Evelyn Sanders – Mit Fünfen ist man kinderreich

Wieder mal Zeit für ein öffentliches Bekenntnis. Nachdem ich mich schon als Harry-Potter- und Eurovision-Song-Contest-Fan bekannt habe, geht das muntere Bekennen gleich in die nächste Runde. Genau genommen ist es so, dass ich fast alles lese, was man lesen kann, einschließlich Buchstabensuppe. Aber ich mag auch das, was gemeinhin als Unterhaltungsliteratur für Frauen bezeichnet wird. Damit meine ich keine Liebesromanschmonzetten, auch wenn es natürlich um die Liebe geht. Aber Dora Heldt ist gar nicht so schlimm, wie Denis Scheck manchmal tut. Und Kerstin Giers Mütter-Mafia-Trilogie hat richtig Laune gemacht. Das Sujet ist nun aber beileibe kein Neues, es hat sich bloß ein wenig gewandelt. Ich würde sagen, der Vorläufer dieser Romane, wo die einzelne Frau im Mittelpunkt steht, sind die Familiengeschichten. Und da ist Evelyn Sanders meiner Einschätzung nach nicht nur die bekannteste, sondern auch die erste Autorin, die solcherlei „Heitere Romane“, wie meine Flohmarktausgabe von 1991 es nennt, verfasst hat. Das Cover ist ganz niedlich gemacht, mit den fünf Kindern der Familie Sanders, die man unter einen Hut zu bekommen versucht. Jedenfalls erzielt es seinen Effekt und erheitert schon beim Anschauen.

Mit Fünfen ist man kinderreich ist ihr Erstlingswerk, veröffentlicht im Jahre 1980 und dem Epilog nach zu urteilen etwa im Jahre 1975 spielend. Der Roman ist damit auch ein Stück Zeitgeist, dem Evelyn Sanders mal mehr, mal weniger huldigt, aber immer mit einem zwinkernden Auge. Beispielhaft sei ihr Verhältnis zum Autofahren erwähnt: Sie holt sich von ihrem Mann die Erlaubnis ein, den Führerschein zu machen und als sie diesen endlich hat, bleibt sie über die Jahre eine nicht allzu sichere Fahrerin. Die „moderne“ Schaltweise eines geliehenen Autos lässt sich nur durch Anweisungen der Beifahrerin bedienen, sie ist nur die gute alte Lenkradschaltung gewöhnt. Ihr Mann lässt sie seinen Wagen nur selten fahren und das eigene Auto gibt es erst, als es gar nicht mehr anders geht. Sie kokettiert aber auch immer ein wenig damit, zwischen den Zeilen hat man das Gefühl, dass sie eine ganz passable und sehr umsichtige Autofahrerin ist – und das auch weiß. Sich ein wenig dümmer zu stellen, als es sein muss, so meine Vermutung der dahinterliegenden Motivation, kann nicht schaden.

Wie man es von einem heiteren Roman über eine Familie nicht anders erwarten sollte, erzählt Evelyn Sanders grob der Chronologie folgend von den Erlebnissen mit ihrer Familie: Ihrem Mann Rolf, den beiden ältesten Söhnen (11 und 10 oder so), der Tochter (5) und den zu Beginn des Buches frisch geschlüpften Zwillingen. Das alte Domizil der Familie, das ein weiteres Kind durchaus vertragen hätte, aber für zwei weitere Kinder dann doch zu klein war, muss verlassen werden, eine neue Bleibe muss her. Für die bislang eher großstadtgewöhnte Familie beginnt mit dem Roman (nach einer kurzen Zusammenfassung des Lebens der Familie vom Kennenlernen der Eltern bis zur Geburt der Zwillinge) die Existenz in der schwäbischen Provinz. Auch hier zeigt sich wieder ein wenig Zeitgeist: Die Straßen sind teilweise nicht geteert, es gibt noch Krämer und Dorfbüttel, man zieht das Gemüse im eigenen Garten, wie man sich das halt so vorstellt. Klischee, Idylle oder Hölle? Für die Familie ist es von Allem ein wenig und nach einem Jahr ergreift Familie Sanders die Gelegenheit, ihren Mietvertrag aufzulösen, zum fünften oder sechsten Mal umzuziehen, und sich in einer Kleinstadt niederzulassen. Innerhalb dieses Rahmens gilt es Fasching mit der Dorfgemeinschaft und Kindergeburtstage zu feiern, den Zwillingen das Laufen beizubringen, die Schulbegeisterung der Tochter zu ertragen und zu hoffen, dass der Sohnemann trotz seiner Flausen im Kopf und der faulen Haut die Gymnasialempfehlung bekommt. Ergänzt wird der ganz alltägliche Familienwahnsinn durch gelegentliche Gastauftritte diverser älterer Verwandter, die zwar hilfreich sind aber alle Abläufe durcheinander bringen und zahlloser anderer Besucher, die die ländliche Idylle genießen wollen und sich selbst zum Urlaub einladen. Das endgültige Chaos wird wohl nur dank Wenzel-Berta verhindert, vermutlich ursprünglich Schlesierin (wieder der Zeitgeist, so ganz konnte ich mir keinen Reim auf die Anspielungen machen; aber spielt für das Verständnis ja keine Rolle), und als Mutter eines mittlerweile erwachsenen Sohnes mit genug Freizeit gesegnet, um offiziell als Putzfrau, inoffiziell aber auch als Kindermädchen, Tortenbäckerin, Aushilfsköchin und Organisationstalent, den Seelenfrieden der Mutter und damit der gesamten Familie zu retten.

