussage bestätigen. Aber das wird sicher einmal nachgeholt werden.

Jedenfalls herrschte Funkstille zwischen Leo und Emmi, bis Emmi sich ein Herz fasste und sie zu überbrücken versuchte. Doch sie wurde enttäuscht, ein Kontakt war nicht möglich. Denn „Alle sieben Wellen“ ist kein gewöhnlicher Roman, sondern ein Briefroman, gut, eigentlich ein E-Mail-Roman, aber da sollten wir nicht spitzfindiger sein als ein analytischer Philosoph. Wir erfahren also nur, wie Leo und Emmi schriftlich miteinander verkehren. Damit haben wir aber keinen Nachteil den Beiden gegenüber, denn sie kennen sich nicht persönlich. Sie haben eine Liebesbeziehung per elektronischer Post geführt. Bis sie sich treffen wollten und Leo dann doch kalte Füße bekam und erst einmal verschwand.

Das ist die Ausgangssituation, in der Emmi ein schlichtes „Hallo“ in den Äther schickt, das prompt (10 Sekunden später) vom Systemmanager beantwortet wird, der Emmi automatisiert mitteilt, dass der Empfänger die Adresse geändert hat und unter der bisherigen nicht mehr zur Verfügung steht. War es das? Ohne zu wissen, wie der Gegenüber aussieht, ohne zu wissen, ob er noch dort wohnt, wo er wohnt (ich bin mir nicht sicher, ob Top 15 ein Hinweis bloß auf die Wohngegend oder auf die Wohnung selbst ist, ich nehme aber an, es ist Ersteres), nicht einmal, ob er noch lebt. Doch es geschieht das Wunder und Leo antwortet. Es entspinnt sich ein Dialog.

Der Dialog ist dabei nie langweilig. Leo und Emmi kommunizieren zwar miteinander, aber das miteinander kommunizieren fällt ihnen schwer. Sie sprechen vor Allem zu Beginn häufiger über den jeweils anderen, versuchen das Gegenüber und sein Verhalten zu analysieren, ja selbst zu analysieren, wie es auf eine Äußerung reagieren wird, statt einfach die Äußerung zu tun. Sie sind gefangen auf der Meta-Ebene, aus der sie erst langsam auszubrechen beginnen, als sie sich wieder daran gewöhnen, miteinander zu schreiben und die analytische Maske durch die alkoholische Maske ersetzt wird. Chatten und Mailen im Suff – da kann wohl jeder von uns die ein oder andere Geschichte erzählen. Aber es bringt die beiden näher.

Natürlich tun sich immer neue Gelegenheiten auf, die Meta-Ebene zu bemühen. Leo macht es subtiler, über Fragen, Emmi gern über Listen. Sie wirft ihm dieses Meta-Sprechen vor, doch sie ist kaum besser. Aber im Laufe der Zeit lassen sie nach. Sie kommen sich wieder näher. Sie kommen sich sogar körperlich näher, denn endlich treffen sie sich. Doch damit anzufangen wissen sie erstmal nichts. Hin und wieder verletzen sie sich, dann herrscht Schweigen, was die Verletzung vertieft. Doch diese Verletzungen haben auch etwas Gutes, denn sie durchdringen den Panzer und lassen im Ungesagten tief in die Seele der Protagonisten blicken. Dort lauert der moderne Mensch: Hilflos, überfordert, nicht in der Lage, sich selbst zu erkennen, sondern immer auf die Anderen angewiesen, um sich selbst zu erleben. Andererseits gar nicht mehr an echten Erlebnissen interessiert, denn dann könnte es passieren, dass der moderne Mensch zu groß wird für seinen Schutzpanzer. Deshalb versteckt er sich hinter seinen Mails, seiner Ironie, seiner ständigen Analyse, die von der Realität abstrahiert und auch seinem Schweigen.

Glattauer erzählt eine atemberaubende Liebesgeschichte, die einem rasanten Tempo folgt. Auch wenn er angibt, wie lang es dauert, bis Leo Emmi oder Emmi Leo antwortet, die Geschichte entwickelt einen Sog, dass man es schnell überliest, dass eine Antwort ein paar Stunden oder Tage gedauert hat, bis man den Ärger/die Verzweiflung von Leo oder Emmi darüber präsentiert bekommt. Die Mail ist doch eigentlich ein großer Beschleuniger, aber da geht man auf den Leim. An einer Stelle sagt einer der Beiden (ich glaube, es ist Leo), dass man auch in der Zeit bei jemandem ist, wenn man auf Antwort wartet, im Gegensatz zum Telefonat, wo man 4/5 der Zeit sparen könnte. Damit wäre die Mail ein Medium der Entschleunigung. Sie schafft Möglichkeiten, innezuhalten und zu reflektieren, was ein Vorteil sein kann, denn in dieser Phase wirkt das Gespräch dennoch nicht unterbrochen, im Gegensatz zum Telefonieren oder den Formen des Instant Messaging. Andererseits ist genau diese Phase des Analysierens ein Problem, guckt man sich den Umgang der Beiden miteinander an.

Aus diesem Problem kommt man wohl nicht heraus, es ist eine Frage, wie man damit umgeht. Glattauer präsentiert seinen Leser/innen nicht bloß eine anrührende Liebesgeschichte voller Sehnsucht, Verzweiflung und tiefen, unerfüllten Wünschen, er liefert auch Reflexionsmaterial darüber, was wir eigentlich wünschen und wollen – und er lädt darüber ein, über unser Kommunikationsverhalten zu reflektieren. Von daher kann ich nur dazu raten, hier zuzugreifen.

P.S.: Wieso schreiben die Verlage eigentlich „Roman“ auf manche Cover? Ich nehme doch mal an, dass die sowieso ne Liste mit an die Buchhändler ausliefern, was Belletristik und was Sachbuch ist, bzw. die das vorher den Katalogen entnehmen, wenn sie ihre Sortimente zusammenstellen. Wenn ich dann aber ans Belletristik-Regal trete, rechne ich ohnehin mit Romanen. Vor Allem, weil selbst Novellen mit dem Hinweis „Roman“ versehen werden, aber eine Buchhandlung ist kein Germanistik-Proseminar, von daher geschenkt. Jedenfalls sind doch Special Interests eher „Drama“ oder „Gedichte“, meinetwegen auch „Anthologien“ oder „Glossensammlung“ (wobei ich die beinahe schon in den Sachbuchbereich stellen würde). Haben die Verlage Angst, dass ich „Alle sieben Wellen“ für einen Surfratgeber halte, der sich bloß verlaufen hat?

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