Besprechung: Robin Sloan – Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Fantasy? Science Fiction? Satire? Utopie? Vielleicht von Allem ein bisschen. Heute geht es um ein Buch, in dem es vorgeblich um Bücher geht, aber eigentlich um sehr viel mehr.

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Ursula K. Le Gui/Virginia Kidd (Hgg.) – Grenzflächen

Im einführenden Interview mit den beiden Herausgeberinnen dieser Science-Fiction-Anthologie findet sich die treffende Erkenntnis, dass Science Fiction zu den literarischen Genres gehört, in denen der Roman nicht tonangebend ist. Sicher, es gibt viele Science-Fiction-Romane, gerade Romane lassen sich im Buchmarkt ja auch ganz gut verkaufen. Aber die Kurzgeschichte spielt eine mindestens gleichberechtigte Rolle neben der Romanform. Sie eignet sich besonders gut dafür, mit neuen Ideen herumzuspielen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob sie sich als Roman gut verkaufen. Manche Ideen lassen sich nur so knapp darstellen, dass eine Auswälzung auf 300 Seiten zu Ermüdung beim Leser/der Leserin führen könnte und die Kurzgeschichte lädt dazu ein, eine kleine Szene detaillierte auszumalen als es in einem Roman geboten scheint. Kurz: Die Science-Fiction-Kurzgeschichte hat ihren ganz eigenen Reiz und es ist schade, dass es mittlerweile nicht mehr so viele Magazine gibt, in denen noch welche veröffentlicht werden.

„Grenzflächen“ ist eine Anthologie, die sehr breit angelegt ist. Die Herausgeberinnen haben die Storys ausgewählt, die ihnen am besten gefallen haben, weil sie kluge Ideen, spannende Geschichten oder phantasievolle Settings bieten. Die Genregrenzen sind dabei nicht zementiert, wie bei den älteren Anthologien üblich, finden sich sowohl Geschichten, in denen klassische Sci-Fi-Themen verarbeitet werden, aber auch einige, die man heutzutage eher dem Fantasy-Genre zuschlagen würde. Es ist eine Versammlung an Geschichten der Phantastik.

„Grenzflächen“ den Beginn eines Aufstandes der Menschen gegen unterdrückerische Schneemänner, die sich verhalten, als sei die Menschheit nicht besser als irgendwelches Vieh, das man gnadenlos ausbeuten kann, wir erfahren in einer saukomischen Geschichte etwas über die Geschichte des Fahrrades, dessen platonische Idealform dafür gesorgt hat, dass auf einem fernen Planeten Lebewesen entstanden sind, die der Form nach Fahrräder sind, zugleich aber übernatürliche Kräfte besitzen, mit denen sie durch die Zeit reisen können, das Verhältnis von Mensch zu Computer, wenn der Mensch beginnt, den Verstand zu verlieren und elementare Bedürfnisse nicht befriedigt werden und gleich mehrere Geschichten, die sich um das Verhältnis vom Menschen zur Erde drehen, die drei lesenswertesten Geschichten, wie ich finde: Zum Einen die Frage, was passiert, wenn man den alten Traditionen nicht mehr folgen kann, weil die Gabe des Vergangenheitssehens verschwindet, stattdessen aber die so Begabten eine ungewisse Zukunft mit einer gehörigen Portion Leid erblicken, dann die Frage danach, ob die Erde ein Bewusstsein hat und ob man sich mit ihr verbinden muss, um wahre Glückseligkeit zu erlangen und schließlich die Frage was passiert, wenn auf einem hochtechnisierten Planeten nach und nach alle Menschen verschwinden und das Ende der Technik absehbar ist. Auch gehen, bleiben und dann: Versuchen, zur Selbstversorgung zurückzukehren oder hoffen, dass die Technik ewig hält?

„Grenzflächen“ bietet einen Rundgang durch verschiedene Themen der Science Fiction, immer mit dem Blick am Menschen, weniger an der Technik. Das Buch bietet viele Stunden des kurzweiligen, abwechslungsreichen Lesevergnügens und immer wieder einen erstaunten, zuweilen nachdenklichen Leser.