Der ganz normale Familienwahnsinn eben. Nun mag es daran liegen, dass ich mit bloß zwei Brüdern aufgewachsen bin, wir höchst selten Übernachtungsbesuch bekommen haben und die Verwandtschaft in unmittelbarer Nähe gewohnt hat, ich außerdem mittlerweile in einer kleinen WG wohne, in der Besuch eher die Ausnahme als die Regel ist, dass ich das Chaos und den Trubel erheiternd finde. Es mag auch ein wenig an dem Gefühl der Nostalgie liegen, das einem bei den zugegebenermaßen manchmal abgründigen „Heile-Welt-Geschichten“ überkommen kann, aber der eigentliche Grund, warum diese Alltagsbeschreibungen so lustig sind, ist das erzählerische Talent von Evelyn Sanders. Sie hat gelegentlich eine Schwäche für das Ausrufezeichen, die ich nicht nachvollziehen kann und mich dadurch doch ein wenig belästigt fühle. Davon aber einmal abgesehen: Selbst solch katastrophalen Zustände wie ein Wohnzimmer, das man mit zwei Pullovern und einer Jacke betreten muss, um nicht zu erfrieren, während man das Haus nur noch auf Schlittschuhen erreicht und die Wäscheberge nicht trocken werden, erscheinen bei ihr nie wie ein Weltuntergang. Sie beschreibt es augenzwinkernd, sich darüber völlig im Klaren, dass solche Dinge dazu gehören und die Welt davon gewiss nicht untergeht, auch wenn es sich in der Situation so anfühlen mag. Es ist also immer das Augenzwinkern, das in ihre Alltagsbeobachtungen einfließt. Dabei wird es nie gemein, selbst wenn nicht sie es ist, die sich mit Missgeschicken herumärgern muss, sondern ihre Kinder oder ihr Mann die Betroffenen sind. Schnell könnte einem da die Ironie in Schadenfreude abgleiten, aber das geschieht Evelyn Sanders nie. Es bleibt stets heiter. Und der Feminist in mir nimmt die Reproduktion des Klischees, dass die Frau den kompletten Bereich des Häuslichen schmeißt, auch nicht schwer, denn die Mutter der Kompanie ist damit nicht bloß glücklich, sie ist sich über ihre Rolle im Klaren (sie ist reflektiert und hat sich diese bewusst zugemutet) und hat einen eigenen Kopf, der nicht von einem Patriarchen unterdrückt wird.

Wer also damit leben kann, dass in diesem Buch keinerlei Spannung aufkommt und keine großen Katastrophen geschehen, sondern einfach nur für ein paar Stunden gut unterhalten werden möchte und wer keine Berührungsängste mit der Lebenswelt von Mittdreißigern hat, die 1968 schon damit beschäftigt waren, eine Familie zu unterhalten, der ist mit diesem Buch gut bedient. Es ist die ideale Strandlektüre für den Urlaub … und vielleicht sogar zeitgeschichtlich zumindest ein klein wenig interessant.

