Jim Mortimore – Babylon 5: Schatten des Todes

Falls mich irgendjemand vermisst haben sollte, so sei gesagt, dass ich in den letzten zwei Wochen einfach zu müde zum Lesen war. Ich lese zumeist ein bis zwei Stunden lang, Abends bevor ich ins Bett gehe und kalkuliere das auch in meine Ins-Bett-Geh-Zeit ein, aber mein Körper war offenbar in den letzten beiden Wochen der Überzeugung, die Zeit lieber zum Schlafen zur Verfügung stehen zu haben. Und tagsüber habe ich sowieso keine Zeit für privates Lesen. Genug gejammert, in medias res:

Wie ich bereits andeutete, tummele ich mich nicht nur im literarischen Star-Trek-Universum, sondern auch in dem von Babylon 5, auch wenn das nicht ganz so schön ausgebaut ist. Aber es gibt schlimmere Dinge im Leben. Babylon 5 ist zwar meine Lieblings-Sci-Fi-Serie (wenn Sheldon das hört…), aber ich bin nicht so verstockt wie in Sachen Star Trek.

Das ändert nichts daran, dass ich es einem Roman nicht durchgehen lasse, wenn er nicht gut ist. Was „Schatten des Todes“ betrifft, bin ich mir da nicht gar so sicher. Fangen wir mit etwas Harmlosem an: Das Cover sieht furchtbar aus. Typische Babylon-5-Romangestaltung des Goldmann-Verlages. Das Logo der Station und die Station selbst darauf sehen ja noch ganz schick aus, aber dann ist in unmotiviertem Rot der Titel des Buches daraufgeklatscht und dann hat irgendjemand eine Promotionphotographie von Bruce Boxleitner aus ner alten Space View ausgeschnitten, sie mit Vaseline eingerieben, damit der gute Captain Sheridan schön glänzt und das dann irgendwie in letzter Sekunde mit Uhu auf den Coverentwurf geklatscht, weil da unten rechts noch ein Eckchen frei war. Schön geht anders, wie gewisse andere Verlage bewiesen haben und immer noch beweisen.

Aber so eine Stilkritik ist ja harmlos. Ich habe – als ich noch neue Bücher gekauft habe – diese durchaus auch nach Aussehen in der Buchhandlung in die Hände genommen, aber die Kaufentscheidung habe ich immer anhand der Zusammenfassung und ggf. eines kurzen Hineinschmökerns in das Buch getroffen. Was sollte euch dazu bewegen, dieses Büchlein antiquarisch zu beziehen? So wie ich das überblicke, gibt es dafür neben der Tatsache, dass die Babylon-5-Romane aus Prestigegründen in jede gut sortierte Hausbibliothek gehören, so ziemlich genau einen Grund: Die Geschichte ist ganz nett gemacht. Kurz gesagt geht es um eine Außerirdische, die zu einer Delegation von Tuchanq gehört. Diese Spezies wurde bis vor Kurzem von den Narn beherrscht und hat sich nach der Unterwerfung der Narn-Heimatwelt durch die Centauri von diesem Regime befreit. Das Problem ist, dass die Narn auf dem Planeten der Tuchanq eine Kriegsschiffindustrie aufgebaut haben. Dieser hat den Planeten vergiftet – das Lied zerstört, wie die Tuchanq sagen. Sie sind nach Babylon 5 gekommen, um von der Erdallianz Hilfe zu erbitten, ihren Planeten via Terraforming o. Ä. vor dem Untergang zu retten.

Zurück zu D’Arc, der Tuchanq, um die es geht. Sie war auf ihrer Heimatwelt für die Eliminierung der Narn-Verwalter zuständig. Als sie nach Babylon 5 kommt, geschieht natürlich sogleich ein Zwischenfall, sie bringt einen Menschen um und soll vor Gericht. Kurze Zeit vor diesem Zwischenfall hat die Erdregierung ihre Gesetze geändert: Mord wird nun mit dem Tode bestraft, auch wenn der Täter oder die Täterin nicht die Bürgerschaft der Erdallianz besitzt. Captain Sheridan schmeckt das nicht, muss es aber hinnehmen. Währenddessen eskaliert die Situation auf Babylon 5, denn Tuchanq war nach den Maßstäben ihres Volkes zum Zeitpunkt der Tat psychotisch – und Gewalt ist auf Babylon 5 sowieso an der Tagesordnung, sie braucht nur einen Anlass.