William Voltz (Hg.) – Vorstoß nach Arkon (Perry Rhodan Silberband 5)

Frisch von der Wiese, wo ich mich wenigstens anderthalb Stunden hab von der Sonne braten lassen, um vom Sommer doch was zu haben, ein neuer Post. Sieht ein wenig merkwürdig aus, wenn man sich meine bisherige Beitragsveröffentlichung so anschaut, oder? Wird aber bald besser. Es liegen noch zwei Sci-Fi-Bücher (eine Anthologie und ein Babylon-5-Roman) auf dem Mini-Sub, von dem ich euch berichtet habe, dann ist er abgebaut und demzufolge gibt es für euch dann auch wieder mal was zu lesen, was die Leute interessieren könnte.

Das hier vorliegende Werk wird für die geneigten Leser wohl nicht so interessant zu sein. Dafür gibt es mehrere Gründe:

1. Es ist eine Zusammenstellung verschiedener Groschenromane.

2. Es ist schon der 5. Band einer fortlaufenden Geschichte.

3a. Es ist Science Fiction.

3b. Es ist Science Fiction der 60er/70er Jahre (ich bin mir nicht ganz sicher, wann die zugrunde liegenden Heftchen erschienen sind, das mag man mir verzeihen).

Dennoch sollte das Buch hier zumindest erwähnt werden, denn es gehört zu einem Projekt, das ich mir gesetzt habe. Perry Rhodan ist neben der Raumpatrouille der einzig nennenswerte Beitrag zur Science Fiction, der aus Deutschland bislang gekommen ist und im Gegensatz zur Raumpatrouille ist er wesentlich langlebiger, denn die Heftchen gibt es bis heute. Ich bin in meiner Jugend mit ihm nie so ganz warm geworden, weil ich immer mittendrin irgendwo eingestiegen bin und das alles sehr verwirrend fand und mit dieser Heftchenform auch nicht viel anfangen konnte. Mein Vater fand ihn in seiner Jugend aber großartig. Da dachte ich mir: Naja, du hast eine Schwäche für antiquierte Science Fiction, die besten Heftchen gibt es in Buchform, also kauf dir mal ein paar. 3, 2, 1 schon waren die ersten fünf Silberbände meins und wurden sukzessive von mir gelesen. Ich stehe also am Ende meines ersten Lesezyklus und weiß zu berichten:

Die Perry-Rhodan-Reihe hat ihren Charme. Die Menschheit ist damit beschäftigt, sich zu einer Einheit zusammenzuschließen, während der Held Perry Rhodan mit seinen diversen Raumschiffen den Planeten Erde davor zu schützen, dass böswillige außerirdische Mächte in den Besitz der Koordinaten seines Heimatplaneten gelangen, damit niemand dessen Griff zu den Sternen verhindern kann. Denn die Erde ist nur zufällig in den Besitz von überlegener Technologie gekommen.

Der gute Perry erweist sich dabei stets als klug, geradlinig und unnachgiebig. Steht er vor einem unlösbar erscheinenden Problem, kann der Leser davon ausgehen, dass er in der nächsten Minute einen Plan entwickelt hat, der selbst die beiden Arkoniden Crest und Thora, denen er die Technologie verdankt, die er benutzt, verblüffen. Gut, die sind dank der Dekadenz ihres Volkes schon ein wenig verblüht, aber immer noch von ebenfalls überlegenem Intellekt. Aber gegen Perry sind sie nichts. Außerdem sind sie manchmal so weichherzig, auch wenn Thora die Menschheit gern vernichtet hätte. Vielleicht nicht weichherzig, aber zumindest zögerlich. Das ist Perry nicht, er ist sogar ein wenig kaltschnäuzig. Wenn Gewalt (natürlich dosiert, nie überzogen und unnötig) für den Schutz der Erde eine Option ist, dann wird sie gezogen. Beobachten, abwarten, verhandeln liegt ihm alles nicht. Perry ist halt ein ganzer Kerl. Am Ende des fünften Bandes klaut er ein neuartiges riesiges Raumschiff mit gerade einmal 50 Helfern, direkt von der zentralen Werft Arkons, wohin er Thora und Crest gebracht hatte. Aber Arkon war endgültig zerfallen, also musste Perry handeln. Und die Entführung gelingt ihm sogar, obwohl fast seine gesamte Crew nebenbei eine Übermacht von Kampfrobotern zurückschlagen musste und der Start in aller Eile erfolgte. Der eigentliche Zeitplan war schon hinfällig. Klingt vielleicht ein wenig konfus, aber wie gesagt, kein Problem für Perry. Der ist ein ganzer Kerl, ein harter Hund.