Anna Koch/Axel Lilienblum (Hgg.) – ;) Du hast mich auf dem Balkon vergessen

Meines Erachtens ist ein Blog so etwas ähnliches wie eine Zeitungskolumne, wenn man es sich mal nüchtern anschaut. Es gibt natürlich auch Blogs, die man sich hinbiegen müsste, um dieses Urteil zu fällen, aber auf eine gute Zahl an Blogs, auch auf solche, die Kuriositäten sammeln, trifft die Beschreibung ganz gut zu.

Das hier vorliegende Buch (ich schenke mir die Beschreibung der Covergestaltung, weil es eine Bertelsmann-Club-Ausgabe ist) reiht sich damit ein in durchaus gelungene Bücher wie „Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt“ und „Chill mal, Frau Freitag“. Hier ist der Vorwurf, man wolle aus einer durchaus interessanten Idee für ein Blog nicht bloß Kapital schlagen, sondern das Sujet funktioniert auch als Buch. Für die Kolumnenautoren könnte man auch die Bände von Rainer Erlinger nennen, den ich an dieser Stelle gleich mal für den Einsatz im Ethik-Studium empfehlen möchte, falls ihn irgendjemand nicht kennen sollte.

Wenn ich davon spreche, dass sich das Buch einreiht, ist das noch kein Qualitätsurteil. Denn manche Ideen funktionieren als Blog ganz gut und die Lektüre von ein paar SMS auf http://www.smsvongesternnacht.de/ ist ein amüsantes Unterfangen. Wenn man daraus ein Buch macht, passiert es aber ganz schnell, dass so ein Bücherwurm wie ich daherkommt und das Buch an einem Abend komplett durchliest. Dass es geklappt hat, ist ebenfalls kein Qualitätskriterium, dass „;) Du hast mich auf dem Balkon vergessen“ so nicht funktioniert, zumindest für mich schon.

Das liegt sicherlich nicht daran, dass ich mich durch etwa 300 Seiten mit Kurznachrichten gelesen habe, es liegt eher am retardierenden Moment, das sich nach ca. 50 Seiten einstellt. Statt es selbst zu sagen, lasse ich einfach einen der lustigeren Beiträge zu Worte kommen:

„10:18

Guten Morgen an alle. Ich brauch mal eure Hilfe! 1. Was war gestern? 2. Wo waren wir? 3. Wer war alles mit? 4. Wo sind meine 100 Euro? 5. Wie bin ich heimgekommen? 6. Wo kommt der BH in meiner Stube her? Danke für eure Hilfe.“

In etwa nach diesem Schema funktionieren gefühlte 90% der SMS. Es geht darum, dass Leute die Orientierung verloren haben, sich an ihre Sexpartner/innen nicht erinnern können, Leuten Nachrichten schreiben, die ihnen direkt gegenüber sitzen oder vollkommen unverständliches Zeug von sich geben, weil sie sich zwar nicht mehr artikulieren können aber immer noch den unbändigen Drang dazu in sich tragen. Das wirkt auf den ersten Moment lustig. Das ist im ersten Moment lustig, wenn es nicht die dauernde, mittelmäßige Reproduktion von Klischees wäre. Statt eine Auswahl an kuriosen, einzigartigen und lustigen Nachrichten auszuwählen, wird die Erwartung der Leserschaft übererfüllt, was in Albernheit ausschlägt. Hier begegnet man einer Horde von Menschen, die im Suff offenbar vergessen haben, dass sie zur Gattung Mensch gehören und das auf eine Art und Weise, dass es nicht mehr lustig, sondern bloß noch traurig ist oder schockierend, wenn man noch letzte Illusionen über die Verfassung der Menschheit gehegt hatte.

Um das mit einer zweiten (gelungenen) Textnachricht zu untermalen – leider eine der wenigen, wo die antwortende Position Humor und rhetorisches Geschick beweist:

„4:23

J.s. S.u. Berlin. KUTLIK!