Soll man eine Person, die zu Prozessbeginn gar nicht mehr die gleiche Persönlichkeit trägt wie zum Tatzeitpunkt, hinrichten? Ist diese Person überhaupt noch diese Person? Der Roman geht der Frage nicht nach, für ihn gibt es eine juristische Position, die Person mit Körper identifiziert und damit für eine Hinrichtung ist, sowie eine moralische Position, die Person mit dem darin wohnenden Geist identifiziert und die Hinrichtung strikt ablehnt. Das Problem wird gar nicht groß diskutiert, vielmehr wird der Topos Todesstrafe unter Inanspruchnahme der moralischen Position als Problem der Gerechtigkeit, die gegen Machtpolitik ausgespielt wird, diskutiert… mehr oder weniger.

Was an und für sich interessant klingt, wird leider nicht konsequent verfolgt. Der Roman ist sehr szenisch komponiert, er springt von Protagonistin zu Protagonist und wieder zurück. Wenn ich mich nicht völlig irre, haben wir zeitweilig vier verschiedene Erzählstränge, die parallel laufen. Was in einer Fernsehserie nicht ungewöhnlich ist, vor Allem wenn sie irgendwann zusammengefügt werden, ist bei einem Roman zumindest dann ärgerlich, wenn sie nicht oder nur halbherzig miteinander verbunden werden. Dies ist im Falle des Stranges um die Frau des Opfers von D’Arc so, dies betrifft auch die Dreiecksbeziehung Vir-Londo-G’Kar und die Anspielungen auf Morden und seine Schatten sind ebenso sehr willkürlich in den Roman eingestreut, ohne der Geschichte wirklich etwas beizusteuern. Zudem werden die Charaktere nicht eingeführt, bzw. nicht richtig. Das ist bei Büchern zu Serien immer schwierig, aber hier ist es grandios schief gegangen. Das Mordopfer wird ausführlich vorgestellt, obwohl es sehr schnell stirbt und keine aktive Rolle mehr einnehmen kann. Man erfährt zwar zusätzliche Dinge über die Seriencharaktere, die diese für Nicht-Gucker auch vorstellen, aber die Nebencharaktere, die im Laufe des Buches (insb. die Reporterin, über die ich das halbe Buch nachgedacht habe, ob sie nicht doch in der Serie vorkommt) eingeführt werden, scheinen zwar wichtig, bleiben aber blass. Außerdem heißt der neue Imperator nicht Narleeth Jarn (das klingt wie ein Narn-Name!) sondern Carthagia.

Charaktere sind nicht gerade Mortimores Stärke. Ivanova, Franklin, Delenn, Vir, G’Kar, Londo sind alle ziemlich holzschnittartig aus der Serie entnommen, Londo fehlt auch einiges an der Tiefe, die diesen Charakter auszeichnet und für die Rolle eines Schurken ungeeignet macht. Was ihm allerdings gelingt und man ihm hier explizit zu Gute halten sollte: Er verpasst John Sheridan einen Charakter. Der sollte ihm dankbar sein, in der Serie hat er nie einen bekommen. Die Innenansichten eines einsamen Kommandanten waren für einen Fan großartig zu lesen, weil ich bislang bezweifelt habe, dass er über Ansichten verfügt.