Alles in Allem ein wenig unzeitgemäß. Als heutiger Leser denke ich mir, dass Perry Rhodan ein wenig brutal ist. Dass ihm ständig sofort irgendwelche Lösungen einfallen für Probleme, die sich ihm stellen, seien es planetare Grippewellen, die eigentlich ganz harmlos sind, um die Springer zu vertreiben oder die gern genutzte Infiltration von irgendwelchen Basen mit seinen Mutanten (die ein wirklich spannender Aspekt sind, weil sie zwar vorhanden sind, aber von den Autoren nicht übermäßig eingesetzt und ihre Wirkung beim Leser/der Leserin damit strapaziert wird), was wegen der vielen unbewachten Ecken und der dämlichen Wachroboter immer auf Anhieb klappt, ist, wenn man es so gerafft darstellt, ein wenig anstrengend. Aber wir haben es hier ja auch mit einer Kompilation von Heftromanen zu tun, wo jede Woche ein Abenteuer zu bestehen war und der Held am Ende der strahlende Sieger sein musste. Oder alternativ: Es musste ein bedrohlicher Cliffhanger geschaffen und in der nächsten Woche aufgelöst werden. Man liest die Reihe im Original damit nicht so intensiv wie einen Roman.

Das kann man kompensieren, indem man einfach langsam liest. Dann sind die Silberbände ein herrlich nostalgisch Ding, das zudem einfach zu lesen ist, keine schwerwiegenden Probleme wälzt, manchmal in moralischer Sicht herrlich altmodisch ist(Perrys Gedanken zum Thema Frauen sind einfach zum Schießen) und den Helden am Ende das Raumschiff bekommen lässt. Und entweder war ich als Teenager noch nicht bereit für den leicht ironischen Blick auf die Serie, ich bin an den falschen Stellen eingestiegen oder es lag doch an der Heftchenform. Nach Abschluss des ersten Lesezyklus‘ (der eigentliche erste Zyklus der Perry-Rhodan-Romane endet ja erst mit dem sechsten Band, oder?) steht jedenfalls die Entscheidung fest, bei eBay, sobald sich ein günstiges Angebot ergibt, auch die Silberbände Nr. 6-10 ins Haus kommen und sukzessive gelesen werden.

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story Reader 13

Wolfgang Jeschke ist der Held meiner Kindheit. Und das ohne dass er oder ich es gewusst hätten. Klingt verrückt? Ist aber ganz simpel: Dass ich ein Nerd-Kind war, habe ich ja im letzten Beitrag dargelegt, vielleicht sollte ich an dieser Stelle ergänzen, dass das gar nicht so schlimm war, weil ich immer ein paar Leute hatte, die meine Obsession mit mir geteilt haben. Jedenfalls gehörte es zu meiner Kindheit, dass ich – wie heute auch – ständig Bücher benötigt habe. Die Buchhandlung in dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, hatte nicht allzu viel Auswahl, es gab aber immer einige Bände der Reihe „Heyne Science Fiction“. Das waren noch goldene Jahre, als Heyne ein riesiges SciFi-Programm anbot. Ich schwelge gleich in Erinnerungen, denke ich, aber die Star-Trek-Romane sind bei den netten Leuten von Cross Cult auch in guten Händen.