4:26

Ich liebe deine betrunkenen SMS, da komm ich mir vor wie ein Archäologe vor Hieroglyphen.“

Doch es ist nicht alles schlecht an diesem Buch. Ich rate zwar davon ab und empfehle den gelegentlichen Besuch des zugehörigen Blogs, aber manche Nachrichten sorgen doch für ein Schmunzeln. An meinen Lieblingen möchte ich euch teilhaben lassen, vielleicht sind sie ja doch so gut, dass der geneigte Leser oder die geneigte Leserin trotz meiner Grundsatznörgelei doch zu diesem Buch greift – und jeden Tag nicht mehr als 10 Seiten liest.

„3:25

Mann! Ich sitz bei O. im Fahrradkorb. wir rasen gerade mit 8000km/h den Berg runter, mir ist schlecht und mein Arsch hängt fest, und O. lacht so irre. ANGST! Gleich fängt mein Finger an zu leuchten.“

Davon abgesehen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mein Hintern jemals in einem Fahrradkorb festhängen könnte (weil er da nicht reinpasst…) beneide ich die schreibende Person doch ein wenig. Nicht nur, dass ein glühender Finger praktisch ist, wenn mal wieder die Sicherung rausgesprungen ist, nein, der nächste Schritt wäre es, einen großen Kopf mit riesigen Augen zu bekommen und zu einem Symbol der Popkultur zu werden. Das fände ich cool.

„7:59

Ich fühle mich wie ein kleines, neugeborenes Zebrababy. Kann nicht richtig laufen, mir ist speiübel, und gucken klappt auch noch nicht so ganz. Tonight it goes on. :-p“

Ich kann die Geisteshaltung nicht verstehen. Wenn ich mich betrinke (was recht schnell erledigt ist) schwöre ich am nächsten Tag dem bösen Geist Alkohol erst einmal ab… Und halte mich dann auch mind. ein bis zwei Wochen an diesen Vorsatz. Davon abgesehen musste ich bei dem Vergleich zum Zebrababy lachen – ich frage mich, wie der zustandekommt. „Wie ein Fohlen“ könnte ich verstehen, das ist noch einigermaßen nah dran an unserer Lebenswelt… Wahrscheinlich hält es der Autor/die Autorin aber auch so ähnlich wie ich: „Jetzt noch ne Tüte Chips und so ne lustige Doku von n24/Phoenix/Bayern Alpha“

„14:05

Ja, seitdem ich arbeitslos bin, habe ich kein Zeitgefühl mehr. Wir haben 2009 … Es ist Dienstag, der 21. bis 29. August.“

Die ist ja schon reichlich klischeehaft. Ich habe sie auch bloß ausgewählt, um zu illustrieren, wieso es naheliegend ist, von der Uni zur Agentur für Arbeit zu wechseln oder um es so zu formulieren: Endlich emanzipiert sich dieses Klischee und greift von der Studierendenschaft auf andere Bevölkerungsgruppen über. Nur Mut, kleines Klischee, dir steht die ganze Welt offen. Entfalte dich und reiße die Macht an dich. Nieder mit dem Zeitdiktat! *räusper* Genug der revolutionären Forderungen, einen habe ich nämlich noch. Aber wo wir schonmal dabei sind: Haben wir eigentlich Sommer- oder Wintersemester?

„15:28

Alter …

15:29

Was ’n?

15:33

Also, Kippe falsch herum anzünden gab’s ja schon. Kippe haben, aber Feuerzeug vergessen, auch. Aber auf dem Balkon stehen und nur Feuer vor dem Gesicht und Kippe vergessen, ist neu.“

Ich kann mir nicht so ganz vorstellen, dass jemand eine SMS schreibt, die ernsthaft bloß aus „Alter …“ besteht, es sei denn, diese Person ist dauerhaft sprachlos, weil der/die Adressat/in sich gerade in Godzilla verwandelt und einem dennoch den Freund/die Freundin ausgespannt hat, während einem selbst spontan ein Farmershaus aus Kansas auf den Kopf fällt. Sowas in der Art. Aber diese SMS war wie Therapie für mich, denn es zeigt mir einmal mehr, dass ich nicht der einzige Mensch auf Erden bin, der einen solchen Grad von Verplantheit erreicht hat, wie derjenige oder diejenige, die verzweifelt mit dem Feuerzeug vorm Gesicht rumgewackelt hat. Zum Abschluss rufe ich dir zu: Ich kann dich gut verstehen, mach dir nichts draus. Es ist die Welt, die dir solche Zustände bereitet.