Das zweite große Ärgernis an diesem Roman ist der unmotivierte Einsatz von Gewalt. Ich habe ja bereits angedeutet, dass ich da etwas empfindlich bin. Ich sehe es auch ein, dass auf Babylon 5 durch die Bombardierung der Narn-Heimatwelt und die anschließende Besetzung durch die Centauri, die Aufspaltung der Drazi in ihre beiden Fraktionen (was nebenbei erwähnt wird), dieses neue Gesetz von Präsident Clark und den verdeckten Aktivitäten in der gesamten Milchstraße (was nicht explizit erwähnt wird, als Kontext allerdings hilfreich ist), die Stimmung an Bord gespannt ist. Gelegentlich sieht man es auf der Serie, die im Grundton immer gereizter wird. Das Problem ist auch nicht, wenn diese Stimmung irgendwann eskaliert. Ein Ärgernis entsteht aber dann, wenn etwa alle 20-30 Seiten, in jeder zweiten oder dritten Szene, mehr oder weniger grundlos eine zünftige Prügelei entsteht, die meistens mit mehreren Toten endet und man das Gefühl hat, die Sicherheitskräfte haben keine Lust, diese Prügeleien einzudämmen und verfolgt werden sie auch nicht. Es wird nebenbei natürlich zünftig gemordet, wovon die Stationssicherheit auch nur am Rande mitbekommt und die Krönung ist der Schluss, in dem mit Sheridan im Zentrum des Ganzen eine Orgie der Gewalt auf knapp 50 Seiten ausbricht und nichts unternommen wird, um die Lage zu beruhigen. Im Gegenteil wird so ruhig und beiläufig der Fokus auf die Gespräche gestellt, dass der Aufstand nur am Rande durchscheint, als ob er gar nicht da wäre. Das war meines Erachtens ein wenig zu viel des Guten und selbst für Science Fiction ausgesprochen unrealistisch (Was nicht heißt, dass es keine realistische SciFi gäbe, aber die Maßstäbe sind zumindest in der Soft Science Fiction/Space Opera recht weich).

Der letzte Punkt, an dem ich herumnörgeln möchte ist der der mangelnden Spannung. Wie gesagt klingt der Plot interessant. Jim Mortimore setzt aber nicht großartig auf grundsätzliche Überlegungen, sondern er will die Handlung vorantreiben. Diese sollte also spannend sein. Das Problem dabei ist, dass aller-aller-allerspätestens nach der Hälfte des Buches feststeht, dass am Ende etwas Unvorhergesehenes passieren wird, weil es entsprechend angedeutet wurde. Es wird auch klar, dass das doppelte Spiel, das gespielt wird, notwendig zu sein scheint, so generös ist der Autor uns durch John Sheridan mitzuteilen. Aber statt zumindest einige versteckte Hinweise auf das große Finale einzustreuen, sodass der Leser Spaß am Überlegen hat, steht man metaphorisch gesprochen frustriert vor einem Vorhang, der allen Schall verschluckt. Man weiß, dass dort hinter etwas geschieht, aber kein Laut dringt hinaus, das Ding lässt keinen Blick hinter die Bühne zu, es bewegt sich nicht einmal. So entsteht leider kein Lesevergnügen, sondern nur Frust, weil der Autor damit signalisiert, er ist nicht versiert genug, um eine doppelbödige Geschichte so zu erzählen, dass man nach und nach dahinter kommt und auch nicht versiert genug ist, hin und wieder eine Andeutung einzustreuen, die den Vorhang doch einmal in Bewegung setzt.

Alles in Allem ist „Schatten des Todes“ höchstens durchschnittlich, eigentlich ist er ziemlich schwach. Wäre der Roman als Drehbuchvorlage angenommen worden, hätte es sich bei dieser Episode wohl um ein Zwischenstück gehandelt, das dazu dient, die Lücken zwischen zwei wichtigen Ereignissen auszufüllen. Für sich allein genommen könnte sie wohl kaum bestehen. So ist das auch bei diesem Roman. Babylon-5-Fans können ihn sich ruhig eine Weile aufsparen und die restlichen Romane lesen, wer mit der Fernsehserie nichts anfangen kann, wird mit diesem Buch noch weniger anfangen können.

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