Zurück zu Wolfgang Jeschke: Wolfgang Jeschke war deshalb mein Held, weil ich natürlich diese wenigen Bücher allesamt erworben habe. Der war zuständiger Redakteur bei Heyne für das gesamte Science-Fiction-Programm und hat deshalb maßgeblich zu meiner Entwicklung als verschrobener Mensch beigetragen. Dafür noch einmal ein großes Dankeschön. 🙂

Das hier vorliegende Büchlein ist nun schon ziemlich alt, erschienen ist es 1980. Das macht das Büchlein älter als mich. Wenn man so drüber nachdenkt, ist das schon ein verrücktes Gefühl. Aber das Erstaunliche ist, dass die Geschichten, die darin versammelt sind, nicht abgelaufen sind. Science Fiction wird oftmals als Zukunftsvision wahrgenommen, die aus ihrer Zeit verstanden werden kann. Das stimmt teilweise, bestimmte Motive der Science Fiction sind von der herrschenden Stimmung sicherlich beeinflusst. Aber sie haben in den meisten Fällen einen utopischen (oder dystopischen) Kern, der jenseits von Zeitgeist und auch technischer Spielerei liegt. Darum geht es in den meisten Fällen nur zweiter Linie. In erster Linie kann man in solchen Romanen etwas über die Menschheit erfahren. Ich würde die Wette eingehen, dass man Star Trek auch nach der Entwicklung von überlichtschneller Raumfahrt, Transportern, Replikatoren und einem interstellaren Bund gleichberechtigter und freier Welten noch mit mehr als historischem Interesse schauen könnte.

Außerdem hat es seinen Reiz, sich die älteren Sachen anzuschauen, weil die Science Fiction meiner Beobachtung nach in den letzten Jahren ganz stark in Richtung Space Opera gedriftet ist, zumindest das, was man in Deutschland so in der Buchhandlung findet. Das verdanken wir – vermute ich – dem großen Erfolg von solchen Fantasy-Werken wie der Zwerge-Trilogie (die zumindest als Hörbuch ganz nett ist), weil das von der Machart her ähnlich ist. Space Opera ist jetzt nichts Schlechtes, aber manchmal ein wenig substanzlos. Und dagegen hilft ein Band mit Kurzgeschichten, der bietet zwangsläufig ein breiteres Panorama. Und wer den Science Fiction Story Reader 13 in die Finger nimmt, wird staunen. Denn hier wird ein Begriff von Science Fiction gepflegt, den ich gerne als Phantastik benenne.

Im Folgenden möchte ich kurz meine Lieblinge aus dieser Anthologie vorstellen, vielleicht motivieren die ja doch jemanden dazu, antiquarisch zuzuschlagen:

David Chippers zeigt in seiner Geschichte „Hilfe für eine Dritte Welt“ die Menschheit aus der Perspektive von Außerirdischen. Die suchen nach Spezies, die Potential zur Weiterentwicklung haben und deshalb unterstützt werden müssen. Wichtiges Kriterium hierbei ist: Die Wesen müssen Humor besitzen. Dummerweise erwischen die Alien-Beobachter einen Kanal, in dem Dick und Doof laufen, Schadenfreude ist den Außerirdischen als Konzept aber unbekannt. Die Menschheit ist wirklich grausam.

Irmtraud Kremps „Der Tag der goldenen Reifen“ ist eine bemerkenswerte Geschichte und das nicht bloß, weil man so selten Science Fiction von Frauen liest – das ist bloß ein Zeichen für gewisse patriarchale Strukturen. Sie ist bloß 20 Seiten lang, aber sie hat mich gefesselt, weil sie in ihrer Komplexität doch so kurz ist. Es ist eine Zukunftsvision, in der es um Kasten von Gebärfähigen und Sterilisierten, Geburtenkontrolle und die scheinbaren Freuden der Sterilität geht. Letztere werden dabei aber dadurch gebrochen, dass diese sich auf gesellschaftlichem Ansehen begründen – und sterile Paare sich Roboter halten, die als Kindersatz dienen, die in einer Neuentwicklung sogar Entwicklungsprozesse durchmachen. Und dann ist da noch die Sache mit dem einen Roboterkind, das sich komisch verhält.

Joan D. Vinge erzählt die Geschichte des Tin Soldier. Science Fiction kann auch romantisch sein. Es geht um Sehnsüchte, Vorurteile, die gehässige Verteidigung von alten Standes- und Geschlechterprivilegien, die Einsamkeit der Ewigkeit, wenn man zwar das Leben gerettet bekommt und plötzlich eine immens längere Überlebenserwartung hat, andererseits aber als Kyborg irgendwie immer am Rand lebt. Bis des standhaften kleinen Zinnsoldatens Ballerina plötzlich verbrennt. Melancholisch, traurig, schön. Und am Ende doch mit Happy End. So buchstabiert man eine Liebesgeschichte in Zeiten der Raumfahrt aus.

C. J. Cherryh sei zum Schluss noch als Autor(in?) genannt, die das Grusel-Metier bedient, das unheimliche und twilight-zone-mäßige. Eine junge Frau wird für verrückt, aber einigermaßen harmlos gehalten. Immer wenn sie ihre Medikamente ignoriert, sieht sie die Stadt in Flammen aufgehen, die Menschen um sie herum, mit denen sie interagiert, nimmt sie als Geister wahr. Natürlich nimmt niemand sie ernst, wie sie in ständiger Angst lebt, bis sie endlich einen Fremden trifft, der gerade erst neu in die Stadt gekommen ist und der sich an ihrer Verrücktheit nicht stört, weil im Krieg ja alle ein wenig verrückt sind. Er macht sich nichts daraus, was die anderen sagen und sie verschweigt ihm, dass sie ihn als einzigen Menschen nicht als Geist wahrnimmt.

Thomas Glavinic – Das Leben der Wünsche

Wer von uns hat sich nicht schon einmal vorgestellt, die Wunderlampe zu finden, daran zu reiben und vom Geist nach seinen drei Wünschen gefragt zu werden? Ich für meinen Teil habe mir das schon manches Mal gewünscht. Und jeder, der unbedacht, jung, ungestüm ist, wird wohl spätestens als Drittes den einen Wunsch haben: Dass sich alle Wünsche erfüllen. Jonas, der Protagonist von „Das Leben der Wünsche“ tut dies gleich zu Beginn und es ist absehbar, dass es in einer Katastrophe endet. Wäre er vorsichtiger gewesen, hätte er eine andere Antwort gegeben, eine die mir persönlich näher gelegen hätte. Aber wer weiß, ob der Wunsch, einfach unendlich viele Wünsche frei zu haben, am Ende besser gewesen wäre oder nicht eine andere Katastrophe ausgelöst hätte.

Jonas ist ein Durchschnittstyp. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, das eine an Kurzwüchsigkeit leidend. Er liebt seine Frau, doch die Liebe ist eine wandlungsfähige Sache, sodass er nebenbei eine Affaire mit einer ebenfalls verheirateten Frau unterhält. Sein Job erfüllt ihn nicht, seine Kolleginnen und Kollegen sind alle merkwürdig, um es vorsichtig zu formulieren. Und Jonas ist ein typisch modernes Subjekt: Er spricht ständig mit Menschen, er kontrolliert zwanghaft sein Telefon, ob er neue Nachrichten bekommen hat, dennoch ist er von der Wirklichkeit merkwürdig getrennt. Seine Leidenschaft für Photographie scheint mir ein Code dafür zu sein: Er hat das Gefühl, die Wirklichkeit nur greifen zu können, wenn er sie mit dem Auslöser für immer auf Zelluloid bannt. Wirklich zu leben scheint er nicht.

Seine Einsamkeit spiegelt sich in Glavinics Sprache. Gespräche verzichten auf Anführungszeichen, sind keine wirklichen Dialoge. Der Tonfall des Erzählers ist klar, er ist sachlich. Auch wenn er ständig Jonas folgt, seine Taten beschreibt und selbst seine Gedanken beschreibt (es gibt beeindruckende Streams of Conciousness, in der das Erzähltempo Jonas‘ Stimmung einfängt) – damit auch seine Gefühle preisgibt: Jonas bleibt ein vom Leser getrenntes Individuum. Bis zuletzt war ich mir nicht sicher, ob es ihn wirklich gibt.

Zweifel an seiner eigenen Existenz treiben ihn gelegentlich auch um, doch in erster Linie hat Jonas damit zu kämpfen, dass ihm merkwürdige Dinge geschehen. Sein Kind beginnt zu wachsen, seine Frau stirbt völlig überraschend, er wird in einen dunklen Wald gelockt, er entgeht nur knapp einem Flugzeugabsturz. Die Merkwürdigkeiten häufen sich, sie werden ausgefallener, und machen das Romangeschehen immer bizarrer. Offenbar erfüllen sich Jonas‘ Wünsche tatsächlich – oder sind es bloß Zufälle, die sich ereignen? Wenn es aber bloß Zufälle sind: Wieso geschehen dann gerade nächtens Dinge, die dem Leser Schauer über den Rücken jagen? Was ist dran an der surrealen Szenerie, dass die Stadt plötzlich überflutet ist und man wie in Venedig mit Gondeln fährt? Ist es real? Und wieso nimmt es Jonas‘ Umwelt so gelassen auf?

Glavinic spielt gekonnt mit der Frage nach Realität und Wirklichkeit, er stellt die Frage nach der Existenz und er erkundet das Unterbewusstsein des Menschen. Jonas bekommt gelegentlich nachts Anrufe. Das spielt in der Geschichte nur eine Nebenrolle, aber man erfährt nie, wer es ist? Ist es womöglich er selbst? Ist das das Dunkle, das Unbewusste, das „Es“, das sich rührt? Und welchen Anteil trägt es an den Merkwürdigkeiten, die ihm geschehen? Ist es überhaupt gut, wenn sich all unsere Wünsche erfüllen oder braucht es ein „Wollen“, das unsere Wünsche in die richtige Richtung lenkt? Damit erhält der Roman eine weitere Dimension, auf der man ihn lesen kann.

Das ist die Stärke dieses Romans. Man kann ihn als Gruselgeschichte lesen, als Liebesgeschichte, als psychologischen Versuch, als Beitrag zur Moralphilosophie, als Selbsterkundung, als Frage nach dem Verhältnis von Realität und Vorstellung oder radikaler als die Frage danach, ob es sowas wie Realität gibt. Es ist eine Geschichte über die Vereinzelung des modernen Subjekts, das selbst durch die Liebe nicht vollständig gerettet werden kann, wie das romantisierend gelegentlich geschieht. „Das Leben der Wünsche“ lässt (auch wenn das Ende ein wenig dick aufgetragen ist) den Leser mit Fragezeichen zurück, verwirrt, beklommen, vielleicht sogar ein wenig ängstlich. Ansprechend auf emotionaler wie auf intellektueller Ebene: Besseres kann einem Roman nicht passieren.

Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit

Zunächst sei vorausgeschickt, dass man sich für dieses Buch Zeit nehmen muss. Wer immer mal wieder nur eine halbe Stunde Zeit zum Lesen hat, sollte sich diesen Roman (Eine Genre-Einteilung lässt sich kaum vornehmen – Science Fiction, Liebesgeschichte, historischer Roman, Abenteuer? Letztlich von Allem ein wenig, aber nichts so ganz) für den Urlaub aufheben. Es macht süchtig und es ist eine Unmöglichkeit, es nach einer halben Stunde aus der Hand zu legen. Man will schmökern, schmökern und noch länger schmökern. Deshalb gehört es auch zu der Sorte von Büchern, die mich unheimlich traurig machen: Die letzte Seite ist gelesen, der Erzähler hat sich verabschiedet, man hat sogar das Nachwort aufgesogen, dabei wollte man noch so viele wundervolle Seiten lesen. Da hilft nur, in die Buchhandlung seines Vertrauens zu gehen und den Nachfolgeband zu kaufen oder gleich wieder von vorne zu beginnen.

Was macht dieses Buch so faszinierend?

Davon einmal abgesehen, dass dicke, gebundene Bücher mit schönen Umschlägen und in einem dezenten Braun schon unheimlich anziehend wirken (auch wenn der Roman mittlerweile als Taschenbuch erhältlich ist, lohnt sich das Hardcover, denn bei der Buchgestaltung hat der Kindler-Verlag ein kleines Kunstwerk erschaffen), sind es einerseits natürlich die Geschichte selbst, die erzählt wird, andererseits das Wie der Erzählung.

Gleich zu Beginn wird man von einem allwissenden Autor begrüßt, der sich immer wieder mal zu Wort meldet und den Leser mit seinem ganz eigenen Humor in die Geschichte einführt und ein treuer Begleiter wird, der den Leser an der Hand hält und ihn durch die verschlungenen Pfade dieses Buches leitet. Nach einer Flut von Romanen, die aus der Ich-Perspektive geschrieben waren oder der personalen Erzählweise fröhnen, tat dieser treue Lesebegleiter, der sich seiner eigenen Schwächen bewusst ist und sich dafür auch gelegentlich entschuldigt, richtig gut.

Zur Geschichte selbst gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Es ist nicht zu empfehlen, dieses Buch als historischen Roman zu lesen (der er trotzdem auch irgendwie ist), denn sonst beraubt man sich eines ungemeinen Spaßes. Die richtige Lesehaltung ist wohl die, sich als Person des viktorianischen Englands zu fühlen. Es ist ein Roman für die Leser von H. G. Wells aber natürlich nicht nur. Das zu sein ist allerdings ein Sahnebonbon. Wenn man sich auf den Standpunkt stellt, dass jeder Roman eine eigene Parallelwelt bildet, die von unserer Welt mal mehr, mal weniger abweicht, so wird man in diesem Buch immer wieder neugierig gemacht, zum Glauben verführt und am Ende desillusioniert.

Doch die Desillusionierung ist nicht das Ende, das Spiel geht weiter, die Geschichte verwickelt sich mit jeder aufgedeckten Täuschung weiter, wird wieder zur Täuschung. Die Frage, was eigentlich Wahrheit ist und wie das mit der Zeit jetzt funktioniert (Paralleluniversen, temporaler Determinismus oder doch die Chance, die eigene Zeitlinie zu verändern? Wir berühren also auch das Feld der Philosophie) scheint, wenn man am Ende steht, nicht beantwortbar. Die Geschichte narrt den Leser (sie ist damit auch ein Schelmenroman) und gewinnt durch die Grübelei über diese Frage einen ganz eigenen Charme.

Der Stil des Autors ist opulent (oder gewaltig, dekadent? Ich kann mich für das treffende Wort nicht entscheiden, vielleicht hilft ein Bild weiter:), man möchte sich in seine Sätze hineinsetzen, in ihnen baden und sie immer und immer wieder lesen. Mit viel Detailreichtum und einer guten Beobachtungsgabe werden uns Charaktere geschildert, die auch als Schurken nicht bloß hassenswert sind, sondern eine unheimliche Faszination auslösen, uns in ihren Bann schlagen. Jeder Charakter bekommt seine eigene Geschichte, trotz der Ordnung in Haupt- und Nebencharaktere hat jeder genug Platz, um nicht bloß Statist zu bleiben – selbst wenn sie nur einen kurzen Auftritt im Roman haben. Diese Fülle ist großartig, sie saugt einen in das London des Palma’schen H. G. Wells und lässt einen nicht entkommen.

Fazit: Ein Buch, das nicht bloß schön aussieht, sondern das überwältigt und dem man lediglich vorwerfen kann, noch zu kurz zu sein – was dank der Fortsetzung „Die Landkarte des Himmels“ nicht gar so schlimm ist. Dazu ein andermal.

Haruki Murakami – Kafka am Strand

Willkommen zu Versuch Nr. 3, ein Blog zu führen. Wieder mit keinem Konzept, aber einer unbändigen Motivation, tatsächlich regelmäßig über die Bücher, die ich lese, die Musik, die ich höre, die Filme und Serien, die ich schaue und die Gedanken, die ich denke, zu schreiben. Konkreter Anlass ist die Aktion „Blogger schenken Lebensfreude“, durch die ich bei pinkfisch (http://pinkfisch.net/) das hier besprochene Buch gewonnen habe. Ich dachte mir, dass es passend wäre, dieses Buch – gewonnen in der Blogosphäre – mit einer Rezension an den gleichen Ort zurückzuspielen.

Der 15jährige Kafka Tamura will der stärkste Junge der Welt werden. Kein Wunder, wenn man auf der Suche nach sich selbst ist und das familiäre Umfeld dabei nicht hilft. Der Vater distanziert, Mutter und Schwester verschwunden, Selbstgespräche, die als Gespräche mit dem Jungen namens Krähe erscheinen, ein Grund wegzulaufen. So stellt sich die Ausgangssituation von „Kafka am Strand“ dar.

Haruki Murakami gelingt es im Folgenden, eine Geschichte zu entspinnen, die einen Bogen von der Vorkriegszeit über den zweiten Weltkrieg und den Studentenunruhen in die Gegenwart schlägt und all diese Ebenen am Ende wieder zusammenführt. Gleiches gilt für die Orte: Es gibt Hütten, Appartments, eine Bibliothek, die Straße und Orte, die der Realität entzogen scheinen, aber auch sie gehören alle zusammen.

Der Reihe nach? Der Reihe nach zu erzählen ist bei Murakami offenbar gar nicht so einfach. Er erzählt zwei Handlungsstränge, die offenbar zu Beginn nicht viel miteinander zu tun haben. Auf der einen Seite der Ich-Erzähler Kafka, der von Daheim fortrennt, um dem Fluch zu entgehen, wie er sich selber äußert, den sein Vater über ihn verhängt hat. Dabei begleitet ihn der Wunsch, der stärkste 15jährige der Welt zu werden, um sich selbst bewahren zu können und nicht eines Tages in viele kleine Persönlichkeitsaspekte zu zerfallen. Kafka lernt daraufhin nacheinander Sakura, Oshima und Frau Saeki kennen, die alle einen Teil dazu beitragen, dass er reift.

Auch Nakata trägt dazu bei, dass ihm das gelingt, auch wenn Kafka davon wahrscheinlich nie erfahren wird. Auch wenn beide Handlungsstränge ineinander laufen und sich örtlich teilweise annähern – zu einer Begegnung der beiden Hauptfiguren kommt es nicht. Aber Nakata ist das phantastische Element des Romans. Er kann seit einer merkwürdigen Begebenheit in seiner Kindheit nicht mehr lesen und schreiben und sein Gedächtnis ist nur so stark, dass er sich in seiner unmittelbaren Umgebung, d. i. seinem Stadtviertel, problemlos zurechtfindet. Das stört ihn nicht weiter: Nakata lebt sein Leben sehr zufrieden, ist dem Herrn Gouverneur für die Unterstützung dankbar und profitiert gelegentlich von seiner besonderen Fähigkeit, mit Katzen zu sprechen, indem er verloren gegangene Katzen im Auftrag ihrer Besitzer/innen sucht und für gewöhnlich auch findet. Bei einem dieser Streifzüge begegnet er Johnny Walker, der Nakata dazu bringt ihn umzubringen. Danach beginnt für ihn – getrieben durch den Zwang der unverständlichen Notwendigkeit – eine wundersame Reise, in der Nakata allerlei merkwürdige Dinge passieren und er nicht nur das Leben von Kafka ändert, sondern auch von Hoshino, einem Mittzwanziger, der eigentlich als Trucker durch sein Leben treibt.

Phantastisch ist das Wort, das Kafka am Strand am Besten beschreibt. Es geht um die großen Dinge: Der Sinn des Lebens, die Vorbestimmung, die Freiheit, die Macht und die Last der Erinnerung, die Frage nach dem, was die Identität (oder besser: die Persönlichkeit) eines Menschen ausmacht, wie wir durch Zufälle geprägt werden und die Macht der Natur. Das erfordert einen aufmerksamen Leser, der immer wieder die Verbindungen der beiden Geschichten sehen muss und sich selbst die Frage zu stellen hat, ob das Geschehen real oder ein Hirngespinst ist und wie das Geschehene zusammenhängt. Bei all diesen philosophischen Fragen gelingt es Murakami gleichzeitig, einen spannenden Abenteuerroman zu erzählen, den er mit den angedeuteten phantastischen Momenten (Katzengespräche, Fischregen, Konstrukte, …) und Elementen des Schauerromans würzt, die einem bei nächtlicher Lektüre die Haare zu Berge stehen lässt. Das trägt dazu bei, dass Kafka am Strand nie anstrengend wird, sondern trotz der Fragen ein echter Pageturner ist.